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#1181510 - 06.01.16 16:13 Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August
albinkessel
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 210
Dauer:9 Tage
Zeitraum:1.8.2015 bis 9.8.2015
Entfernung:790 Kilometer
Bereiste Länder:itItalien
chSchweiz

Der Winter ist ja traditionell die Zeit fürs Geschichtenerzählen, und so wage auch ich mich mit einem Bericht über meine diesjährige Alpenfahrt hinter dem Ofen hervor – auch wenn die Reise neben vielen anderen, von denen hier schon berichtet wurde, kurz und bescheiden ist. Trotzdem findet vielleicht der Eine oder Andere ein paar Tipps oder Anregungen.

Vorbemerkung
Für mich war es der erste Ausflug in die Alpen – bislang bin ich nur in den Mittelgebirgen geradelt, wo sich zwar durchaus mit etwas Suchen Anstiege mit knapp 1000 hm finden lassen. Trotzdem hatte ich gewisse Zweifel, ob ich auch echte Alpenpässe, und zwar gleich mehrere hintereinander, packen würde. Glücklicherweise stellte sich heraus: Wenn man nicht auf Geschwindigkeits- oder Höhenmeterrekorde aus ist, sind auch 2000-m-Auffahrten keine Zauberei und können sehr viel Spaß machen! Man kann auch etwas „mogeln“ und die Etappen so einteilen, dass man auf halber Höhe der Auffahrt übernachtet. Dort ist es übrigens auch meist schöner ist als unten im Tal (man fährt ja in die Berge und nicht in die Täler ...), und außerdem auch kühler – letzteres war mir angesichts der heftigen Augusthitze besonders willkommen, die mehr letztlich mehr zu schaffen machte, als die Höhenmeter.

Ausgangspunkt für meine Planung waren folgende Anforderungen: Die Reise sollte in Basel beginnen, weil das gut mit dem Zug zu erreichen ist und ich bis dahin schon früher „by fair means“, d.h. mit dem Rad, gekommen war. Ich wollte außerdem nicht nur in den Alpen unterwegs sein, sondern auch das Schweizer Mittelland kennenlernen, an dem ich bisher immer nur, unterwegs zum Bergsteigen oder Skifahren, mit Auto oder Zug vorbeigerauscht war. Eine Station sollte unbedingt das Oberengadin sein, das für mich eine der schönsten Landschaften der Alpen ist und das ich bisher nur im Winter kannte. Bei der Auswahl der Pässe sollten es möglichst verkehrsarme Straßen abseits der Hauptverkehrsadern sein, so dass z.B. Gotthard und (vielleicht zu Unrecht) San Bernhardino ausschieden. Letztlich fiel die Entscheidung, die eigentliche Alpenüberquerung nach Süden via Albula und zurück nach Norden via Lukmanier anzugehen.

Übernachtet habe ich im Zelt, zum Abendessen war ich öfter in Restaurants, so dass ich nicht viel Essen mitführen musste; ohnehin kann man in der Schweiz fast immer und überall spontan einkaufen, noch im kleinsten Dorf gibt es einen „Volg“-Supermarkt oder kleine Läden mit leckeren regionalen Produkten. Allerdings: Über die Preise in der Schweiz kann man eigentlich nur lachen. Seit der Franken-Aufwertung im letzten Januar kann man generell davon ausgehen, dass alles ungefähr doppelt so teuer ist, wie im nördlichen Mitteleuropa; ich musste häufiger an den Reisratschlag des guten alten Ephraim Kishon denken:

„Landschaft ist allgemein kostenfrei, mit Ausnahme der Schweiz, wo man für jeden Kubikmeter Luft eine Mindestgebühr von sfr 1,50 entrichten muss, gerechnet vom Meeresspiegel an. Die Gebühr steigert sich mit der Höhe der Berge. Und vergiss nicht, dass die Bergluft ihrerseits den Appetit steigert, so dass du dann noch mehr Geld fürs Essen brauchen wirst“.

Gefahren bin ich mit zwei Gepäckträgertaschen und einem wasserdichten Beutel obendrauf für den Schlafsack, außerdem Lenkertasche, insgesamt 12-15 kg ohne Essen und Wasser. Campingplätze gibt es in der Schweiz, und auch in Italien, reichlich. Ich war froh, nicht mehr Gepäck dabei zu haben – bergauf zählt tatsächlich jedes Gramm.

Leider hatte ich nur eine Woche Zeit, die ich mit Hilfe von Nachtzug-An- und Abreise immerhin auf knapp neun Tage ausdehnen konnte. In diesem brachte ich es auf knapp 800 km, acht Pässe, die Höhenmeter habe ich nicht gezählt:

Samstag, 2. August 2015: Basel – Sempach (Veloroute 3) – BS, BL, SO, AG, LU / 105 km
Als ich Morgens um 7.30 Uhr in Basel Badischer Bahnhof dem Nachtzug entstieg, regnete es überraschenderweise in Strömen – hatte ich doch selbstverständlich erwartet, dass in der perfekt organisierten Schweiz zum Nationalfeiertag Sonnenschein garantiert ist. So musste ich als erste Amtshandlung die komplette Regenmontur anlegen, und das Altstadtpanorama von der Rheinbrücke fiel ins Wasser. Auf der vergeblichen Suche nach einer geöffneten Bäckerei kurvte ich bestimmt eine halbe Stunde durch die völlig ausgestorbene Stadt, bevor ich mich endlich ungefrühstückt der Nord-Süd-Veloroute anvertraute. Überhaupt war an diesem Feiertag konsequent alles geschlossen, erst nach gut 30 km fand ich in Gelterkinden einen offenen Tankstellen-Coop, wo ich mich mit Brötchen, Joghurt und Äpfeln eindecken konnte. Die Veloroute ist einwandfrei beschildert man wird bequem aus dem Ballungsraum Basel herausgeführt.

Generell fand ich die Schweizer Velorouten gelungen: Sie sind intelligent geführt und gut befahrbar; sie vermeiden nicht zwanghaft (kürzere) Straßen-, Schotter- oder Bergpassagen, wenn dadurch Umwege vermieden oder schöne Landschaft erschlossen wird, so dass sich insgesamt meist eine einleuchtende Routenführung und ein guter Kompromiss aus schnellem Vorankommen, wenig Verkehr und schöner Strecke ergibt. Auch die zentrale Planung und Pflege der Strecken zahlt sich aus – im Gegensatz zum Flickwerk in Deutschland.
Der erste Pass der Tour, die Schafmatt, überquert den im hier Forum ja sehr gepriesenen Jura, von dem aber leider nicht viel zu sehen war, auch wenn etwa auf halber Höhe der Regen nachließ und wenigsten einen Ansatz von Landschaft erkennen ließ:



Oben, auf immerhin 771 m, konnte ich dann halbwegs trocken mein „Bundesweggli“ verzehren:



Von hier hätte es laut Plan eigentlich ein prächtiges Panorama der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau geben sollen; auch dieses war heute aber geschlossen. Ich war froh, dass der graue, schwere Himmel wenigstens durch eine massive Wolkensäule am Herunterstürzen gehindert wurde:



Ein geöffnetes Café gab es dann erst in Aarau, wo ich endlich die Regensachen verstauen konnte. Die Stadt war zwar mit Fähnchen herausgeputzt, aber ziemlich menschenleer. Die weitere Strecke auf der Veloroute ist ziemlich flach und schlängelt sich zwischen Dörfern und Äckern durch recht dicht besiedeltes Gebiet, dank der guten Wegweiser findet man sich gut zurecht. Das letzte Stück bis dem schmucken, mir bis anhin völlig unbekannten Städtchen Sursee geht dann langweilig auf einem Flussdeich entlang, es könnte auch irgendwo in Brandenburg sein ... Kurz vor dem Ziel öffnete sich dann über dem Sempacher See kurz eine Ahnung von Alpen – ich glaube, es ist der Pilatus, Hausberg von Luzern:



Sempach, obgleich Schauplatz einer berühmten Schlacht im Mittelalter, ist noch kleiner als Sursee; 3 km danach gab es einen großen, recht vollen Campingplatz. Zum stolzen Preis von CHF = EUR 29,00 durfte ich mein kleines Zelt aufschlagen – dafür hätte ich auch waschen und die Badeanstalt am See nutzen können, und alles war über und über mit Schweizerfähnchen, Windlichtern, Lampions etc. geschmückt. Ich fand ein lauschiges Plätzchen zwischen Hauszelten (mein Fahrrad ist das Linke):



Obwohl Abends Volksfest in der Stadt war, gönnte ich mir ein exzellentes dreigängiges Bundesfest-Menü im Restaurant; anschließend gab es einen Festumzug mit Blasmusik, Trachtengruppe, Fahnenträgern und Honoratioren und eine Bundesfeier auf dem Marktplatz – aus bundesdeutscher Perspektive eine ungewohnte Veranstaltung, mit patriotischer Rede des Bürgermeisters, Nationalhymne und Musikdarbietungen, die aber durchaus nicht peinlich war, sondern einen gewissen würdigen Ernst ausstrahlte. Danach zog die Gemeinde zum Seeufer, um das Feuerwerk zu bestaunen, bis dieses von einem noch größeren Himmelsspektakel hinweggefegt wurde: Ein heftiges Gewitter schaffte es, mich auf dem kurzen Weg zum Zeltplatz komplett zu durchnässen ... Der Regen hielt die ganze Nacht an, worüber ich nicht traurig war: Etwa geplante Feierlichkeiten auf dem Zeltplatz wurden schon im Keime erstickt.

Sonntag, 2. August 2015: Sempach – Einsiedeln (LU, NW, SZ) / 103 km
Morgens ging es, bei trübem, aber trockenem Wetter ohne Frühstück nach Luzern. In den Vororten verlor sich vorübergehend die Veloroute in Baustellen, aber solange man sich immer bergab hält, kann man die Altstadt kaum verfehlen. Dort suchte ich, auf den sachkundigen Rat einer älteren Dame, das Café Heini am Falkplatz auf: Kein Schnäppchenparadies, aber sehr lecker. Besonders zu empfehlen sind auch die dortigen „Räggentröpfli“ – diese sind aus Kirschwasser, umgeben von Schokolade. Draußen gab es keine Tröpfli mehr, es schien die Sonne (dabei sollte es, abgesehen von Gewittern, für den Rest der Woche bleiben), Luzern zeigte sich in voller Pracht, und ich schob mein Rad über die berühmte Kapellenbrücke, zwischen dutzenden Besuchern aus Fernost:



Die Nord-Süd-Veloroute umrundet den Vierwaldstättersee südlich, anfangs mit einigem Auf und Ab und durch Villenvororte und dann neben der vielbefahrenen Hauptstraße. In Stans, stolzer Hauptort des Kantons Nidwalden, ist man dann in einer völlig anderen Welt: Im Herzen der Zentralschweiz gibt es Berge, Kühe, grüne Wiesen – alles wie im Bilderbuch. Stans ist eher ein Dorf als eine Stadt, hat aber einen eindrucksvollen barocken Marktplatz. Die Routenführung sah nun vor, den See bei Beckenried mit der Autofähre zu überqueren; diese fuhr mir aber vor der Nase weg und ich hätte zwei Stunden warten müssen. So begab ich mich zum nahen Anleger der Ausflugsdampfer – es sind wirklich Dampfer, und zwar Raddampfer, die dort verkehren – wo es zu einem schweren Fall von Piraterie kam: Für die 20-minütige Überfahrt nach Brunnen SZ für mich und mein Rad verlangte man nicht weniger als CHF 29 von mir – und das für ein Billet zweiter Klasse, mit dem man (eigentlich) nicht einmal auf das Oberdeck darf ... Der See und die Berge sind aber wirklich prächtig, die Schweizer verstehen es, hier eine echte Postenkartenlandschaft zu inszenieren.





Von Brunnen aus fuhr ich hinauf in den Ort Schwyz – wenn schon Zentralschweiz, dann auch richtig –, der aber eher enttäuschend war, ausgestorben und ein wenig schäbig. Zu Essen gab es nichts, so dass ich mich an einer Tankstelle in Seewen, wohin ich versehentlich abgefahren war, mit Eis am Stil und Äpfeln versorgen musste. Von dort, bzw. von Steinen, ging es dann bergauf zum Sattelpass, den ich über die kleine Rossbergstraße erreichte: Immerhin knapp drei km mit rund 10% Steigung. Im Ort Sattel verpasste ich den Abzweig zur Veloroute, die auf der alten Straße geführt wird, und fuhr bis zum eigentlichen Pass bei Rothenturm unschön auf der dreispurigen Schnellstraße. Dort aber öffnete sich der Blick auf die Hochebene des Morgarten, die man auf Feldwegen östlich umrundet:



Nach Einsiedeln gelangte ich von hier über den Chatzenstrick, einen kleinen, für PKW gesperrten Pass, der mit 1053 m gerade die 1000-m-Grenze knackt. Die Westauffahrt ist ungeteert, grobschottrig und steil, aber kurz. Oben öffnet sich ein weiter Blick über den Talkessel von Einsiedeln und die dahinterliegenden Voralpen:







Im Nu war ich auf der anderen Seite unten, gerade noch rechtzeitig, um noch einen Blick in die riesige Klosterkirche zu werfen, das Zentrum der katholischen Schweiz. Für die Nacht überquerte ich noch den nahegelegenen Sihlsee (auf einer 1,5 km langen, schmalen Holzbrücke); der Campingplatz bei Willerzell hat hauptsächlich Dauercamper, die kleine Zeltwiese liegt direkt an der Straße, mit Seeblick. Da ich dort allein war und die Straße kaum befahren, störte das nicht weiter.



Fortsetzung folgt
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#1181532 - 06.01.16 17:09 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August [Re: albinkessel]
kaspress
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 159
Bin schon auf die Fortsetzung gespannt.
Mtb- und Wanderblog mit kulinarische Tipps:

www.kaspressknoedel.com
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#1181646 - 06.01.16 21:24 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August [Re: albinkessel]
veloträumer
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 17.241
In Antwort auf: albinkessel
Glücklicherweise stellte sich heraus: Wenn man nicht auf Geschwindigkeits- oder Höhenmeterrekorde aus ist, sind auch 2000-m-Auffahrten keine Zauberei und können sehr viel Spaß machen! Man kann auch etwas „mogeln“ und die Etappen so einteilen, dass man auf halber Höhe der Auffahrt übernachtet. Dort ist es übrigens auch meist schöner ist als unten im Tal (man fährt ja in die Berge und nicht in die Täler ...), und außerdem auch kühler – letzteres war mir angesichts der heftigen Augusthitze besonders willkommen, die mehr letztlich mehr zu schaffen machte, als die Höhenmeter.

Ein Strategie, die ich auch gerne praktiziere und weiterempfehle. Dass es in der Höhe abends kühler ist, ist für mich dabei aber immer ein wenig der Minuspunkt, da ich lauwarme Abende liebe. An guten Sommertagen bekommt das aber sogar in der Höhe. Ich würde manchmal noch öfters in höheren Lagen übernachten, man weiß aber oft zu wenig über die geöffneten Gaststuben bzw. sie schließen zu früh.

Danke für den gelungen Berichtseinstieg, bin auch auf die Route gespannt - gerade wenn es mir bekannte Berge sind. Es interessiert mich auch immer,wie das andere erleben. Eine sehr angenehme Mischung aus Bild- und Textmenge ist dir im Übrigen bisher gelungen.
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
Pedalgeist - Panorama für Radreisen, Landeskunde, Wegepoesie, offene Ohren & Begegnungen
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#1181769 - 07.01.16 11:08 Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /2 [Re: albinkessel]
albinkessel
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 210
Fortsetzung:

Ich hatte ganz vergessen, den Link zur meiner Route einzufügen.

Montag, 3. August 2015: Einsiedeln – Kunkelspass (SZ, GL, SG) / 107 km
Frühstück mit Tee und Schokolade, und dann im Frühtau zu Berge: Mit dem Sattelegg (1.190 m) stand der erste richtige Alpenpass an. Bequemerweise starte ich bereits bei knapp 900 m, so dass sich die mäßig steile Auffahrt durch den Wald recht einfach gestaltet.



Oben erblickte ich dann zum ersten mal „richtige“ Berge, mit Gletschern und allem (wahrscheinlich ist es der Hausstock in den Glarner Alpen):



Anstrengender war fast die Abfahrt ins 750 m tiefer gelegene Siebnen (im Bild der Blick ins Wägital).



Es gab, wie bei fast allen Passtraßen in der Schweiz, gleich mehrere ampelgeregelte Einbahn-Baustellen. Bei dem geringen Verkehr muss man zwar meist nicht anhalten, aber abbremsen schon. Ein Schweizer, mit dem ich mich darüber unterhielt, beklagte den Umstand, dass die Behörden derzeit nicht wüssten, wohin mit dem Geld, so dass überall beim kleinsten Schlagloch die komplette Straße saniert werde und das ganze Land daher voll Baustellen sei. Andere Länder, andere Probleme ...

Nach ausgiebigem Frühstück in einer Bäckerei ging es weiter Richtung Walensee; der Weg führt schnurgerade und schattenlos durch topfebene Felder, später auf dem Linth-Deich. Zum Ausgleich für die inzwischen beträchtliche Hitze wehte ein starker Gegenwind. Der Walensee ist ein verkehrstechnisches Nadelöhr zwischen Zentral- und Ostschweiz, Bahn, Autobahn, Landstraße und Radweg quetschen sich zwischen Seeufer und Steilwand. Teilweise ist der Radweg durch eigene Tunnel unterhalb der Autobahn geführt, und es geht viel bergauf und bergab.



Das schönere, nördliche Seeufer hat man stets im Blick, es ist aber leider nur per Schiff erreichbar. Die Osthälfte des Sees ist weniger spektakulär, der Weg führt meist nicht direkt am hier bebauten Ufer. Nach einer Mittagsrast mit Brot und Käse in der prallen Sonne (am Seeufer in Mühlehorn war partout kein Schatten zu finden) wechselte ich bis Walenstadt auf die fast leere Landstraße, da der Radweg in den Orten doch recht verwinkelt ist. Nach dem Ende des Sees führt der Radweg etwas monoton am Ufer der Seez entlang, dafür wird die Landschaft weiter und schöner, mit Blick auf den Falknis und die anderen Gipfel dieser als „Heidiland“ vermarkteten Gegend.

Bad Ragaz – wo im Roman der Vater vom Heidi Urlaub macht – liegt zwar landschaftlich schön in den Ausgang der Taminaschlucht gedrängt, hat aber als Kurort schon bessere Zeiten gesehen. Trotzdem gab es ein Cafe mit großen Eisportionen, bevor ich mich an den langen Aufstieg durchs Taminatal machte.



Die ersten dreihundert Meter in Serpentinen bis Pfäfers sind steil; ein Blick in die Kirche des dort auf einem Bergsporn thronenden, barocken Klosters (heute Krankenhaus) empfahl sich schon wegen der angenehmen Kühle im Innern. Der weitere Weg durchs wilde Taminatal ist weniger anstrengend; ich fühlte mich landschaftlich in den Film „Die Wand“ versetzt, wo die Protagonistin in einem einsamen Gebirgstal durch eine Gläserne Wand von der Außenwelt abgeschnitten wird. Oberhalb von Vättis wird die Straße dann zum Schotterweg und ist für den Durchgangsverkehr gesperrt, der Ort Kunkels ist nur eine Ansammlung verstreut liegender Ferienhäuser im Wald. Danach wird es wird nochmals richtig steil; eine lange Rampe kurz vor dem Pass nötigte mich zu einer außerplanmäßigen Schokoladenpause, nachdem ich locker von zwei älteren Damen auf Elektrorädern überholt worden war.







Oben auf dem Kunkelspass, 1.357 m (nicht: Kunkel-Spass zwinker ) gibt es das Gasthaus „Überuf“ – eher eine Berghütte für Wanderer, Kletterer, Mountainbiker.



Eigentlich hatte ich vor, hier oben irgendwo zu Zelten. Aber alle halbwegs horizontalen Flächen waren eingezäunt und/oder bereits von vierbeinigen Dauergästen belegt. So entschied ich mich doch für das Matratzenlager, das ich mir mit nur einem anderen Gast teilte. Dieser, ein 16-jähriger Rennradfahrer aus Zug, unterwegs ins Ferienhaus der Eltern im Tessin, verbrachte allerdings die gesamte Zeit meines Aufenthaltes im Bett – obwohl sowohl Sonnenuntergang als auch Aufgang sehr hübsch anzuschauen waren.






Dienstag, 4. August 2015: Kunkelspass - Bravuogn (GR) / 59 km
Bei der Südabfahrt vom Kunkelspass sind vor allem die Bremsen gefragt: Die Straße überwiegend Schotter und löchrig, und teilweise auch recht steil. Dafür gibt es keine Autos, und man hat spektakuläre Ausblicke ins Rheintal (unten in der Mitte Tamins mit seinem spitzten Kirchturm, dahinter der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein und das Domleschg; auf dem zweiten Bild das gleiche von unten):





Im Rheintal hielt ich mich hinter Rhäzüns auf der östlichen Flussseite, also nicht auf der Veloroute, sondern auf der kleinen Straße über die Dörfer. Die Steigungen halten sich in Grenzen, und es ist hübscher als neben der Autobahn. In Pratval gab es sogar eine kleine, göffnete Fahrradwerkstatt, die mir mit ein paar Tropfen Öl für die Kette aushelfen konnte (Öl hatte ich vergessen einzupacken). Ab Sils, wo ich wieder auf die Graubünden-Route traf, wurde es anstrengend: Zum einen drückte die Hitze, Gewitter brauten sich zusammen. Dann gab es ausnahmsweise weit und breit keinen Laden, so dass ich den Anstieg zum Albulapass ohne richtige Rast anging. Jener führt zunächst über die Schnellstraße, wo es viel Verkehr und zwei längere Tunnel gibt, letztere glücklicherweise mit leichtem Gefälle (wenn man in Richtung Pass fährt). Der Lärm der LKW ist sehr unangenehm, Licht am Rad dringend zu empfehlen. Bald danach verlässt die Veloroute die Schnellstraße, dafür geht es steil bergauf bis Alvaschein und wieder hinunter nach Tiefencastel, wo die Julierstraße abzweigt. Der Ort selbst liegt auf einem Hügel, aber unten am Kreisel gibt es eine gute Bäckerei, wo ich endlich zu meiner Jause kam (und zu einem Maronibrot für den Vorrat schmunzel ). Für diese fand sich allerdings ersteinmal kein Plätzchen, das mir gefiel, erst bei Alvaneu Bad gab es ein wenig Schatten und Aussicht auf die Rhätische Bahn (ich blieb hier auf der ruhigen Straße, trotz einigem Auf und Ab, dafür aber mit Aussicht. Der Radweg verläuft geschottert unten am Fluss).

In Filisur, einem hübsches romanischen Straßendorf, das den kleinen Abzweig von der Hauptstraße lohnt, beginnt dann der eigentliche Aufstieg zum Albulapass. Die Dörfer in Graubünden haben schon einen deutlich südlichen Flair, auch schon auf der Alpennordseite. Es ist auch nicht mehr ganz so aufgeräumt, um nicht zu sagen steril, wie in der Deutschschweiz; vielleicht gibt es hier weniger Geld. Die Straße ist spektakulär in die Alvra-Schlucht gebaut, und steil:





Ich tat mich, vielleicht auch wegen der drückenden Hitze und der zu späten Mittagspause, ziemlich schwer und musste unter dem Vorwand, Fotos machen zu müssen, mehrmals anhalten. Spätestens hier fiel die Entscheidung, heute nicht bis zur Passhöhe zu fahren, sondern die Etappe in Bravuogn (Bergün) zu beenden, das günstig etwa auf halber Höhe auf einer Talstufe liegt.



Sie verkaufen dort extra für müde Radler spezielle Energieriegel, mit Nüssen, Honig, Karamell und einer Mürbeteighülle. Die Bündner Nusstorte brachte mich wieder zu Kräften. Kurz oberhalb des Ortes liegt ein Campingplatz, der schönste auf meiner Fahrt: Die große Zeltwiese ist vom Rest des ohnehin kleinen Platzes durch ein tiefes Bachtal getrennt.



Im Laufe des Nachmittags gestellten sich noch fünf oder sechs Zelte hinzu – allesamt Radreisende mit unterschiedlichsten Zielen. Bald kam auch das lang erwartete Gewitter, das hier oben im Talkessel mächtig Krach machte; ich verbrachte die Zeit lesend im Zelt, nachdem ich schlauerweise kurz vorher noch meine Sachen gewaschen hatte – morgens hatte ich dann das erfrischende Vergnügen, in die feuchte Radhose zu steigen ...

Zum Abendessen fand sich eine nette Runde um den bedachten Campingtisch zusammen, da es noch immer tröpfelte. Die Stimmung wurde auch kaum durch einen umstürzenden Gaskocher getrübt, wobei sich der Inhalt des Topfes in eine unvorsichtig unter dem Tisch platzierte Packtasche ergoss.

Mittwoch, 5. August 2015: Bravuogn – Maloja (GR)/ 59 km
Die heutige Etappe über den Albulapass sollte eher kurz werden, weil ich ja unbedingt im Engadin Station machen wollte. Trotzdem wurde es ein gut gefüllter Tag. Er begann, nach Tee und Nüssen, mit einer wunderschönen morgendlichen Auffahrt. Dieser Teil der Albulastrecke war vielleicht der schönste Abschnitt meiner Tour: Die Landschaft ist herrlich, die Luft war frisch und vom Gewitter gereinigt.





In der kargen Gegend werden seltsame Dinge angebaut: Ein ganzes Feld voll Disteln, die gerade geerntet wurden:





Die Straße ist angenehm. Es gab kaum motorisierten Verkehr, nur zahlreiche Rennradfahrer. Der Eindruck einer Hauptverkehrsachse täuscht, es geht beschaulich zu, nur an der Passhöhe war es trubelig:





Einige Verkehrsteilnehmer benehmen sich allerdings wie Rindviecher:



Die Abfahrt ist kurz und schnell. Im weiten Talboden des Engadins bieten sich kontrastreiche Blicke – hier auf den Piz Palü:



Bis Samedan blieb ich auf dem geschotterten Innradweg, dann hielt ich mich auf der nicht allzu stark befahrenen Straße durch St. Moritz. Große Steigungen gab es zwar nicht mehr, aber der „Malojawind“ blies heftig von vorne, so dass es trotzdem ziemlich anstrengend war. Aber des Einen Leid ist des Anderen Freude, hier am Silvaplanasee:





Letzterer lässt sich auf gutem Schotterweg südlich umrunden, anders als der anschließende Silser See: Der Innradweg führt hier auf die stark befahrene Straße. Ich nahm stattdessen den Wanderweg auf der Südseite, der sich bald als kraxeliger Pfad in die Höhe windet. Ein paar Mal musste ich absteigen, um felsige Passagen zu überwinden, teils auch tragend. Die Mühe lohnte sich, vom höchsten Punkt bietet sich ein fast unwirklicher Ausblick auf den See:



Die zweite Hälfte des Uferweges ist dann wieder gut fahrbar und wunderschön.



Mein Ziel für heute war der Campingplatz „Plan Curtinac“, ganz am Ende des Sees, kurz vor Maloja, auf immerhin 1.800 m Höhe. Der Ort ist traumhaft gelegen, ein echter „Naturcampingplatz“, mit Ausblick auf den See und Badestelle, die ich diesmal sogar nutzen konnte.





Im Talschluss des Engadin fühlt man sich wie am Ende der Welt: Die Landschaft ist nach zwei Seiten hin weit offen, aber trotzdem von hohen Bergen umgeben. Nach Westen, über den Malojapass, geht es nicht mehr weiter, sondern nur noch hinunter. Der Blick schweift weit zu fernen Bergen im Dunst.

Donnerstag, 6. August 2015: Maloja – Bellagio (IT) / 106 km
Morgens brach ich früh auf, am See war es noch ganz ruhig, kein Wind mehr. Frühstück besorgte ich im örtlichen Kramladen, um es auf einer Bank mit Aussicht zu verzehren.





Dann stürzte ich mich in die lange Abfahrt ins Bergell.



Die Maloja-Passstraße war schon gut befahren. Runterzugs ist man in den vielen Serpentinen aber fast genauso schnell wie die Autos, die zudem durch eine der obligatorischen Baustellenampeln ausgebremst wurden, so dass ich über längere Zeit meine Ruhe hatte. Raufzugs ist es aber sicher kein Vergnügen.

Im Bergell wehte der Wind zur Abwechslung talaufwärts, aber es ging auch so fast von alleine. Trotzdem legte ich eine längere Pause im Hotel „Bregaglia“ in Promontgno ein, einem herrlichen alten Grandhotel-Kasten, in dem die Zeit spätestens in den 50er Jahren stehengeblieben ist. Zum einen sitzt man dort mit tollem Blick in die Granitwände des Piz Badile, und es gab zum anderen eine Steckdose für die Akkus sowohl von Handy als auch von Kamera, die beide plötzlich leer geworden waren. Außerdem hatte ich Zeit heute, denn ich war erst am späten Nachmittag in Menaggio mit Freunden verabredet, die am Comer See Urlaub machten. Und bis dorthin sollte es fast nur bergab gehen schmunzel .





In Chiavenna ist man schlagartig in einer anderen Welt angekommen: Fast 2000 m tiefer, in Italien! Ein Abstecher in die Altstadt lohnt sich sehr. Als ich ankam, begann gerade die Siesta. Ich zog mich in einer schattigen Gasse in ein Eiscafe zurück, um ein kühles „Mittagessen“ einzunehmen. Schließlich hatte ich den Vorsatz gefasst, während meiner zwei geplanten Italien-Tage eine möglichst große Menge Eiscreme zu verzehren, womit ich natürlich so früh wie möglich beginnen musste.

Von Chiavenna zum Comer See führt ein überraschend guter und ausgeschilderter Radweg abseits der Straße; das leichte Gefälle glich den jetzt schon stärkeren Gegenwind aus. Erst ab dem Lago die Mezzola wird es eng und ich wechselte irgendwann auf die Straße. Es war inzwischen brutal heiß, die Straßen und Orte wie ausgestorben; das galt auch für die große, autobahnkreuzartige Schnellstraßenkreuzung bei der Adda-Brücke. Die Hitze zwang mich, an den Seepromenaden in Colico und Bellano erneut „Kühlmittel“ aufzufüllen lach . Die Straße an der Ostseite des Comer See lässt sich im übrigen gut fahren, der Autoverkehr spielt sich auf der weiter oben meist durch Tunnel geführten Schnellstraße ab.

Vom hübschen Varenna nahm ich dann die Fähre zum gegenüberliegenden Menaggio, um meine Freunde zu treffen. Bei Einbruch der Dämmerung setzte ich dann nach Bellagio über, wo ich einen Campingplatz ins Auge gefasst hatte, der nicht nur oben am Berg lag, sondern auch schlecht ausgeschildert war, was Zeit und Kraft kostete. Endlich angekommen, wurde ich vom „Clarke Camping“ (englischer Wirt) tatsächlich abgewiesen: Der Platz sei voll, auch für mein Mini-Zelt sei kein Platz, andere Gäste hätten reserviert, denen könne man nicht zumuten, noch jemanden dazuzuquetschen. So etwas ist mir auf einem Campingplatz noch nie passiert! Die am Campingplatz empfohlene Pension (wieder 20 min. Suchen) war ebenfalls voll, der nächste Platz lag 10 km weiter Richtung Lecco (die falsche Richtung) oder wahlweise 400 m höher auf dem Berg. Da es inzwischen stockdundel war, verzichtete ich auf beides und quartierte mich stattdessen im ersten Hotel am Platze ein, dem „Splendide“ direkt am Seeufer. Dort war es zwar sogar noch teurer, als auf einem Schweizer Campingplatz, dafür war das – für italienische Verhältnisse – hervorragende Frühstück inclusive und mein Fahrrad wurde hinter der Rezeption in der marmornen Halle verwahrt.
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#1181795 - 07.01.16 12:19 Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
albinkessel
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abwesend abwesend
Beiträge: 210
Fortsetzung - dritter und letzter Teil

Freitag, 7. August 2015: Bellagio – Claro (IT, TI) / 56 km
Nicht allzu früh brach ich vom morgens noch ruhigen Seeufer auf.



Von Bellagio windet sich die kleine Straße nordseitig durch den Wald mit vielen Kurven und längeren Passagen mit 10% und mehr Steigung hinauf zum kleinen Ghisallo-Pass, immerhin 550 Höhenmeter. Der Pass ist in Italien bekannt wegen der Kapelle der namensgebenden Madonna di Ghisallo. Diese wurde von keinem Geringerem als Papst Pius XII. zur Schutzpatronin der Radfahrer erklärt. Dementsprechend ist die Kapelle vollgestopft mit Weihegaben zahlreicher Radsportler: Original-Räder von Fausto Coppi, Eddie Merckx und anderen, Siegertrikots von Giro und Tour des France, Pokale. Für Radsport-Fans eigentlich ein Muss! Für weniger fromme Besucher gibt es zudem noch ein modernes Ciclismo-Museum auf der Passhöhe, die nebenbei auch landschaftlich recht schön ist.







Auf der Abfahrt hielt ich mich immer rechts am Hang, oberhalb von Erba. Es gab hinter Asso sogar ein Stück Radweg, der sich aber als ruppige Schotterpiste erwies. In Albavilla verbrachte ich eine gute halbe Stunde mit der vergeblichen Suche nach einem Barbier – merke: Traue nie der Wegbeschreibung eines Italieners! Das letzte Stück des Weges von Tavernerio hinunter nach Como entpuppte sich überraschend als (geschotterter) Bahntrassenradweg, der angenehm an den Vororten vorbei ins Stadtzentrum führt. Hier hatte ich den südlichsten und zugleich tiefsten Punkt meiner Reise erreicht, die Alpen waren überquert!

Inzwischen ging es auf Mittag zu, und es wurde immer heißer. Angesagt waren 40 Grad im Schatten, und die hatte es mindestens. Angesichts dessen war eine längere Mittagspause angezeigt, die ich erst im Park am Seeufer mit Obst und Gebäck (es gibt in Como, unweit westlich des Domes eine köstliche Bäckerei, Beretta L’Arte del Pane), dann in einem Cafe verbrachte. Auch einen Barbier fand ich schließlich in einer kleinen Altstadtgasse.
Wegen der langen Pause und der Hitze kam nun Plan B zum Einsatz: Ich verzichtete auf die Fahrt über den Monte Ceneri, die ohnehin über weite Strecken durch Gewerbegebiete führt, und setzte mich in Chiasso in die S-Bahn. Da es sich um einen Schweizer Zug handelte, war er picobello und, vor allem, klimatisiert, was mir nach der kurzen, heißen Fahrt nach Chiasso sehr gelegen kam (die Fahrt hat einige Steigungen, eine Strecke abseits der großen Straße habe ich nicht entdecken können).

Von Bellinzona ging es topfeben über die Veloroute 3 nordwärts durchs Tessin; interessanterweise kam der starke Wind diesmal von hinten (ich hatte schon gemeint, in den Alpen kommt er immer von vorne), so dass es sehr schnell voranging. Leider zu schnell, denn ich verpasste den Abzweig zum Campingplatz in Claro (der am Radweg nicht ausgeschildert ist, offenbar gibt es Querelen zwischen Platzbetreiber und Gemeinde, so dass erster den Gästen per Aushang empfiehlt, nicht in Claro, sondern im Nachbarort einzukaufen). Also wieder zurück, mit Gegenwind. Der große Platz ist schön gestaltet, mit mehren kleinen Zeltwiesen und – einem Pool! Dieser war mir sehr willkommen, denn obwohl die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden war, war es immer noch weit über 30 Grad.





Zum Abendessen lief ich 20 min. in den Nachbarort, um in einem seltsamen „Grotten“-Ausflugsrestaurant leckere Tessiner Küche zu genießen. In der Nacht war es immer noch so heiß, dass ich auf der Wiese und nicht im Zelt schlief.

Samstag, 8. August 2015: Claro-Acquacalda (TI, GR) / 54 km
Der Lukmanierpass gilt zwar als einer der leichteren Pässe über den Alpenhauptkamm, aber vom Ticion-Tal aus sind es immerhin auch 1.677 Höhenmeter. Die Hauptstraße ist recht breit ausgebaut, mit wenigen Kurven, mit Autoverkehr. Daneben gibt es die alte Straße, die auch als Veloroute ausgeschildert ist. Sie ist völlig ruhig und führt mit etwas Auf und Ab durch eine Reihe von kleinen Dörfern, die allerdings nicht besonders pittoresk oder belebt sind, wahrscheinlich hauptsächlich Ferienhäuser, wie überall im Tessin. Zur Auffahrt ist meiner Meinung nach in jedem Fall die alte Straße besser geeignet, die Mehr-Höhenmeter halten sich in Grenzen, und es ist wesentlich schöner. Man verpasst dadurch lediglich Olivone, dass den Umweg aber nicht lohnt, es sei denn, man muss in den dortigen, großen Supermarkt. Eine Verpflegungsmöglichkeit in einem netten, vollgestopften Kramladen gibt es aber auch etwas weiter unten, in Dongio. Bergab ist wahrscheinlich die neue Straße angenehmer. Das Val Blenio ist übrigens landschaftlich sehr schön, ein riesiger grüner Kessel, in den immer wieder das eisige Rheinwaldhorn hineinlugt.





Mir machte die Hitze sehr zu schaffen, zumal heute kein bisschen Wind ging. Oben am Pass ballte sich außerdem wieder ein Gewitter zusammen, es fielen zwischendurch sogar ein paar Tropfen. Nach einem nutzlosen Schotter-Ausflug zur Alpe Pian Sengno – dort fand ein lärmiges „Alpenblumen-Fest“ statt, das mir vorher von radelnden Urlaubern angepriesen worden war – kam ich am frühen Nachmittag beim Naturschutzzentrum Acquacalda, 1.765 m, an. Die wesentliche Steigung war hier geschafft, und angesichts des nahenden Gewitters ließ ich meinen Plan fallen, oben an der Passhöhe am Stausee wild zu Zelten. Stattdessen quartierte ich mich auf dem Zeltplatz neben dem Naturfreundehaus ein – gerade noch rechtzeitig vor dem Regen, der bis zum Morgen nicht aufhören wollte. Ich war froh, bei dem heftigen Berg-Gewitter nicht alleine oben auf der ungeschützten Passhöhe zu sitzen, sondern hier unten zwischen ein paar Bäumen.

Sonntag, 9. August 2015: Acquacalda – Chur (GR) / 96 km
Das letzte Stück zum Pass ist fast eben und führt vorbei einen eindrucksvollen, uralten Arvenwald – im morgendlichen, sich hebenden Nebel ein magischer Ort. Oben am Lukmanierpass kam ich gerade recht zur Messe in der modernen Kapelle, wo zu meiner Freude romanische Lieder gesungen wurden.









Oben fuhr ich abseits der Straße ein Stück weit um den Stausee herum. Bizarr: Im hintersten Winkel gab es ein paar Wohncontainer, bewohnt von eritreischen Flüchtlingen, bewacht von Sicherheitspersonal. So löst man in der Schweiz die Flüchtlingskrise verwirrt

Die Abfahrt nach Disentis ist schnell – es gibt kaum Kurven und mehrere lange Geraden, ich konnte mit 62 km/h meinen persönlichen Geschwindigkeitsrekord aufstellen. In Disentis gab es auch Sonntags morgens einen geöffneten Volg-Supermarkt fürs Frühstück, für das ich mich vor das große Kloster setzte, das in diesem Hochtal wie ein barockes Ufo gelandet zu sein scheint.



Die ausgeschilderte Veloroute durch die Surselva bringt das landschaftlich sehr schöne Tal mit seinen kleinen Weilern und spitzen Kirchtürmen hervorragend zur Geltung – dafür geht es allerdings heftig bergauf und bergab, meist auf Schotter oder löchrigem Asphalt, was besonders runterzugs ärgerlich ist.







Kurz vor Sumvitg wechselte ich entnervt auf die Hauptstraße (wodurch ich mir eine weitere, überflüssige Extra-Steigung einhandelte), auf der es dann rasch mit leichtem Gefälle bis Ilanz hinuntergeht. Dort fand ich mit etwas Mühe einen Gasthof, wo es leckere Capuns gab (ohne die zu kosten man Graubünden keinesfalls verlassen sollte ...). Kurz danach erwischte mich auf der Straße ein erstes Gewitter, das ich noch unter einem Scheunendach abwettern konnte. Der anschließende Weg oberhalb der Rheinschlucht Ruinaulta, also auf der südlichen Talseite, ist unbedingt zu empfehlen, auch wenn es wieder etwas bergauf geht. Durch die Ortsnamen (Versam, Valendas, Castrisch ...) und die bizarre Landschaft fühlt man sich ein wenig wie in Mittelerde.











Kurz vor Bonaduz öffnete der Himmel dann alle Schleusen, und weil ich meinen Zug erreichen musste, konnte ich diesmal nicht abwarten, sondern musste die letzte halbe Stunde bis Chur im Regen fahren – die Tour endete so nass, wie sie angefangen hatte. Die Rückfahrt mit Umsteigen in Zürich im Nachtzug war problemlos. Bemerkenswert: Eine umsichtige Schaffnerin ordnete die Fahrräder schon beim Einsteigen nach Zielorten, um dem üblichen Chaos vorzubeugen.

Fazit: Trotz der Hitze eine tolle Tour. Pässefahren ist möglich, nicht zur für Superhelden, und es macht süchtig!

Viele Grüße

Michael
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#1181814 - 07.01.16 13:40 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
veloträumer
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In Antwort auf: albinkessel
und es macht süchtig!

Gewiss, die Bilder bringen das Prickeln wieder zurück. Sehr anschaulich eingefangen, sehr schön! Gewitterlastig kenne ich die Gegend auch gut, den Lukmanier sogar mit Schneeinbruch im Hochsommer. Lukmanier gehört ohnehin mehr gewürdigt, wegen der unter 2000er oft unterbewertet, landschaftlich aber eher noch höher als Gotthard zu bewerten und zudem ohne Trubel und ägyptische Magnaten und mit noch urtümlicher rätoromamischer Almkultur. Ein paar Aufträge nehme ich auch mit, Kunkelspass, Ghisallo, der Albula in der Wiederholung stehen noch auf dem Speiseplan und nicht zuletzt sollte ich mal Capuns probieren. schmunzel
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#1182203 - 09.01.16 06:43 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
kettenraucher
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Moin,
schon wieder ein wunderbarer Reisebericht im Forum. Sehr informativ, überaus amüsant und gelungen. Nicht zuletzt vielen Dank für die tollen Fotos. Wir beide haben gemeinsam, dass wir in der Schweiz unsere ersten Hochgebirgserfahrungen gemacht haben. Viele Streckenabschnitte, die Du gefahren bist, kenne ich auch. Ich könnte jetzt sofort aufbrechen, aber die Schweizer Preise sind schon sehr gewöhnungsbedürftig lach. Glück auf und keep on rolling!
Allen gute Fahrt und schöne Reise.
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#1183245 - 12.01.16 19:17 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
velopiti
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Hi,toller Bericht!
könntest du noch was über dein schönes Rad berichten, Reisegewicht,
Zelt?
Danke!
Gruß Pit
...es reist sich besser mit leichtem Gepäck.
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#1183357 - 13.01.16 09:17 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: velopiti]
albinkessel
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Hallo Pit,
in der Tat, mit wenig Gewicht reist es sich besser, vor allem bergauf! Mein Rad ist ein Patria-Stahlrahmen, Modell "Randonneur", 26-er Reifen, mit Schutzblechen und Gepäckträger. Das genaue Gewicht weiß ich, muss ich gestehen, es hält sich aber in Grenzen. An sich bin ich damit sehr zufrieden, Schwachpunkt ist allerdings die verbaute Tiagra/Deore-Schaltung, die besonders vorne extrem empfindlich gegen Schmutz ist und fast immer Geräusche in zwei oder drei der äußeren Gänge macht; vorne fahre ich als kleinstes Blatt 26 Zähne. Außerdem ist oberhalb von ca. 40 km/h die Gabel etwas schwammig, aber da fehlt mir der Vergleich, vielleicht liegt das Gefühl auch am Lenker.

Als Zelt hatte ich ein Tarptent Protrail vorbei, ein Ein-Hüllen-Sommerzelt, mit dem ich sehr zufrieden bin: Gewicht incl. Stange unter 1 kg, sehr schnell aufzubauen, gut belüftet und reichlich Platz für eine Person, notfall passt auch eine zweite rein, wenn man sich mag zwinker. Ansonsten leichter Schlafsack + Woll-Inlet, Isomatte (etwas ältlich), Trangia-Mini-Spirituskocher etc. Insgesamt etwas weniger als 15 kg.

Gruß

Michael
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#1183397 - 13.01.16 12:26 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
TobiTobsen
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29 € für einmal Zeltaufstellen! erstaunt schockiert erstaunt Da klappt mit die Kinnlade runter...

Als ich auf der Schweizer Seite des Bodensees unterwegs war gab es solche Preise zum Glück nicht. Ist aber auch schon ein bisschen her... Vielleicht sind die Preise dort in Gernznähe auch etwas niedriger..?

Super Bericht! Und tolle Bilder! Die Landschaft sieht teilweise echt "Herr der Ringe mäßig" aus! schmunzel

Viele Grüße

Tobias, der sich irgendwann auch einmal an einer richtigen Aplenüberquerunng versuchen möchte.
Verleihe Rohloff Lockring Werkzeug gegen Porto. schmunzel
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#1183423 - 13.01.16 13:47 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: TobiTobsen]
veloträumer
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In Antwort auf: TobiTobsen
29 € für einmal Zeltaufstellen! erstaunt schockiert erstaunt Da klappt mit die Kinnlade runter...

Als ich auf der Schweizer Seite des Bodensees unterwegs war gab es solche Preise zum Glück nicht. Ist aber auch schon ein bisschen her... Vielleicht sind die Preise dort in Gernznähe auch etwas niedriger..?

In Grenznähe allgemein sicher nicht, am Bodensee zur deutschen Grenze aber denkbar, weil typische Radfahrerklientel aus Deutschland verarmt ist. Die Schweizer Seite Bodensee ist allerdings und (eigentümlich) keine Top-Feriendestination der Schweiz (auch dort einige einfache Hotels noch sehr günstig). Preise für 15-20 Euro sind wohl da und dort in der Schweiz noch möglich, zumindest vor 3-4 Jahren in Biel, wie Forumstreffpunktfahrer wissen. Damals habe ich sogar im Schweizer Jura irgendwo noch unter 15 Euro bezahlt (Grenzregion zu Frankreich). Bereits aber länger zurück liegen bei mir ähnliche Preise, z.B. in 2007 in Locarno, B-Platz, Zwischensaison: 25 €, im Valle Maggia hätte es nur unwesentlich weniger gekostet (Grenze zu Italien, Italien ist allerdings bei den Campings auch sehr teuer). Es kommt nicht zuletzt darauf an, ob nur Platz bezahlt wird (2 Personen inklusive), oder ob du als Einzelreisenden einen eigenen, günstigeren Preis bezahlen kannst. Reine Parzellenpreise sind auf vielen touristischen (Familien)Campings auch für Einzelne in Frankreich, Spanien und Italien durchaus nochmal teurer in der Hochsaison (Costa Brava 2013 recherchiert bis zu über 40 €), Provinzcamping (keine Top-Ferien-Region!) in der Region Torinese für 2016 rechiert: 37 Euro. In San Remo habe ich bereits 2002 (!) 23 Euro bezahlt.
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#1198664 - 17.03.16 22:14 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
Seghal
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Danke für den anschaulichen Bericht. Dieses Jahr soll es bei mir auch das erste Mal in die Alpen gehen. Da tuen solche Inspirationen gut. cool
In Aurich ist's schaurig, in Leer noch mehr. (norddeutsches Sprichwort)
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#1198719 - 18.03.16 11:16 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
max saikels
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In Antwort auf: albinkessel

Ich verzichtete auf die Fahrt über den Monte Ceneri, die ohnehin über weite Strecken durch Gewerbegebiete führt, und setzte mich in Chiasso in die S-Bahn.


Ich würde eher sagen zum Teil durch Gewerbegebiete. Es gibt auch schöne Abschnitte (nur das obere Drittel der Bildreihe; ok, sind vielleicht paar Leute-Bilder zu viel peinlich ). Und die Abfahrt vom Monte Ceneri ins Tessintal hat auch was.
Grüße, Stephan
Touren 2023

Geändert von Keine Ahnung (09.03.17 20:58)
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#1198734 - 18.03.16 12:34 Re: Pässe für Anfänger – Schweiz im heißen August /3 [Re: albinkessel]
Keine Ahnung
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Beiträge: 12.981
Genau das ist eine Strecke, die mir auch Spaß machen würde. Wenn die Schweiz nicht so unverschämt teuer wäre, wäre ich dort noch öfter unterwegs. Schöner Bericht und schöne Bilder!
Gruß, Arnulf

"Ein Leben ohne Radfahren ist möglich, aber sinnlos" (frei nach Loriot)
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