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#1318789 - 20.01.18 00:52 Skandinavien mit dem Tandem - Sommer 2017
ChristianCW
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abwesend abwesend
Beiträge: 71
Dauer:2 Monate, 21 Tage
Zeitraum:3.6.2017 bis 22.8.2017
Entfernung:5200 Kilometer
Bereiste Länder:dkDänemark
deDeutschland
noNorwegen
seSchweden

Dauer: 81 Tage (davon 18 Pausentage)
Zeitraum: 03.06.2017 - 22.08.2017
Entfernung: 5.200 km
Bereiste Länder: Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden

Berufsbedingt stand bei uns beiden ein Wechsel zum Herbst an und so haben wir die Idee gehabt, die Zeit bis dahin mit einer größeren Radreise zu verbringen. Nur wohin? Wir haben sehr viele schöne Bereichte hier im Forum über den Norden Europas (insbesondere Norwegen) gelesen, hatten aber etwas "Angst" vor den Temperaturen und den Mücken. Trotzdem hat die Neugier gesiegt und so stand fest, dass wir den Sommer im Norden verbringen werden.

Die letzten Touren waren des öfteren mit Stress verbunden, da der Trainingszustand von uns beiden sehr unterschiedlich ist, und da Johanna eh als Stoker aufgewachsen ist, entschieden wir uns, ein Tandem für unsere zukünftigen Reisen zu verwenden. Die ersten Probefahrten auf dem alten Tandem meines Onkels sind auch sehr positiv verlaufen, also konnten wir gleich auf Nummer sicher gehen und sind bei einem Händler in Ottenhofen bei München fündig geworden.

Nach krassen Lieferproblemen haben wir dann doch noch 4 Wochen vor Start unser Tandem abholen können und haben die Zeit genutzt, uns mit dem Rad auf 1.100 km vertraut zu machen.

Unser Plan war eine Rundreise: von Augsburg durch Deutschland und Dänemark mit der Fähre nach Norwegen bis zu den Lofoten und von dort über Schweden wieder zurück. Dieser Plan musste öfter mal umgeschmissen werden, weshalb unser Ziel, die Lofoten, der Abschluss unserer Radreise war. Hier ist unsere Strecke zu sehen:

Unsere Route
Karte in Link verwandelt. Siehe auch: Fremde Texte und Bilder werden entfernt (Forum)


Da es sich bei der Tour um unsere erste längere Tandem-Tour gehandelt hat und wir vorher nur auf zwei einzelnen Rädern unterwegs waren, mussten wir erstmal unser Gepäck minimieren, was allerdings ohne größere Probleme geklappt hat. Den großen Rahmen haben wir mit zwei selbst genähten Rahmentaschen optimiert, insgesamt hatten wir ca. 30kg Gepäck bei einem Gewicht von 22kg des leeren Rads:


Das Fahrrad vor der Abreise

Zunächst sind wir nach Aalen geradelt, da wir ein Familienfest besuchen wollten. Im Anschluss haben wir entdeckt, dass es ganz gut ausgebaute Radwege entlang der Flüsse Jagst, Main, Fulda und Weser gibt und wir größtenteils diesen gefolgt sind, da sie einen guten Einstieg in die Tour boten und uns recht schnell (kürzt man einige Flusskehren ab) nach Norden brachten. Außerdem gefielen uns einige Städte entlang den Wegen (z.B. Miltenberg), sodass wir auch des öfteren eine Kaffee-Pause einlegen konnten.

Unsere erste Panne hatten wir, als wir am Gepäckträger die Schrauben nachziehen wollten und eine Befestigung gebrochen ist. Glücklicher Weise hat uns ein sehr netter Radladeninhaber trotz Ruhetags geholfen und wir konnten unsere Reise fortsetzen.

Kurze Zeit später brach eines unserer Zeltgestänge (vermutlich wegen falscher Handhabung beim Aufbau) und so haben wir uns doch in die Innenstadt von Fulda gewagt. Nachdem uns der erste Outdoor-Laden nicht helfen konnte, wurden wir bei einem sehr kleinen Laden fündig: er hatte eine ganze Box mit hunderten verschiedenen Zeltgestängen und konnte uns ein Rohr passend zuschneiden, sodass wir es ersetzen konnten.
Schon jetzt hatten wir des Gefühl, dass dies nur der Anfang einer pannenreichen Tour sein müsste ...

Bei Hameln haben wir am Campingplatz einen netten Radfahrer getroffen, der uns darauf aufmerksam machte, dass am darauffolgenden Tag das "Felgenfest" gefeiert würde. Die ganze Bundesstraße wurde gesperrt und des durften nur Fahrräder und Skater auf die Straße, sodass wir gutes Geleit hatten und im Schwarm der tausenden Radler mitgeschwommen sind:


Felgenfest bei Hameln

Als wir die Weser verlassen haben, war es nur noch flach und die Straßen Kerzengerade: willkommen im Norden! Ganz klischeehaft hat auch der Wind in diesen Tagen permanent mit ca. 40km/h von Nord-West geblasen, was einerseits gut war für die Millionen Windräder, die hier dicht an dicht gebaut worden sind, andererseits das Radeln etwas anstrengender gestaltet. Aber wir nehmen ja alles wie es nunmal kommt ...

Eines Morgens sehen wir am Wegesrand ein Straßenschild nach Sylt und mir fällt sofort das Lied der Ärzte "Westerland" ein, und so entschließen wir uns spontan, die Insel mal zu besuchen. Wir mussten sogar lernen, dass man auf die Insel nur per Zug kann (obwohl der Bahndamm sicher Platz hat für ein paar Radler). Westerland ist ziemlich hässlich (Touristen-Hochburg) und die verlangen tatsächlich Eintritt für den Strand (wo man seine Räder nicht mitnehmen darf!) und deshalb fahren wir schnurstraks nach Norden, wo uns ein gut ausgebauter Radweg durch die sanfte Dünenlandschaft führt und je weiter man sich von Westerland entfernt, desto weniger ist los.


Dünenlandschaft auf Sylt

Im Norden haben wir just-in-time die Fähre zur Insel Rømø erwischt. Von dort konnten wir über den 10km langen Damm zum Festland fahren. Ursprünglich wollten wir Dänemark am Westufer erkunden, aber da der Wind einfach nicht aufhören wollte, sind wir ab Esbjerg quer Richtung Skagen gefahren. So hatten wir den Wind immerhin nicht mehr so stark von vorne und haben entdeckt, was Dänemark doch für eine super Rad-Infrastruktur hat: breite, getrennte Radwege, ausgewiesene Plätze mit überdachten Schlafplätzen und manchmal sogar mit Feuerstelle/Wasseranschluss.

Über ein Webportal konnten wir auch Gebiete ausfündig machen, in denen es erlaubt ist, wild zu zelten, und so haben wir uns kurz vor Skagen gedacht, wir könnten das doch mal machen. Da in der Nacht ein stärkerer Wind aufgezogen ist, der die Bäume hat knarzen und uns deshalb schlecht schlafen lassen, sind wir um 3 Uhr morgens aufgestanden und haben den Moment genutzt, den Sonnenaufgang an der Ostsee zu sehen.


Sonnenaufgang an der Ostsee

Das geniale am nordischen Sommer sind ja die richtig langen Tage. Diesmal haben wir ihn auch von vorn bis hinten genutzt und waren bereits um 6 Uhr morgens bei tollem Sonnenschein an der Spitze von Skagen. Alle Parkplätze sind leer, keine Menschenseele weit und breit. Ein paar Bunker aus dem zweiten Weltkrieg stehen herum und einige Schilder weisen auf die schon immer wichtige militärische Bedeutung dieser Landzunge hin. Besonders beeindruckend sind aber die Meeresströmungen, wo Nord- und Ostsee aufeinanderprallen:


An der Spitze von Skagen

An dem Tag, an dem wir nach Hirtshals zur Fähre nach Kristiansand wollten, hatten wir wieder das Glück eines heftigen Windes, der uns bei der Fahrt zum Fährterminal den dort frisch aufgeschütteten Sand ins Gesicht blies und uns nur im ersten Gang vorwärts kommen lies. An Bord des Kattamarans haben wir uns noch über die 3-4m hohen Wellen lustig gemacht, aber als das Schiff den schützenden Hafen verlies, bekamen wir zu spüren, wie sich diese Wellen auf ein Schiff dieser Klasse auswirkt: Achterbahn! Viele der Passagiere haben bereits nach dem ersten Hoch- und Runter die zur Verfügung gestellten Beutel verwendet ... wir sind immerhin standhaft geblieben, wenngleich es zwischendurch schon etwas mulmig wurde. Besonders in Erinnerung geblieben ist das Gefühl, wenn das Schiff mit seinem wahnsinnigen Tempo eine Wellenfront frontal erwischt, das ganze Stahlgebilde resoniert und in fühlbare Schwingungen gerät und 1-2 Sekunden später das Spritzwasser an die Scheiben spitzt.
Wer will da noch vom Buffet etwas holen?!
Auf der anderen Seite war die See ruhig und bereits 3 Wochen nach dem Start in Augsburg sind wir in Norwegen ankommen: Zeit, um sich am Pausentag die Stadt Kristiansand erstmal anzusehen.


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Unser Plan für Norwegen ist, erstmal von Kristiansand durchs Landesinnere zu fahren. Unsere Route führt über Kyrkjebvgda nach Valle, wo wir nach einer erholsamen Nacht den ersten Anstieg meistern, um nach Dalen zu kommen. Die Abfahrt dorthin ist super und immer wieder müssen wir auf Schafe auf der Straße aufpassen.

Nachdem wir uns vor einem Regenschauer versteckt haben, geht unsere Fahrt weiter nach Amot. Das Terrain ist sehr hügelig und die Hochebenen (Fjell) bieten interessante Landschaften. Wir mussten auch lernen, dass ein Flusstal aufwärts eher einem Passfahren ähnelt als das, was wir bisher kannten.
Bei viel Regen fahren wir über Rauland und Rjukan nach Austbygde, sehen verlassene Skigebiete mit riesen Hotel- und Liftanlagen - und wir dachten, die Norweger wären schlauer als wir Alpenbewohner - wieder faszinierende Fjells und jede Menge Wasserfälle (der Regen tut sein übriges).

Die unerwartete Abfahrt nach Rjukan ist sensationell, da die Strecke sehr steil (80 km/h) an einer tiefen Schlucht entlang führt. Besser nicht nach unten schauen ...

Unten angekommen finden wir einen tollen Campingplatz direkt am See Tinnsjø und treffen einen anderen Radler aus Italien, der trotz seines fortgeschrittenen Alters (etwa 70) eine Tour durchs Landesinnere fährt. Respekt!







Am nächsten Morgen wollen wir Richtung Geilo fahren, haben allerdings ein bisschen Respekt vor den bevorstehenden Höhenmetern: rauf, runter, rauf, runter ...
Zunächst geht es gemütlich ein Flusstal hinauf, bis es in steilen Serpentinen bis auf 1160 Meter geht. Oben erwischt uns ein kalter und sehr plötzlicher Schauer, doch wir finden kurz Unterschlupf auf der Veranda eines der überall rumstehenden Hütten.
Auf der Weiterfahrt auf dem Imingfjell haben wir alle Mühe, nicht vom 70 km/h schnellen Gegen-/Seitenwind von der Straße geworfen zu werden. Der große und tiefblaue See Sønstevann macht zusammen mit den Bergen einen bleibenden Eindruck.

Direkt vor der ersten (!) Abfahrt ist eine bewirtete Hütte und so kommen wir sogar mal wieder zu einem wärmenden Kaffee und gutem Kuchen. Unten im Tal sind die Temperaturen wesentlich wärmer und wir können auch wieder kurzärmlig fahren. Bis nach Geilo geht es noch zwei Mal rauf (und runter), an diesem Tag haben wir 2200 Höhenmeter bewältigt.


Hinauf!


Imingfjell


Die ersten schneebedeckten Berge sind zu sehen

Die Nacht ist eine der kältesten auf der Tour. Nach dem wärmenden Tee geht es erst in den Outdoor-Laden, da wir ein Paar Überschuhe beim Packen zu Beginn der Tour vergessen haben und sicher sind, dass wir das zweite Paar dringend brauchen werden. An sich gar nicht schlecht, so weit gekommen zu sein ohne Überschuhe :-)

Eigentlich wollten wir von hier aus eine Fahrt mit dem Zug nach Flam unternehmen, da es eine der schönsten Zugstrecken Europas sein soll, jedoch sind alle Plätze ausgebucht. Wir sind einfach zu spontan für sowas ... Also fahren wir gemütlich weiter (bergab!) nach Gol. Das Wetter ist traumhaft, unten im Tal hat es 28° in der Sonne und wir freuen uns darüber sosehr, dass wir beschließen, den restlichen Tag radfrei zu machen und gehen hier auf den Campingplatz. Zeit, um Sonne zu tanken und die Füße in den eiskalten Fluss zu stecken. Viele Norweger sind da baden gegangen ... brrrr!


Bergab von Geilo nach Gol

Gut ausgeruht starten wir am nächsten Tag, um über das Golsfjellet über Leira nach Beitostølen zu kommen. Auf der Fahrt sind viele Baustellen, da die Straße alle paar hundert Meter aufgerissen wird, um Querrohre für das Schmelzwasser zu verlegen. Eigentlich etwas nervig, aber immerhin sind wir schon nicht zu schnell, um eines der auf der Straße umherlaufenden Schafe zu übersehen.

Von Beitostølen führt uns unsere Reise weiter nach Lom durch den Nationalpark Jotunheimen über ein Fjell auf 1400 Meter. Dort sehen sehr viele Rentierherden, die auch ab und zu über die Straße laufen. Die Hohen Berge hier sind die höchsten in Skandinavien und in der Ferne sehen trotz mäßigen Wetters einige schneeweiße Berge.


Rentiere im Jotunheimen Nationalpark


Stromschnellen im Jotunheimen Nationalpark

Die Abfahrt nach Lom ist wieder sagenhaft: kein einziges Mal müssen wir die Bremsen benutzen und können die Schwerkraft für uns arbeiten lassen. Vor dem Supermarkt treffen wir einen anderen Radler aus England, der seine erste Radreise bestreitet und zu einem Festival auf einer Insel weiter im Norden will. Sein Geschmack, Schokolade in Nutella zu tauchen, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Aber es sind "the cheapest callories you can get" ;-)
Zusammen fahren wir zum Campingplatz, quatschen noch ein bisschen und verabschieden uns am nächsten Morgen, da unser neu gewonnener Freund noch einen Berg besteigen will. Interessanterweise gibt es hier sogar noch mitten im Sommer viel Schnee, viele der Campinggäste haben ihre Snowboards und Skier dabei. Etwas merkwürdig bei Termperaturen über 20°.

Wir lassen uns natürlich nicht nachsagen, wir wären Kulturbanausen, und so besuchen wir die berühmte Stabskirche in Lom, aber der Touristenauflauf und die 7 Euro Eintrittsgebühren schrecken uns da eher ab ... ist auch von außen ganz hübsch.


Stabskirche in Lom

Der wunderschöne Tag - weil wolkenlos und superwarm - ist einer unserer Höhepunkte auf der Tour. Ganz sanft ansteigend fahren wir auf 1000 Meter hoch, vorbei an klaren und tiefblauen Seen, in denen noch Eisschollen schwimmen und einer faszinierenden Bergkulisse. Auf einer Insel im Fluss machen wir Mittag und sind ziemlich fasziniert von der Landschaft hier.







Kurz vor der Abfahrt nach Geiranger gibt es eine bewirtete Hütte (die wohl hauptsächlich von den Kreizfahrttouristen lebt, die hier jeden Tag mit zig Bussen hochgekarrt werden) und bei einer Tasse Kaffee kommen wir zum Kompromiss, noch auf den Dalsnibba (1500 hm) zu fahren - allerdings nicht per Rad, sondern per Anhalter. Zwei nette Frauen aus New York nehmen uns in ihrem gemietetem Wagen mit bis zur Spitze. Oben hat man den Berg einfach platt gemacht und eine riesige Ausschtsplattform gebaut. Die Sicht ist einfach atemberaubend: schneebedeckte Berge, so weit das Auge reicht, unten am Fjord saftig grüne wiesen, die bevorstehende Abfahrt und natürlich ganz weit hinten auch der Aufstieg für den nächsten Tag - aber da denken wir jetzt lieber noch nicht dran.





Der ganze Ort Geiranger besteht nur aus Dingen, die für (Kreuzfahrt-)Touristen ausgelegt sind. Am Abend waren zwei Schiffe da, die eine Kapazität von 250 und 350 Passagieren hatten, und gefühlt war da schon ganz schön was los. Am Tag darauf waren zwei Schiffe mit 3.000 und 4.000 Passagieren da und es war einfach nicht mehr auszuhalten! Nicht nur diese temporäre Überbevölkerung, auch was da getrieben wird: während die Schiffe vor Anker liegen sammelt sich eine grau-blaue Suppe im Fjord von den Abgasen der Schiffe. Dass dies alles geschieht, weil Norwegen "allen Leuten die faszinierende Landschaft näher bringen will, und auch möchte, dass das in Generationen noch möglich sein soll", lässt sich für uns nicht ganz in Einklang bringen. Massentourismus ist einfach nicht unser Ding ...

Der Aufstieg am nächsten Tag über die 11 Kehren hat uns sehr angestrengt, aber trotz Rennrad-Übersetzung und vollem Gepäck haben wir ihn ohne Schieben bezwungen. Jetzt sind wir sicher, dass wir auch noch weitere Aufstiege packen werden. Etwa bei der Hälfte der Höhenmeter gibt es wieder eine Aussichtsplattform, zu der sich die Kreuzfahrttouristen kutschieren lassen können:



Nun wird das Wetter schlechter und es zieht zu. Auf der Abfahrt bis zur Fähre nach Linge kommen uns noch ein paar Reiseradler entgegen, aber wir sind viel zu schnell um anzuhalten.
Eigentlich wollten wir noch über den Trollstigen fahren, aber da das Wetter nicht mitspielt entschließen wir uns, lieber direkt Richtung Alesund zu fahren und müssen auf der Strecke auch einige Tunnel durchqueren, was meist kein Problem ist. Als wir einmal einen Tunnel umfahren wollen, folgt der nächste Tunnel, total dunkel und vermutlich verfallen. Die Feuerstellen und der Müll davor erweckt jedenfalls keinen guten Eindruck ...

Bis nach Alesund sind wir wider Erwarten doch recht trocken gekommen und haben eine sehr schöne Straße (110) entlang eines Fjords genutzt. Dort treffen wir dann einen anderen Radler aus dem Schwarzwald, mit dem wir sofort ins Gespräch kommen und gemeinsam zum Campingplatz fahren. Wir leisten uns die erste Hütte, da wir keine Lust haben, bei dem Sauwetter zu zelten und laden unseren neuen Freund zu uns ein. Er ezählt uns, wie er über eine Woche lang mit einem anderen Radler aus Uruguay unterwegs war, sich dann jedoch ihre Wege trennten.

Der Wetterbericht sollte Recht behalten und so sind froh über unsere Hütte und erkunden Alesund an einem weiteren Pausentag. Im Akvarium können wir die Unterwasserwelt von Norwegens Küste bestaunen. Neben unseren fast schon obligatorischen Kaffeebesuchen erklimmen wir auch die 418 Stufen auf den Stadtberg Aksla und haben einen guten Überblick über die Umgebung. Leider war das Wetter nicht ganz so schön wie auf den vielen Postkarten, die man so kennt:


Alesund

Das interessante an Alesund ist, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts vollkommen niedergebrannt ist und der Norwegen-Fan Kaiser Wilhelm II. hat gleich Hilfsschiffe losgeschickt und die (deutschen?) Architekten haben die Stadt im Jugendstil neu aufgebaut. Man hat nicht gerade das Gefühl, durch eine norwegische Stadt zu flanieren, aber dennoch gefällt es uns hier sehr gut.

Weiter Richtung Norden nehmen wir die Atlantikroute, eine extra für Touristen ausgebaute Strecke über viele Brücken mit Wasser rechts und links und genießen die Sonnenstrahlen.


Atlantikroute

Apropos Touristen, seit unserer Akunft in Norwegen sind uns die doch recht Hohe Anzahl an deutschen Campern aufgefallen. Doch auch die Norweger treiben einen regen Binnentourismus mit Campern von gigantischen Ausmaßen. So gefühlt ist jedes 3. Auto ein Camper und davon ungefähr die Hälfte aus Deutschland. Ein älter Herr aus Norwegen meinte einmal zu mir: "Wenn einer eine Reise unternimmt, das muss ein Deutscher sein.". Nicht nur bei den motorisierten Touristen ist das wohl so, auch viele der Radler, die wir treffen, sprechen unsere Muttersprache.

Vor dem Tunnel vor Kristiansund warnt uns eine Rennradlerin, dass wir ja nicht mit Rad da durch fahren sollen, sonst wird der Tunnel komplett gesperrt und wir müssen Strafe zahlen. Kurz vorm Tunnel ist ein Bushäuschen mit etwas spärlicher Information für Radfahrer, selbst bei der Hotline, die dort angeschrieben ist, hat man keine Ahnung wo wir sind und was wir wollen. Zwei andere Radler haben das gleiche Problem, aber als nach etwa einer halben Stunde ein Bus hält und der Busfahrer unser Tandem sieht, versucht er ganz flix uns unterzubringen und so müssen alle Passagiere nach vorne, damit unser Tandem hinten in den Gang gestellt werden kann. Die anderen beiden Räder werden hinten auf den Träger gepackt und dann geht es auch schon durch den Tunnel: erst ewig 10% nach unten, dann Waagrecht weiter, denn 10% hoch. Das wäre sicher kein Spaß, dort mit dem Rad zu fahren ...


Kristiansund

Auf der Weiterfahrt nach Kyrksaeterøra haben wir eine sehr wenig befahrene Straße (680) gefunden und fahren im welligen Terrain auch mal wieder auf einen "Berg", den viele Rennradfahrer zum Training rauf und runter fahren und genießen den tollen Ausblick auf den Fjord.



Als wir am nächsten Morgen in Kyrksaeterøra aufs Rad steigen, merken wir, dass irgendwas nicht stimmt. Das Rad hinten scheint zu eiern. Als wir das Rad kontrollieren bemerken wir, dass die Felge gerissen ist :-(


Kein schöner Anblick

Der lokale Intersport hat zwar ein bisschen Radteile da, aber keine passende für uns. Trondheim ist 100km weit weg und es gibt zwei Busse täglich dort hin. Beim ersten Versuch, den Bus zu erwischen, stellen wir uns an die Bushaltestelle und blicken in die Richtung, aus der der Bus kommen sollte. Aus irgendeinem Grund reagieren wir nicht, als zur angekündigten Uhrzeit der Bus aus der anderen Richtung kommt. Na super, Bus verpasst. In Deutschland steht auf jedem Schild, von wo nach wo der Bus fährt, hier aber nicht. Wenn man sich nicht auskennt, wäre es wohl besser jemanden zu fragen, anstatt auf gut Glück sich auf eine Seite zu stellen. Das Problem: es war Freitag und am Samstag fährt nur ein Bus ziemlich früh, das Wetter soll schlechter werden und irgendwie ist unsere Laune auch ziemlich am Tiefpunkt angelangt. Also schieben wir zurück zum Campingplatz und nehmen uns für drei Tage eine Hütte und spielen 1000 Möglichkeiten durch, wie wir unser Rad wieder fit bekommen.

Wir rufen bei unserem Tandemhändler und -hersteller an bei Radhändlern in Trondheim, bekommen eine Ersatzfelge zu einem Laden zugeschickt und müssen die Umspeichung halt selbst tragen, aber ok, das sieht ja schon mal nach ner Lösung aus.
Als uns am Montag der Busfahrer mit dem Tandem sieht, schüttelt er nur den Kopf. Von Hilfsbereitschaft keine Spur. Als wir auf eigene Faust das Rad am Radständer hinten montieren, kommt er nur und grummelt: "We start in two minutes!". Im Stress machen wir das Rad mit unseren Gepäckbändern fest, aber die Konstruktion erweist sich als sehr sicher.
Erst wollte der Fahrer unser Tandem nicht mitnehmen, weil es viel zu breit sei, aber bei genauem Ausmessen ist es auf den Zentimeter genau so breit wie der Bus. Kein Problem!

Nächste Frage: wie lange braucht so ein Paket von Berlin nach Trondheim? - 7 Tage.
Wir müssten also ziemlich lang ohne fahrbaren Untersatz in Trondheim nächtigen (wegen des Wetters wohl auch eher in einem Hotel - aber das ist uns zu teuer), also klappern wir alle Radläden in Trondheim ab und lassen uns das stabilste Laufrad einbauen, bloß damit wir weiter fahren können. Unser Plan sieht vor, so zu den Lofoten zu fahren (ca. 600km) und auf der Rückreise mit dem Zug das richtige Ersatzrad abzuholen.

Am Campingplatz in Flakk bleiben viele Wohnmobile in der nassen Wiese stecken. Scheinbar hat es auch hier die letzten Tage viel geregnet. Auch auf der Weiterfahrt nach Nomdalseid wird es wieder nass. Die Landschaft und die schmale, ruhige Straße sind allerdings super.


Nass und grau bei Trondheim

Auf der Fahrt überholen wir einen Bikepacker aus Oslo, der auf die Vesteralen will. Wir sind ganz erstaunt, wie minimalistisch er bei diesem Sch*** Wetter unterwegs ist und zollen ihm Respekt. Gleichzeitig sind wir froh, alle Klamotten doppelt dabei zu haben ...
In Sjøasen wollte uns der Campingplatzwart tatsächlich auf die komplett überflutete Zeltwiese stellen, aber wir haben noch zwischen zwei Hütten einen relativ (!) trockenen Platz gefunden, den wir für uns beansprucht haben. Wir wollten auch mal wieder bei suboptimalen Bedingungen zelten, sonst verweichlicht man ja zu sehr ...

An den folgenden Tagen hört es nicht mehr auf zu regnen. Der Verkehr auf der RV17 geht uns richtig auf die Nerven. Eigentlich dachten wir, dass diese Straße von weniger Schwerlastverkehr verwendet wird, aber da haben wir uns geirrt. Aus lauter Frust vor dem miesen Wetter und dem vielen Verkehr schauen wir in Namsos, was der Wetterbericht so meint. Aber da sieht es nur noch düster aus: Regen, Regen, Regen:


Super Aussichten ...

Da wir einige schöne Berichte über die Landschaft an der RV17 gelesen haben und das nicht "ins Wasser fallen" lassen wollen, entschließen wir, unsere Route erstmal nach Schweden zu legen. Dort sind nämlich 20-25°C und Sonne angekündigt. Klingt nach Paradies schmunzel
Mit dieser Aussicht macht das Fahren durch den Starkregen schon weit mehr Spaß. In Grong gibt es mal wieder eine Hütte, wir trocknen uns und unsere Sachen und freuen uns schon auf Schweden.

Als wir am nächsten Morgen losfahren gibt es nach nur 10km einen lauten Knall und wir müssen im strömenden Regen unseren hinteren Reifen flicken. Schlechte Laune macht sich breit. Entsetzt stellen wir fest, dass unser guter Mantel auf der Seite schon ziemlich aufgerissen ist und wir müssen die 10 km zurück schieben. Dass der Intersport in Grong zufällig einen passenden Mantel für uns hat, hebt unsere Laune wieder ein Stück. Aber auf Weiterfahren hat keiner von uns Lust: das Hotel nebenan ruft zu verlockend und angesichts der Laune scheint es dringend nötig.
Danke an dieser Stelle an die freundlichen Radforisten, die uns gleich darauf aufmerksam machten, dass wir am Tandem nicht jede Kombination aus Mantelbreite und Felgenbreite fahren können! Man lernt nie aus ...
Schließlich kommen in Gäddede in Schweden an.


Regenfahrt nach Schweden


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Kaum passieren wir die Grenze nach Schweden hört es auf zu regnen! Es scheint, dass sich die Regenwolken in den norwegischen Bergen festsetzen uns ausregnen und Schweden davon größtenteils verschont bleibt.
Also unternehmen wir eine Fahrt über matschige Pisten bis zum Wasserfall Hällingsafallet und sind ganz fasziniert von der tiefen Schlucht, den Wassermassen und dem Regenbogen im Sprühwasser (angeblich soll man bis zu sechs Stück sehen können - aber wir sehen nur maximal zwei).

Dass wir uns zuvor auf dem Fußweg zum Wasserfall im moorigen Wald verlaufen haben sei hier nur am Rande erwähnt. Uns ist nach wie vor ein Rätsel, wieso die Beschildung des Weges so schlecht war.

Die Landschaft in Nordschweden ist recht eintönig: dichte Wälder, mäßig hügelig, ab und zu ein See und noch mehr Wälder. Also Kopf ausschalten, strampeln und auf Elche Ausschau halten schmunzel

Auf der Fahrt vom Strømsund nach Ramsele ziehen immer wieder Regenschauer durch und genau als wir es uns gemütlich gemacht haben zum Mittagessen fängt es an sehr heftig zu hageln. Das schmerzt! Die Straße sieht aus wie ein Fluss und weit und breit ist nichts zum Unterstellen. Nach kurzer Zeit frieren wir ziemlich und haben überhaupt keine Lust mehr zum Weiterfahren. Am Campingplatz bekommen wir zum Mitleidstarif eine riesige moderne Hütte (ein halbes Haus!) und freuen uns über die warme Dusche.

Kurz vor Bredbyn ist ein Cafe ausgeschildert, was sich dann als Freilichtmuseum herausgestellt hat. Neben den interessanten historischen Hütten und Werkzeuge hat uns besonders das selbst gemachte Tannenspitzen- und Motlebeereneis geschmeckt.


Freilichtmuseum

Die freundliche Dame im Museum kann kaum glauben, dass wir auf den gefahrenen Waldwegen keinen einzigen Elch, ein Rentier oder einen Bären fesehen haben. Sie fährt die Strecke jeden Tag und trifft diese Tiere dort immer an. Immerhin ist hier die größte Braunbärendichte Europas! Schade ...

Als uns ein Rennradler beim Durch-die-Gegend-gucken überholt packt uns auf einmal der Eifer und wir hängen uns in den Windschatten. Nach 10km geht es mal etwas bergab, sodass wir ihn überholen und davon fahren. Aber auf Dauer macht das irgendwie keinen Spaß, also "warten" wir, bis er wieder kommt, unterhalten uns ein wenig und fahren dann getrennter Wege. Ein bisschen Training auf Tour schadet nicht schmunzel Und bei der eintönigen Landschaft eine willkommene Abwechslung.


Rennradfahrer jagen schmunzel

Über Örnsköldsvik, Solbacken und Salusand fahren wir an der Ostseeküste nach Umea. Das Wetter ist etwas wechselhaft, manchmal auch traumhaft (kurzes T-Shirt und Hose!). Manchmal fahren wir ein Stück auf der viel befahrenen E4, da wir keine Lust haben, jede Schäre auszufahren, manchmal finden wir eine gute Alternative auf kleineren Umwegen.

Unser Radhändler aus Trondheim meinte, er schicke das Paket uns nun nach Umea, die Post sollte so ca. 3 Tage brauchen. Also gehen wir auf den riesengroßen und etwas überlaufenen Campingplatz und richten uns auf ein paar Pausentage ein. Es sollte sich herausstellen, dass das Paket 13 (!) Tage von Trondheim nach Umea brauchen sollte. Jeden Tag haben wir gecheckt, ob es ein Statusupdate gibt und ob wir vom Campingplatz runter müssen, aber diese intransparente Situation hat uns ein wenig hibbelig gemacht.

Nichtsdestotrotz haben wir die Tage genossen, haben alle Geocaches in der Nähe gesucht und gefunden, sind Paddeln gegangen, haben Jazzkonzerte gehört, Frisbeegolf *versucht* zu spielen, die wirklich einmalige Radinfrastruktur von Umea bestaunt, einen Tag am Meer verbracht ...


Abendstimmung in Umea


Leuchtturm Fjärgrund an der Küste Umeas


An der Küste Umeas

Nachdem unser Paket endlich angekommen und unser Rad wieder "komplett" ist sind wir motiviert, doch noch bis zu den Lofoten zu fahren. Der Wetterbericht für dort ist auch nicht mehr ganz so schlimm, wir sind aber immer noch ziemlich weit davon entfernt. Wer weiß also, was noch kommen mag.

Als das Wetter uns hier einige Streiche spielt (durchziehende Starkregenschauer mit Gewitter) beobachten wir in der Ferne, wie sich ein Tornado bildet und sogar den Boden berührt. Etwas später erfahren wir von einigen Leuten, dass das hier extrem selten ist, der Tornado nur über bewaldetem Gebiet gefegt hat und niemand zu Schaden gekommen ist - Glück gehabt!

Typisch für unsere Tour bricht uns beim Zusammenbauen des Zeltes ein weiteres Mal ein Gestänge. Da hier weit und breit aber niemand etwas passendes hat, reparieren wir es mit der Reparaturhülse und verwenden das Gestänge einfach bis zum Ende der Tour so weiter.

Unsere Route führt über Skalleftea, Pitea nach Boden, immer auf einsamen Straßen um die E4 herum. Wir verlassen die Küste und begeben uns wieder ins Landesinnere von Schweden, als Zwischenziel Kiruna im Kopf.

In Laxede finden wir einen ziemlich rustikalen, aber sehr schönen Campingplatz mit Plumpsklos, Brauchwasser aus dem See und Trinkwasser aus dem Kanister. Die Dauercamper finden uns ziemlich witzig, wir sie aber auch schmunzel


Foto vom Zelt aus


Gerade Lehmpisten mit nichts als Wald, Schweden eben

In Jokkmokk, einem Zentrum für Wanderer und Kanufahrer, treffen wir viele andere Leute und unterhalten uns super mit einem Paar aus Landau, die hier 12 Tage im Sarek Nationalpark fernab jeder Zivilisation wandern waren. Wege, Hütten oder Schilder gibt es hier nicht, hier wird nur nach Gefühl navigiert, nach dem Motto "hinter dem Berg ins 2. Tal rechts einbiegen".

Kaum haben wir den Polarkreis überquert, treffen wir jede Menge Rentiere auf den Straßen an. Die Leute hier sind das schon gewohnt und bremsen und warten einfach. In Deutschland würden wohl die meisten Leute hupen, hier ist eher Gelassenheit an den Tag gelegt. Auch wir sollten uns so verhalten, sind aber wegen der Nähe zu den Tieren mit ihren monströsen Geweihen etwas verängstigt.
Beim hinunterrollen eines Hügels wären wir auch beinahe mit einem sehr schnellen, weißen Rentier kollidiert. Glück gehabt, dass wir nach links und es nach rechts ausgewichen ist.


Rentiere auf der Straße

Das recht flache (und langweilige) Terrain über die trostlose Minenstadt Gällivare nach Kiruna passieren wir in windeseile, haben nach 3-4 Stunden Fahrt schon 100km zurückgelegt und werden von ziemlich dunklen Wolken gejagt. Kaum haben wir eine Pinkelpause eingelegt, werden wir nass, dann müssen wir wieder rasen, um trocken zu bleiben. Eine interessante Wetterlage ...

Kiruna ist ebenso trostlos wie Gällivare, aber immerhin haben wir es bis dorthin geschafft (Zwischenziel). Der Gegenwind, der uns von nun an ins Gesicht bläst, ist sehr anstrengend, aber der Ausblick auf die vielen Berge lässt uns nicht müde werden. Der sensationelle See Torneträsk liegt den ganzen Tag zu unserer Rechten und fasziniert mit seiner tiefblauen Farbe und den vielen (teils schneebedeckten) Bergen im Hintergrund.

Bei einer Pause treffen wir auf einen anderen Radler, der in der Gegenrichtung unterwegs ist und aus Uruguay kommt. "Moment mal, Uruguay?! Ja, wir haben schon von dir gehört ...!" und tatsächlich ist das der Radfahrer, von dem wir schon die wildesten Geschichten in Alesund gehört haben. Die Welt ist ein Dorf.


Torneträsk, der See auf dem Weg von Kiruna nach Narvik

In Bjørkliden müssen wir noch einmal einige Höhenmeter bezwingen, um zum Campingplatz zu kommen. Aber die Aussicht auf den See entschädigt dafür ...
Hier im Abisko Nationalpark sind sehr viele Wanderer unterwegs. Und da man auch mit dem Zug hier her fahren kann gibt es auch viele ausgeschilderte Wanderwege und sogar Skipisten im Winter.

An der Grenze zu Norwegen, in Riksgränsen, kaufen wir nochmal extra viel Schokolade ein (Preisunterschied!) und hören, dass wir vermutlich nicht bis nach Narvik fahren können, da an diesem Tag das Arctic Race ausgetragen wird, ein Profi-Radrennen, bei dem alle Strecken nördlich des Polarkreises liegen. Wir haben zwar Glück und die Polizei (oder das Militär?!) lässt uns als einzige passieren und so haben wir die sagenhafte Abfahrt nach Narvik ganz für uns alleine. Ich kann mich nicht erinnern, dort eine Bremse gebraucht zu haben ... in der Ferne sieht man schon die riesige Brücke, die durch den Fjord gebaut wird. Allerdings hat es - kaum haben wir norwegisches Land befahren - wieder angefangen zu ... (na was wohl!) REGNEN!

Wir machen Mittagspause in einem kleinen Bushäuschen direkt neben der Strecke und warten, bis der Pulk vorbei kommt. Mit einem Schnitt (!) von 44 km/h jagen die Rennradler an uns vorbei - das ist wirklich wahnsinnig! Und das, bei dem Terrain und dem Wetter ...


Arctic Race

Das Haus im Hintergrund haben wir uns dann für eine Nacht gemietet, war auch nicht teurer als eine kleine Hütte am Campingplatz ...

Durch das Rennen sind hier alle Straßen und Ortschaften mit angemalten Rädern geschmückt. Uns gefällt das sofort.


Fahrraddeko am Kreisverkehr

An den kommenden Tagen regnet es wieder sehr viel, und meist bläst ein richtig fieser und starker Gegenwind uns fast von der Straße. Insbeondere die Böen sind hier nicht zu unterschätzen.

Wir nehmen die große Brücke vom Festland zur Insel Hinnøya und fahren immer der E10 entlang. Der Verkehr hält sich in Grenzen und besonders viele Alternativen gibt es auch nicht. Die Buchten, die wir ausfahren, gefallen uns sehr gut, aber das Wetter muss irgendwas gegen uns haben ... Als wir um eine Hütte am Campingplatz in Gullesfjordbottn fragen, weist man uns ab, da alles schon belegt ist. Also beißen wir in den sauren Apfel und bauen das Zelt im Regen auf eine sehr feuchte Wiese auf. Da es keinen Aufenthaltsraum o. Ä. gibt, "beschlagnahmen" wir den Herrenwaschraum und kochen dort im trockenen. Da bis auf ein paar Leute, die in ihren Autos geschlafen haben, eh keiner da war, haben wir auch niemanden behindert.

Selbst am nächsten Tag bleibt es weiter regnerisch und es gesellt sich mal wieder ein sehr starker, böiger Gegenwind dazu. Eine Böe erwischt uns so krass, dass wir fast umfallen und es mir die Kappe vom Kopf bläst. Das Vorwärtskommen ist sehr anstengend. Als Entschädigung dafür sehen wir viele Regenbögen, da sich zwischen den Schauern die Sonne für einen kurzen Moment zeigt.


Regenbogen

Da der Wetterbericht noch mehr Regen angekündigt hat, nehmen wir - nachdem wir die erste Nacht gezeltet haben - eine Hütte in Vesterbotn und erholen uns bei selbstgemachten Waffeln mit Brunøst, der norwegischen Spezialität schlechthin.

Zwei Tage später kämpfen wir uns also voran bis Svolvaer. Unterwegs fahren wir durch einen fast 7km langen, mehrere kleinere Tunnel und den ersten Unterseetunnel per Rad. Eigentlich kein Problem, nur das rauffahren ist schon etwas ätzend. Gut, dass hier fast kein Verkehr mehr ist.
Die Kette rutscht bei zu viel Druck auf die Pedale auch schon durch, wir hätten sie wohl besser früher tauschen sollen. Unsere Annahme, diese über 7000km fahren zu können, wird also nicht bestätigt.

Angenervt von dem vielen Regen und den starken Böen entschließen wir, zur Steigerung der Motivation ein Hotelzimmer zu nehmen und freuen uns auf die kommenden zwei Tage, denn der Wetterbericht ist grandios!

Am nächsten Morgen stehen wir gut ausgeruht auf und staunen über die super Aussicht und das (endlich!) tolle Wetter:


Super Wetter in Svolvaer

Der ganze Tag ist fast Wolkenlos und die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite bei Temperaturen um ca. 10 - 15 Grad - arktischer Sommer!

Ein weißer Sandstrand mit tiefblauem Wasser lässt uns eher an die Karibik denken als an die Lofoten, aber baden ist uns trotzdem nicht zumute.


Karibik oder Lofoten?

Eigentlich haben wir uns vorgenommen, an diesem schönen Tag wandern zu gehen, aber da wir keine guten Wanderschuhe dabei haben, die Wege teils unter Wasser stehen und wir so viel Spaß am Fahren haben, wie schon lange nicht mehr, lassen wir uns einfach gemütlich die Straße entlang rollen und genießen die Traumbedingungen radelnd.






Der Baum könnte auch eine Palme sein ;-)

Wir nehmen jede Nebenstraße der E10 mit und finden einen schönen Kiesstrand, an dem wir eine Mittagspause einlegen und dem Wasser zusehen, wie es durch die Gezeiten uns näher kommt. Als der erste Zeh nass wird, packen wir zusammen und fahren weiter.


Mittagspause am Kiesstrand (wer findet die Möven?)

Hoch oben über unseren Köpfen sehen wir einige Seeadler ihre Kreise ziehen und erspähen ihre Nester in den Felsen. Immer wieder denken wir, wir könnten uns hier überall niederlassen, aber das Fahrrad rollt fast wie von selbst. In einem Wikingermuseum gibt es guten Kaffee und in einem Fjord sehen wir sogar ein altes Wikingerschiff.





Durch den letzten Unterseetunnel geht es problemlos und am tiefsten Punkt hören wir über uns auch das Wasser gluckern - ob das so sein soll?! "It's a Feature, not a Bug!"

Für die Mitternachtssonne ist es zwar schon etas zu spät (Mitte August), aber dennoch freuen wir uns so sehr auf den Sonnenuntergang hier auf den Lofoten, dass wir unseren Campingplatz mit Bedacht wählen und werden am Sandstrand mehr als belohnt:





Das Wetter am darauffolgenden Tag ist in der ersten Hälfte wieder super, doch dann soll es schlechter werden und auch an den kommenden Tagen soll es wieder sehr viel regnen. Also beschließen wir früh aufzustehen, um schon am Mittag in A zu sein, dem letzten Ort der Lofoten und dem Ende der E10.





Immer noch leben die Leute hier auf den Lofoten vom Fischfang und vom Tourismus. Alle Holzgestänge, an denen sie ihre Fische aufhängen zum trocknen, sind bereits leer, aber der stechende Fischgeruch ist trotzdem allgegenwärtig. Die vielen schmalen, aber langen Brücken bei Reine gefallen uns gut und wir treffen eine Frau wieder, mit der wir bereits in Jokkmokk am Campingplatz ein bisschen gequatscht haben. Sie ist ganz außer sich und freut sich, dass wir es doch noch bis hier her geschafft haben. Sie selbst hat mit ihrem Camper noch einen Schlenker über Tromsø gemacht.

In Mosekenes mieten wir uns erstmal eine Hütte für drei Tage, um genügend Zeit zu haben, die Gegend zu erkunden. Zwischen all den viele Schauern hat man doch ein wenig Zeit, ein bisschen umher zu fahren. Die Zeltwiese ist schon ziemlich nass und die vielen Wanderer hier tun uns schon ziemlich Leid. Ihr Urlaub ist wohl auch "ins Wasser gefallen".

Ein französisches Paar hat sich in Tromsø ein (ziemlich gutes) Tandem gemietet und ist mit Anhänger bis hier her gefahren. Natürlich haben wir einiges mit den beiden zu besprechen und testen mal wieder unsere sehr eingerosteten Französisch-Kenntnisse, oder besser: Französisch-Unkenntnisse schmunzel


Am Ende der E10 und den Lofoten, in A




Absolut diebstahlsicherer Fahrradstellplatz - bei Flut allerdings etwas feucht


Der zurückliegende Teil der Lofoten im Dunst

Die Rückfahrt

Mittlerweile ist schon Ende August und es zieht uns wieder zurück in die Heimat. Wir haben unser Ziel, die Lofoten, auf spannenden Umwegen erreicht, wunderschöne Eindrücke bekommen und machen uns schon Gedanken über das Leben danach: da wir Job und Wohnung für die Tour gekündigt haben, müssen wir in München beides finden (ohje) und möchten eigentlich dafür mehr als nur 2 Wochen haben, also planen wir unsere Heimreise: mit der Fähre nach Bodø, von Dort mit dem Zug nach Oslo über Trondheim, mit der Fähre nach Kopenhagen, bis Rostock nochmal Radeln und ab dort mit dem Zug nach Hause.

Aus irgend einem Grund hat das Vorbuchen des Fahrradtickets nicht geklappt und der Schaffner erklärt uns, dass sein Radabteil schon voll wäre. Als wir ihm unseren Fall jedoch schildern und auch die Buchungsbestätigung vorweisen können, lässt er uns unser Tandem dennoch mitfahren, "wir finden da schon ein Plätzchen".
Die Fahrt mit dem Zug ist sehr schön, wir sehen wieder einige neue Gegenden in Norwegen und auch den ersten (!) Elch. Beim Umstieg in Trondheim vergessen wir unseren Schirm (den wir seit Umea mit uns führen) mitsamt dem getapten Zeltgestänge und machen ein paar Schaffner verrückt, da der Zug bereits weitergefahren ist. Als wir es schon aufgegeben haben entdecken wir etwas komisches längliches in einem der am Bahnsteig stehenden Müllbehälter und atmen auf: scheinbar hat jemand unsere Sachen gefunden, den Schirm eingesteckt aber das wichtigste, unser Zeltgestänge, einfach in den Müll geworfen.

Im Nachtzug haben wir Pech und haben Sitznachbarinnen, die sich ziemlich breit machen und uns fällt schwer, richtig zu schlafen. Als wir übermüdet am Morgen in Oslo ankommen frühstücken wir am Bahnhof und warten, bis die ersten Cafes aufmachen. Danach fahren wir ein bisschen umher, besuchen den Frognerparken sowie die Akershus-Festning und vertreiben uns die Zeit bis zum späten Nachmittag, wenn unsere Fähre ablegt.

Es hätte auch eine Fähre von Oslo nach Kiel gegeben, aber 450 Euro waren uns zu teuer. Die nach Kopenhagen kostet nur ein Fünftel davon und wir bekommen sogar als Geschenk eine Außenkabine. Da wir aber von der schlaflosen Nacht im überfüllten Nachtzug hundemüde ins Bett fallen und bis zum Morgen (trotz etwas Seegang) durchschlafen, kommen wir gar nicht dazu viel aus dem Fenster zu schauen.

In Kopenhagen muss irgend eine Art Fest statt gefunden haben, denn die Straßen in der Stadt sind sehr dreckig und obwohl wir uns auf die "Welthauptstadt des Fahrrads" gefreut haben, finden wir die Gegend, in der wir sind, alles andere als toll. Das Wetter ist auch etwas dürftig, also radeln wir einfach drauf los - bis Rostock sind es 2 Tage.
Als wir bei Vordingborg eine 4 km lange Brücke bei 60km/h Seitenwind überqueren müssen, entscheiden wir uns zu schieben. Der Radweg ist zu schmal für die Schlenker, die wir machen müssen. Sobald ein Schild am Geländer hängt, bricht der Seitenwind ein und wir schlingern nur noch umher. Selbst Schieben ist hier sehr anstrengend.



In Rostock angekommen schockt uns erstmal wieder der deutsche Verkehr: zu viel und alles zu hektisch. Da wir keine gute Verbindung mehr an dem Tag bekommen und unser Antrieb keine Weiterfahrt möglich macht, bleiben wir noch eine Nacht und können dann am nächsten Tag mit nur 4 Mal Umsteigen heim fahren. Selbst im IC war Platz für unser Tandem und wir sind ohne einer Minute Verspätung wieder im Süden angekommen. Gerne wieder, liebe Bahn schmunzel


Tandem im IC

Zusammenfassung:
- Norwegen ist ein superschönes Land mit Bergen so weit das Auge reicht und sehr abwechslungsreichen Landschaften. Jederzeit einen Besuch Wert.
- (Nord-)Schweden ist auch schön, aber eher langweilig mit dem Rad und verglichen mit Norwegen eben nicht so spannend. Das Grenzgebiet zu Norwegen ist jedoch auch sehr lohnenswert, insbesondere die vielen Nationalparks locken zum Wandern und Verweilen.
- Die Lofoten sind - bei gutem Wetter - absolut genial. Auf 6 Tage Regen kamen bei uns 1,5 Tage Sonnenschein, also eher gut dafür rüsten.
- Der Sommer 2017 war in ganz Skandinavien einer der schlechtesten. Viele der Einheimischen haben das geäußert und waren genauso frustriert wie wir. Umso mehr lernt man die Sonne schätzen schmunzel
- Die vielen Pannen auf der Tour haben uns manchmal zur Verzweiflung gebracht, aber man nimmt es wie es kommt und so lernt man an seinen Herausforderungen. (ein paar kleinere Pannen habe ich noch gar nicht erwähnt ...)
- Immerhin waren die Mücken nicht so aufdringlich, meist waren wir sogar gänzlich davon verschont. Nur diese kleinen, 1-2mm großen Kriebelmücken waren sehr häufig in Scharen da und haben es unmöglich gemacht, draußen zu bleiben. Einmal haben wir auch während der Fahrt eine Fliegenplage gehabt, aber der hintere kann ja am Tandem immer auf den Vordermann draufhauen schmunzel






























Viele Grüße, Chris

Geändert von Juergen (20.01.18 08:35)
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#1319666 - 26.01.18 18:17 Re: Skandinavien mit dem Tandem - Sommer 2017 [Re: ChristianCW]
benki
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Beiträge: 354
bravo Danke für den schönen Reisebericht und die tollen Bilder. Eine Tandemtour ist schon etwas sehr spezielles und bestimmt wart ihr der "Hingucker" erstaunt
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#1319679 - 26.01.18 20:57 Re: Skandinavien mit dem Tandem - Sommer 2017 [Re: ChristianCW]
rolf7977
Mitglied
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Beiträge: 1048
Danke für den schönen Bericht. Wir sind auch mit Tandem unterwegs.

Rolf (und Dorothee)
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#1320028 - 29.01.18 13:20 Re: Skandinavien mit dem Tandem - Sommer 2017 [Re: ChristianCW]
theslayer90
Mitglied
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Beiträge: 139
Grandioser Bericht!
Mit dem Wetter kann ich es nachvollziehen, ich war umrund zur selben Zeit wie eure Norwegen-Regenperiode vom Nordkapp zurück nach Kiruna unterwegs, es war schon ziemlich eklig.

Speziell die Fotos von Gällivare, Jokkmokk und Kiruna zu sehen bringen mein Herz zum leuchten. Die Strecke von Gällivare nach Kiruna war schon ordentlich langweilig, ich weiß was ihr meint. Entschädigt wurdet ihr (und ich auch) ja mit der Fahrt entlang des Torneträsk, ich fand die Stelle unglaublich beeindruckend.

Schön, dass ihr auf den Lofoten einigermaßen annehmliches Wetter hattet, ich erinnere mich an eine deprimierende Mittagspause in Svolvaer, völlig durchnässt. Viel gesehen habe ich von den Inseln nicht, wurde erst besser, als ich die Inseln nördlich davon erkundet habe.

Zitat:
Der Sommer 2017 war in ganz Skandinavien einer der schlechtesten. Viele der Einheimischen haben das geäußert und waren genauso frustriert wie wir. Umso mehr lernt man die Sonne schätzen

Oh ja, das wurde mir auch öfters gesagt, war wohl nicht ganz das, was sich für eine Radreise gewünscht hat, aber hilft ja nix ;-)

Schön zu sehen, dass ihr relativ spontan in eurer Planung wart, und so gut auf Veränderungen, Wetter und Pannen reagieren konntet.

Danke für den tollen Bericht und die schönen Bilder, ihr habt mich gerade 20 Minuten in Erinnerungen schwelgen lassen...

Grüße
Daniel
Derzeit auf der Reise zum Nordkapp, gebloggt wird unter: www.longingforthehorizon.wordpress.com
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