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#1374314 - 11.02.19 21:57 Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura
veloträumer
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Beiträge: 14553
Dauer:1 Monat, 9 Tage
Zeitraum:17.6.2004 bis 25.7.2004
Entfernung:3877 Kilometer
Bereiste Länder:adAndorra
frFrankreich
esSpanien

Tour de France 2004

Languedoc – Pyrenäen – Aquitanien – Auvergne – Bresse – Jura – Oberrhein
Montpellier – San Sebastián – Lyon – Offenburg

Tourdauer: 39 Tage, davon 2 Ruhetage
Gesamt-Distanz: 3877 km
Durchschnitt: 105 km/d (nur Fahrtage)

! Dieser Bericht basiert auf einem originalen Teilbericht aus dem Jahre 2004, ergänzt und überarbeitet im Jahre 2019 und ist ohne Bilder!


Inhaltsverzeichnis

TdF-1 Krisenbaustelle Bahneuropa, nacktes Stranderleben, vom Winde verweht: Anreise & Languedoc mit Corbières

TdF-2 Mandelkekse, schmale Schluchten, Gipfeltanke für Schnäppchenjäger, gelbsüchtige Ginsterteppiche: Im Dreiländerkreuz der Ostpyrenäen durch die Aude-Schlucht über die Cerdagne und Andorra in das Val d‘Aran

TdF-3 Pässemythos „Le Cols de Légende“, Welttheater der ergreifendsten Erdenschönheiten, exzellente Landgastküche: Die mittleren französischen Pyrenäen auf der großen Pässestraße mit Abstechern in die Vorpyrenäen und den Cirque de Gavernie

TdF-4 Verwegene Geierschluchten, entlegene Bergdörfer, rauschende Kaskaden: Die aragonesischen Pyrenäen mit einer Wanderexkursion im Nationalpark Ordesa

TdF-5 Grüne Schafshügel, elegante Städte, Muschelbuchten, Farbenfachwerk, Schinkenbaguette und Pfefferschokolade: Baskische Streifzüge durch Navarra, San Sebastián und Labourd

TdF-6 Riesendünen, Kiefernwälder, Austernschlecken, Salzbonbons, Mangrovendschungel und exklusive Weinkultur: Flaches Zwischenspiel in der atlantischen Gascogne

TdF-7 Gänseleber, Trüffelaroma, Walnusskerne, Höhlenpinakothek, Trauerweiden und mäandernde Flussidylle: Das Périgord und Quercy im Spiegel von Dordogne und Lot

TdF-8 Tour de France vice versa Tour de France, geometrische Vulkankegel, liebliches Seenland, angeregte Froschschenkelgespräche und knarzende Bettgestelle: Das Zentralmassiv mit dem Cantal und der Auvergne

TdF-9 Stille Wasserlandschaften, mystische Wälder, Anglerparadiese, Museenkunde mit Radgeschichte, quirliges Städteleben: Von der Rhone durch die Teichlandschaft Bresse, den westlichen Jura und entlang dem Doubs zur Burgundischen Pforte in den südlichen Oberrheingraben


Einleitung und Zusammenfassung

Gewiss, meine Tour de France über 5 ½ Wochen durchkreuzte nicht ganz Frankreich, sondern nur Südwest-Frankreich, Teile Zentralfrankreichs und die Rhein-Rhône-Pforte, eine Woche davon führte sie durch Spanien. Der „echten“ Tour de France der Profis bin ich im Zentralmassiv absichtlich entgegen geradelt, um sie am Nationalfeiertag im Herzen Frankreichs (St-Flour) am Tag der längsten TdF-Etappe abzupassen – außer leergefressene Teller und Journalistenüberhang habe ich dort aber nichts bewundern können. Eine echte Frankreichtour ist es auch deswegen gewesen, weil ich viele Kernlandschaften Frankreichs bereiste – mit enorm reichen Eindrücken von Landschaften und Kultur.

Nebst eines kurzen Intermezzos in Frankreichs Metropole Paris ging es vom küstensäumigen Languedoc am Mittelmeer ins weinrebengeprägte Corbières, weiter in die Hochpyrenäen ebenso wie in die Hügellandschaft der Vorpyrenäen, in die französisch-spanischen Mischregionen, die sich durch eine sehr eigenständige Kultur auszeichnen – Katalonien und Baskenland (und dem überwiegend baskischem Navarra) – dazwischen durch die Provinz Aragonien und den etwas kuriosen Zwergstaat Andorra, vom „Rio“ der Biskaya zur Welthauptstadt der Schokolade – so gesamt gesehen in der Ost-West-Achse auch meine erste große Pyrenäen-Tour (und sollte längst nicht die einzige bleiben) –, an den aufgewehten Dünen und schier endlos erscheinenden Kiefernwäldern der südwestlichen Atlantikküste entlang, in die Metropole des Inbegriffs für französische Wein- und damit Lebenskultur – Bordeaux, durch eine der nobelsten Weinregionen in der Umgebung des mittelalterlichen Städtchens St-Emilion, durch eine der kulinarischen Hochburgen Frankreichs – dem Périgord, gleichzeitig reich an „malerischen“ Orten frühmenschlicher Geschichte im Zeichen des Cro Magnon, entlang idyllisch-schweigsamer Wasserläufe wie Dordogne und Lot mit sehenswerten Burgen und Schlössern, dazwischen das Quercy mit seinen Wiesen und Tälern über unterirdischen Wasseradern, danach in das vulkanische Gebirge – das Zentralmassiv, das größte Gebirge, das Frankreich nicht mit Nachbarn teilen muss – henauer die Auvergne (i.w.S.) vom südlichen rauen Cantal bis in die nördliche, liebliche Auvergne (i.e.S.), weitere Abstecher an die zentralen Flussadern Frankreichs, der Rhône und der Saône einschließlich Frankreichs Gourmet-Hauptstadt Lyon, alsdann durch die Landschaft der Bresse mit den vielen kleinen teichähnlichen Seen, durch den westlichen Teil des Jura mit seinen dunkelmoorig-mystischen Gewässern nebst der rau-windigen Hochebenen und entlang an der zentralen jurassischen Flussader, dem Doubs, in die Städte bedeutender Festungen wie Besançon und Belfort, in die Städte der französischen Werkzeug-, Fahrrad- und Autoindustrie mit Peugeot und Renault – Montbéliard und Mulhouse, womit ich letztendlich auch noch das Elsass mit seiner deutsch-französischer Geschichte gestreift habe, die Tour endgültig nach der Durchfahrt oberrheinischer Auenwälder und einer Exkursion durch das badische Weinanbaugebiet am Kaiserstuhl bei Breisach in der Ortenau in Offenburg beendet; – Satzende, Kurt Tucholsky lässt grüßen – jetzt darf man Luft holen!

Reiseverlauf kurz: Stuttgart || Montpellier – Cap d'Agde – Narbonne – Durban – Gorges de Galamus – Quillan – Gorges de l’Aude – Saillagouse – Port d'Envalira – Andorra la Vella – La Seu d'Urgell – Sort – Vielha – Bagnères-de-Luchon – Arreau – Castelnau-Magnoac – Arreau – Col du Tourmalet – Luz-St-Saveur – Gavarnie – Lourdes – Pau – Nay – Col du Soulor – Laruns – Biescas – Torla/Valle de Ordesa – Fanlo – Valle Anisclo – Ainsa – Puerto del Sarrablo – Jaca – Berdún – Zuriza – Isaba – Burgui – Lumbier – Urroz – Pamplona – Lesaka – Oyarzun – San Sebastián – Bayonne – Arcachon – Bordeaux – Bergerac – Montignac – Sarlat-la-Canéda – St-Cyprien – Souillac – Rocamadour – Cahors – Vallée du Lot – Entraygues – Thérondels – St-Flour – Murat – Pas de Peyrol/Puy Mary – Mauriac – Bort-les-Orgues – Gorges de la Rhue – Condat – Lac Pavin – Lac Chambon – Lac de Guéry – Lac d'Ayat – St-Saturnin – Clermont-Ferrand – Ambert – Montbrison – Neuville/Saône – Lyon – Bourg-en-Bresse – Chavannes – Orgelet – La Champagnole – Salins-les-Bains – Besançon – Montbéliard – Belfort – Mulhouse – Neuenburg – Breisach – Offenburg || Stuttgart

Ausstattung: Reiserad Nishiki (Randonneur), 21-Gänge, Rennlenker, 32 mm Reifen (28 Zoll), Schutzbleche, Cantilever-Bremsen, Lichtanlage, Ständer, 2 Trinkflaschen, 1 Lenkertasche, 2 Lowrider, 2 Backpacker (jeweils wasserabweisen, mit Regenhüllen) , inkl. Zelt, Schlafsack, Luftmatraze, Kleidung, Ersatzschlauch, Werkzeug, Kamera, 7-8 Filme, 8 Karten, 5 Reiseführer, var. Proviant, Sonstiges, Gesamtgewicht: ca. 35-40 kg

Karten: 7 x Michelin 1:200 000 (F) bzw. 1:400 000 (Aragón/Cataluña), 1 x Falk 1:200 000 (SW-D)

Literatur: Pyrenäen-Handbuch (Reise Know-How), Südwest-Frankreich per Rad (Cyklos), FKK Reiseführer 1995 (Fink-Kümmerly+Frey), Reisewörterbücher Spanisch (Pons/Klett) & Französisch (Langenscheidt)

Hinweis & Anschlussberichte jüngerer Zeit: Ein originaler Bericht anhand von Aufzeichungen existiert leider nur zum ersten Teil der Reise bis Bergerac, der darauf folgende Teil ist kürzer gehalten und in der Retrospektive aus dem Heute heraus und unter Verlust einiger Erinnerungen verfasst. Da ich damals noch analog fotografiert habe, müssten Fotos eingescannt werden, was ich zeitlich nicht absehen kann jemals noch zu tun. Der Text ist indes doch noch interessant, wie sich Sichtweisen einerseits ändern, aber auch noch vieles Bestand hat. Insofern möchte ich die Lektüre nicht in Schubladen verschimmeln lassen. Wer Bilder zur Tour sucht, wird auch manche finden, denn es war ja keinesfalls die einzige meiner Reisen an hier vorgestellte Plätze. Insbesondere die Pyrenäen wurden Ort von häufiger Wiederkehr. Ähnliches lässt sich vom Jura sagen, von den heimatnahen Schlussregionen Elsass und Oberhein ganz zu schweigen. Die wichtigsten weiterführenden Links mit Schnittstellen von mir hier bisher berichteter Touren seien daher gemäß aktuellem Stand gelistet:

Pyrenäen: Die Legende von Pirineosaurus (Perpignan – Hendaye 2014 F/E)

Pyrenäen: Pyrénées Cathares-Catalán (Narbonne – Lourdes 2011 F/E/AND)

Pyrenäen: Vuelta Verde (Porto – Bilbao – Cerbère 2008 P/E/F)

Jura/Doubs: La Grande Boucle du Doubs (2016/2017)

Jura-Anschluss Ost: Große Juraprüfung 2012

Burgundische Pforte Belfort/Mulhouse: Vogesen-Tripel 2012 & die Folgen (I. Südvogesen & Sundgau/Tour du Ballon de Servance)

Fortsetzung folgt
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias

Geändert von veloträumer (11.02.19 22:13)
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#1374315 - 11.02.19 21:59 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
veloträumer
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TdF-1 Krisenbaustelle Bahneuropa, nacktes Stranderleben, vom Winde verweht: Anreise & Languedoc mit Corbières

Do, 17.6. Stuttgart || NZ 23:31-7:03 || Paris Gare de L'Est – Paris Gare de Lyon || TGV 8:24-11:43 || Montpellier – Mèze – Cap d'Agde (80 km)

Die Vorgeschichte der Zugfahrt ist ein wenig abenteuerlich, ein Stück Zeitgeschichte, aber immer noch ein wenig aktuell. Tickets für den Nachtzug von Deutschland nach Paris oder den EC nach Lyon kann man problemlos bei der Deutschen Bahn AG buchen – auch die Plätze fürs Fahrrad. Nicht so jedoch für Züge, die in Frankreich starten. Zwar kann man auch die Personentickets buchen, aber nicht Stellplätze für Fahrräder. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Nachtzug ab Straßburg (nach Arles oder Avignon) handelt oder um einen TGV ab Paris nach Süden. Längst nicht alle TGVs verfügen über eine Fahrradmitnahmemöglichkeit (kostet 10 €). Das muss man vorher über die Homepage der SNCF recherchieren. Die DB-Auskunft kann das weder im Internet noch am Schalter. Zwar kann man über eine (deutschsprachige) Hotline die Fahrradreservierung vornehmen, die Zahlung ist aber nur per Kreditkarte oder bei Abholung an einem französischen Bahnhof (mit einer Vorbuchungsfrist) möglich. Fahrradtickets für Züge aus Deutschland nach Frankreich sind aber auch hier nicht buchbar. Als Nichtbesitzer einer Kreditkarte konnte ich das Problem nur zufällig und über drei Ecken lösen. Eine Bekannte einer Bekannten einer Arbeitskollegin arbeitet und wohnt in Paris. Diese erklärte sich bereit, das TGV-Ticket mit Fahrrad auf Vorkasse für mich zu besorgen. Nette Erfahrung und Glück gehabt, zum Dank gabs natürlich auch eine Postkarte mit baskischem Tanzfest. Es spricht aber nicht für ein vereintes Europa, für die deutsch-französische Zusammenarbeit und die Bahngesellschaften – da ist noch Verbesserungsbedarf für den grenzüberschreitenden Reiseverkehr – vor allem für den global stigmatisierten „Sonderling“ Radfahrer.

Die Zugreise als solche war unkompliziert. Ein bisschen wenig Platz gab es beim Schlafen schon bei vier Personen im Sitzabteil – aber im TGV kann man ja auch nochmal eindösen. Die Fahrt mit Fahrrad durch das morgendliche Paris ist überraschend angenehm und zügig möglich. Die Straßen sind breit, der Verkehr geringer als erwartet und zudem darf der Radfahrer auch noch die freien Busspuren benutzen. Am Gare de Lyon gibt es ein unfangreiches Angebot an Snacks – alle Wünsche werden erfüllt. Der TGV fährt ohne Halt nach Montpellier durch.

Fluganreisen sind für Reiseradler verkehrsstrategisch meist günstiger, weil die Flughäfen außerhalb der Städte liegen und man sofort auf die Piste gelangt, falls nicht gerade reine Autobahnbeschilderung die Orientierung erschweren sollte. Mit dem Zug aber gelangt man mitten in die Städte – und das mittelgroße Montpellier macht es mir besonders schwer. Zunächst erschweren Einbahnstraßen und Fußgängerzonen den Weg. Ich fahre der Nase nach, weil es eine vernünftige Ausschilderung nicht gibt. Weiter draußen wird es ungemütlich. Heftiger Verkehr auf den Ausfallstraßen wirbelt in der Mittagshitze Staub auf, Abgase und wenig Platz auf den Fahrstreifen machen wenig Freude. Selbst für Autofahrer ist die Ausschilderung schwierig. Dann kommen Straßen, auf denen offiziell keine Fahrräder zugelassen sind. Auch durch Nachfragen bei Baurabeitern kann ich keine Alternativroute erkunden. Also muss ich auf die Autopiste. Durch die umständliche Umfahrung habe ich in St-Jean bereits fasst die doppelte Kilometerzahl gegenüber meinen Plandaten.

Endlich auf der normalen Landstraße, beginnt eine leicht wellige Fahrt, in der Hitze bereits eine schwere Arbeit mit dem Lastesel unter meinem Sattel. Ich habe bewusst die Route auf der meerabgewandten Seite des Bassin de Thau gewählt. Zum einen bin ich auf der Tour Languedoc/Roussillon vor vier Jahren bereits die Straße an der Meerseite entlang gefahren, zum anderen ist die damit verbundene Durchfahrt der Hafenstadt Sète ebenfalls ungemütlich. Jetzt oberhalb vom Bassin, eine Erfrischung an einer Tankstelle einnehmend, erscheinen die Fischreusen in dieser regelmäßigen, überzähligen Anordnung durch die flimmernde Luftspiegelung fast unwirklich.

Nach dieser ganz eigen geschaffenen Wasserlandschaft durch die Fisch- und Muschelwirtschaft zieht sich die Strecke wieder durch ein recht ödes Ackerland, meist Weinanbau. Ich strebe auf den Berg bei Agde zu, der 111 m aufragt, mit einem Gebilde ähnlich einer Teleskop-Station obenauf, was ihm ein charakteristisches Bild verleiht. Von Agde muss ich wieder zurückradeln Richtung Cap d’Agde, dazwischen liegt sogar noch eine leichte Steigung, die mich jetzt nach der Hitzefahrt deutlich schlaucht, auch weil die prognostizierte Streckenlänge doch deutlich überschritten ist – es ist eine echte und keineswegs einfache Halbtagesetappe geworden. Am allerletzten Zipfel befindet sich schließlich das Naturisten-Dorf von Cap d’Agde – was mir acuh schon bekannt ist.

Vormals nahm ich in einem der Apartment Quartier, jetzt verweile ich auf dem Campingplatz. Dieser ist trotz Vorsaison schon recht gut besucht. Ansonsten ist das meiste wie gewohnt. Durch die separate „Eintrittsgebühr“, die sich erst bei längerem Aufenthalt amortisiert, und die hohen Platzpreise ist dies allerdings auch ein nicht ganz billiger Platz. Die Restaurantpreise sind o.k., in den Supermärkten und Geschäften legt man allerdings gegenüber draußen drauf. Ein Paradies für Nackte, nicht nur am Strand, sondern auch durch Geschäfte wandelnd und in den Restaurants sitzend. Abends ziehen sich die meisten schon was über – es wird doch immer wieder ein wenig kühl – die ganz lauen Nächte folgen meist erst später im Sommer. Schließlich dient der Abend auch als Flaniermeile für erotische Kleidung, Glitzerndes, Durchsichtiges, Luftiges, Stringtangas, Lack und Leder und und und ... – entsprechende Shops finden sich hier genügende.

Fr, 18.6. Cap d'Agde (0 km)

Außer für ein paar Versorgungsfahrten auf dem riesigen Gelände steht das Reisegefährt heute still. Eigentlich kein klassischer Ruhetag, weil ich ja noch keine große Strecke zurückgelegt habe. Also ein echter Ferientag – besser: Strandtag. Das Wetter spielt mit, allein der Wind ist recht bissig und treibt viel Sand ins Gesicht. Neben dem Familienstrand gibt es in Cap d’Agde einen recht freizügigen Abschnitt, an dem die offene Liebe in allen Schattierungen praktiziert wird. Das lockt auch eine Swingerszene an, die sich entsprechend abends weiter vergnügt. Ungeachtet dessen ist hier aber auch ein gesitteter Familienurlaub möglich, denn das Gelände ist weitläufig und verfügt neben Mietwohnblocks und Hotels auch über einen kleinen Hafen. Als ein „Tour de France“-Radler ist man sicherlich hier Exot und ich ziehe trotz der Vergnügungsmeilen einen ausgeschlafenen Start am nächsten Tag vor. So langweilig sind Radler.

Sa, 19.6. Cap d'Agde – Serignan – Narbonne – Durban – Maury – St-Paul-de-Fenouillet (156 km)

Ein bedeckter Himmel und Wind kündigen einen Wetterwechsel an. In Vias verschwindet die milchige Sonne gänzlich. Möglicherweise bleibt es Richtung Meer leicht bewölkt, ich fahre aber in dunklere Wolken hinein, leichter Niesel inklusive. Es gibt keine echte Meerroute, Brackwasserseen und Flussmündungen unterbrechen den Weg, die Hauptroute für Autos führt über Beziers und die Nebenroute dazwischen ist manchmal schwierig zu finden. Ich verfahre mich auch ein wenig auf dem Weg nach Serignan, extremer Gegenwind gibt mir das Gefühl nicht voranzukommen. Leichte Hügel führen weiter über Fleury nach Narbonne, wo tief-dunkle Wolken eine triste Stimmung beschwören.

Auch Narbonne kenne ich bereits von meiner Tour vier Jahre zuvor. Der Wind wird noch stärker, doch der Regen bleibt glücklicherweise aus. Nach einem Stück Nationalstraße fahre ich über die D 611 in das schöne, fast liebliche Tal der Berre ein – die Hügel des Corbières, immer wieder mit Rebstöcken bestückt, zeigen ein geschmeidiges, grünes Bild der niederen Vorpyrenäen. Die Fahrt über den Col d’Extréme (251) ist leicht (nomen non est omen) – lockere Steigung, das Tal hält den Wind ein wenig ab und ein spärliche Sonne blinzelt. Bei einer kurzen Pause an der Berre entdecke ich einen Eisvogel – es ist der erste, den ich jemals gesehen habe. Auf der anderen Seite wird der Wind wieder extrem stark, von Paziols bis in die Nähe von Estagel kreuze ich ein letztes Mal meine Tour von vor vier Jahren.

Jetzt schlage ich auf der D 117 den Weg nach Westen ein. Der Wind kommt nun frontal mir entgegen und erreicht annähernde Sturmstärke. Obwohl ich bis jetzt ordentlich vorangekommen bin – auch weil ich witterungsbedingt keine längeren Pausen eingelegt habe – bricht Zeit und Moral ein. Ich sehne mich nach Maury – acht Kilometer Ewigkeit! Dann Frustration pur: der Campingplatz ist geschlossen, im Ort gibt es sonst keine Unterkunftsmöglichkeit und es wird bald dunkel. Ich muss weiterkämpfen, nochmal acht Kilometer – nein, nicht einfach acht Kilometer, nicht einmal acht Kilometer einen steilen Berg hinauf – nein, schlimmer: acht Kilometer gegen das Infernal Wind – demoralisierend und auszehrend, auch bereits auskühlend. Ich erreiche im Dunkeln schließlich St-Paul, komme überraschend trotz des Windes auf die längste Etappe meiner Tour. Der Camping ist offen (Rezeption natürlich nicht mehr besetzt) – wundersam glücklich bekomme ich sogar noch ein gutes Entrecôte in einem kleinen einfachen Lokal – hier in der Provinz gegen zehn Uhr keine Selbstverständlichkeit. Erst danach schlage ich mein Zelt auf, der Platz ist windgeschützt.

Fortsetzung folgt
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Matthias

Geändert von veloträumer (11.02.19 21:59)
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#1374316 - 11.02.19 22:00 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-2 Mandelkekse, schmale Schluchten, Gipfeltanke für Schnäppchenjäger, gelbsüchtige Ginsterteppiche: Im Dreiländerkreuz der Ostpyrenäen durch die Aude-Schlucht über die Cerdagne und Andorra in das Val d’Aran

So, 20.6. St-Paul-de-Fenouillet – Col du Linas (680 m) – Col de St-Louis (687 m) – Quillan – Col de la Quillane (1714 m) – Mont Louis (121 km)

Wer zuletzt ankommt, geht auch als Erster – nach diesem Motto ward ich auf dem Wege. St-Paul ist ein kleiner Ort und doch gleich für zwei Dinge bekannt: Es gibt einen sehr noblen, teuren Wein hier und ausgezeichnete Mandelkekse. An letzteren komme ich nicht vorbei – sie sind ziemlich hart, aber ausgesprochen delikat aromatisiert – ein ausgezeichnetes Kaffeegebäck und außerdem sehr haltbar: einige Kekse überstanden die ganze Tour sehr gut, also auch die heißen Tage.

Von heißen Tagen bin ich heute Morgen aber weit entfernt. Dunkle Wolken, ein wenig Regen und weiterhin heftiger Wind begleiten mich hinauf bis zur Einfahrt in die Gorges de Galamus. Hier ergeben sich Panoramablicke auf die Bergkette der östlichen Pyrenäen Richtung Süden. Die Wolken lassen die Gipfel jedoch nicht richtig frei werden. Dann versuche ich in die Schlucht einzufahren. Ein Schild warnt vor gefährlichen Winden. Ich lächle – schließlich fahre ich nun schon einige Zeit gegen heftigen Wind und so stark wie gestern Abend ist das wohl kaum zu toppen. – Aber weit gefehlt! – Die enge Schlucht wirkt wie ein Windkanal. Der Wind lässt mich stehen bzw. reißt mich vom Rad. Ich versuche das Rad zu schieben. Locker gehalten treibt der Wind das Rad zurück, sogar die Straße nach oben. Ich komme nicht durch die Pforte der Schlucht. Ein wenig Warten hilft jedoch. Ein windschwache Phase nutze ich, schnell die ersten 300-400m zu durchfahren, danach nimmt die Kanalwirkung wieder ab. Wenigstens entschädigt die fantastische Schlucht für das grausame Wetter.

Am Ende der Schlucht hinauf Richtung Col du Linas – ein klassischer Mittelgebirgspass mittlerer Schwierigkeit – setzt der Regen stärker ein, es bleibt allerdings fahrbar. Die grünen Pyrenäenhügel verschwinden in nieseligen durchhängenden Wolken. Die Kühe und Ziegen ertragen geduldig das ungemütliche Nass. Noch in der Abfahrt biege ich ab zum nächsten Mittelgebirgspass ähnlicher Art, bei etwas besser werdendem Wetter. Eine Ziegenherde kreuzt die Straße, jeder Hof hier bietet Ziegenkäse an. Die Ziegen sind eigentlich recht feige Tiere. Sie stellen sich den Autos etc. in den Weg, laufen dann aber auch wieder durchdrehend von dannen – meist sehr unkoordiniert. Das ist bei Abfahrten sogar gefährlich, weil sie dann nicht von der Straßen springen, sondern genau vor das Rad. Man muss also immer schon vorbremsen, um noch reagieren zu können.

Eine Brücke ist gesperrt, kein Vorbeischleichen ist möglich, sodass ich einen weiteren kleinen Berg nehmen muss. Unten in Quillan an der Aude tritt die Sonne aus den Wolken hervor und ermöglicht einen köstliches Broschette mit Poulet in angenehm wärmender Atmosphäre zu kosten. Es ist aber nur ein kurzes Intervall. Nunmehr führt die Route durch die Schlucht der Aude entlang, kurz nach Axat beginnt der spektakulärste Abschnitt der Aude-Schlucht. Die Felswände ragen unmittelbar an die Straße, ja sogar verläuft die Hälfte der Fahrbahn brückenartig über dem Fluss um überhaupt sich durch den Felsspalt zu winden. Es folgt eine lange, nur leicht ansteigende Fahrt durch die nunmehr waldreiche Schlucht. Mit dem dann steiler werdenden Anstieg durchfahre ich verschiedene Vegetationsstufen des Capcir. Unten herrscht Mischwald vor, es folgt ein ausgeprägter Buchenwald, dann zeigen sich die Wiesen mit moosüberzogenen Steinen, lichter Nadelwald mutet fast kanadisch an und schließlich öffnet sich eine Wiesenhochebene, die später nochmal von einem Nadelwaldstreifen durchzogen wird.

Auf der Hochebene ist es bitterkalt, immer noch windig und ich brauche mehrere Kleiderschichten, um überhaupt weiterfahren zu können. Ich probiere noch ein paar gazeartige karamelisierte Gebäckkreationen in Formiguères, denke auch schon mal daran die Etappe abzubrechen. Doch ein Kerl, der solche Reisen tut, nimmt auch noch weitere ungemütliche Kilometer wie hier zum Col de la Quillane in Angriff. Der letzte Teil ist nicht so steil. Auf meiner rechten Fahrtseite schweifen die Blicke über ein Tal hinüber an den Gegenhang, an dem Ski-touristische Bausünden die Landschaft in Mitleidenschaft ziehen. Sowohl im Capcir als auch in der Cerdagne auf der anderen Seite des Passes wird intensiv Skitourismus gepflegt – das treibt einem solch garstigem Sommerwetter noch zusätzlich Kälte in die Knochen.

Vom Pass aus nehme ich nochmal alle Abwehrkräfte zusammen, um die Abfahrt mit mäßigem Gefälle nach Mont Louis zu überstehen. Die Temperatur hat mittlerweile nur noch einstellige Celsiuswerte. Eigentlich wollte ich in der sommerlichen Hochebene Cerdagne zelten, um die Bergluft ausgiebig zu genießen – in Saillagouse gäbe es einen Campingplatz. Doch für mich geht es nun nicht mehr weiter. Mont Louis hat eine Wehrmauer, ist ein Fort vom Baumeister Vauban aus der Zeit Ludwig XIV, das höchst gelegene in Frankreich (1600 m). Einige charmante Restaurants und kleine Hotels liegen an den gepflasterten Straßen mit kräftigem Gefälle. Dort sind aber alle Zimmer ausgebucht. Vor den Stadttoren liegt zum Glück noch ein Hotel, in dem ich Schlaf, Trank und Speise finde. Die Kälte hat mir so zugesetzt, dass ich das Menü nicht nicht in Gänze genießen kann.

Mo, 21.6. Mont Louis – Saillagouse – Col de Puymorens (1920 m) – Port d'Envalira (2408m) – Andorra la Vella – La Seu d'Urgell/Montferrer (125 km)

Morgens schweift mein Blick über die weite, nach Westen abfallende Hochebene Cerdagne, umrahmt von Bergketten nach Norden und Süden, die teils auch noch eine magere grüne Grasschicht bedeckt. Es ist keine echte Ebene, das Gefälle ist recht kräftig und viele Hügel schaffen Mulden und kleine Täler. Im nunmehr klaren Sonnenschein zeigt die Cerdagne sich von ihrer schönsten Seite. Wiesen mit Bergblumen, Sträucher und Steine wie dahingelegte Findlinge prägen das alpine Szenario – auf der anderen Seite weiter über der Ebene ragen die Häuser des Wintersportortes Font-Romeu aus den grünen Wiesenhängen wie Fremdlinge heraus. Dort an der Nordroute befindet sich auch ein riesiger Sonnenofen, an dem ich der Südroute folgend aber nicht vorbei komme. Trotz der Sonne ist es zunächst noch ungemein kalt, langes Beinkleid unverzichtbar.

Auch Saillagouse (1320 m) auf meiner Route nach Bourg Madame ist ein Skiort, aber noch recht organisch ohne Bausünden, ja sogar mit charmanten Ortsbild. Originelle lustige bunte Figuren in der Nähe des Rathauses karikieren menschliche Schwächen ebenso wie Wanderer oder Skitouristen. An einem Rastplatz schlängelt sich plötzlich ein Panoramazug mit offenen „Cabrio“-Wagen vorbei. Mit dieser touristischen Attraktion kann man auch die Cerdagne naturnah kennen lernen – wenn man sich nicht auf einem Fahrrad quälen will. Nach der Frühstücksrast wirkt endlich die wärmende Sonne und es geht schwungvoll weiter bergab bis Bourg Madame (1148 m) mit unschönen mehrstöckigen Häuserblöcken, wie sie eher für Vororte von Großstädten typisch sind. Noch ein paar Kilometer flach bis Ur, wo die Alternativroute von Mont Louis über Font-Romeu dazustößt, beginnt nun der Aufstieg zum Col de Puymorens.

Entlang des Flüsschens Carol bleibt die Steigung mäßig. Mit 12 km/h radele ich vor mich hin, als zwei Rennprofis aus dem Stall Cofidis mit einem Begleitfahrzeug an mir vorbeiziehen. Sie fahren lockeres Trainingstempo, das ist trotzdem ungefähr doppelt so schnell wie mein Tempo. Das Tal ist trotz des stärkeren Verkehrs sehr angenehm zu fahren, die Landschaft nicht spektakulär, aber anziehend schön und mit kleinen heimeligen Ortschaften. Vor dem finalen Anstieg zum Pass – eine taloffene, lange Schleife und nicht allzu schwer – können Autos und Zug jeweils in einen Tunnel eintauchen, wodurch sich insbesondere die Fahrt nach Ax-les-Thermes verkürzt. Die Cofidis-Fahrer haben übrigens ihre Räder auf das Begleitauto geschnallt, dessen Fahrer auf seine Zöglinge wartet, die wohl einen Snack im Bahnhof sich genehmigen – ob die vor den harten Anstiegen kneifen?

Auf dem Col de Puymorens ist es unangenehm windig. Die Blicke wandern über die umliegenden schneebedeckten Bergketten, darunter die typischen grünen Wiesenhänge mit gelben Ginster durchsetzt. Nur drei Kilometer sind es abwärts bis es erneut nach Richtung Pas de la Casa in Andorra geht. Von unten trifft hier die N 22 von Ax-les-Thermes in vielen Schleifen kommend mit der von mir gefahrenen N 320 zusammen. Der Verkehr ist Richtung Andorra nun unsäglich heftig, eine Menge Schwerlastverkehr quält sich die Serpentinen nach oben. Auch landschaftlich ist die Strecke nicht besonders reizvoll, die Steigung mittlerweile allerdings recht stark. Mit der Höhenluft zusammen fällt da das Durchatmen schon mal schwer.

In Pas de la Casa (2085 m) erklärt sich ein Teil des starken Verkehrs: Die Franzosen fahren zum Einkaufen nach Andorra – billiger sind offentlich Zigaretten, Parfum etc., und insbesondere Benzin. Die Anzahl der Zapfsäulen dürfte die Einwohnerzahl des in die Bergwelt hineingeklatschten Skiortes deutlich übertreffen. Der Tunnel Richtung Andorra la Vella darf nur von PKWs benutzt werden – so muss ich die dicken Laster auch weiter auf dem Weg zum höchsten Punkt meiner Reise als Begleiter akzeptieren. Weiter über Casa liegt in den Berg hinein gebaut nochmal eine riesige Tankstellenanlage. Obwohl es schon eine gewaltige Anstrengung auf die 2408 m des Port d’Envalira bedeutet, erweist sich der Pass als doch nur gemäßigt schwierig – jedenfalls nicht vergleichbar mit der Großglochnerhochalpenstraße über 2505 m im letzten Jahr. Außer ein paar Panoramablicke auf die umliegenden Schneeberge bietet der Port d’Envalira grausam-groteske Scheußlichkeit: ein wenig einladender Gasthof, ein überdimensioniertes Hinweisschild für McDonald’s in Andorra la Vella und – zwei Tankstellen! – Man könnte meinen, dass hier die Adler zum Auftanken landen, wüsste man es nicht besser. – Oh, du Schandfleck der Bergwelt!

Ein tief eingeschnittenes Tal führt in die Hauptstadt des Zwergstaates. Hier ist kaum Platz für Häuser, dennoch haben sich die Andorraner mit der Natur arrangiert. Geradezu abenteuerlich ragen aus den Steilhängen mehrstöckige Häuser heraus, teils für den Ski-Tourismus, teils aber auch schlicht mühsam der Natur abgerungener Wohnraum. Die Häuser besitzen offenbar alle eine Doppelwand. Die Außenwand besteht aus einer dunklen Natursteinmauerwand, was ein eigenes Landschaftsgepräge bewirkt – die teils dunklen Nadelbaumhänge unterstützt. Nur wenige Bauten vermitteln allerdings Charme, dafür sind sie meist zu klotzig in die Hänge gesetzt. Ein weiteres Phänomen fällt auf: Ganz Andorra erscheint als kollektive Baustelle. Häuser werden allerorten hochgezogen und an sämtlichen Straßen rattern Baumaschinen, wirbeln den Staub auf – oder neue Straßen werden in die Steilhänge hineingezogen.

Das Bild bleibt auch in der Hauptstadt Andorra la Vella erhalten: stinkender Teer qualmt neben den Luxusgeschäften und Boutiquen, die nur über enge Barrieren zugänglich sind. Diesel- und Benzingeruch verbreitet zudem die ächzende Blechmoräne, die sich durch alle Straßen der Stadt wälzt. Durch die halbseitig im Bau befindliche Straße versucht sich ein Feuerwehrauto durchzuheulen und verebbt im Stau als trotzige Jammersirene. Trotz der schlechten Umweltbedingungen gruppieren sich charmante Cafés und Restaurants an den Verkehrsadern – sonst ist ja auch nur wenig Platz. Das beste an Andorra la Vella ist der Panoramablick, bevor man in die Stadt einfährt. Hier schaut man in den Talkessel, der sich in leicht bauchiger Weise aus dem schmalen Tal kommend öffnet und in den sich die Stadt maßgerecht einpasst, ohne auch nur irgendeine eine Fläche jenseits von Stein und Beton freizulassen. Diesen Blick bieten dauerhaft vorgelagerte luxuriöse Hotels ihren Gästen. Genau genommen handelt es sich im oberen Teil um Escaldes, die Grenze zu la Vella ist jedoch fließend, weil beide Orte untrennbar ineinander verwachsen sind.

Mein Umwerfer macht mir Schwierigkeiten und so richtig weiß ich nicht, wie ich die Schrauben drehen muss, damit es wieder flutscht. Er ist auch wackelig, müsste wohl ausgetauscht werden. Auf dem oberen Teil der Shopping-Meile (noch Escaldes) finde ich schnell einen Fahrradhändler. Er stellt mir kostenlos den Umwerfer wieder ein, rät mir aber zum Austausch nach vollendeter Tour. – Na, doch noch ein solch positives Erlebnis in Andorra! – Muchas gracias! – Der Händler verdient doch noch, denn ich kaufe ein luftiges Triathlon-Trikot. Nette Gesten lohnen sich eben.

Erleichtert lasse ich die Stadt hinter mir in Richtung Spanien. Dazwischen stehen aber noch Beamte – Zollbeamte. Ein solcher vermutet in meinem Radgepäck doch tatsächlich Schmuggelware – Zigaretten und Alkohol. Na, ob der so weiß, was ein Radler so durch die Berge schleppt? – Whiskey-Kisten und Klimmstengel natürlich, was sonst Alkoholprozente und Steigungsprozente – ist doch alles dasselbe? Er war sehr mürrisch ob der dicht gepackten Klamotten in den Taschen und soviele Landkarten, das ist ja ganz verdächtig… Irgendwann hat er ein Einsehen und wendet sich wieder Mr. McCar zu, da findet man wohl doch mehr.

Während es in Andorra noch magere 15° C war, wird es nun deutlich wärmer – Spanien hält, was es als „Südstaat“ verspricht. In la Seu d’Urgell habe ich noch über eine Stunde zur Weiterfahrt, aber der nächste Pass wartet und dort liegen keine Unterkünfte mehr. Und wie ich später sehe, ist la Seu d’Urgell ein wirklich heimeliges Städtchen mit historischen Pflastergassen. Ein früherer Camping in la Seu existiert nicht mehr, entsprechend muss ich drei Kilometer weiterfahren nach Montferrer, wo gleich am Ortseingang auf der linken Seite der Hauptstraße ein Campingplatz liegt. Vom Platz aus habe ich einen tollen Blick auf einen Hügel mit kleinem Ort und rundem Schlosstürmchen. Zwar könnte ich auch hier essen, fahre aber auch zum Besichtigen abends nochmal zurück nach la Seu. Dort genieße ich gemäß einem Reiseführertipp eine gute spanische Küche in rustikalem Ambiente („Cal Pacho“).

Di, 22.6. Montferrer – Coll del Canto (1725 m) – Sort – Llavorsi – Esterri de Aneo (86 km)

Der warmen Temperaturen dieses Jahr eher entwöhnt, wird der sonnig-heiße Tag für mich bald zur großen Belastung. Nach ein paar Kilometern beginnt der Anstieg zum Coll del Canto. Die Straße ist wenig befahren und führt durch nur wenige, völlig abweisende Dörfer. Ich habe in Montferrer versäumt, Proviant nachzulegen und muss den Tag von Resten des Vortags zehren. Nach einem heftigen Anstieg fällt die Straße wieder in eine Mulde ab, wo ein Bachlauf Erfrischung verspricht. Zwar gibt es eine Weidenabsperrung, aber ich finde durch. Es ist noch weit vor high noon, aber ich fühle mich schon gewaltig schlapp und es folgt danach Anstieg und Trockenzone ohne Flusslauf.

Den Faulpelz schließlich abgelegt, fließt der Schweiß wieder in salzigen Bächen – auch wenn die Steigung etwas moderater ausfällt als zuvor am Morgen. Nach einem Panoramapunkt mit Blick bis hin zur Sierra del Cadí geleitet mich die Straße über einen faszinierendsten Streckenabschnitte meiner Tour. Linksseitig schweift der Blick über ein Tal auf die gegenüberliegenden Berghügel mit ihren so charakteristischem Grünwiesen, immer wieder von kleinen Hainen in dunklem Grün unterbrochen und mit den weißen Tupfern der Bergziegen und Schafe tätowiert. Durch die schnell ziehenden Wolken kommt es zu verblüffenden Licht-Schatten-Spielen, die unendliche Variationen von Grün auf den Hügeln aufführen. Die Straße selbst durchschneidet ein Meer aus Ginsterblüte, dessen Gelb wie ein leuchtender Teppich meine rechsseitige Flanke ausstaffiert. Und mehr noch erfüllt das Gesträuch die Luft mit einem süßlichen Honigduft, die meine Kräfte zu beflügeln vermögen. Aus dem Gelb treten eine Reihe anderer Bergpflanzen hervor, Fingerhüte und Lippenblüttler in Rot, Rosa und Blau – eine Fahrt wie durch die Farbwerkstatt eines Malers.

Ein Radlerpaar begegnet mir noch kurz vor der Passhöhe, von der sich noch mehr wunderbare Panoramasichten eröffnen. Die anschließende Abfahrt führt ziemlich steil ins Tal und berauscht im Ginsterduft, an kuriosen Steinformationen vorbei, mit weiten Blicken ins Tal – Adrenalin pur, Momente für die sich solch riesige Strapazen wie einer solchen Tour lohnen. Im Ort Sort an dem Fluss la Noguera Pallaresa herrscht reger Betrieb – es ist ein Eldorado für Kajak- und Rafting-Begeisterte. Bei abendlichen 28 °C stocke ich erst mal mein Energiepolster auf – Brot, Dosen-Tintenfisch, Oliven, Joghurts, Obst. Entlang des Flusses bleibt die Steigung lange unerwartet leicht, ich erreiche hohes Tempo. Dies bleibt auch über Llavorsi hinaus so, nur in kleinen Stufen kommen leichte Anstiege. An einem schönen, verträumten Stausee vorbei beziehe ich schließlich bei Dämmerungseinbruch auf dem Camping am Ortseingang von Esterri de Aneo Quartier. Ordentliches Essen im Ort. Ich hätte noch Lust ein halbes Stündchen weiter zu radeln, aber nach den letzten Häusern beginnt der harte Anstieg und die Einsamkeit des Berges.

Mi, 23.6. Esterri de Aneo – Port de la Bonaigua (2072 m) – Vielha – Col du Portillon (1320 m) – Bagnères-de-Luchon (92 km)

Ich empfinde den Passanstieg heute morgen als angenehm. Nach Obst-, Oliven –und Weinanbauhängen treten immer mehr Wiesen hervor, aus den überall Wasser quillt. Nicht zuletzt ist die Schneeschmelze aufgrund des späten Sommerbeginns noch im Gange. Einige größere Wasserfälle zieren als Schweif den Gegenhang. Dann quellen die feuchten Wiesen wieder über mit Ginstergelb und Buschwindrosenrosa, dazwischen auch immer wieder Fingerhut in Blau und Rot. Auf einer langen mäandernden Straße winde ich mich nach oben, die Sonne heiß über mir. Am Pass weiden Kühe und Pferde, zieren den nahen Berghügel, dahinter im Blick die schneebedeckten Gipfel. Während der Rast an dem kleinen Imbissrestaurant treffen eine deutsche Viererradgruppe und ein weiteres Franzosenradpaar ein – beide von der anderen Seite kommend. Ich warne die Deutschen schon mal vor dem Coll del Canto, den sie auch noch angehen möchten. Auf Parkplatz und Straße machen die umlaufenden Tiere den Autofahrer den Platz streitig, was einigen gar nicht gefällt. – Tja, das ist eben Bergwelt, Mr. McCar!

Die Abfahrt ist ungemütlich aufgrund des schlechten Straßenbelags. Noch oberhalb von Baqueira lege ich nochmal eine Pause ein, weiter unten im Val d’Aran besichtige ich den pittoresken Ort Arties (was mir die Vierergruppe ans Herz legte). Hier kann man die traditionelle Bauweise an besonders gelungenen Natursteinfassaden gut studieren. Nach Vielha zieht sich der Himmel wieder zu – pünktlich zum Grenzübertritt nach Frankreich, als wäre die Landesgrenze auch eine Wettergrenze. Noch vor dem Ort Bossost geht es in engen Schleifen durch dichten Mischwald mit dicken Moosschichten zum Col du Portillon ziemlich steil nach oben. Tiefe Wolken hängen im Tal der anderen Seite, Wasserfälle rauschen, Nebeldampf raucht wie in den Tropen aus dem Wald – nur ist es merklich kühl hier. Hinab Straßenbelag eher schlecht bei starkem Gefälle. Von Bagnères-de-Luchon, Badeort, umgeben von waldreichen Berghängen, lassen sich die Gipfel nicht ausmachen – alles ist in Wolken gehüllt. Schon witterungsbedingt möchte ich nicht weiterfahren, allerdings folgt auch gleich wieder der nächste Pass und das ist ohnehin für heute zuviel der Berge. Auf dem Camping und auf dem Weg zum Essen in den Ort fröstele ich, es bleibt unangenehm kühl-feucht.

Fortsetzung folgt
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#1374318 - 11.02.19 22:01 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
veloträumer
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TdF-3 Pässemythos „Le Cols de Légende“, Welttheater der ergreifendsten Erdenschönheiten, exzellente Landgastküche: Die mittleren französischen Pyrenäen auf der großen Pässestraße mit Abstechern in die Vorpyrenäen und den Cirque de Gavernie

Do, 24.6. Bagnères-de-Luchon – Col de Peyresourde (1569 m) – Arreau – Lannemezan – Garaison – Ariès-Espénan (86 km)

Nebst einem Frühstückseinkauf brauche ich eine neue Lutfmatraze, ich habe schon ein paar Nächte auf der defekten zugebracht, die abends aufgeblasen zwei Stunden später die Luft verloren hat. Der Sport- und Trekkingladen öffnet etwas später, kann aber eine 6-Kammerluftmatraze erwerebn, sehr leicht und kompakt zu verstauen, die ideal als Schlafunterlage und weniger zum Baden geeignet ist. Zudem entdecke ich noch radfahrbezogene Postkarten mit Motiven der grands cols, also jener französischen Pyrenäen-Pässe, die der Tour de France seit Jahrzehnten den mythischen Nimbus der Tour der Leiden verleihen und die nunmehr mir bis zur nächsten Überfahrt nach Spanien bevorstehen.

Mehrere Rennradgruppen machen sich noch vor mir auf den Weg nach Westen. Gleich nach Luchon steigt die Straße an – grün bewaldet. Ich sehe aber nicht viel von der Landschaft, denn die Wolken vernebeln auch heute morgen Berge wie Täler. Die Luft ist tropisch dampfend, bereits die mäßigen Temperaturen lassen den Schweiß auf der Haut stehen. Ein Radreisepaar aus den Niederlanden mit gleichsam schwerem Gepäck fährt vor mir nach oben, ich fahre nach kurzer Konversation dann weiter voraus, weil sie bald doch deutlich zurückbleiben und eine Pause andenken. Der Anstieg ist ziemlich heftig und nicht ganz gleichmäßig. Kleine Orte am Rande bieten Unterkunfts- und Einkehrmöglichkeiten, teils direkt an der Strecke oder aber auch an Stichstraßen, etwa in das attraktive Nebental zum Lac d’Oo. Der obere Teil nach der letzten Ortschaft verläuft zunächst auf einer Geraden, dann auf langgezogenen Serpentinen mit offenem Blick über die typisch grünen Weidebuckel. Zu mir stößt ein Wiener Radler vor. Er hat weniger Gepäck dabei und ist mit einem Kollegen unterwegs, der nachhängt. Wir fahren ein Stück gemeinsam, letztlich zieht er aber alleine bis zur Passhöhe von dannen. Dabei kann man sehr gut von unten den Abstand jederzeit sehen, ebenso den zum nachrückenden Wiener unter mir. Je nach Lage muss das bei der Tour der Profis triumpfierend oder demoralisierend sein, die Konkurrenz so offen beobachten zu können.

Auf dem Col de Peyresourde nebeln die Wolken noch dichter, sodass ich wenig Lust auf die Angebote der Gipfelgaststätte mit Crêpes und Kaffee verspüre. Mit den Österreichern und einem französischen Rennradler routiert das Passfoto-Karusell und wir schwingen uns nach unten. Die Straße ist zwar nicht die beste, trotzdem bleiben die Österreicher bei der Abfahrt deutlich zurück – nicht das erste Mal, dass auch bergauf stärkere Reiseradler bergab doch sehr vorsichtig agieren. Auch wenn ich kein Hasardeur bin, mag ich doch den Schwung mitnehmen, den die Schwerkraft hergibt, sofern Witterung und Lichtverhältnisse mir zusagen. Nun, wer viele Berge rauf gefahren ist, der ist auch irgendwie da wieder runtergekommen – so ganz unerfahren bin ich da ja nicht.

Es bleibt auch noch mittags in Arreau unangenehm kühl, fast kalt und sehr windig. Arreau ist ein charmantes und lebendiges Städtchen, das auch als Zwischenstation zu empfehlen ist. Die rheumatisch anmutende Witterung hält mich aber vom Gang über den gerade stattfindenden Markt mit einladenden Produkten ab. Die Route der grands cols verläuft gleich weiter zum nächsten Pass, dem Col d’Aspin. Ich strebe allerdings zunächst zu meinem geplanten Ruhetag in Ariès-Espenan bei Castelnau-Magnoac, was außerhalb der Hochpyrenäen liegt. Dazu geht es zunächst im Tal der Neste Richtung Norden. Nur wenige Kilometer nach Arreau überkommt mich eine große Müdigkeit gepaart mit Schüttelfrost. Ich ziehe mir die lange Hose über, esse etwas, versuche auf einer Bank zu dösen. Irgendwann fahre ich weiter, es wird wieder wärmer, dann aber reißt der Seilzug für meinen Kettenumwerfer bei Hèches. Ich kann nur noch auf dem kleinen Kranz fahren, entsprechend strampele ich in kleinen Gängen bei verminderter Geschwindigkeit mühsam Richtung Lannemezan. Dort finde ich in der Stadt gleich ein Radgeschäft mit Werkstatt. Schnell und freundlich bekomme ich meinen Schaden repariert und ernte noch jede Menge Lob für meine Tour. Der Händler wirft einen Blick auf meinen Etappenplan und lacht: „Und das soll Urlaub sein?!“ – Tja, etwas mehr schönes Wetter und schon hätte ich auch genügend Urlaubsgefühle – am Radfahren liegts nicht.

Lannemezan ist ein kleineres wirtschaftliches Zentrum für die Umgebung und verfügt über gute Einkaufsmöglichkeiten. Um den vielbefahrenen Straßen etwas zu entgehen, wähle ich die D 24, die nach der Abzweigung von der D 17 absolut ruhig auf etwas rauem Asphalt durch Wiesen-, Wald- und Weideland führt. In leichtem Auf und Ab mit der Tendenz nach unten passiere ich ein Kloster, kann mich an dem immer mehr auflockernden Himmel erfreuen und genieße das relaxte Radeln. Nach Monleon gibt es eine kurze Abfahrt, dann geht es zu dem ausgeschilderten Naturistencamp l’Eglantière.

L’Eglantière liegt im Tal der Gers, die das Camp sogar durchfließt. Das Camp hat ein Restaurant (Essen sollte allerdings vorangemeldet werden) und Swimming-Pool, auf Wegen durch Wald und über Hügel lässt sich vortrefflich entspannen, es herrscht eine ausgesprochen freundliche Atmosphäre. Die Campingfrau an der Rezeption kann nicht begreifen, dass ich bei der Tour de France nicht mitfahre. Dass da noch Welten zwischen Radtouristen und Rennradprofis liegen, kann ich ihr nicht überzeugend vermitteln. Weil alleine, bekomme ich auch noch ein Abendessen ohne Voranmeldung. Abends richtet sich die Aufmerksamkeit unvermeidlich auf die Fussball-EM im Fernsehen. Die stärkste Fraktion im Camp, die Holländer, muss schließlich der Engländer-Gruppe Trost spenden, als die englischen Kicker denen der Portugiesen unterlegen waren. Ich selbst finde mich zur Nacht unter Baum und Sternenzelt, neben Bambustöcken – ein Platz von tief wirkender Ruhe und Freiheit.

Fr, 25.6. Ariès-Espénan – Castelnau-Magnoac – Ariès-Espénan – Thermes-Magnoac – Castelnau-Magnoac – Ariès-Espénan (39 km)

Der Sinn und Zweck von Ruhetagen ist nicht allein das Ausspannen. Wesentlich ist auch die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und diese dann auch trocken zu kriegen. Einzelne Teile wasche ich auch schon mal abends, um sie dann tagsüber – auf den Taschen hinten platziert – mit Hilfe des Fahrtwindes und der Sonne zu trocknen. Das ist aber nur begrenzt anwendbar und auch weniger für Kleinteile wie Socken geeignet. Nach dem Waschdienst also besuche ich das nahe gelegene Castelnau-Magnoac – auf einem Hügel mit kurzem knackigen Anstieg verbunden. Einkaufen tue ich aber in einem Verkaufsladen einer Kooperative für lokale und ökologische Produkte (an der Abzweigung von der D 929 zum Camp). Spezialitäten sind hier Gänse- und Entenprodukte, Käse, Weine und Vollkornbrote.

Es bleibt den ganzen Tag leicht bewölkt, immerhin bei angenehmen Temparaturen, bei denen man sich ganztags nackt bewegen kann. Erst nachmittags kommen ein paar Sonnenstrahlen durch. Abends möchte ich auswärtig essen, um gute lokale Küche zu genießen. Dafür fahre ich zunächst Richtung Boulogne-s-Gesse. Es geht jedoch derart heftig auf und ab, dass ich nach Blick über die Hügel bei Thermes-Magnoac das Unternehmen abbreche. Eine Rückfahrt mit vollem Magen mit dem Streckenprofil würde für mich zur Tortur. Das passt nicht zum Ruhetag. So fahre ich wieder nach Castelnau-Magnoac, wo ich im dortigen Hotel-Restaurant ein köstliches Menü bekomme, mit Muschelsuppe und Orangen-Ente, alles vorzüglich zubereitet – keine Gourmetküche, aber exzellente Landgastküche. Von hier aus ist dann das Zurückradeln durch die Nacht einfach, weil nur bergab oder eben. So gestärkt und nochmal vom mondleuchtenden nächtlichen Schleier verzaubert, fühle ich mich für weitere große Taten gerüstet.

Sa, 26.6. Ariès-Espénan – Arreau – Col d'Aspin (1489 m) – St-Marie-de-Campan – Col du Tourmalet (2115 m) – Luz-St-Saveur (108 km)

Von meinem Abstecher in die Vorpyrenäen kehre ich nun wieder in die Hochpyrenäen zurück. Um die Fahrt über die großen Tour-Pässe fortzusetzen, radele ich über die D 929 an Lannemezan vorbei bis nach Arreau zurück. Auf dem Weg nach Lannemezan liegt eine nicht unerhebliche Steigung. Auf der Strecke – nunmehr unter klarem Himmel – fällt der Blick auf das eindrucksvolle Panorama der Pyrenäenkette am Horizont. Immer näher rücken die Berge, das Gefühl auf die große Herausforderung wächst. Die mir schon bekannte Strecke zwischen Lannemezan und Arreau lässt sich leicht fahren, wenngleich die Sonne schon kräftig brennt und mich zu Pausen zwingt. Viele Rennradler sind heute unterwegs (Wochenende) und passieren mich für ähnliche Vorhaben, zweifellos um ein paar Kilo leichter.

Am Ortseingang von Arreau zweigt die Straße zum Col d’Aspin ab. Die Schleifen am Berg sind weithin sichbar. Ich lege zunächst eine längere Rast am Flussufer ein und hoffe auf die meist ab Mittag aufziehenden Wolken, wie in den Pyrenäen auch an schönen Tagen häufig üblich – zwar nicht wirklich die Sonne verdeckend, aber kleine Schattenintervalle bietend. Entgegen dem völlig offenen Geländeeindruck von unten ist die Straße durch alleenartige Baumreihen sogar teils leicht schattig. Trotz häufiger Verschnaufpausen fühle ich mich im oberen Teil wieder ziemlich fit. Zuvor überholte mich ein Profi-Fahrer, der sich direkt hinter der Stoßstange des Begleitautos hielt. Ich vermute eine Trainingsfahrt, bei der das Auto ein kontrolliertes Tempo vorgibt, das der Rennfahrer konstant einhalten soll.

Oben angekommen, treffe ich zunächst ein kanadisches Radreisepaar, die in Eile sind, noch weiterzukommen. Sie kreuzen fast ein ganzens Jahr mit Fahrrad durch Europa. – Chapeau! Gegenüber treffe ich ein holländisches Paar mit Auto vom Camp Eglantière wieder, sie machen einen Tagesausflug und sind verblüfft, dass ich Ähnliches mit dem Rad abfahre wie sie mit dem Auto. Die Passhöhe ist nicht nur voll von Ausflüglern (viele wandern auf die umliegenden Bergkuppen, der Ausblick ist aber schon vom Pass aus beeindruckend genug), sondern auch Kühe und Zigen blockieren den Verkehr. Eine groß gewachsene Ziege findet an meinen Fahrradtaschen gefallen. Sie sabbert an den Taschen, doch mehr noch – sie zieht und knabbert an den Schnüren und Reißverschlüssen! Nur mit Mühe kann ich den frechen Allesfresser abschütteln.

Nach rauschender Abfahrt fahre erreiche ich St-Marie-de-Campan, geradezu ein Magnet für menschliche „Bergziegen“. Hotels umwerben die Pedalritter, die alle nur eines hierhin treibt: den Tourmalet zu bezwingen. Radler laufen hin und her, treffen Absprachen über Handy-Rückholdienste von Freunden mit Auto, sogar ein Bus mit Radsportlern bezieht Position vor einem Hotel. Ich versorge mich noch kurz in einem kleinen Laden, wo ich die Kanadier wiedertreffe. Sie sind ebenfalls auf dem Weg zum Tourmalet, werden aber ein paar Kilometer weiter campieren, weil Ihnen die Nacht zu Nahe erscheint. Ich gebe vor noch über den Tourmalet fahren zu wollen. Wenn ich es nicht schaffen sollte, würde ich in la Mongie Station machen (dort gäbe es aber nur Hotels).

Direkt noch in St-Marie geht es bergan zum vielleicht legendärsten aller Tour-Pässe. Bereits der untere Teil fällt mir schwer und doch geht es stetig voran. Ich habe ungefähr vier Stunden, um den Pass zu erreichen und den steilsten Teil der Abfahrt noch bei Helligkeit hinunterzukommen. Da muss ich stetig kurbeln, längere Pausen sind nicht drin und allzu viele Verschnaufpäuschen kann ich mir auch nicht leisten. Die Frühabendsonne wirft schon lange Schatten, sorgt für ein angenehmes Fahrklima. Im mittleren Teil liegen sogar viele Schattenbereiche mit dunklem Nadelwald. Nach einigen Kilometern passiere ich die Straße oberhalb des letzten Campingplatzes an der Strecke. Ich entdecke die Kanadier, auch diese erkennen mich kurze Zeit später und winken mir zu. Es überkommen mich Zweifel, ob ich das Richtige tue indem ich weiterradle.

In einer Kurve gibt es Wasserkaskaden zu bewundern, zwei weitere Wasserfälle sind von der Straße aus ausgeschildert. Am zweiten überlege ich kurz eine Besichtigung, aber der Weg dorthin würde mein Zeitfenster endgültig zum Einsturz bringen. Also Banane und Trockenpflaumen rein und weiter. Ich schraube mich zwischen 8 und 11 % nach oben, endlos scheint mir der Weg zu dem weithin sichtbaren Lawinendach über der Straße – und dies ist keineswegs la Mongie, geschweige die Passhöhe selbst. Bedenklich oft muss ich anhalten. Nach der Passage mit dem Lawinendach brauche ich lange, bis ich mühsam wieder aufsteige. Die Zeit rennt mir davon. Von hier wandern die Blicke über das Tal herüber über die grünen unbewaldeten Hänge hinauf zum Pic du Midi de Bigorre, mit 2872 m der mächtigste Berg der französischen Pyrenäen. La Mongie, Talstation für die Seilbahn zu dem Gipfel, scheint nun greifbar. Aber die Steigung nimmt nicht ab.

La Mongie, endlich – aber wie entsetzlich hässlich ist dieser künstliche Skiort mit den Kasernenhotels mit einfallslosen Fassaden, ohne jeden Charme. Auch im Ort steigt die Straße ohne Unterbruch – ich sehne mich nach Ende, fühle mich schwach – ja unfähig weiterzufahren. Wasser und Bananen quellen auf, die Atmung blockiert. Ich bleibe stehen und schaue runter auf das trostlose Dorf, einige Leute vor nahezu allesamt geschlossenen Hotels und Restaurants sitzend. Undefinierbar, ob überhaupt ein Hotel auf hat. Fest steht: Hier lohnt keine Übernachtung. Fest steht: Nur wenn ich sofort das Rad wieder anschmeiße, schaffe ich noch den Pass bei Helligkeit. Ich quäle mich aufs Rad, die Luft ist dünn. Vorsichtig immer wieder kleine Schlucke trinken. Vier Kilometer bis zum Pass. Und mehr als 400 Höhenmeter. Pro Kilometer über 100 Meter aufwärts. Ich spüre, es geht – irgendwie. An weiteren Apartments vorbei. Irgendwo steht ein Paar auf einem Balkon, zeigt auf mich, den verrückten Sattelkämpfer. Dann – alles ist beschildert – noch drei Kilometer, noch 300 Höhenmeter. Schon von la Mongie an sieht man den Pass, weiß wo es hingeht, nein nicht weit, nur ein Radfahrer kann glauben, das ist unerreichbar. Dann sind es irgendwann 200 Höhenmeter, 100 Höhenmeter – ja, ich schaffe es!

Ca. 21 Uhr. Col du Tourmalet! 2115 Meter über dem Meeresspiegel! Längst nicht das Höchste in meiner Radlerkarriere – ja, nicht mal auf dieser Tour. Doch wie schwer war das jetzt?! Wie wechselhaft sind doch die Kräfte, mit denen ich mich Berge hochquäle. – Ein Rest von Abendsonne. Neben Caravans warten Genießer auf das tollste Abendrot bei Sonnenuntergang. Ich muss mich ein wenig übergeben – das Zeichen extremer körperlicher Anstrengung – erstmals erlebe ich das. – Direkt am Pass übermannt mich ein überlebensgroßer Rennfahrer in Metall gegossen. Hell schimmernd – überdeutlich der Blick auf das glänzende Hinterteil. Der Radfahrer als heroischer Astralkörper und erotische Kraftmaschine. Eine Tafel beschreibt den Mythos des Col du Tourmalet für die Tour de France. Ich erfahre, dass Octave Lapize 1910 als Erster im Rahmen der Tour den Tourmalet überquerte – auf einer Etappe von Luchon nach Bayonne mit 326 km – weit mehr als heute bei einer Tour gefahren wird. Er brauchte dafür schlappe 14 Stunden! – Und das mit den alten schaltungslosen Rennrädern, vielleicht noch ein Glas Wein auf dem Pass getrunken – welche Leistung! – Da wird man ganz klein und fühlt doch Größe, ein klein wenig des Ruhmes auch für sich beanspruchen zu können. In dieser Luft. Mit dieser Aussicht. Und doch wieder bist du klein. Die Berge so mächtig! Der Horizont so weit! – Du bist Mensch. – Egal wie groß du jetzt fühlst, du bleibst klein im Schoße der Natur. Die Natur ist das eigentliche Wunder. – Solche Gefühle kosten Tränen. Ja, sie machen glücklich. Und deswegen radle ich auf die hohen Berge. So ist’s!

Die Gaststätten haben mittlerweile geschlossen. Tagsüber wären hier Kolonnen von Radlern, jetzt bin ich ein einsamer Sieger. Dann geht es abwärts, im Dämmerlicht, gerade noch ausreichend für das rasende Abfahrtserlebnis. Die Glücksgefühle brechen heraus. Ich jubeliere, Schreie die Freude hinaus in die einsame Bergwelt – nur ein paar Greife schweben noch, Murmeltiere pfeifen. Oben noch eine Ziegenherde auf der Straße – große Vorsicht! Der Straßenbelag ist in schlechtem Zustand, richtig laufen lassen kann ich mein Rad erst immer unteren Teil, wo die Asphaltdecke geschmeidig glatt unter den Reifen gleitet. Irgendwo campiert ein Paar mitten in der Wildnis der Bergwelt – Natur erleben – unmittelbar, rau – das Rauschen von Wasserfällen wiegt in den Schlaf – dann vielleicht Liebesschreie ausstoßen, das Echo der Leidenschaft von den Felswänden hören – ja, Leben leben!

Für mich ist die Romantik wenig später ein vergangener Moment. Ich sehne mich nach einem guten Essen, einer warmen Dusche. Ich rase durch Barèges – mittlerweile ist es dunkel – umtriebiger Ort, mit Charme. Ich bin zu schnell um zu bremsen. Kurz vor zehn erreiche ich Luz-St-Saveur, auch charmant. Ein Camping ist mitten im Ort. Schnell baue ich das Zelt auf, doch alle Eile hilft nicht: „Terminé!“ heißt es überall. Ein solcher Tag ohne ein Abendmahl, das ist schon schwer. Ich verdrücke zwei süße Crêpes, einen dicken Eisbecher, ein Bier. In meinen Taschen finde ich noch Trockenfrüchte und Kekse. Nach zehn hat der Campingwart die Duschen auch noch abgeschlossen. Es gibt so viel zu loben in Frankreich, in Service, Gastronomie etc. – aber manche Eigenheiten sind eben doch sehr gastfeindlich – liebe Franzosen, strenge Verwarnung! So richtig konnte ich mich weder belohnen noch alle Kohlehydratspeicher aufstocken – aber ein wenig Stolz klopft doch auf meiner Brust.

So, 27.6. Luz-St-Saveur – Gavarnie (1357 m, 3 h zu Fuß/Cirque de Gavarnie) – Luz-St-Sauveur – Lourdes – Pau (131 km)

Nach einem kleinen Obsteinkauf starte ich in die Gorges de St-Saveur. Am südlichen Ortsausgang verbindet eine Brücke die Teilorte Luz und St-Saveur, letzterer auf der anderen Flussseite mit einem alten Thermalbad und einer schmucken Fassade von Hotels im Stil des 19. Jahrhunderts. Die Steigung ist angenehm mäßig, der Morgenhimmel sonnig klar. Im geruhsamen Gèdre koste ich frisches Frühstücksgebäck. Es wird nun steiler hinauf nach Gavarnie. Auf der rechten Seiten ergießt sich ein Wasserfall, unten sprudelt das gebirgsklare Wasser kraftvoll über die Flusssteine. Bald kündet eine gewaltige Bergwand vom großen Naturwunder. Bereits über die Dächer hinweg vor dem Ort ergeben sich fantastische Blicke hin zum Grande Cascade und den viel kleinen Strahle umher, die aus dem Firnfeld oberhalb und einem unterirdischen Gletschersee gespeist werden.

Der Ort Gavarnie ist ein touristisches Nadelöhr, schließlich wollen alle zum Cirque de Gavarnie, dem nationalen Naturdenkmal französischer Bergwelt. Es gilt die modifizierte Mekka-Heiligkeit – jeder Franzose sollte einmal im Leben den Talkessel von Gavarnie bewundert haben. Die Souvenirläden reihen sich dicht an dicht. „Der Cirque de Gavarnie ist nicht nur ein Gebirgskessel, sondern eine nationale Zwangsvorstellung“, spottete einst Kurt Tucholsky schon. Ich erlaube mir, dem großen Satiriker der deutschen Literatur zu entgegnen: „Wer hier hier den Besuch verweigert, verpasst eine Vorstellung im Welttheater der ergreifendsten Erdenschönheiten.“ – Masse und Klasse müssen sich nicht gegeneinander ausschließen – auch das ist eine Zwangsvorstellung.

Zwei Wegen rechts und links des Flusses führen zu einem letzten Camping und den letzten Ausflugslokalen. Fortan ist das Radeln eigentlich verboten, ich fahre trotzdem einen weiteren flachen Teil auf der sandigen bis schottrigen Piste weiter. Einige Passagen sind nur durch Schieben zu bewältigen. Immer wieder schweifen die Blicke im gleisenden Sonnenlicht hin zu der massiven Bergfront, immer wieder in neuen, faszinierenden Blickwinkeln über die artenreiche Pflanzenwelt hinweg auf den weißen Schnee und den Fels darunter. Schließlich führt der Weg steil bergan und ein Weiterschieben sinnlos. Ich schließe das Rad an einen Baum und wandere nur mit Lenkertasche die letzen Kehren hinauf. Hier mit unmittelbaren Blick auf die Felsfront ist nochmal ein Restaurant.

Ein letzter Pfad führt noch näher ran. Ein mühsamer Pfad, wenn auch nicht wirklich schwierig, ermöglicht den Gang direkt zum großen Wasserfall, ja, gar weiter hinauf zu den Firnfeldern. Geübte Wanderer begehen in ein bis zwei Tagen einen Stieg durch die Breche de Roland weiter hinüber zum spanischen Ordesa-Nationalpark. Ein weiter Ausgangspunkt für Wanderer ist der Panoramapunkt Port de Boucharo weiter westlich auf 2370 m, wohin sich eine Straße hinaufschlängelt – allerdings ohne Durchfahrtmöglichkeit nach Spanien.

Auch hier, im gebührenden Abstand zum ehrfurchtsvollen Werk der Natur, steht der Mensch und staunt. Die Wanderer Richtung Wasserfall verjüngen sich zu Schattenminiaturen, ameisengroße Nichts vor steinerner Macht, fast senkrecht 1400 Meter aufschießend. Ein ganzes Streifenmuster aus Wasserfällen ziert den halbrunden Felskessel an allen Seiten. Victor Hugo nannte es ein „Kolloseum der Natur“. Eher halblinks, nicht ganz mittig, die Grande Cascade. Ein 422 m hoher Schweif aus verdichteten Tropfen, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, stumm im selbst auferlegten Rauschen, den Betrachter zum Horschen der gräuschvollen Stille verpflichtend. Das lebensspendende Wasser zelebriert hier den immerwährenden Freudenguss. Der ewige Fluss der Dinge. Ein Mahnmal unserer Grenzen. Der Mensch ist hier nur der Naturgewalt ergeben, eine ohmächtiges Opfer der Schönheit.

In den Bergwiesen verlaufen kleine Wasseradern. Ich nehme ein Fußbad in den prickelnd kalten Sprudeln, stärke mich mit frischen Kirschen. Die Bergwiese dient als Naturtribüne. Jeder Besucher sucht sich seinen Platz, viele picknicken. Auf dem Rückweg suche ich nach einer Badegelegenheit, die es hier nicht wirklich gibt, aber kleine Kaskaden finden sich in den Gebirgsbächen auf Pfaden quer zum Hauptweg – für ein kurzes Untertauchen reicht es. Offiziell ist das Verlassen des Weges eigentlich verboten.

Zurück am Rad muss ich noch mehr schieben als auf dem Hinweg, weil die Dichte der Besucher zugenommen hat. Müde Kinderbeine werden von stoisch ruhigen Eseln langsam über den steinigen Weg getragen. Im ersten Lokal beim Campingplatz stärke ich ich mit einem Sandwich. Noch immer ist es stechend heiß unter klarem Himmel. Mein Etappenziel Pau ist bei vorgeschrittener Zeit noch sehr weit weg. Das heißt Gas geben. Zunächst die erfrischende Abfahrt, dann das abgeflachte Stück vor Luz, wo man schon für ein gehobenes Tempo ordentlich strampeln muss. Zurück in Luz kaufe ich noch leckere Kirsch- und Milchbonbons. Die folgende Gorge de Luz ist nochmal eine sehr schöner Abschnitt und teilweise auch mit starkem Gefälle.

Vor Argelès-Gazost beginnt die Flachpassage und ein breites Tal. In Argelès-Gazost zweigt die Route der grands cols nach Westen Richtung Col du Soulor durch das Azun-Tal ab. Ich halte heute aber Kurs Tiefebene. Zur verkehrsreichen Straße besteht nach Lourdes die Alternative über einen gut gebauten Radweg, allerdings verwehren viele Büsche meist den Blick auf die reizvolle Landschaft mit den immer kleiner werdenden grünen Bergkegeln. Bald erreiche ich die Pilgerstadt Lourdes mit dem charakteristischen Schloss auf einem städtischen Hügel. Die berühmte Basilika der unbefleckten Empfängnis sieht man erst deutlich bei der Westausfahrt.

Als Ungläubiger bedarf es keines langen Aufenthaltes in Lourdes. Nur die Bergtrophäe eines Stickers vom Tourmalet möchte ich erjagen und finde tatsächlich beim dritten Anlauf in einem Kitschladen einen Aufkleber, der aber schon so alt ist, dass er nicht mehr klebt. – Doch auch nicht jeder Gläubige wird hier lange verweilen wollen, zu offensichtlich geht es um eine fragwürdige Form von Wallfahrtstourismus. – Ist das nicht die Blasphemie des eigenen Glaubens, wenn man einer Wasserquelle wunderheilende Kräfte zuschreibt, auf deren Wirkung Tausende und Abertausende vergeblich warten? – Ist es nicht Ehre und Wunder genug, wenn eine Mutter wie die Heilige Maria (und eigentlich jede Mutter) ein Kind gebiert, das der natürlichen Sexualität entspringt und nicht einer „unbefleckten Empfängnis“? – Ist es nicht schön genug zu hören, das ein Hirtenmädchen namens Bernadette Soubirous träumerische Fantasien wundersam erzählen konnte? – Ist es Ausdruck christlichen Denkens und Gedenkens, wenn die Madonna als Massensouvenir in den Kitschläden verramscht wird? – Ist es der Sinn des Pilgerns, wenn die innere Einkehr im kommerzialisierten Aberglauben ertränkt wird?

Mittlerweile ist es dicht bewölkt, riecht aber nicht nach Regen. Die Ausfahrt von Lourdes ist unangenehm verkehrsreich, doch entspannt sich die Verkehrsdichte auf der D 937 entlang der Gave de Pau – der meiste Verkehr läuft über die D 940. Zwar ist Strecke nicht völlig flach, aber flottes Fahren ist weitgehend möglich. Landschaftlich ist die Strecke bescheiden. Kurz vor Pau gibt es überraschend eine sehr kurze, aber giftige Steigung. Ich suche den Camping südlich der Gave de Pau im Ortsteil Gelos, wo auch alternativ eine Jugendherberge gelegen ist. Der Platz liegt direkt am Fluss und man sollte entsprechend mit Mücken rechnen. Abends fahre ich noch in die Stadt über die Brücke und speise gut als einziger Gast in einer kleinen Gartenlaube.

Mo, 28.6. Pau – Nay – Col du Soulor (1474 m) – Col d'Aubisque (1709 m) – Laruns (89 km)

Pau ist fast Großstadt und daher eine gute Mischung aus quirliger Betriebsamkeit und charmanten Ruhepolen. Nicht zu Unrecht gilt Pau auch wegen seines milden Klimas als die lebenswerteste unter den größeren Städten in Frankreich. Morgens begebe ich mich nochmals in die Stadt, um mir die vielgelobte Stadt nochmal bei Tageslicht anzuschauen. Sowohl bei Nacht, da beleuchtet, als auch bei Tag ist das Chateau de Pau der Blickfang der Stadt. Auf ein Besuch des Museums, das u.a. das Geburtszimmer von Henri IV. beherbergt, verzichte ich mangels Interesse an royalen Requisiten. Der nah gelegene Geldturm erinnert an die Münzprägung, die hier bis zur französischen Revolution beheimatet war. Das Highlight eines Bummels durch Pau ist eigentlich der Boulevard des Pyrénées. Die Promenade auf der Südseite des leicht erhöht liegenden Stadtkerns ist eine blumenbepflanzte Panoramapromenade, die bei klarer Sicht wunderbare Blicke auf die Pyrenäenkette zulässt – bei klarer Sicht! Heute hängen die Wolken tief – nur Tristess und Grau am Horizont. Der Boulevard kann auch über die Funiculaire, eine historische Standseilbahn, vom unten gelegen Bahnhof erreicht werden. Diese wird offenbar gerne von Berufstätigen genutzt, die entweder mit der Bahn kommen oder im unteren Teil ihre Autos parken. Englischer Garten und Casino erinnern an die Tradition als Kurstadt für englische Wintergäste im 19. Jahrhundert.

Das Konfitüren-Museum in der Rue Maréchal Joffre ist dem Geschäft von Francis Miot angegliedert, einer der führenden Konfitüren- und Bonbon-Kreateure in Frankreich. Geschäft und Museum öffnen aber erst um 10 Uhr und ich möchte nicht länger warten. Doch ich begegne dem Bonbon-König Miot nochmal, nämlich nach der Ausfahrt aus Pau in Uzos. Dort verkauft Miot seine süßen Verführungen, ebenfalls mit einem Museum verbunden. Ich leiste mir eine Proben seines Könnens und komme schnell an meine finanzielle, aber auch Zuladungsgrenze für die Weiterfahrt. Ich plane schließlich mit einem Karton einen großen Teil nach Deutschland zu schicken. Diese Idee scheitert dann kläglich. Das nächste Postamt finde ich in Nay kurz vor 12 Uhr. Ich packe den Karton, noch ein paar nicht benutzte Sprachführer dazu, doch das Postamt verfügt über kein Klebeband. Um Klebeband zu besorgen, ist es zu spät – die Post schließt jetzt für zwei Stunden. So lange Warten möchte ich nicht – zumal der Besuch bei Miot und das umständliche Paketpacken schon einige Zeit gefressen hat. Karton also wieder weg und die Miot-Sachen in die Packtaschen als Marschverpflegung und Ballasthandicap. Der Held ist gefordert, nicht das Weichei.

Bisher konnte ich in schwüler Luft noch ein bisschen Sonne durch das milchige Firmament genießen. Mit der Fahrt in das Tal der Ouzon ändert sich das. Die Wolken hier auf erst 300 m Meereshöhe hängen derart tief und dicht, dass von den umliegenden Hügeln und Bergen nur die unterste Hanglage erkennbar ist. Das übergeordnete Landschaftbild muss ich mir ausmalen. Dennoch ist die Fahrt auf der D 126 herrlich. Die Strecke ist extrem gering befahren. Wenngleich der Straßenzustand teilweise schlecht ist, wiege ich mich durch das nunmehr enge Tal und die unmittelnahe Nähe zu dem Flüsschen in einer besonders romantischen und intimen Stimmung. Schon bei 400 m befinde ich mich nicht mehr unter, sondern in den Wolken. Kleine Wasserfälle über moosüberwucherte Steinblöcke vertiefen das mystische Flair. Mal eine Fischzucht, mal ein von Pflanzen umranktes Märchenhaus, dann wieder Stille im Nebel. Bei Ferrières beginnt die heftige Steigung mit bis zu 12 %. Die von Feuchtigkeit übersättigte Luft macht den Atem schwer, die Fahrt wird mühselig, nass und immer kälter. Die schwebenden Tröpfchen verdichten sich zu einer Wasserwand. Am Col du Soulor endlich angekommen, fröstele ich doch recht stark. Zwar gibt es hier die Möglichkeit, einen Kaffee zu trinken und Käse zu kaufen, doch scheint mir die Zeit zu knapp, weil es ja noch weiter aufwärts geht. Ein österreichisches Motorradpaar ist ebenso durchnässt und wir erinnern uns wehmütig an den letzten (Jahrhundert)Sommer, der doch in allen Teilen Europas deutlich freundlicher war.

Mit dicker Regenjacke setzte ich die Fahrt zum Col d’Aubisque fort – nunmehr wieder auf der routes des grands cols. Tafeln informieren stetig über Höhe, aktuelle Steigungsprozente und Restkilometer bis zur Passhöhe. Rechtsseitig fallen die Hänge steil im herrlichen Grün ab, die Straße ist kühn in den Berg gebaut. Wie toll wäre erst die Fahrt, wenn es freie Sicht gäbe. Zu meiner Überraschung ist der Weg zum Pass weniger steil als zuvor zum Col du Soulor. Es ist eher eine Höhenstraße mit mäßiger Steigung. Am Col d’Aubisque treffe ich noch einen französischen Leidensgenossen auf dem Rennrad, der in umgekehrter Richtung fährt. Von dem in der Reiseliteratur versprochenen herrlichen Panorama ist heute hier kein Faden zu erkennen. Aufwärmen geht auch nicht, denn das Lokal mit Souvenirladen schließt gerade.

Es geht bei nasser Fahrbahn steil nach unten. Nicht nur, dass mir ungewiss ist, wie und wann die Bremsen in ihrer Wirkung nachlassen, nein, auch die kribbelige Feuchte zieht in Mark und Bein, macht mich fröstelnd starr und in den klammen Fingern gefühllos. Nach kurzer Zeit bin ich trotz der verschärften Regenbekleidung völlig durchnässt. Es nicht nur ein Frösteln, sondern echter Schüttelfrost – Zähne zusammenbeißen! – Einerseits kann ich das Rad nicht laufen lassen, weil ich sonst nicht mehr zu bremsen in der Lage bin. Andererseits belaste ich durch das ständige Bremsen die Unterarmsehnen bis an die Grenzen. Im Skiort Gourette und im etwas ausgedient wirkenden Kurort Eaux-Bonnes denke ich kurz daran meine Abfahrt abzubrechen, doch mit abnehmenden Höhenmetern werden die Wolken dünner. Es wird etwas wärmer, doch mein Körper nimmt das kaum noch war. Endlich kann man auch die Wälder im Tal erkennen. Ich befinde mich mich wieder unter den Wolken, die nach wie vor unten nicht abregnen. Etwas oberhalb von Laruns, kurz vor der Abzweigung Richtung Spanien, befindet sich ein schön gelegener Campingplatz – doch ich sehne mich nach einem warmen Quartier.

Nach ein paar Aufwärmversuchen begebe ich mich nach Laruns. Dort ist das Hotel am zentralen Platz ausgebucht, ebenso eine Privatunterkunft am Ortsanfang. Ein deutsches Radlerpaar, die gerade im Hotel das letzte verfügbare Zimmer bezogen haben, spricht mich an. Sie haben ebenso die Wolken durchfahren und sind gleichermaßen vom Gedanken des Campings abgekommen. Ich bekomme den Tipp zu einem Garni-Hotel weiter unten in der Straße. Dort finde ich doch noch ein Zimmer. Einige Teile in meinen Taschen sind durch das Spritzwasser von unten nass geworden. Auftauen, Körperpflege und Trocknungsmaßnahmen kosten einige Zeit. Zurück im Restaurant sitzt das deutsche Paar noch dort, aber um 21:30 h ist die Küche bereits geschlossen. Gegenüber bleibt noch ein Restaurant mit Pasta und Pizza, allerdings ohne französische Qualitätsansprüche. Nun, nach einem solchen Tag kann man es ertragen, wenn sich der Geschmack dem Hunger unterordnen muss.

Fortsetzung folgt
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Matthias
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#1374319 - 11.02.19 22:02 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-4 Verwegene Geierschluchten, entlegene Bergdörfer, rauschende Kaskaden: Die aragonesischen Pyrenäen mit einer Wanderexkursion im Nationalpark Ordesa

Di, 29.6. Laruns – Col du Portalet (1794m) – Biescas – Puerto de Cotefablo (1423m) – Torla/Camping Ordesa (92 km)

Morgens hat sich die Wetterlage nur unwesentlich verbessert. Dicke Nebelschwaden liegen immer noch über dem Tal. Wie einem tropischen Regenwald entsteigt den waldreichen Berghängen im herrlichen Ossau-Tal die dampfende Feuchtigkeit. Zwar fehlen die tropischen Temperaturen, doch ist es angenehmer als am Vortag. Nochmal taucht ein alter Kurort auf, les Eaux-Chaudes. Dieser wirkt völlig verlassen, nicht ein einziges Hotel kann ich ausmachen. Nach einem ersten steilen Stück merke ich, dass meine Kraftreserven angefressen sind. Am Straßenrand finde ich Walderdbeeren, von denen es hier viele zu geben scheint.

Mein Schweiß scheint die Fliegen anzulocken, was für einige Kilometer sehr lästig wird. Einer späteren Beobachtung zufolge glaube ich, dass sie nicht allein das Wasser in kleinen Tröpfchen absaugen, sondern dass es das Salz ist, was sie begehren. Immer noch von der kleinen Plage begleitet durchfahre ich die letzte Ortschaft in Frankreich, Gabas. Von hier aus brechen viel zu Exkursionen zum Pic du Midi d’Ossau und den darunter gelegenen Bergseen auf. Nach einem weiteren Steilstück erreiche ich eine Staumauer. Von der anderen Seite des Stausees führt Kabinenbahn zu dem Ausgangspunkt eines Hochgebirgspanoramazuges, der Touristen zum Lac d’Artouste bringt.

Vorbei am See, führt die Straße in ein offenes Berggelände, Ziegen weiden an den Hängen, ein VW-Bus parkt direkt am Gebirgsfluss zum Picknick, nach oben erscheinen die Berge, die die Passhöhe verraten. Bei einer weiteren kleinen Pause nähert sich ein österreichisches Radlerpaar. Die sympathischen Wiener touren von Lourdes nach Barcelona, sind also noch am Anfang. Sie haben ebenso mit Fliegen zu kämpfen gehabt, die aber jetzt in der Höhe verschwunden sind. Wir spekulieren über die Wetterentwicklung. Möglicherweise ist der Pass auch eine Wetterscheide. Die beiden rasten noch ein wenig, während ich weiterfahre. Der obere Teil ist nun einfacher zu fahren als der untere. Dann bricht die Sonne durch, es wird richtig heiß. Den Pass in greifbarer Reichweite, wachsen meine Kräfte wieder.

Auf dem Col du Pourtalet gibt es sowohl auf französischer als auch auf spanischer Seite ein Lokal. Auf der spanischen ist offenbar mehr Betrieb. Ich bleibe noch vor der Grenze und stärke mich mit Sandwich und Eis. Schließlich treffen auch die Österreicher ein, mit denen ich noch ein nettes Gespräch führe. Danach stürze ich mich in die Abfahrt, die zunächst etwas holprig hinunterführt. Durch eine Baustelle bekomme ich noch einige lästige Matschspritzer ab. Die spanische Talseite ist betriebsamer und stärker bevölkert als die französische. Der Straßenzustand wird weiter unten besser. Ich drücke auf das Tempo, steht doch noch etwa die Häfte der Etappe mit unbekanntem Schwierigkeitsgrad aus.

Noch vor dem größeren Ort Biescas zweige ich auf die N 260 nach Torla ab. Es geht gleich wieder steil bergan. Mühsam suche ich in der noch heißen Nachmittagsluft einen guten Rhythmus. Nur wenige Autos passieren die Straße – Ruhe, um die schöne Landschaft zu genießen, die mit Büschen und lichten Wäldern südländischer wirkt als die Nordseite der Pyrenäen. Von den Mühen des Anstiegs werde ich dann doch etwas überraschend erlöst, als unvermittelt der kleine, sogar beleuchtete Tunnel am Puerto de Cotefablo auftaucht. Auf der anderen Seite wechselt das Landschaftsbild zu einer Kulturlandschaft, mit grünem Weideland im Tal. Die herrlische Abfahrt könnte man noch weiter nach Ainsa fortsetzen, aber ich möchte ja den Ordesa-Nationalpark besuchen. Noch vor dem unten liegenden Broto wendet eine Straße nach Norden Richtung Torla. Direkt fällt der Blick auf ein in der Abendsonne leuchtendes Bergpanorama, das dem Bergort Torla ein charakteristische und eindrucksvolle Kulisse liefert.

Torla verdankt seine Bedeutung dem Wandertourismus zum Ordesa-Nationalpark, der als der schönste unter denen in den Pyrenäen gilt. Entsprechend umfangreich sind die Unterkunftsmöglichkeiten. Da staune ich zuweilen, wenn z.B. ein Hotel mit dem Namen „Edelweiss“ wohl um Bergtouristen aus der Alpenregion buhlt. Dennoch strahlt der Ort einen natürlich anheimelnden spanischen Charme aus. Zumindestens jetzt ist nichts überlaufen. Alles wirkt bodenständig. Ich entscheide mich für den vorletzten Camping, der an das Hotel Ordesa angegliedert ist. Im Ort finde ich abends gutes Essen in einem Restaurant mit rustikaler Atmosphäre.

Mi, 30.6. Torla – Valle de Ordesa (~1400 m, Wanderung, 7h) – Torla – Fanlo (1352 m) – Valle Anisclo – Puyarruego (58 km)

Wanderungen als Teil einer Radtour sind ein etwas schwieriges Unterfangen. Eigentlich verlangt das erlebnisreiche Bewandern eines Gebirges wie der Pyrenäen mehr Zeit. Mit meinen zwei Wandertouren von Gavarnie und Ordesa werfe ich nur einen kleinen Blick in die Welt des staunenden Fußritters, der nochmals langsamer und bedächtiger die Natur erlebt als dass ein Radler tun kann. So ist die stramme Wanderung von ca. 6-7 Stunden im Ordesa-Nationalpark für mich auch eine eher hektische Strapaze, drückt mich doch immer wieder der Zeitschuh für die noch anstehende Weiterfahrt. Für viele Autotouristen ist es indes nicht umso weniger anstrengend, wovon etliche erschöpfte Gesichter zeugen.

Vom Camping sind es nochmal knapp acht Kilometer bis zum letzten Parkplatz am Nationalpark, von wo es nur noch zu Fuß weitergeht. Ich deponiere zunächst mein Gepäck im Hotel, um es am Nachmittag wieder abzuholen. Die Straße steigt bald steil an. Nach einem ersten Parkplatz mit einem am frühen Morgen noch geschlossenem Info-Zentrum zum Park wird die Straße noch schlechter und steiler. Jetzt schillern moosflankierte Felswände am Rande, über die Wasser heruntertropft, das die Sonnenstrahlen des Morgens in eine strahlende Glitzerwelt verwandelt. Unten rauscht der Rio Arazas, hinter mir leuchten die stumpfen Bergriesen, die ein Canyon-Massiv als steile Bergwand bilden – und nach Norden die Grenze zum Nachbarn Frankreich markieren.

Am obersten Parkplatz bekomme ich ein paar Kleinigkeiten zum Essen und Trinken. (Eigenvorsorge ist jedoch vorzuziehen, unten waren die Supermercados aber noch geschlossen.) Die Schönheit des Ordesa-Nationalparks wird in den Reiseführer als einzigartig hervorgestrichen – ein Urteil, dem ich mich als nun etwas stolpernder Wanderer nur anschließen kann. Dabei ist der schönste Teil vielleicht der untere (auf der vom Parkplatz aus gesehen linken Flussseite). Zu den immer wieder faszinierenden Blicken auf den Felscanyon und die Flusskaskaden gesellen sich die Eindrücke von einer eigentümlichen Vegetation. Manche Bäume nehmen archaiche, ja künstlerische Formen an, öffnen kleine Fenster auf die Berge, spannen weite Torbögen, weil sie ihr Leben lang nach dem günstigstes Winkel zum Licht hin gesucht haben. Der Weg ist meist schattig, später sogar mit dichter Krone. Treppen und Stege führen nahe an die stürzenden Wasserfälle Cascada de la Nueva und Cascada del Estrecho heran.

Wenn der ansteigende Weg aus dem Wald herausführt, brennt die Sonne nun ungeschützt herunter. Der Fluss verläuft nun in fast regelmäßigen, kleinen Kaskaden neben dem Weg. Links leuchten blaue und rote Fingerhüte in der Bergwiese. An den Cradas de Soaso glaubt man sich vor eindrucksvollen Kaskaden am Ende der Wanderung, doch der Cola de Caballo, der Wasserfall mit Ähnlichkeiten zu einem breiten Pferdeschwanz, liegt noch ein gute Strecke weiter weg. Dazu steigt man über ein felsigen Pfad zunächst nach oben, um dann eine weit geöffnete, durch die vielen Bäche durchzogen leicht sumpfige Wiese zu queren. Im Blick liegt nun immerzu der 3355 m hohe Monte Perdido, die Krone der spanischen Pyrenäen. Unterhalb des Berges liegt auch das erstrebte Ziel, der Wasserfall, wie eine Sackgasse in einen Talkessel stürzend. Über die Bergflanke sehe ich jedoch etliche Wanderer, die sich über die Goriza-Hütte entweder in Richtung Breche de Roland nach Frankreich oder zum Gipfel des Monte Perdido oder hinüber zum Valle Anisclo durchschlagen. Dazu wären dann aber schon echte Bergschuhe von Nöten. Ich wäre mit meinen zwar lauffähigen Radschuhen auf glatten Steinplatten oder in Geröllfeldern dafür nicht vorbereitet. (Schon auf dem leichten Weg hierher muss ich manchmal viel Kraft aufwänden, um das Rutschen mit den Klickies in der Schuhsohle auszubalancieren.)

Nach kurzer Rast geht es zurück. Noch im oberen Wiesenbereich gönne ich mir jedoch ein kurzes Bad in einer breiten Gumpe. Es wundert mich sehr, dass nahezu niemand sonst die Badegelegenheiten nutzt. (Es ist mir auch nicht bekannt, dass dies ausdrücklich verboten ist.) Mein kleiner Indio-Rucksack – explizit wegen der Wandertouren mitgenommen – zieht leider stark in der Schulter und ist nicht unbedingt wandertauglich. An einem der unteren Wasserfälle führt nochmal ein Weg auf der anderen Flussseite zum Parkplatz zurück. Meine Füße sind müde gelaufen und ich fürchte die Fortsetzung meiner Tour mit ausgezehrtem Körper.

Die Straße erscheint mir beim Runterfahren noch steiler als beim Rauffahren. Der schlechte Straßenzustand erfordert ständiges Bremsen – kein Erholung bergab. Ich lade aus dem Hotel meine Packtaschen auf und verpflege mich noch im Ort Torla. Danach kann ich ein kurzweiliges Abfahrtserlebnis nach Broto genießen, muss aber schon wenig später wieder hinauf. Bei Sarvisé geht eine kleine Straße nach Fanlo. Die schmale, aber zunächst noch aktzeptabel aphaltierte Straße führt entlang eines Tales durch dichtes Laub von Büschen und Bäumen. Irgendwo sorgen Kinder von einem Zeltlager für Lärm, sonst wäre es hier tief einsam. Der über weite Teile gemütliche Anstieg mit kleinen Abschüssen beunruhigt mich – immerhin soll der höchste Punkt bei Fanlo bei 1352 m liegen. – Gedacht, schon kommt er: Plötzlich geht es rampenartig nach oben, mindestens 15 % Steigung, und die Straße, gerade im Bau befindlich, wird zur Schotterpiste. Nur an ausgewählten Stellen finde ich genug Halt ohne wegzurutschen.

Auch diese Tortur nimmt eine Ende, aber es ist später als geplant. In der Abendsonne stürze ich hinunter ins Valle de Anisclo. Der fahrbare Teil dieser Schlucht ist atembraubend. Eine sehr schmale Straße führt durch eine engen Canyon, überhängendes Grün bildet Vorhänge, rauschende Kaskaden wechseln mit grünfarbenen Wasserbracken in natürlich geformten Gumpen, eine Mühle, ein Brücklein, irgendwo versuchen Fischer ihr Glück, natürliche Torbögen fressen den Weg durch mächtige, senkrechte Felswände, reflektierendes Sonnenlicht malt weiche Sandfarben auf das Gestein. Wegen kleiner Gegenhänge und dem Straßenzustand ist die Fahrt allerdings nicht ganz einfach – ich muss sehr viel schalten und sehr wachsam auf den Straßenbelag achten, der Genuss wischt aber alle Schweißperlen weg. Dass man dies fast ungestört genießen kann, ist einer zweiten Straße zu verdanken, die den Großteil des Verkehrs um das Tal herumführt und in Puyarruego wieder mit dieser zusammenstößt. Hier liegt einladend noch vor dem Ort auf der anderen Flusseite ein Camping. Für die geplante Weiterfahrt bis nach Ainsa ist es auch bei einfacher Fahrt reichlich spät. So verweile ich auf der Terrasse des Camping-Restaurants bei romantischer Abendstimmung mit dem untergehendem Glutball der Sonne und dem sich in den Nachthimmel hineinmalenden Vollmond, der sich im rauschenden Rio Vellos spiegelt.

Do, 1.7. Puyarruego – Ainsa – Boltaña – Puerto del Sarrablo (1291 m) – Sabiñánigo – Jaca (113 km)

Die folgende Strecke über Escalona bis Ainsa ist völlig anders als die am Vorabend. Der Rio Cinca fließt in einem breiten Kiesflussbett geruhsam durch das weit geöffnete Tal. Von Norden ist die Straße durch den Bielsa-Tunnel ein wichtige Verbindung zu Frankreich, entsprechend ist die Verkehrsdichte höher. In der Flussaue tauchen hin und wieder Industrieanlagen auf. Nach Süden fehlt jeder Horizont.

Ainsa hat eine moderne Unterstadt und eine historische Oberstadt mit der schmucken Plaza Mayor. Immerhin war Ainsa im 11. Jahrhundert Hauptstadt des Königreich Sobrarbe, in dem blutige Kämpfe zwischen Christen und Mauren tobten. Es gibt hier kaum Geschäfte, aber einige gute Restaurants (nach der Speisekarte zu urteilen), der Platz bevölkert sich aber erst abends. Durch pittoreske Gassen gelangt man nach unten, wo an der Hauptstraße Geschäfte mit leckeren aragonischen Spezialitäten locken – Schinken, Pasteten, Gebäck, Torrone, kandierte Früchte – besonders lecker sind die Orangen in Schokolade gehüllt!

Mittlerweile ist es wieder heiß geworden und kurz hinter Ainsa führt eine Abzeigung hinauf auf einsamer Straße zum Puerto del Sarrablo. Der erste und härteste Anstieg führt hinauf durch ein trockeneres Gebiet, auf der Anhöhe befinden sich über dem Quellgebiet eines kleinen Flusses ein paar Gehöfte. Dann geht es in Kehren über eine Art Höhenstraße mit Panoramablicken in das südliche Aragonien, in der dunstigen Ferne einzelne Türme von spanischen Burgen, neben der Straße immer wieder gelber Ginsterbewuchs, viel Kiefernwald. Der eigentliche Pass folgt dann später, etwas unvermittelt, an einer Wetter- oder Sendestation gelegen. Oberhalb von Laguarta, ein unscheinbares Dorf, liegt das Quellgebiet vom Rio Guarga, dem ich nun nach unten ins Tal folge. Wenn die Straße bereits flacher wird, bietet der Fluss einige gute Bademöglichkeiten mit kleinen Becken oder Sandbuchten, von lichtem Laubwald umgeben.

Der folgende Teil wird nun landschaftlich weniger reizvoll. Auf der N 330 nach Sabiñánigo herrscht starker Verkehr. Es geht zäh gegen den Wind aufwärts. Sabiñánigo umfahre ich auf dem Weg nach Jaca. Vom immer heftiger gewordenen Gegenwind abgekämpft erreiche ich Jaca, dessen kleiner Camping am westlichen Ende an der Hauptstraße liegt. Obwohl die Stadt eine große Geschichte hat, ist die Altstadt eher schlicht und einfach gebaut. Gute Infrastruktur und Einkaufsmöglichkeiten, modernes Zentrum für touristische und sportliche Aktivitäten in den Pyrenäen sowie die naheliegenden Berge hat die Stadt veranlasst, sich schon mehrfach (allerdings noch vergeblich) um die Olympischen Winterspiele zu bewerben. Um mich von den Widrigkeiten des Tages zu erholen, speise ich in einem besseren Restaurant – gut, aber nicht überragend.

Fr, 2.7. Jaca – Puente la Reina – Berdún – Ansò – Zuriza – Alto Zuriza (1290 m) – Isaba – Burgui – Puerto Las Coronas (950 m) – Navascues – Puerto Iso (670 m) – Lumbier (147 km)

Der Start verläuft schon mal gut. Bei kühlen Temperaturen (lange Hose!) komme ich gut voran. Neben der Straße verläuft einige Zeit eine Wanderpfad, der sich als der klassische Jakobsweg entpuppt. Einige asketisch wirkende Pilger marschieren dann auch daher durch offenes Wiesenland und in Tuchfüllung mit den Autos. In Puente la Reina (de Jaca) kreuzt die Straße den Rio Aragón. Tankstellen und Motels vermitteln das Bild eines Transit- oder Truckertreffs. Es gibt aber keinen Supermarkt für Proviant. Eine Rennradgruppe startet gerade zu einer Tour Richtung Westen, bleiben allerdings hinter mir zurück. Bei Berdún biege ich ins Ansò-Tal ab. Weiter ohne Frühstück folgt eine beschwerliche Fahrt ohne Verpflegungsmöglichkeit. Doch die Schönheit zollt dem Schweiß Tribut: Die Foz de Biniés erweist sich als lohnenswerter Abstecher von der Hauptroute Richtung Westen. Über der Schlucht kreisen Greifvögel, darunter auch Geier, deren Schreie in den Felsen widerhallen. Im unteren Teil erfreut ein geschwätziges Vogelgezwitscher meine Ohren. Ein natursteinerner Torbogen bildet die Pforte. Der teilschattige, feuchte untere Teil geht dann in einen über der Schlucht liegenden, trockeneren, felsigen Teil über. Dann folgen Wiesen- und Weidehänge. Die Auf und Abs sorgen für zusätzliche Höhenmeter der ohnehin steigenden Strecke.

Das kleine, aus grauen Steinhäusern gebaute Ansò wirkt in der Totalen geradezu abweisend und eigenbrödlerisch. Aber es gibt Versorgung. Ein Sandwich in einer Bar sowie Früchte und Joghurts aus dem Supermarkt stopfen endlich die Löcher in meinem Magen. Etwas weiter hinauf finde ich Badestellen am Rio Veral. Das Tal wird enger, aber auch dichter bewaldet mit Eichen, Kiefern und Fichten. Nach der Bade- und Verzehrpause folgen einige schwere Rampen nach oben. Zwischendrin gibt es versteckt nette Fischrestaurants. In Zuriza schließlich öffnet sich ein grünes Wiesental. Viele Wanderer sind unterwegs, am Ortsrand gibt es sogar einen Campinplatz. Am offenen Hang noch eine kurze, heftige Steigung und ich überquere den Pass hinüber ins Roncal-Tal. Dabei überholt mich ein wild reintretener Mountainbiker, einer von hier vielen Aktivtouristen – aber des Grüßens nicht fähig.

Die Abfahrt wird von mehreren Gegenanstiegen unterbrochen. Auf der gut ausgebauten Straße im Roncal-Tal kann ich dann bei leichtem Gefälle auf Tempo fahren. Die Landschaft ist nett anzuschauen, aber nicht spektakulär. In Burgui geht es dann zum Puerto Las Coronas wieder hinauf. Die Straße ist mit ca. 6-7 % nicht übermäßig steil, aber meine Kräfte scheinen verbraucht. Ein bissiger Gegenwind fordert zusätzlich Tribut. Dem Nadelwald entwachsen, öffnet sich vom Pass aus ein Panorama auf die Bergkette der Pyrenäen – der Blick, der mir von Pau aus auf der anderen Seite so leidig verwehrt blieb. Wieder hinunter erreiche ich auf guter Straße bald die nächste Talsohle. Eine ebenfalls mäßige Steigung bei immer noch schwachen Kräften führt zum Aussichtspunkt über die Foz de Arbayun. Diese Schlucht mit 400 m steilen Felswänden ist nicht nur eine imposante Canyon-Kulisse, sondern auch ein besonders reges Tierparadies. Um das aber eingehend zu studieren, sollte man eine Wanderung durch die Schlucht machen. Von hier oben erblicke ich in der ausgehenden Abendsonne nur einige entfernt schwebende Greifvögel.

Nochmal gewinne ich gutes Tempo bei der Fahrt nach Lumbier durch die goldgelben Weizenhügel der Region. Die Windräder am Horizont aber sagen es mir: Ich werde zum radelnden Don Quijote, denn mein Feind – der Wind – bläst wieder kräftig von vorne. Die Stadt Lumbier liegt wie üblich auf einem Hügel, der Campingplatz aber hinter dem Hügel auf der anderen Seite des Flusses. Noch stehen hier gerade gepflanzte Bäume, sodass der Platz etwas kahl wirkt – wird in ein paar Jahren ein schöner Platz. Erstaunlich ist jedoch das Klima. Hier im spanischen Hinterland, mitten im Sommer, herrscht Herbststimmung. Alle Camper sind am frösteln, haben sich mehrere Kleiderschichten übergelegt, die die kalte Luft, die der bohrend heftige Wind unter die Haut treibt, abhalten soll. Ich versuche mein Glück in Richtung Zentrum, um ein Restaurant zu finden. Doch Lumbier ist tiefste spanische Hinterweltprovinz. Kein einziges Restaurant liegt in der Altstadt, das einzige (mit Hotel) im Unterteil ist geschlossen. Für einen Ort mit Canyon-Tourismus doch überraschend, wenngleich in der spanischen Provinz nicht selten. Zurück zum wenig einladenden Camping-Restaurant, ist jetzt auch dort Feierabend. An der Bar gibt’s etwas Dosennahrung –Tintenfisch, Oliven, Erdnüsse und ein Bier, dazu noch Süßvorräte aus meinen Taschen. Mit etwas Frust und Frost schließt der Abend.

Fortsetzung folgt
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#1374320 - 11.02.19 22:03 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-5 Grüne Schafshügel, elegante Städte, Fiesta, Muschelbuchten, Farbenfachwerk, Schinkenbaguette und Pfefferschokolade: Baskische Streifzüge durch Navarra, San Sebastián und Labourd

Sa, 3.7. Lumbier – Urroz – Pamplona – Puerto de Belate (847 m) – Sunbilla (108 km)

Unter der klaren Sonne hat sich die Morgenluft bald aufgewärmt. Der Gegenwind soll aber den ganzen Tag bleiben. Um nicht die verkehrsreiche und schnurgerade Route der N 240 zu fahren, wähle ich die etwas längere Route über Urroz (entlang der Irati-Aue) nach Pamplona. Nur wenige Pappeln und kleine Haine lockern die Landschaft mit weiten Kornfeldhügeln auf. Auch die Orte wirken abgeschieden und reizlos, erst mit Urroz erscheint ein etwas größerer Ort, auf einem Hügel gelegen. Obwohl ich eigentlich keine Vorräte an Essbarem und gar an Wasser habe, möchte ich nicht noch durch einen aufwändigen Ortsabstecher Zeit verlieren, d.h. fast 40 Kilometer ohne Versorgungsstelle auf der Landstraße. Erst in der Mittagshitze kurz vor Pamplona bietet eine Tankstelle Erfrischungen an.

Die Anfahrt nach Pamplona über die Nordostroute macht eine direkte Weiterfahrt nach Norden möglich, ohne in die Stadt einzufahren. Obwohl ich als Radler große Städte eher meide, will ich hier doch doch einen Abstecher hinein wagen. Noch vor der Cityeinfahrt hat man einen guten Blick auf weite Teil der Stadt. Zunächst passiere ich einige wenig attrakive Hochhaus- und Wohnblockviertel. Pamplona ist auch wichtige Industriestadt, beherbergt u.a. das größte VW-Werk Spaniens. Die verkehrsreichen Boulevards in der City sind großräumig angelegt. Davon zweigen kleinere Straßen ab, ein großer Bereich davon ist Fußgängerzone. Das moderne Pamplona zeigt sich dem Besucher als elegante Einkaufsstadt.

Das Berühmteste in Pamplona ist ein verrücktes Spektakel. Eine Steinskulptur hält fest, was drei Tage später real in den Gassen der Altstadt sich abspielen soll: Junger Macho wird vom Stier verfolgt – in Massen läuft das Szenario bei der Fiesta de San Fermín ab. Was die Menschen zu einem solch ausschweifenden Stierlauf antreibt, dürfte mir immer verborgen bleiben. Bewusst hatte ich meine Fahrt über Pamplona noch auf die Zeit vor der Fiesta gelegt. Dennoch ziehen bereits Musikgruppen durch die kopfsteingepflasterten Altstadtgassen, auf Plätzen haben sich bunte und riesenhafte Großköpfe (cabezudos) versammelt, die bis an die eisernen Balkonbrüstungen reichen.

Das Leben mit aufgeregten Gesprächsrunden in den meist schattigen Gassen spielt sich vor den offen stehenden Pintxo-Bars ab, die innen einfallsreich varierte kleine Köstlichkeiten anbieten – meist an der Theke wie ein Buffet aufgebaut. Man steht mit dem Drink davor, unterhält sich und greift sich dann und wann etwas aus den kühlen, dunklen Kneipen. Zum Glück gibt es auch an den Plätzen im Freien bestuhlte Möglichkeiten, ein Bocadillo in Ruhe zu speisen, ohne dabei das Velo aus dem Auge zu verlieren. Bei dem Angebot hat man die Qual der Wahl. Um die schmackhaftesten Sachen zu genießen, müsste man sich jedoch in die dichten Gassen drängeln, was mit dem Rad aber kaum möglich ist.

Die Fahrt Richtung Norden nach Frankreich verläuft über eine verkehrsreiche Straße (Lastverkehr), ist aber durchaus reizvoll. Die Landschaft führt aus einem Tal heraus langsam nach oben mit weitem Blick über viele der grünen Bergkuppen, die das so typische und liebliche Bild der Pyrenäen zeichnen. Etwa vier Kilometer vor dem Puerto de Belate zweigt die alte Passstraße von der Schnellstraße ab, die in Teilintervallen durch Tunnels führt (keine Fahrräder zugelassen). Trotz steiler Rampe mit mindestens 10% Steigung genieße ich die Fahrt auf der ruhigen alten Passstraße durch lichten Buchen- und Lärchenwäldern, in denen sich die frühe Abendsonne goldfarben streut.

Auf der Passhöhe weiden Kühe auf einer verträumten Wiesenlandschaft, der Berg zur rechte Hand ist eine Weidekuppe mit Pferden und Schafen, Touristen wandern hinauf um weite Panoramablicke zu gewinnen. Doch auch ohne den Hügel zu erklimmen, entfaltet sich ein herrliches Panorama nach Norden hin über unzählige Bergkuppen. Bei der Abfahrt steigert sich die Wirkung noch mit der dichten Vegetation, die hier auf der Nordseite der Pyrenäen mehr Feuchtigkeit bindet als auf der Südseite. Buchen, Eichen und Edelkastanien formieren sich zu urwüchsigen, fast geheimnisvollen Wäldern. Auch die exotischen Pflanzen des Gartens beim Parque Natural Señorio de Bertiz bei Oiregi weben sich in das Bild bei der rauschenden Fahrt aus der Höhe ein – wenn auch hier ein heftiger Gegenwind eine gehörige Bremswirkung entwickelt.

Bereits im flachen unteren Teil, wo beide Straßen wieder zusammenlaufen, zweigt eine kleine Straße nach Sunbilla ab. Im silbernen Abendlicht glänzt der Rio Bidasoa, den eine Brücke zum pittoresken Ortskern hinüberspannt. Der Ort dokumentiert sehr schön die baskische Bauweise mit rotem Fachwerk. Die Häuser sind sehr solide gebaut und gepflegt, mit reichlich Blumenschmuck verschönert. Die Menschen scheinen stark auf sich selbst eingeschworen zu sein, eher abweisend gegenüber Fremden. Die ganze Atmosphäre erinnert mich irgendwie an die Schweiz. Auf der kleinen Straße, kurz vor der Einmündung zurück auf die Nationalstraße, sticht eine kurze, extrem steile Rampe (> 16%) hinauf zu einem eichenbestandenen Campinggelände, der wunderbare Ausblicke auf die Bergwelt des Tales gewährt. Im Restaurant bekomme ich ein Steak mit Pommes frites – einfach, aber ordentlich und reichlich.

So, 4.7. Sunbilla – Lesaka – Puerto de Aritxulegi (450 m) – Oyarzun – Errenteria – San Sebastián (Donostia) – Hondarribia – Hendaye – St-Jean-de-Luz (106 km)

Nach kühler Nacht breche ich auf, weiter im schattig-feuchten Tal nach unten. Nach 12 km gebe ich der schwierigeren Route über weitere, niedere Pyrenäenhügel den Vorzug, zweige nach Lesaka ab – eine sehr lohnenswerte Strecke. Auch Lesaka ist ein pittoreskes Baskendorf, mit typischen Fachwerkhäusern und einem sperrigen Verteidigungsturm im Ortskern. Es ist Sonntag und ruhig, immerhin kann ich ein bisschen Frühstücksgebäck ergattern. Ein Postkarte zeigt die klassischen Trachten, die nur drei Tage später beim Fest San Fermín mit traditionellen Tänzen zum Einsatz kommen.

Kurz nach dem Ort beginnt der Aufstieg, zunächst durch Wald, dann über einen offenen Hang, bei wechselnden Steigungsprozenten, aber nie über 8 %. Von der Passhöhe genieße ich nochmal einen Panoramablick – der letzte über die immer wieder herrlichen Pyrenäenhügel, während eine kleine Radgruppe vorbeifährt. Unten liegt ein Stausee und weiter hinten erkennt man einen Tunnel der auf einer weiteren bevorstehenden Auffahrt liegt. In der Talsohle verläuft die Straße über die Staumauer, gleich danach geht es wieder nach oben, nochmal ziemlich steil. In einer aufsteigenden Kurve liegt ein Bistro, das als Sonntagstreff bei den Einheimischen beliebt zu sein scheint. Mit einem Bocadillo stärke ich mich. Es könnte ein Genuss sein, hier in der Ruhe zu sitzen, wenn da nicht dieses unablässige Gekläffe von zwei Hunden wäre, die von zwei Höfen in der Nähe das gesamte Tal zum laut-schallenden Echo ihres Kommunikationsbedürfnisses machen. Warum wohnen Menschen in der Einsamkeit, um sich dort dann solche Lärmverbrecher zuzulegen?

Ich hatte einen weiteren längeren Anstieg erwartet, jedoch markiert der Tunnel das Ende der Steigung. Auf der anderen Seite geht es über eine gute Straße hinunter, die Dichte der Siedlungen nimmt zu. Nach einem kleinen schattigen Abschnitt am Fluss entlang fahre ich über eine offene Fläche, die Sonne stark drückend. Die Stadt Errenteria stimmt bereits auf ein großstädtisches Moloch ein, doch sind es noch einige Kilometer bis Donostia, wie San Sebastián auf baskisch heißt. Die Weiterfahrt ist von Industrie, Hafenanlagen und garstigem Verkehr geprägt. Ein Hügel erschwert nochmal den Zugang zur Stadt, dann öffnen breite Boulvardstraßen den Weg zum Meer. Gebäude und moderne Straßenlaternen-Designs geben einen sehr gepflegten Eindruck, der sich auch bei der weiteren Besichtigung bestätigt. Bevor ich jedoch mir Teile der Stadt anschaue, verweile ich an der ersten Bucht am brandenen Meer zu einer späten Mittagsrast. Ausgehend von der ersten Bucht führt vom Strandboulevard ein Pfad über den Felsen zu weniger stark besuchten Plätzen, die sich weniger zum Baden eignen (Brandung, scharfe Klippen), ab wo man sich auch nackt sonnen kann. Für eine kurze, erstmalige Atlantikdusche reicht es auch hier.

Über den Strandboulevard an der Playa de la Zurriola radele ich Richtung Altstadt. Die Buchten von San Sebastián erinnern an jene von Rio de Janeiro, zumal vom Monte Urgull auch eine Christusstatue auf beide Buchten herabblickt und auch das Menschengewimmel wohl vergleichbar ist (ohne jemals in Rio gewesen zu sein). Vorbei am Kongresszentrum geht es über die Brücke zur Altstadt. Wie die Straßenlaternen verraten auch die Brücken den Sinn für modernes Design. Den wohlhabenen Status der Stadt bestärken zahlreiche Bankgebäude, noble Geschäfte, elegante Cafes, einladende Pintxo-Bars, schmucke Restaurants und nicht zuletz die vielen flanierenden Menschen in der recht übersichtlich angeordneten Stadt. Auf der westlichen Seite der Altstadt stoße ich dann auf die zweite, noch größere, muschelförmige Bucht, die Bahia de la Concha. Sie ist im Westen wiederum durch einen Berg geschützt, dem Monte Igueldo. Eigentlich habe ich Lust auf ein Eis, muss jedoch ähnlich wie in Frankreich feststellen, dass es auch in Spanien nur wenige Eisdielen gibt. Für die angeblich besten Pintxos Spaniens (sonst in Spanien Tapas genannt) ist jetzt die falsche Zeit, zumal ich ja noch weiterfahre.

Die Ausfahrt ist dann für den Radler sehr schwierig. Ein Tunnel, für Radfahrer gesperrt, hindert die Weiterfahrt Richtung Frankreich. Der Tunnel ist, im Innern nach oben steigend und mit dichtem Verkehr, auch nicht für Wagemutige zu empfehlen. Ich suche außer dem Umweg über das verkehrsreiche Errenteria ein Alternative, frage mich zunächst erfolglos durch, weil alle nur den Tunnel als Verkehrsweg kennen (wer fährt auch schon mit dem Rad herum?). Dann weiß doch noch jemand, dass auch über den Berg noch eine Straße führt, die allerdings als Durchgangsstraße am Kreisel nicht ausgeschildert ist. So geht es nochmal kurz heftig nach oben (am Gipfelpunkt gelange ich dann auf die Straße aus dem Tunnel), bevor es in der Ebene Richtung Frankreich geht. Ich verpasse eine Abzweigung und komme so nach Hondaribbia, von wo aus das französische Hendaye zwar greifbar scheint, aber durch eine Lagune und einen Flugplatz den Weg versperrt. Ich muss die Straße wieder zurückfahren. Im quirligen Hendaye führt eine Schleife durch blumengeschmückte Gärten nach oben, wo sodann das leichte Auf-und-Ab über die Corniche Basque folgt – jene legendäre Küstenstraße der sinnlich-vergänglichen Sonnenuntergänge für Verliebte, die auch schon als Filmkulisse diente.

Rotes Fachwerk ist dann das historisch-pittoresk anmutende Bild von Ciboure, gegenüber liegend das nicht weniger schöne St-Jean-de-Luz. Da es mittlerweile dunkel wird und die bekannt eingeschränkten Schließzeiten der französischen Restaurants wieder drohend über mir schweben, beende ich die Etappe hier statt wie geplant in Bayonne. Der Campingplatz am westlichen Ortsausgang ist so schlecht wie billig. Nach meiner Rückkehr vom Essen kann ich nicht mehr duschen, Warmwasser ist ebenso Mangelware wie ein Licht in den Sanitäranlagen. Dafür mundet das Menü bei einem italienischen Franzosen umso mehr.

Mo, 5.7. St-Jean-de-Luz – Bayonne – Tarnos – Capbreton – Arnaoutchot (76 km)

Der Morgen ist verregnet, es wechselt zwischen Trockenphasen, leichtem Niesel und mäßigem Landregen. Ich schiebe eine Espressopause ein. Die Straße verläuft immer noch auf und ab, die nahen Pyrenäenberge am Horizont weisen darauf hin, dass sich hier bergiges, wenn auch bebautes Küstenland befindet. Die vermeintlich kurze Fahrt nach Bayonne dauert entsprechend länger als geplant.

Nun also Bayonne: „le capital de chocolat!“ – so wird man auch per Straßenschild empfangen. Und Bayonne, die französische Baskenhauptstadt, strahlt trotz der furchterregend dunklen Wolken lieblichen Charme aus. Die schmalen Häuser in den Gassen – Fachwerk, Putz und Fensterläden in Rot, Gelb, Blau und anderen Farben erzeugen ein schmuckes und intimes Gepräge. Dazwischen finden sich verschiedenste Geschäfte – und sie sind die besonderen: die weltbesten Chocolatiers mit den verführerischen Auslagen. Andrieu bezeichnet sein Geschäfte als l’atelier du chocolat, es gibt 70-, 80-prozentige Bruchschokoladen, nach Herkunftsländern sortiert, mit Orange, Pistazien, Kaffee, Ingwer und Pimentpeffer(!)-Aromen oder ganzen Stückchen, außerdem köstlich gefüllte Großpralinen, gar als Golfball geformt. (Mittlerweile haben sich längst solche Schokoladen bis in die deutschen Discounter verbreitet – möglicherweise eine Folge meines Großimportes dieser Tour? – Anm. 2019.) Ein anderes Geschäft ist auf Praliné und Tourone spezialisiert, noble Glastheken im Biedermeierverschnitt, Bedienung in blauen Rüschenblusen und weiß gestickten Schürzchen. Valerie et Christophe Puyodebat lassen Schokolade durch die Konche im Schaufenster laufen. Das Konchieren ist die eigentliche Kunst des Schokolademachens, sie entscheidet über die Qualität. Einen Teil der Konfiserieartikel packe ich in ein Paket. Über den Wert der Schachtel muss ich hier schweigen – es würde einem die Goldkronen aus dem Gebiss raushauen, wenn es der Kariesbefall nach dem Genuss des Ganzen alleine nicht schaffen sollte … – Diesmal bekomme ich von der Post ein Verpackung, es gilt 2 kg Obergrenze, mit ca. 15 Euro nicht ganz billig, und im vorgefertigten Format, das nur wenig Volumen erlaubt. Nach einigem logistischen Hin-und-her habe ich es immerhin geschafft, mal ein Paket von Frankreich nach Deutschland zu verschicken. Das grenzenlose EU-Vergnügen ist aber auf dem Postwege noch in weiter Ferne. Ich gönne mir noch eine andere Spezialität hier: Bayonner Schinken mit frischem Baguette – keine Soße, kein Salatblatt, keine Butter, nur so – der wahre Genuss!

Die miese Wetterlage erleichtert mir die Entscheidung, das noble Seebad Biarritz unbeachtet im Westen liegen zu lassen und meinen Ruhetagort direkt anzusteuern. Das immer noch schlechte Wetter und ein gewisses Hungergefühl trieb mich in Tarnos in ein Supermarkt-Restaurant. Hier gibt es im self service ein große Auswahl von preiswerten, gut zubereiteten Speisen. Am Ende war ich wohl überversorgt, verbrauche ich doch jetzt ohne Berge weit weniger Energie. Wieder draußen, ist es schwül-warm geworden, noch meist bewölkt, aber mit Aussicht auf Wetterbesserung. Die Fahrt durch die küstennahen Kiefernwälder kann man meist auf Radwegen zurücklegen – doch sei den schnelleren Radlern gesagt, dass man auch hier gegenüber der Straßenfahrt durch den schlechteren Untergrund (Wurzelwellen) und lästige Kreuzungen an Geschwindigkeit verliert (zuweilen auch starker Familientourismus, bisweilen mit Leihrädern von den Atlantikcamps hier).

In Moliets-et-Maa geht dann eine wenig befahrene Straße durch ein Naturreservat zum Camp Arnaoutchot, besser mit Arna bezeichnet. Das im Kiefernwald gelegene FKK-Camp ist groß genug, um das Velo sinnvoll für Fahrten zu den Einrichtungen zu benutzen – zu Fuß hat man zuweilen weite Wege zu gehen. Richtiges Nackt-Feeling kommt nur zögerlich auf, ist das Wetter doch weiterhin wenig sommerlich. Zwei Restaurants erlauben ein ordentliches Essen, ohne das Camp zu verlassen, welches allerdings generell sehr teuer ist.

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#1374321 - 11.02.19 22:04 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-6 Riesendünen, Kiefernwälder, Austernschlecken, Salzbonbons, Mangrovendschungel und exklusive Weinkultur: Flaches Zwischenspiel in der atlantischen Gascogne

Di, 6.7. Arnaoutchot (0 km)

Der Ruhetag beginnt mit Wolken, Regen und leichtem Gewitter, meine Wäsche, im Kiefernwald ohnehin vom Wind geschützt, kann nicht trocknen. Den Morgen sitze ich in der Kaffeebar ab, schreibe viele Postkarten. Am Nachmittag gibt es dann immerhin ein milchig verschwommenen Sonnenschein, sodass ich wenigstens einen Hauch von Atlantikgefühl bekomme. Bestimmend ist jedoch der Wind, der ständig den Sand zwischen die Zähne pustet. Laut Berichten anderer Gäste ist der Sommer bisher untypisch schlecht für diese Region – das galt ja auch für meinen zurückliegenden Pyrenäenritt. Es kommt dieses Jahr einfach nichts Gutes aus dem Westen.

Mi, 7.7. Arnaoutchot – Mimizan – Parentis – Biscarrosse Plage – Pyla – Arcachon (130 km)

Mehrere Gewitter hindern mich zunächst, überhaupt das Zelt zu verlassen oder gar Dinge für die Abreise zusammenzupacken. Schließlich muss ich nach Wassereinbruch von unten mein Zelt „evakuieren“. Notdürftig reibe ich im Waschraum Teile trocken, deponiere meine Sachen unter den nur kleinen Unterstellflächen. In den Regenpausen versuche ich zusammen mit dem kräftigen Wind die Zeltplane zu trocknen. Das alles führt zu einer 2½-stündigen verspäteten Abreise.

Bis nach Vielle fahre ich über ein paar Hügel, danach wird die Strecke flach. Es geht durch immergleiche Kiefernwälder mit Farnunterbau. Für einen Strandbesuch ist das Wetter mir zu unbeständig und ich bleibe daher auf Nordkurs ohne zum Meer abzuzweigen. Starker Wind begleitet mich, teils als Rückenwind, aber auch in Böen von allen Seiten. Am Etang von Mimizan, mit einer wunderschön angelegten Blumengalerie, fröstele ich sogar in dem heftigen Wind. Bei Gastes genieße ich für ein paar Minuten unter der endlich aufblinzelnden Sonne den Blick über den Etang de Biscarosse. Durch ein Militärgelände führt die Straße in einem großen Bogen nach Osten um die Lagune herum, bevor es über Biscarosse nach Biscarosse Plage wieder nahe ans Meer geht. In Biscarosse lasse ich mir eine angebrochene Zeltstange repararieren. Für ein kleines Stück absägen fordert der Trekkingladen mit 10 Euro einen doch recht üppigen Obolus.

Mit der küstennahen Route auf der D 83 beginnen wieder kleinere, auch kräftigere Auf und Abs. Insbesondere in der Nähe der großen Dünen bei Pilat muss ich mich schon etwas anstrengen. Schon in der späten Abendsonne besteige ich dann barfuß die Düne aller Dünen, die Düne von Pilat. Wie eine weiße Wand steht sie vor dem Betrachter, und das Weiß weiterer Dünen vermittelt ein Weite, ein Meer aus Sand und darüberhinaus das Meer des Ozeans, die den Menschen wieder so klein werden lässt, das ihn zur Bescheidenheit mahnt. Wie vereinzelte Ameisen klettern Menschen über die Sandhügel. Wer den gesamten Abend in romatischer Stimmung verbringen will, sollte einen Camping noch vor der Düne von Pyla wählen, eben direkt mit dem Weitenpanorama und dem Sonnenuntergang im Westen.

Eine kleine Abfahrt nach Pyla führt auf Umwegen nach Arcachon. Die Schiffsüberfahrten zum Cap Ferret sind schon eingestellt. Daher suche ich in Arcachon den am Hang gelegenen Campingplatz (kurze, heftige Steigung). In der Stadt nehme ich noch ein meerestypisches Menü ein. Nachts ist ein Duschen wieder nicht möglich, weil die Sanitäranlagen weitgehend unbeleuchtet sind. Stattdessen schrecken wieder Gewitter und Regen die Nacht.

Do, 8.7. Arcachon – Gujan – Marcheprime – Bordeaux (88 km)

Da der Wind selbst im dichten Baumbestand des Platzes Sachen trocknet, kann ich morgens ohne große Verzögerung einpacken. Doch wenig später am Hafen von Arcachon überfällt mich ein kurzer, aber heftige Schauer. Der stürmische Wind aus Westen treibt immer wieder neue dicke Wolken heran und so verläuft der Tag mit einer Vielzahl von Regenschauern, die mich immer wieder zu kurzen Unterbrechungen zwingen. Die Idee über Cap Ferret zu fahren (und dort noch einen Badestop einzulegen) gebe ich auf. Bei 16 °C, später nur noch 14 °C, treibt mich teils der Westwind voran, ich muss aber auch ständig auf Seitenböen achten.

Als Ausgleich für die widrigen Wetterverhältnisse genehmige ich mir in Mestras besonders schmackhafte Minitörtchen und eine Packung Salz-Schokoladen-Bonbons(!). In le Teich überlege ich kurz den Ornithologiepark zu besuchen, die unbeständigen Wetterfronten verleiden es mir aber ebenso wie den Dschungelwald im Naturdelta der Leyre näher zu erkunden. Die Schauerhäufigkeit nimmt zu und in Marcheprime verbringe ich zwei gelangweilte Stunden in einer Bar. Aus Angst, gar nicht mehr vom Fleck zu kommen, starte ich gar in den heftigen Regen hinein. Oberhalb der Gürtellinie fühle ich mich noch o.k., aber die Füße werden doch unangenehm nass und auch meine Taschen sind trotz Regenhüllen nicht ausreichend geschützt.

Kurz vor Bordeaux hellt der Himmel auf und es wird etwas wärmer. Die Einfahrt in die Stadt ist recht unspektakulär. Bei der Wetterlage ist nur die Übernachtung unter festem Dach sinnvoll, zum Glück finde ich hier eine Jugendherberge (Seitenstraße zwischen City-Einfahrt und Bahnhof). Meine Zimmergenossen sind Deutsche, die Interrail-geschädigt sind, d.h. immer von Stadt zu Stadt hüpfend ohne Landschaften drumrum zu sehen und ohne zu genießen. Mit dem Rad kurve ich durch die Stadt, schaue mir ein paar Bauwerke von außen an, insbesondere die schöne Brücke mit den charakteristischen Laternen. Modernes mischt sich in Bordeaux gerne mit Historischem. Vom Touristikbüro am Bahnhof habe ich mir einen Führer geschnappt, in dem auch Gourmetadressen angegeben sind. Mein Versuch, erstmalig mir ein echtes Gourmetmenü zu leisten, scheitert jedoch. Zwei mir noch erschwingliche Restaurants finde ich zwar, aber das eine mit legerem Ambiente ist brechend voll (wohl nur mit Reservierung zu besuchen) und das andere ist leer, entspricht aber nicht meinem Stilempfinden (steife Atmoshäre mit uniformierten Nobelkellnern). Doch es gibt genügend „normale“ Alternativen, ohne Not an gutem Essen zu leiden.

Fr, 9.7. Bordeaux – Izon – Libourne – St-Emilion – Lamothe-Montravel – Pessac – Ste-Foy – Le Fleix – Bergerac (119 km)

Der Weg aus Bordeaux heraus ist einfach zu finden. Nach Libourne führt eine autobahnähnliche Schnellstraße und so ist mir willkommen, dass sich wenig befahren Nebenstraßen mit leichten Auf und Abs durch Weinfelder finden. Im adretten Städtchen Libourne ist gerade Markttag, so herrscht gerade eine lebendige Atmosphäre. Als besondere Köstlichkeiten erwerbe ich Nusstorte und Crevettenpastete. Bei leichten Kopfschmerzen bekomme ich eine leichte Fahrt geschenkt, die an noblen Weingütern vorbeiführt. Zentrum der exklusiven Weingegend ist das mittelalterliche Städtchen St-Emilion, wo sich zahlreiche amerikanische Touristen tummeln. Diese begehren vor allem eines: Die teuren Weine der umliegenden Rebenfelder. Überall sind Wineshops, die sich auf die internationale Kundschaft eingestellt haben. Ich unterhalte mich kurz auf Deutsch mit einem Weinhändler. Ich gebe vor, keinen Wein mit Rad transportieren zu können – tatsächlich wäre es kein Problem sich die Weine aber zuschicken zu lassen. Da fehlt mir dann doch das Kleingeld für die edlen Tropfen. Bekannt sind aber auch die aromatischen Makronen, die ich nicht auslasse.

Weitere leicht hügelige Weinlandschaft folgt bis ich schließlich an der verträumten, ruhig dahinfließenden Dordogne entlang fahre. Ab St-Foy nimmt der Verkehr zu, auch nicht mehr an der Dordogne entlang, dafür mit gutem Rückenwind. Es ist immer noch ziemlich kühl, gegen Abend leichte Regentropfen. Da ich mich doch ziemlich unwohl fühle, ziehe ich in Bergerac ein einfaches Hotelzimmer dem Camping vor. Eine schöne Altstadt bildet die Kulisse für offene Restaurantplätze. U.a. gibt es köstlichen Ackersalat mit Walnüssen und Entenleber.

Hier enden meine authentischen Aufzeichnungen. Verblieben sind aber doch noch einige Eindrücke, fortan nun die Reise etwas kürzer im Rückblick kommentiert.

Fortsetzung folgt
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#1374322 - 11.02.19 22:05 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-7 Gänseleber, Trüffelaroma, Walnusskerne, Höhlenpinakothek, Trauerweiden und mäandernde Flussidylle: Das Périgord und Quercy im Spiegel von Dordogne und Lot

Sa, 10.7. Bergerac – Lalinde – Trémolat – Le Bugue – Les Eyzies – St-Léon – Montignac – Sarlat-la-Canéda (128 km)

Die untere Dordogne zeigt sich idyllisch, Uferorte mit überhängenden Weiden, Lalinde etwa. Die Vézère führt in die prähistorische Menschheitsgeschichte. Mehrere Höhlen können besucht werden, weltbekannt ist die von Lascaux in Montignac, die als Replik Lascaux II besonders opulent Höhlenmalereien zeigt. Die Wartezeit betrug aber mindestens einen halben Tag, sodass ich mich mit Spezialitäten des Périgords – Trüffel und Gänseleber – begnügte. Sarlat-la-Caneda, gleichwohl voller Geschäfte mit Spezialitäten aller Art, ist sowohl für ein Abendessen einladend, wie auch mit seiner historischen Bausubstanz einen Rundgang zu jeder Tageszeit wert.

So, 11.7. Sarlat-la-Canéda – Beynac – St-Cyprien – Berbiguières – Castelnaud – Domme – St-Julien – Souillac (100 km)

Höhepunkt des Tages waren gleich zwei Museumsbesuche in Castelnaud mit der mittleralterlichen Burg (geführte Besichtigung), wo auch mittelalterliche Events aller Art veranstaltet werden (Feste, Theaterspiel für Schulgruppen usw.). Unweit davon, etwas abseits vom Fluss, findet sich das Écomusée de la Noix, wo alles rund um die Walnuss und die Ölgewinnung der Nuss zu erfahren ist. Das Klein-aber-fein-Museum hat einen wertigen Shop mit Produkten der Walnuss, allem voran das hochwertige Walnussöl aus der historischen Mühle. Das Museum war bereits einmal Thema eines meiner Bilderrätsel.

Mo, 12.7. Souillac – Lacave – Calès – Rocamadour – Couzou – Labastide-Murat – St-Pierre – Cahors/Lamagdaleine (114 km)

Der Tag überbrückt das karstige Quercy zwischen der nördlichen Dordogne und dem südlich gelegenen Lot – gleichwohl ein stark männderner Fluss mit idyllischen Reizen und überhängenden Felsen. Der Übergang ist jedoch weniger spektauklär, die Karstgeheimnisse unter der Erde – ausgenommen der Pilgerort Rocamadour, ebenso für ein Ziegenkäse bekannt. Die exponierte Lage an einem Fels ist Postkartenbild und Lockruf von nicht nur Pilgerbussen zugleich. Wenn es noch geringe Touristenströme zur frühen Stunde erlauben, findet sich wertiges Kunsthandwerk wie etwa Schmuck, ein bemalter Messingschmetterling war meine kleine Beute. Die Lage des Campings bei Cahors ist etwas weit entfernt zur Stadt. Dort befindet sich nicht nur eine berühmte Teufelsbrücke, sondern gerne trinkt man auch ein Glas des geschätzen Weines und dazu gelungen zubereitete Jakobsmuscheln.

Di, 13.7. Lamagdaleine – Cajarc – Montbrun – Capdenac – Decazeville – Port d'Agrès – Entraygues (144 km)

Die Flusslandschaft wird zunehmend etwas mystischer, zu Ende dünnt die Besiedlungsdichte aus, auch die Touristen werden weniger. Es lohnen Abstecher von der Flussroute – nicht ohne ein paar mühevolle Anstiege, etwa nach Decazeville, wo ich immerhin ein Reiseradlerpaar aus Kanada traf.

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#1374323 - 11.02.19 22:05 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-8 Tour de France vice versa Tour de France, geometrische Vulkankegel, liebliches Seenland, angeregte Froschschenkelgespräche und knarzende Bettgestelle: Das Zentralmassiv mit dem Cantal und der Auvergne

Mi, 14.7. Entraygues – Lacroix-Barrez – Brommat – Thérondels – (1076 m) – St-Flour (90 km)

Der Aufstieg auf den Sockel des Zentralmassivs ist recht einsam und manchmal auch kräftezehrend, auch wenn die steilen Anstiege fehlen. Vor allem gegen Abend kommen zahlreiche Belgeitwagen der Tour de France entgegen, weil St-Flour Etppenort des Tages ist und am nächsten Tag die Strecke entgegen meiner Fahrtrichtung weiterführt. St-Flour erreiche ich weit nach der Zielankunft der Profis. Der Ort besitzt nicht annähernd die Kapazitäten für ein solches Großereignis. Der Campingplatz ist überfüllt und ich werde abgewiesen, erhalte jedoch postwendend eine Einladung eines Franzosen, auf seiner Parzelle mein Zelt aufzubauen. Als Reiseradler werde ich mit ehrfürchtiger Bewunderung aufgenommen und ein Mietentgelt für den Platz vehement abgelehnt. Weniger erbaulich verläuft die Restaurantsuche im Ort, die alle ihre Töpfe schon leergekocht haben, weil der Tour-Tross Hunger hatte. Besonders auffallend war die große Zahl deutscher Journalisten, viele Tour-Funktionäre waren in umliegende Orte bereits weitergefahren. Eine Pizzeria gewährt dann doch noch einen letzten Fladen, um auch meinen Hunger zu stillen.

Do, 15.7. St-Flour – Paulhac – Plomb du Cantal (1392 m) – Murat – Col d'Entremont (1210 m) – Pas de Peyrol/Puy Mary (1588 m) – Col de Neronne (1242 m) – Salers – Mauriac (112 km)

War zwar die Begegnung mit der Tour de France von mir beabsichtigt, so reichte meine Begeisterung jedoch nicht für ein Warten auf den 11-Uhr-Start. Ich kaufte ein paar Tour-Devotionalien wie einen Nickel-Anhängerchen und eine Plastik-Trinkflasche. Beide Teile waren von derart schlechter Qualität (Gestank, Oxidation), dass sie nicht lange Freude machten. Le Tour auch ein Nepper-Geschäft.

Die große Pässeroute des Tages war genau umgekehrt zur Fahrtrichtung der „echten“ Tour de France des Vortages, nur dass diese sogar von Limoges aus noch weiteres Flach- und Hügelland vorgeschaltet hatte und so eine Megaetappe zu bewältigen war. So verkürzt auf die vier Pässe ist es denn auch für mich als Reiseradler möglich, die honorige Bergetappe zu fahren. Die Cantal-Berge zeichnen sich durch meist sehr offene, grüne Berggrate aus, der Paradepass dabei der am Puy Mary vorbei. Dort treffe ich sogar auf eine deutsche Radfamilie, teils mit Hänger, aber auch Gelenkverbindung, der älteste Nachswuchsradler fuhr schon frei. Ganz ohne Schwiergkeiten ging es nicht, es gab eine Menge Knatsch. Mehr Wald zeigt der Col Neronne, schießlich mit einer sehr lang gestreckten Abfahrt.

Fr, 16.7. Mauriac – Bort-les-Orgues – Gorges de la Rhue – Condat – Eglisneuve (77 km)

War es abends noch mild am kleinen Teich des Campings, machte am Morgen Mauriac seinem Handwerk alle Ehre und ließ es regnen. Denn Mauriac verfügt mit Piganiol über eine Regenschirmmanufaktur, die äußerst einfallreiche Farben, Formen und Muster präsentiert. Allein dem Radler ist der Schirm zu unpraktisch, als dass er sich als Souvenir anbietet. Aber schön sind sie – nur der Regen nicht. Mit den Felsorgeln am Horizont und der recht unbekannten, teils sehr schmalen Gorges de la Rhue bringt der Tag noch sehr eindrucksvolle Ansichten aus Stein und Wasserschläuchen. In Eglisneuve übernachte ich in einer etwas rustikalen Kaschemme. Im Ort bin ich ein oder zwei Tage zu früh, denn Straßen und Plätze wurden für einen Käsewettbewerb hergerichtet – das wäre nach meinem Geschmack gewesen.

Sa, 17.7. Eglisneuve – Lac Pavin (1212 m) – Lac Chambon – Col de la Croix Morand (1401 m) – Col de Guéry (1268 m) – Lac Servière – Lac d'Ayat – St-Saturnin/St-Amant-Tallende – Theix – Clermont-Ferrand (126 km)

Die nördliche Auvergne, auch die Auvergne im engeren Sinne, wandelt sich von den vulkanischen Berggraten des Cantals zu einer Landschaft mehr lieblicher Kegelvulkane. Diese verfügen nicht selten über eine Deckel, in dem sich heute Seen befinden. Manche Seen unterliegen überwiegend dem Naturschutz, andere sind als Badeseen beliebt. So ist der Lac Pavin eher geruhsam, der Lac Chambon ziemlich trubelig, der Lac de Guéry bietet eine Naturbeobachtungsweg, der Lac Servière war belebt, aber mit noch wilden Wiesenufern und der Lac d‘Ayat teilt sich in eine betriebige Badezone neben überwiegend kaum zugänglichen Naturufern. St-Amant-Tallende zeigt sich in der Reihe schönste Dörfer mit ansprechnder historsicher Bausubstanz und doch noch stillem Charme.

Hatte ich am nächsten Tag einen Ausflug zum Puy de Dôme von einem FKK-Campingplatz aus angedacht, so entwickelt sich dieser und der nächste Tag ganz anders. Zum Glück konnte man mir auf dem abgelegenen Camping keine Speisen anbieten und ich entschied mich zur Weiterfahrt in die Doppelstadt Clermont-Ferrand und strich den Exkurs um den Puy de Dôme, ohnehin nicht wissend, ob die Aufffahrt möglich war (die Beschränkungen für Radler änderten sich immer wieder).

So, 18.7. Clermont-Ferrand – Chignat – Billom – St-Dier – Ceilloux (51 km)

Das Glück in die Stadt durchgefahren zu sein, offenbarte sich bald mit der Wetterentwicklung. Es regnete nachts wie tagsüber ohne Unterlass und auf dem Camping in den Bergen hätte ich weit unkomfortabler lahm gelegen. Hier im Hotel in Bahnhofsnähe fand ich einen gesprächigen Hotelier, mit dem ich den ganzen Vormittag verplauderte – besonders über die Eigenheiten und Unterschiede von Franzosen und Deutschen. Unfassbar für ihn, dass die Deutschen keine Froschenkel mögen. Ich selbst musste ihm erklären, nicht der typische Deutsche zu sein – Schnecken und Froschschenkel, bitte gerne!

Nach dem Mittagessen (keine Froschschenkel!) ebbte der Regen etwas ab und ich suchte fortzukommen. Der Erfolg war mager. Die schöne hügelige Auvergne versank erneut im Regenschleier. Zur nächsten Trocknung fand ich eine rustikale, preiswerte Gîte, wo es gutes Landessen gab und ich ganz allein im Haus im urig knarzenden Bett verbrachte, da die Eigentümer woanders wohnten und solch Wetter keine Touristen anlocken konnte. Ein wunderbares Erlebnis à la ferme, nur das Frühstück war nicht ganz auf meiner Wellenlinie.

Mo, 19.7. Ceilloux – St-Amant – Col des Toutées (996m) – Ambert – Col de la Pradeaux (1196m) – St. Anthème – Col de la Croix de l'Homme Mort (1163m) – Montbrison – Montrond-les-Bains – St-Symphorien (122 km)

Die Pässe werden zunehmend leichter und wirken ziemlich unauffällig, während die Namen martialischer klingen. Immerhin trocknete es langsam ab und die Sonne kam hervor. Höhepunkt des Tages das Fachwerk der Käsestadt Ambert. In St-Symphorien ein kleiner Camping, im Ort mal wieder das einzige Restaurant geschlossen. Abhilfe schafft ein neuer Dönerladen, auf dem französischen Land eine Kuriosität. Ich warne aber, dass die wenig überzeugende Fremdkost sich weiter ausbreiten könnte, wenn man nicht die Öffnungszeiten der heimischen Gastronomie modernisiert. Sicherlich eine schwierige Balance zwsichen Wirtschaftlichkeit und Untergang.

Di, 20.7. St-Symphorien – St-Martin – Thurins – Lyon – Neuville/Saône – Lyon (97 km)

Die Einfahrt nach Lyon bleibt zunächst am Nordrand einfach, aber auch später tiefer hinein in die Stadt bereitet kaum Probleme. Zu einem Flussbad fahre ich ein Stück an der Saône nach Norden, es herrscht dort natürlich viel mehr Verkehr als irgendwo im Zentralmassiv denkbar gewesen wäre. Auffällig sind in Lyon die Fassadenmalereien, die zum Kulturgut der Stadt geworden und längst vielfach nachgeahmt worden sind. Die Jugendherberge auf dem Berg ist überfüllt und mit zu großen Schlafsälen, entsprechend schlecht mein Schlaf. Zur Gourmetmetropole mit der Altstadt ist man aber nur fußweit entfernt – allein mal wieder der Regen einen größeren Rundgang vereitelt.

Fortsetzung folgt
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Matthias
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#1374324 - 11.02.19 22:06 Re: Tour de France: Pyrenäen - Auvergne - Jura [Re: veloträumer]
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TdF-9 Stille Wasserlandschaften, mystische Wälder, Anglerparadiese, Museenkunde mit Radgeschichte, quirliges Städteleben: Von der Rhone durch die Teichlandschaft Bresse, den westlichen Jura und entlang dem Doubs zur Burgundischen Pforte in den südlichen Oberrheingraben

Mi, 21.7. Lyon – Jonage – Montluel – Chalamont – Bourg-en-Bresse (91 km)

War die Einfahrt einfach, nimmt die Ausfahrt aus Lyon nach Osten groteske, unfranzösische Züge an. Selbst in Deutschland weiß ich kaum eine Stadt zu nennen, wo ich an so vielen Ampeln halten muss. Trotzdem ist die Ausfahrt noch angenehm, keine schlimmen Viertel oder Industrie (wohl mehr im Süden). Mit Erreichen vom Golfclub und der Rhone ist es schon wieder nahezu einsam, das Ufer leider nur selten gut zu erreichen. Die Teichlandschaft Bresse enttäuscht doch eher, zumindest auf dieser schnellen Route. Zu sehen bekommt man wenig, und die meisten Fischteiche sind mehr nützlich als romantisch. Bourg-en-Bresse wirkt ein bisschen betont zweckmäßig, doch kann man recht ruhig auch flanieren.

Do, 22.7. Bourg-en-Bresse – Jasseron – Col de France (371 m) – Chavannes – Gigny – Pimorin – Orgelet – Doucier – La Champagnole (113 km)

Ein wenig hier ist es Jura-light, am Westrand, aber auch schon viele Täler, die den Gebirgszug immer wieder kaum durchschaubar unterteilen. Hatte ich den Lac de Chalain bei Doucier noch als Sonnenfreude pur und mit Fischerkahnidylle im aufsteigenden Morgennebel in Erinnerung, so zeigte sich das Land hier nun so trist und ganz verschieden. Wie sehr doch das Gedeck des Himmels die Sicht auf die Landschaften beeinflusst. Keinen Badehalt wert, dringe ich in Richtung La Champagnole mehr in die moorigen, mystischen Waldlandschaften der jurassichen Hochebenen ein.

Fr, 23.7. La Champagnole – Salins-les-Bains – (Quingey) – Besançon – Laissey – Baume-les-Dames – Clerval (119 km)

Immer noch dominiert dunkles Wolkengbräu den Himmel, doch entlädt er sich nicht. Es dämmert fast wie Nacht und doch bei weit über 30 °C. Schon unwirklich so das graue Häusergestein der Salzstadt Salins-les-Bains. Am Doubs hellt es sich dann doch etwas auf. Die Besichtung der Zitadelle ist Höhepunkt des Tages, nicht nur die Aussicht, auch die Museenvielfalt ist erstaunlich, Schulgruppen bilden sich. Die meiste Zeit verbringe ich im Musée de la Résistance et de la Déportation, ein sehr detaillierte, gelungene Aufarbeitung der schändlichen Kriegsgeschichte. Im Kontrast dazu wartet Anglerromantik am Doubs und ein idyllischer Tagesausklang in Clerval. An die Unterkunft habe ich keine Erinnerung mehr – doch das mag verzeihlich sein, wenn ich gerne solche Orte wiederbesuche wie getan.

Sa, 24.7. Clerval – Montbéliard – Belfort – Burnhaupt – Mulhouse (111 km)

Trotz idyllischem Doubs eigentlich mehr ein Städtetag. Montbéliard ist leicht schick und lebenswert. Am Stadtausgang entdecke ich das Peugeot-Museum – ein Abriss der Firmengeschichte, von den berühmten Mahlwerken der Peffermühlen, zum großen Velomobilproduzenten und schließlich die nationale Autoinstanz. Alles drei entwickelte sich aber erstaunlich parallel, behielt Bedeutung – am meisten Bedeutung verlor leider mal das Peugeot-Fahrrad. Aus allen Bereichen finden sich zahlreiche historische Prunkstücke – also auch Fahrraddinosaurier aus der Renngeschichte.

Belfort zeigt sich fröhlich, lebenlustige Plätze, eine postmoderne Brunnenkonstruktion mit Säulen und flachem Durchgang, wer nass werden möchte – zum Spaß für die Kinder. Der Tag endet mit Schneckenessen am pittoresken Rathausplatz in Mulhouse, Übernachtung in der Jugendherberge (etwas auswärts, recht modern). Nicht doch unerwähnt soll bleiben, wie mich ein eingefleischter Elsässer mir als Deutscher, an einer Tankstelle noch zur Einfahrt vorher, politische und historische Weisheiten entgegenschleuderte, jeder Satz mit Nachdruck den Finger auf die immer selbe Stelle meiner Brust gestochen. Jedem Schritt, den ich zurückwich, rückte er mir wieder nach. Es blieb ein Wunder, dass kein bleibendes Loch in meiner Brust zurückblieb.

So, 25.7. Mulhouse – Neuenburg – Breisach – Endingen – Kenzingen – Lahr – Offenburg || per Bahn, ca. 21:00-23:00 || Stuttgart (132 km)

Die Brücke zurück nach Deutschland, ein ausgeprägter Fahrtag in der Gegend, die ich sonst schon mit weit mehr Zeit bedacht hatte und noch zu bedenken gedachte – was durchaus wahr wurde. In der Brust blieb letztlich nicht ein leeres Loch, sondern ein großes, gutes Stück Frankreichherz, was noch immer weiter wachsen sollte und wächst.

- Ende -
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Matthias
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