Re: Technik: wieviel davon?

von: macbookmatthes

Re: Technik: wieviel davon? - 11.07.19 00:06

In Antwort auf: iassu
Um auch mal selbst Stellung zu nehmen:
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Die letzten zwei Jahrhunderte haben im Wesentlichen eine Mechanisierung ursprünglich menschlicher Tätigkeiten gebracht, die Mechanik wird derzeit ihrerseits auf ein Minimum reduziert und von Elektrik und Elektronik ersetzt. Dieser Vorgang scheint mir allumfassend une unausweichlich zu sein.

Auch am Fahrrad, das als ursprünglich rein mechanisches Gerät immer schneller in einen musealen Zustand versetzt wird, wird sich das irgendwann vollziehen. Und damit auch am Reiserad. Motivationen für die mechanische und die elektrische Weiterentwicklung gibt es wie gesagt ja viele. Sie basieren immer auf irgendeiner Art von Verbesserung und diese hat eben verschiedene Charaktere. Einer davon ist für mich: tatsächliche und eingebildete Komfortsteigerung.
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Und am Reiserad? Hier werden 8fach Komponenten empfohlen, weil die aus der guten alten Zeit stammen. Das ist die eine Art der Faszination. Man sehnt sich in Zeiten zurück, in denen Mechanik allein war. Sie gab einem Sicherheit. Interessanterweise widersprüchlicher Art. Denn einerseits erhoffte man sich sagenhafte Zuverlässigkeit und andererseits propagierte man überschaubare Reparaturmöglichkeit.

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Das Radreisen stemmt sich seit jeher gegen solche Tendenzen. Und, um konkret auf mich einzugehen, mit allerlei Möglichkeiten, Technik einzusetzen, wo sie früher nicht wirksam war. Ich nutze mit Überzeugung und Begeisterung Vollfederung, Hydraulik, 9x und 10x Antriebe, Aheadbauweise in der Lenkung und im Tretlager.
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Die Motorisierung ist ein weiteres Thema. Hier durch die Altersentwicklung mit besten Zukunftsaussichten ausgestattet.
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Fazit: ich erfreue mich am status quo meiner Hardware, nehme aber mit einem Lächeln im Knopfloch und einer Träne auf dem Inbusschlüssel zur Kenntnis, daß das alles schon länger angefangen hat, zu veralten und ich mich dem Fortschrit, wo immer er auch hin führt, verweigere.

Das hat angefangen, als ich nicht auf Centerlock umgeschwenkt bin, bei 25,4 am Lenker geblieben bin, keine Lenker über 60 cm fahre, kein Pressfit verwende, keine Directmountkomponenten verwende, mit stack und reach noch immer nicht souverän umgehe, keine Systemlaufräder besitze, uralte biogrips verwende, zwar inzwischen das smartphone am Lenker habe (manchmal), aber in diesem Leben kein Garmin mehr anschaffen werde, genausowenig wie die Zwitter, die inzwischen den normalen Fahrradcomputer ersetzen wollen.

Ich bin auch einer der bikepacking-Kopfschüttler und noch nie auf einem Sattel mit Aussparungen gesessen. Ich habe an der Federgabel keinen Fernbedienungsverschluß und keine Plattformtechnik im Dämpfer. Ich ignoriere Carbon, Stahl allerdings auch.

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Also unausweichlich,

ist im Leben nix, außer dem Tod. lach Ja, es gibt durchaus Argumente, das Velo an sich als "ausentwickelt" zu betrachten, andererseits aber genau darin den Reiz zu sehen, vielleicht doch noch einmal darüber nachzudenken. Elektrifizierung ist dabei nur ein Lösungsansatz, wenn auch ein derzeit sehr populärer.

"Komfort" als Begriff muss ja erst einmal nicht schlecht sein. Der Komfort einer indexierten Schaltung mit definierten Schaltschritten in direktem Zugriff einer favorisierten Lenkerposition ist sicher nichts, was heutige Radler in großer Menge mit Freuden zurückgeben wollen würden. Ob das jetzt in 8, 10 oder 12 Schaltschritten erfolgt ist erst einmal zweitrangig.
"Die gute alte Zeit" zu beschwören und aus diesem Verständnis heraus Empfehlungen abzugeben ist erst einmal Ausdruck einer Überforderung mit der "neuen" Unübersichtlichkeit. Das ist menschlich verständlich, man sollte aber seine Mitmenschen für alltagstauglich genug halten, selbst einschätzen zu können was sie für sich selbst wollen und was nicht. Das verbietet Formulierungen à la "das ist heute alles Schrott! Und war früher NIENIENIE so!"
Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass das Gefährt Velo mit seinem Alter von 100+X Jahren schon eine Menge Moden mitgemacht hat und viele davon kamen, gingen und kamen wieder und gingen wieder. Seien es nun Laufradgrößen, Einfachantriebe, Sattelstützendurchmesser, oder Lenkerbreiten. Man kann diesen Moden schlecht aus dem Weg gehen, gerade im MTB-Bereich, mitmachen muss man sie aber deshalb noch lange nicht.

Deswegen teile ich auch nicht den Satz "Das Radreisen stemmt sich seit jeher gegen solche Tendenzen."
Nicht nur, weil du den Satz danach gleich konterkarierst, sondern weil sinnvolle Entwicklungen gerade auf Reisen schnell zeigen können, ob sie wirklich Mehrwert erbringen, abseits persönlicher Vorlieben. Stichworte wären für mich persönlich Nabendynamos und LED, Sockelfelgenbremsen und Scheibenbremsen.
Das kann (nicht muss!) mit der Motorisierung ähnlich laufen. Ob sich das auf längeren Reisen durchsetzen wird, bleibt erst einmal offen, denn unterwegs sein ist mindestens so unterschiedlich wir die Spezies Mensch an sich. Im Alltagsbetrieb ist es definitiv eine Bereicherung in der Form, dass jedes Velo bedeutet, dass die Person gerade kein KFZ bewegt. Im MTB-Bereich bin ich selbst da noch ein wenig kritisch, ich habe zu viele Leute mit den motorisierten MTB Berge erklimmen sehen, die sie nur unter äußersten Mühen wieder heruntergeschafft haben, wenn überhaupt. Im besten Fall macht man Erfahrungen, im schlechtesten Fall riskiert man Leib und Leben.

Das abschließende Namedropping der Technologien und Entwicklungen die du an deinen Rädern nicht einsetzt fällt für jeden sicher ein wenig anders aus. Es hängt auch vom Radtyp und dessen Alter ab. Ich habe einen alten Stahlrennradrahmen, natürlich mit Felgenbremsen. Nur weil dort die Scheibenbremsen fehlen, mustere ich den nicht aus.
Ich kenne mittlerweile, nach über 40 Jahren "Fahrkarriere" meine Vorlieben und Abneigungen bei Radtechnik ganz gut und finde immer noch dazu passendes Material. Ich nutze sogar Teile des "Marktriesen" aus Osaka, ohne mich deswegen selbst zu geißeln. Die Welt ist so wie sie ist, anders müssen wir sie schon selbst machen. grins