Re: Technik: wieviel davon?

von: iassu

Re: Technik: wieviel davon? - 10.07.19 11:05

Um auch mal selbst Stellung zu nehmen:
Motivation, Technik zu benutzen, gibt es vielfältig. Zunächst war/ist ja das Bedürfnis, damit Abläufe zu ersetzen, die man ganz ohne Hilfsmittel selber zu machen hätte. So gesehen ist schon das Fahrrad selber natürlich Technik. Die letzten zwei Jahrhunderte haben im Wesentlichen eine Mechanisierung ursprünglich menschlicher Tätigkeiten gebracht, die Mechanik wird derzeit ihrerseits auf ein Minimum reduziert und von Elektrik und Elektronik ersetzt. Dieser Vorgang scheint mir allumfassend une unausweichlich zu sein.

Auch am Fahrrad, das als ursprünglich rein mechanisches Gerät immer schneller in einen musealen Zustand versetzt wird, wird sich das irgendwann vollziehen. Und damit auch am Reiserad. Motivationen für die mechanische und die elektrische Weiterentwicklung gibt es wie gesagt ja viele. Sie basieren immer auf irgendeiner Art von Verbesserung und diese hat eben verschiedene Charaktere. Einer davon ist für mich: tatsächliche und eingebildete Komfortsteigerung.

Diese läuft in vielen Fällen auf Fortschritte raus, die auf ihrer Rückseite gleichzeitig Rückschritte sind. Den peak der Mechanik haben wir bereits hinter uns. Die Elektrifizierung des Fahrrads bringt in vielen Bereichen eine Vereinfachung, Verprimitivierung der Komponenten mit sich, einfach weil Gewicht kaum noch eine Rolle spielt und weil neben der Elektrik und Elektronik nur noch wenig finanzieller Spielrauf bleibt. Würde mich zB nicht wundern, wenn an den Pedelecs demnächst wieder billige Vollkunststofflaufräder fröhlichen Urständ feiern würden.

Und am Reiserad? Hier werden 8fach Komponenten empfohlen, weil die aus der guten alten Zeit stammen. Das ist die eine Art der Faszination. Man sehnt sich in Zeiten zurück, in denen Mechanik allein war. Sie gab einem Sicherheit. Interessanterweise widersprüchlicher Art. Denn einerseits erhoffte man sich sagenhafte Zuverlässigkeit und andererseits propagierte man überschaubare Reparaturmöglichkeit.

Die andere Art der Faszination ist die Begeisterung für Neues. Ob das Neue nun soviel Verbesserung bringt, daß der Ökonom den Kosten zustimmt, spielt für den Freak, den Spieler und den Poser keine Rolle. Faszination ist schon immer, auch in vielen anderen Bereichen, das Vehikel für Weiterentwicklung gewesen, ganz egal, ob diese echt oder eingebildet ist. Wir stehen da mittendrin. Stichwort Alexa&Co. Angesichts dessen, was diese Art von Technik in der Lage und willens ist, uns abzunehmen, könnten wir zu immobilen Sesselfurzern degenerieren, dank Alexa bestenfalls in einer Art Dauer-Reha befindlich.

Das Radreisen stemmt sich seit jeher gegen solche Tendenzen. Und, um konkret auf mich einzugehen, mit allerlei Möglichkeiten, Technik einzusetzen, wo sie früher nicht wirksam war. Ich nutze mit Überzeugung und Begeisterung Vollfederung, Hydraulik, 9x und 10x Antriebe, Aheadbauweise in der Lenkung und im Tretlager. Hier aber habe auch ich den Punkt erreicht, wo ich im angebotenen Weiterso nur Rückschritt sehe. Eine kurze Forschung im aktuellen Markt für MTB-Fullies ergibt: Umwerfermontage ist überwiegend nicht mehr möglich. Der 1xirgendwas-Antrieb ist Standard geworden. Fürs gemeine Reiserad und den gemeinen Reiseradler schlicht ungeeignet.

Die Motorisierung ist ein weiteres Thema. Hier durch die Altersentwicklung mit besten Zukunftsaussichten ausgestattet. Man ist, wenn die Gebrechlichkeiten und die abnehmenden Leistungsmöglichkeiten zunehmen, immer geneigter, alte Vorstellungen von Purismus über Bord zu werfen, denn sonst müßte man ja das Gewohnte ganz an den Nagel hängen. Dorfschmied und Knochenwerkzeug gehen gleich mit über den Jordan. 7/8fach Kinderstube? Hier entschädigen die vielseitigen Spielmöglichkeiten am Mainboard auf dem Lenker. Und das Drehmoment aus dem technischen Unterleib vermittelt einem Jugendfrische. Gesundheit draußen im grünen Wald im Elektrofeld? Egal.

Fazit: ich erfreue mich am status quo meiner Hardware, nehme aber mit einem Lächeln im Knopfloch und einer Träne auf dem Inbusschlüssel zur Kenntnis, daß das alles schon länger angefangen hat, zu veralten und ich mich dem Fortschrit, wo immer er auch hin führt, verweigere.

Das hat angefangen, als ich nicht auf Centerlock umgeschwenkt bin, bei 25,4 am Lenker geblieben bin, keine Lenker über 60 cm fahre, kein Pressfit verwende, keine Directmountkomponenten verwende, mit stack und reach noch immer nicht souverän umgehe, keine Systemlaufräder besitze, uralte biogrips verwende, zwar inzwischen das smartphone am Lenker habe (manchmal), aber in diesem Leben kein Garmin mehr anschaffen werde, genausowenig wie die Zwitter, die inzwischen den normalen Fahrradcomputer ersetzen wollen.

Ich bin auch einer der bikepacking-Kopfschüttler und noch nie auf einem Sattel mit Aussparungen gesessen. Ich habe an der Federgabel keinen Fernbedienungsverschluß und keine Plattformtechnik im Dämpfer. Ich ignoriere Carbon, Stahl allerdings auch.

Es ist wie wenn man auf einem Fluß vom Mainstreamkreuzfahrtschiff in ein Beiboot umgestiegen ist. Eine Zeitlang merkt man den Geschwindigkeitsunterschied nicht so. Aber dann...

Aber mir geht es gut damit. Mal schaun.