Re: Technik: wieviel davon?

von: irg

Re: Technik: wieviel davon? - 10.07.19 08:24

Hallo!

Vieles wurde, wenn ich vom Beginn meiner Radtouren an denke (1976 erstmals, ernsthaft ab 1983), besser und stabiler.

Die (zu mindestens mir zugänglichen) Reifen haben einen Quantensprung an Langlebigkeit erlebt, die Schaltungen, auch relativ billige, sind viel ausgereifter, die Auswahl an Radtypen ist weit größer. Die Räder sind großteils deutlich leichter geworden. Ich muss mir im Geschäft nicht mehr zwischen 5 verschiedenen Sätteln einen aussuchen. Die Räder sind, bezogen auf die Qualität (und wahrscheinlich auch allgemein) billiger geworden.

Dafür ist die Technik diffiziler geworden. Die alten 5-Gang Kettenschaltung hatte einen Werfer und einen billigen, rastenlosen Hebel aus Plastik am Rahmen, da konnte ohne Gewaltanwendung kaum etwas kaputt gehen. Wenn jetzt ein Schalthebel den Geist aufgibt, hat man als Radler ein Problem.

Manche Entwicklungen gehen, wie falk schön geschrieben hat, in Bereiche, die für mich schon eher absurd werden: Wozu braucht jemand wirklich eine Nabe mit 14 Ritzeln darauf? Was nicht heißt, dass ich sie den anderen nicht gönne. Aber die Physik stellt uns bei solchen Entwicklungen vor ein paar Probleme, die meiner Ansicht nach unnötig sind. Da frisst der technische Fortschritt schnell einmal alle Vorteile.

Das bringt uns zum Kern des Themas: Technischer Fortschritt, schön, aber wozu? Für mich persönlich, um möglichst unkompliziert, entspannt und effizient Rad zu fahren. Das ist ein Ausdruck meiner gesamten Einstellung: Ich will Bedürfnisse erfüllen. Wünsche können auf diesen begründet sein, müssen aber nicht. Gestern habe ich ein Tout Terrain mit Pinion-Antrieb gesehen. Ein ausgesprochen schönes Rad, aber mich würde es nicht reizen. Wenn bei diesem Rad unterwegs etwas Ernsthaftes zickt, bin ich wahrscheinlich ziemlich aufgeschmissen. Ich könnte es mir leisten, habe aber keine Lust dazu. Das Geld, das ich bei einem einfacheren Rad einspare, gebe ich gerne meinen Mädeln. Die können damit Wichtigeres kaufen.

Als pragmatischer Schrauber ist mir ein Rad, das ich möglichst komplett selbst warten und reparieren kann, am liebsten. Das schließt für mich schon einige Technik aus. Eine elektronisch gesteuerte Schaltung ist mir zu kompliziert, ich sehe auch ihren Sinn bei meinem Einsatzbereich nirgends. Anders kann es mit Scheibenbremsen sein: Am einen Tandem haben wir Felgenbremsen, am anderen Scheibenbremsen. Beide funktionieren und reichen bei unserem Gebrauch aus. Bei den Scheibenbremsen kann ich mit weniger Fingerkraft eine Vollbremsung hin legen. Bei tiefem Schnee machen die Felgenbremsen Probleme, das ist der größte Unterschied. Die Scheibenbremsen haben also durchaus Vorteile. Dafür klingeln sie auch bei richtiger Einstellung, und die alten Scheibenbremsen musste ich schon ersetzen, weil die Kolben hartnäckig schwergängig waren. Am Tourenrad würde ich mir das mangels Bedarf nicht antun wollen. Was nicht heißt, dass Scheibenbremsen keine tolle Erfindung wären.

Zur Extremhaltung im anderen Faden: Ist es wirklich extrem, mit dem, was man hat und kennt, zufrieden zu sein? Oder wird es extrem, weil die Konzerne einem genau das schwer machen, indem sie alten Systeme auslaufen lassen?
Im Beispiel vom Käfer, der zuverlässig fährt, im Vergleich mit einem modernen Auto stehe ich klar auf der Seite des modernen Autos. Ich habe zu viel an meinen alten Käfern geschraubt, hatte dabei zu oft blutige Finger davon getragen. Unser modernes Auto ist technisch viel robuster, braucht viel weniger Treibstoff, hat viel mehr Platz und kann den Wohnwagen ziehen, den wir mit unserer behinderten Tochter brauchen, um mit der Familie interessante Urlaube machen zu können. Aber was spricht gegen eine 8-fach Schaltung, um beim Beispiel zu bleiben? Mit einer 11-fach habe ich feinere Gangabstufungen, das kann nett sein. Wenn ich diesen Komfort aber mit geringerer Stabilität erkaufen sollte, oder einen sehr hohen technischen Mehraufwand bezahlen muss, um die Stabilität zu erhalten, stelle ich den Mehrwert für mich in Frage. Das ist aber nur meine persönliche Ansicht, mit der ich die Entscheidungen anderer nicht in Frage stelle.

Zu den verschiedenen Ritzelzahlen ein Nachtrag: Wenn ich ein Rad neu aufbaue, werde ich sicher nicht 8-fach Standard nehmen, so gut wie sicher auch nicht 9-fach. Beim Reparieren kann das schon anders ausschauen. Ich wüsste z.B. nicht, warum ich unsere Alltagsräder umrüsten sollte, so lange sie ihren Dienst tun. Und wenn jemand gezielt nach 8-fach fragt, antworte ich entsprechend. Wer bin ich, jemand anderem die eigene Entscheidung nehmen zu wollen?

lg!
georg