Langer Weg ans Meer

von: Anonym

Langer Weg ans Meer - 26.09.10 18:31

Eine Tour, bei der vieles anders und das Wasser von oben und von innen in Strömen lief, manchmal gar nichts mehr ging, es aber auch oft richtig rollte.

Leipzig - Elsterradweg - Mittellandradroute - Siegen - bergisches Land - Remscheid - Münster - Osnabrück - Bremen - Hamburg - Büsum - Lübeck - Ostseeküstenradweg bis Usedom(Ückerritz)

Sa 4.September:

Frühmorgens das Rad fertig gepackt und dann die letzte Spätschicht. 8,5h die sich wie Kaugummi ziehen. Kurz vor Mitternacht fahr ich dann los, erstmal aus der Stadt raus und irgendwo in die Pampa fürs Schlafen. Dann ist man beim Aufwachen direkt im Urlaub drin. Ich bin keine halbe Stunde unterwegs und noch im Stadtrandgebiet, auf schlammigen Pfaden dem Elsterradweg folgend, der erste Platten. Omen? Die Inspektion zeigt einen wunderbaren Schnitt/Riss? in der Flanke des Duranos. Kann nicht wahr sein. Der erste Gedanke geht zum Faltdurano im Gepäck, der zweite ist wieder Empörung. Der Reifen war nagelneu. Also Duck-Tape-Flicken. 3 Streifen unter den Mantel geklebt, erster Ersatzschlauch benutzt. Nach wenigen Minuten gings weiter.

Dann kam ich aus den Wäldern raus auf die Felder und befand mich in einem Nebelmeer, der Cyo wurde zur Funzel und die LED-Stirnlampe musste ohne Dimmung mit 3W die Radwegschilder suchen. Der Radweg zog sich auf einsamen Weg ruhig dahin. Kein Regen war angekündigt, so legte ich mich auf einem Feld auf eine Bank und schlief 4 Stunden. Ich hatte ein Date am nächsten Tag.

So 5.September

7Uhr morgens, ich such die Sonne, die wurde mir versprochen. Keine Sonne, nur Nebel. Ich kriech aus dem Schlafsack und mich umfängt Kälte. Ich fluche, stapfe um das Rad und die Bank, die Füße werden nicht warm. Irgendwo muss es Kaffee geben, ich entschließe mich zum schnellen Aufbruch. Neopren an den Füßen, Handschuhe, das Kopftuch weit über die Ohren gezogen.
Durch stille Nebelmeere fahre ich stundenlang übers Land und komme mir vor wie der einzige Mensch auf der Welt.
Dann Sonne, eine Tankstelle, ein Kaffee, ich werd langsam munter.

In einem kleinen Kaff, wo der Elsterradweg die Mittellandroute(D4) trifft, bin ich verabredet um einen Forumslader überreicht zu bekommen. Tja, der kommt nicht, weil am Vorabend durchgebrannt, fahr ich also mit meinem bisherigen Lader weiter.

Ich komm gut vorran, trotz völlig fehlendem Training im letzten Jahr. Ich hab ein Ziel, Remscheid, ich hab mit Mittelgebirgsquerungen einen Gegner und die Regenfront im Nacken.

Es rollt gut und ich fahre in die Dämmerung hinein, finde leicht einen Schlafplatz. Müde und zufrieden schaff ich es gerade noch mich zu ernähren und sinke in einen tiefen Schlaf.

Mo 6.September

Ich fahre den Rest der D4-Mittellandroute Radroute durch Thüringen nach Hessen. Es rollt phantastisch. Ist man in einem Moment noch am südlichen Harzrand, fährt man gefühlte Augenblicke später schon über Teile des Rennsteig-Radwanderwegs. Das Wetter ist phantastisch, die Sonne grillt mich und ich fang an zu rasen.

Dann plötzlich lieg ich auf der Seite, rechter Unterarm und Handballen durch groben Schotter etwas verwüstet. Klarer Ausschilderungsfehler. Das Abbiegeschild des Radwegs war hinter Ästen versteckt und ich sah es erst so spät dass das unbewusste Brems- und Lenkmanöver zusammen mit eher plötzlich aufgetretenem Schotter zum Abflug führte. Der Bremsgriff war schön abgeschubbert und verdreht. Schotter vom Arm und Hand abgewischt, Bremsgriff und Lenker wieder einigermaßen gerade gedreht, dann weiter. Dass ich den Endanschlag vom Schaltwerk neu einstellen muss nach dem Sturz fällt mir erst am nächsten Tag auf, und ich denk mich nicht viel dabei.

Di 7.September und Mi 8.September

Weiterhin Mittellandradroute, Mittelgebirge und Regen, viel Regen, und ich hab ein Ziel zu erreichen, das Liegeradtreffen in Münster, bzw. Donnerstag Abend Remscheid um jemand abzuholen. Die Mittellandradroute offenbart gemeinheiten, Streckenqualitäten die jegliche schnelle Fortbewegung verhindern. Abschnitte auf verschlammten, versandeteten Waldpfaden. Dann Abfahrten in Wäldern die ich durch Laub, Äste und Dauerregen mit 20-25km runterschlich. Schlammbad für alle Teile. An 3 Tagen ging mehr als die Hälfte der Bremsbeläge an der V-Brake und der Scheibenbremse hinweg.
Stundenlanger Platzregen, da hatten auch die Carradice keine Chance mehr. Auf den Merkzettel kommt, dass ich sie mal nachimprägniere.

Ich schaffte im immer durchnässteren Zustand immer noch Durchschnitte von 18km/h und dreistellige Tageskm, aber das ging auf die Substanz, wie sich im Verlauf zeigen sollte.
Berghoch konnte ich nicht so langsam fahren dass ich nicht schwitzte, und bergrunter konnte ich dauerbremsend die Zeit nicht wieder rausholen und fror zudem, weil ich gar nicht mehr treten brauchte.

Am Mittwoch Abend erreiche ich Siegen und fahre noch paar km Richtung Remscheid. Der Regen setzte immer mal aus und ich war guter Hoffnung.

Do 9 September.


Der Tag meiner Fehleinschätzung

Auf der Tagesordnung stand eine relativ kurze Strecke nach Remscheid, ich hatte schon hinter Siegen im Wald geschlafen. Irgendwie kam ich auf die Idee dass Remscheid im Ruhrpott liegt. Meine geographischen Kenntnisse der Region sind eher bescheiden, und ich fuhr ohne Karte, nur nach GPS. Ich wartete also darauf, dass es flacher wird.

Pustekuchen, bergisches Land, wie der Name schon sagt. Vllt. hab ich die falsche Richtung erwischt, aber irgendwie gehts nur noch hoch und runter. Ich erlebe das bergische Land als das härteste Mittelgebirge bisher. Der Regen ist leider weiterhin mein ständiger Begleiter. Die Flüche werden nicht gezählt.

Eigentlich wollt ich zumindest am Abend noch mit einem Velomobil meines Gastgebers probefahren, aber ich bin nur noch platt und froh endlich durchs Mittelgebirge durch zu sein.

Kaum steh ich 10min vor der Tür bei meinem Gastgebers, gibt es einen Knall und der zweite Platten. Diesmal ein Anwenderfehler, der Versuch normales Tape, also Rollenpflaster als Felgenband zu verwenden ging jahrelang gut, allerdings hab ich noch nie mein Rad so intensiv geduscht. Völlig durchgeweicht gaben sie dann langsam den Geist auf. Erst Maßnahme, ne Schicht Iso-Klebeband als zusätzliches Felgenband. Das würde nicht reichen, 2 Tage später bei der gemeinsamen Ausfahrt gab es den dritten Platten, danach Gewebeklebeband als dritte Lage Felgenband, dann war Ruhe.

Den Abend wurde ich dann extrem mütterlich umsorgt und umhegt von meinen Gastgebern. Am nächsten Morgen sollte es losgehen zum Liegend Leezen, einem Liegeradtreffen in Münster. Ich hatte schon 600km nach 5Tagen auf der Uhr, was ich für die Bedingungen und das Relief ganz ok fand.

[Fortsetzung und genaue Etappenlängen folgen]