Re: Italien Griechenland Sommer 2008

von: iassu

Re: Italien Griechenland Sommer 2008 - 21.09.08 01:06

Und weiter mit Teil 3, Pescara - Kórinthos.

Größer geschrieben hier, Bilder s. unten.

Am Ruhetag kuriere ich den Sonnenbrand auf den Oberschenkeln aus. Trotz gewissenhaften Eincremens war er nicht vermeidbar gewesen. Es findet hier quasi unter meinem Hotelzimmer auf einem großen Platz ein nationales VW- bzw. Käfertreffen statt. Liebevoll und perfekt erhaltene und restaurierte Autos werden vorgeführt und machen über Mittag eine Sternfahrt irgendwo hin. Ich erkunde die Stadt. Die Straßen, die Plätze, die Gebäude - alles riesig. Platz haben sie hier offenbar genug. Es wirkt großzügig, hauptstadtmäßig, wichtig. Der Eindruck von Schönheit will sich aber nicht einstellen. Die Stadt ist wohl 1944 weitestgehend zerstört worden. In einem ganz kleinen Museum bestaune ich eine Bilderausstellung eines Malers aus der Region: Pasquale Gelommi, 1851 - 1928. Die Gemälde zeigen Szenen des Lebens der einfachen Menschen, Fischer, Landwirte, Städter. Es herrscht eine überwältigende Lebendigkeit und Frische. Der Stil ist Realismus, fast Naturalismus - beeindruckend. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß das Lächeln und die Gestik aller dargestellten Personen sich sehr ähnlich ausnimmt. Dennoch phantastisch.
Das Wetter ist heiß und feucht. Später erfahre ich, daß es wieder so ein Tag mit fast 100% Luftfeuchtigkeit war - unangenehm. Die Wäsche auf dem Balkon trocknet trotz der Hitze nicht.
Die weitere Küstenstrecke macht keinen sensationellen Eindruck, es ist zeitweise auch am Ufer hügelig. Abends lande ich in Termoli, der letzten Stadt bevor der Monte Gargano, der Stiefelsporn, beginnt.

Der nächste Tag wird nicht mein Glückstag. Nach einer schlechten Nacht in einem neppverdächtigen Hotel und einem miesen Frühstück beschließe ich, ein Stück mit dem Zug weiter zu fahren. Am Bahnhof erfahre ich, daß erst um kurz vor zwei (!) eine passende Verbindung geht. Hätte ich am Vorabend geschaut, hätte ich um 8 fahren können, auf das blöde "Frühstück" hätte ich gerne verzichtet. Vertreibe mir also mit Stadtbummel, Café und Lesen die Zeit. Um viertel nach eins komme ich zum Bahnhof, man kann auch dort warten. Auf dem angezeigten Gleis steht ein Zug, fertig zum Einsteigen. Mein Zug beginnt hier, der letzte von diesem Gleis ist seit 20 Minuten weg, also, denke ich, kann ich auch rein. Kaum bin ich mit dem Rad drin, fährt der los - in die falsche Richtung! Der Zug zurück nach Ancona beginnt auch in Termoli und startet einfach ohne Not 20 Minuten zu spät! Am Zug, am Gleis - nirgends gab und gibt es Hinweise, welcher Zug wohin fährt.
Das ist vielleicht ein bescheuertes Gefühl, die Strecke des Vortags unfreiwillig mit dem Zug zurückzufahren! Am nächsten Bahnhof in Vasto nach 25 km steige ich aus. Den Gegenzug, mit dessen Hilfe ich Termoli wieder rechtzeitig erreicht hätte, haben wir vor 3 Minuten passiert. Mit weiteren anderthalb Stunden Wartens erreiche ich schließlich Foggia um fünf am Nachmittag. Und alles, weil ich so träge bin. Durch die topfebene Gegend hätte ich Foggia auch selber locker erreicht. So etwas passiert mir nicht wieder, das beschließe ich.

Es folgt die Strecke wieder an der Küste entlang über Barletta, Trani, Molfettta nach Bari.
Meine Kamera hat keine eigene Sensorreinigung und nach sovielen Bildern inzwischen hätte ich gerne mal mit Druckluft etwaigen Staub ausgeblasen. So bin ich erfreut, als ich in Barletta an einem professionell aussehenden Fotoladen vorbeikomme. Ja, sie haben sogar Druckluft, aber nicht den passenden Düsenaufsatz. Besser als nichts, denke ich, den Aufsatz kann ich von jeder Haarspraydose verwenden, wenn auch ohne Zielschläuchlein. Wieder draußen am Rad: der Helm ist weg. Will wieder in den Laden, sie schließen gerade und außerdem habe ich den Helm nicht mit hineingenommen. Sie haben draußen Überwachungskameras, aber jetzt wollen sie zum Essen und außerdem, was sieht man schon da drauf.
Verstört und frustriert fahre ich weiter. Hatte den Helm an den Lenker gehängt, nicht mit angeschlossen. So sieht sie also aus, die Kleinkriminalität hier im Süden. Die berühmte Hafenkirche in Trani kann ich kaum genießen. Ein Parkwächter schmeißt mich aus dem schönen Stadtpark, er wird über Mittag geschlossen. Am Hafen finde ich ein Café und setze mich und esse Macedonia - Obstsalat. Ein Ort weiter, in Molfetta, kaufe ich mir für 5 € einen billigen Hut, sehe damit absolut witzfigurmäßig aus. Aber auf einen Sonnenstich habe ich keine Lust.
In Bari bin ich dann ziemlich erledigt. Das erste bessere Hotel, das Palace, will 220 € für ein Doppel zur Alleinbenutzung, das Rad weigern sie sich, ins Haus zu nehmen und verweisen mich auf eine nahegelege Tiefgarage, wo sie nur 10 € die Nacht für ein Fahrrad wollen. Götz von Berlichingen ist mein Freund und ich komme auch anderswo unter....
In einem kleinen Lädchen, welches ich noch aufsuche, werde ich liebevoll bedient: ich wollte eigentlich nur etwas zu trinken mit auf´s Zimmer nehmen, aber sie überreden mich und schmieren mir zwei leckere dicke Brötchen, eins mit Käse, eins mit Salami. Dazu ein Tütchen voller Schokoplätzchen als Geschenk des Hauses. Wasser und Orangensaft und ein Eis vervollständigen das Abendessen.
Der nächste Morgen führt mich mit Hilfe eines Taxifahrers zu einem Fahrradladen und ich erwerbe den einzigen mir passenden Helm - casco auf italienisch. Allerdings bin ich von Bell eine andere Form gewöhnt, dieser hier sitzt mir auf dem Haupt wie eine Krone in hellgrün (ja, ein Bianchi). Die Witzfiguroptik bleibt mir also erhalten.

Unter einem Baum auf dem Bahnhofsplatz setze ich mich auf eine Bank und creme mich ein. Erst als ich alle meine Sachen in Körpernähe gebracht habe, werde ich für einige umstehende Gestalten uninteressant. Es folgt eine kurze Tour auf dem Rad durch die berühmt-berüchtigte Altstadt. An der Kathedrale verspricht mir ein Polizist, ein Auge auf mein dort angeschlossenes Rad zu werfen, während ich einen Blick ins Innere tue. Die Ausfahrt aus der Stadt ist dann wieder sehr nett, ein Radler sieht meine leere Wasserflasche und fährt vor mir her zu einem Brunnen, wo es leckeres Trinkwasser gibt. In Torre am Strand erwerbe ich Getränke und von einem Bauern am Straßenrand zwei Kilo Trauben für einen Euro und kann so meinen Unterzucker und Durst ausgleichen.
Mola di Bari kommt mir dann gelegen zum erneuten Umstieg in den Zug. Die Landschaft ist langweilig und nach weitern 20 km beginnt laut Karte unwegsame Küstengegend, die weiträumig umfahren wird, die vierspurige Straße für Radler wahrscheinlich gesperrt.

Brindisi: das Ziel meiner Italienetappe. Von möglichen 1600 km bin ich 1000 selber gefahren - nicht eben eine berühmte Ausbeute. Nächstes Jahr wird wie immer alles besser werden mit mir und meiner Moral, meinem Gewicht und hoffentlich auch mit meinem Fahrrad!
Ich besorge mir gleich das Ticket für die Fähre morgen, dusche und mache einen Stadtbummel.
In einem 1-Euro-Laden untersuche ich die Spraydosen. Im Hotel stelle ich fest, daß da nichts passen wird, die Druckluftdose hat eine Schraubanschluß, Pech. Und dafür der geklaute Helm! Wie Mestre, Chioggia, Foggia ist auch Brindisi für sich keinerlei Reise wert. Das einzig Attraktive neben dem Hafen ist der Platz und die Säule, die das Ende der Via Appia aus Rom markieren. Wenn die nicht so bruchstückhaft und in schlechtem Zustand wäre, wäre das mal eine interessante Strecke.

Am nächsten Morgen fahre ich gemütlich zum weit außerhalb gelegenen Anlegeplatz für meine Fähre. Agoudimos Lines gelten nicht unbedingt als das Aushängeschild für eine moderne Flotte....., aber sie fahren als einzige über Tag. Laut Plan braucht das Schiff 9 Stunden; an Deck heißt es, vom Zeitpunkt der Abfahrt an (welch vielsagende Ausdrucksweise) 10 Stunden bis Igoumenitsa. Es sollte anders kommen.
Das Schiff ist in einem zufriedenstellenden Zustand. Auf anderen, vergleichbaren Alters zieht schon mal die Klimaanlage permanent Abgas in die Kabinen und überall hin. Sauber ist es auch, nur - es ist wirklich ganz ganz ganz langsam. Aber gut, das geht rum. So etwa planmäßig legen wir vor Korfu an. Es ist Abend geworden. Nach der Abfahrt stelle ich fest, daß die Richtung nach Igoumenitsa nicht stimmt. Auf meine Frage an der Rezeption teilt man mir mit, daß man für Igoumenitsa keine Landeerlaubnis bekommen habe, bei den großen Gesellschaften Minoan und Superfast herrsche Chaos und die spielten nun mal die erste Geige. So fahren wir zuerst nach Paxos, einem Eiland südlich Korfu und werden etwa um Mitternacht in Igoumenitsa sein, klasse, wenn man kein Quartier gebucht hat. In Paxos dann das zu erwartende Megachaos, denn die Autos nach Paxos stehen im Schiff ganz hinten.... Wir schaffen es dann aber tatsächlich um Schlag 24:00 und ich finde auch noch ein Bett. Es sind schlußendlich 13 Stunden geworden. Wenn man bedenkt, daß Superfast es von Ancona nach Patras in 19 Stunden schafft....

Der genaue Blick auf die Karte zeigt mir, daß die Strecke nach Süden alles andere als eben verlaufen wird. Kreislauf und Bequemlichkeit überreden meine guten Vorsätze erfolgreich, das Schiff zu nehmen. Nach gutem Frühstück fahre ich zum Hafengebäude. Es kommt nur eine Fähre in Frage. Diese soll planmäßig um 11:30 kommen, hat aber ein Problem gehabt in Venedig und wird erst am Abend erwartet.
Ich verbringe den Tag mit einer Spazierfahrt rund um die Stadt. Zuerst fahre ich raus in die Flachwassergebiete und bade. Es gibt Süßwasserduschen am Strand und es herrscht eine friedliche Athmosphäre, keinerlei Gefahr für meine Sachen. Dennoch bleibe ich nicht endlos im Wasser. Ein Grieche spricht mich an, er hat lange in D gearbeitet, ist jetzt 70, hat einen Megabauch, fährt gleich in die Stadt, ein oder zwei Bier trinken und freut sich auf das baldige Eintreffen seiner Kinder aus D. Wir plaudern über die alten Zeiten, über die erste moderne Fähre, die "El Greco", die in den 80ern neue Standards setzte, über Inflation und Preissteigerung und alles Sonstige auch. Schließlich setzt er sich in seinen alten Mercedes und brummt davon.

Ich fahre die Lagunenstraße weiter, beobachte Reiher und Enten in den Wasserarealen und fahre gemütlich auf menschenleeren Sträßchen durch die Gegend. Eine Wiese mit Feuchtstellen (muß wohl heftig geregnet haben kürzlich) ist bevölkert mit Vögeln aller Art, Silberreiher, Kormorane, Krähen, Möven, kleineren Pipern und unbekannten Exemplaren - und zwei Störchen. Schade, daß ich kein richtiges Tele dabei habe. Schmetterlinge gibt es und viel blühende Oleander und Bougainvillea, mehr als sonst um diese Zeit. Die Hügelkette direkt vor mir dürfte schon Albanien sein, ich schließe den Kreis und kehre nach Igoumenitsa zurück. Der Ort hat sich schon gemausert vom einfachen Dorf mit Schmuddelcharakter zur Vorzeigestadt, wenigstens an manchen Stellen. Der Hafenbereich ist riesig, denke 12 - 15 Fußballfelder passen da drauf. Ein großer orangener Muldenlader wartet auf Weitertransport und bietet mir ein prima Motiv für Fotos mit dem Rad.
Um sieben kommt dann tatsächlich die Fähre. Hier steigt prinzipiell kaum jemand zu und flugs sind wir wieder auf See. Planmäßig fährt das Schiff zuerst Igoumenitsa an und dann Korfu - komme dort also schon wieder vorbei. Die Krönung kommt aber noch. Eine gute halbe Stunde nach dem Ablegen sehe ich, daß direkt am Schiff Lichter vorbeigleiten, das kann nicht sein. Wieder zur Rezeption und die Auskunft: alle Passagiere an Deck und zwar bitte plötzlich. Oha. Auf meine Frage, ob man auch in die Kabine darf, heißt es: ja. Unten treffe ich einen Angestellten und er klärt mich auf: es ist eine schwer herzkranke Frau an Bord und wir müssen sie in Igoumenitsa an Land bringen. Und sie wollen nicht, daß sie dabei von allen Passagieren begafft wird. Alles klar? So hat das Schiff jetzt 9 Stunden Verspätung. Achja: auf Deck während des Korfustops unterhalte ich mich mit drei unterschiedlichen Gestalten. Ein LKW Fahrer aus Dresden, ein Student aus Mexico und seine Freundin aus Uruguay. Das Schiff wurde in Venedig Minuten vor dem Ablegen von einer dortigen Lidofähre am hellichten Tag gerammt. Es entstand ein 1 qm großes Loch, welches zuerst begutachtet und dann durch Aufschweißen einer Stahlplatte repariert werden mußte. Das war das "Problem" in Venedig gewesen. Wenn man eine Reise tut, so kann man was erleben....

Was folgt, ist der mich am meisten befriedigende Tag. Um halb sechs kommen wir in Patras an. Es ist schlicht nachtdunkel. Als ich um kurz nach sechs aus dem Schiffsbauch rolle, ist im Osten eine leichte Erhellung zu erahnen. Es ist Sonntag und menschenleer. Ich habe mich genug vepflegt um sofort losfahren zu können. Die Straßen sind wie ausgestorben. Es wird langsam heller, ich fahre dem Sonnenaufgang entgegen. Spürbarer Rückenwind schiebt mich die Hügel hinauf. Ich fahre begeistert und ohne anzuhalten einfach immer weiter. Der Morgen erwärmt alles und nach 40 km in Ägio werde ich Kunde einer Bäckerei (Joghurt, Honig, frisches Brot, Tirópitta: Blätterteig mit Schafskäsefüllung) und ziehe bald darauf meine kurze Radlerhose an. Wie im Flug schwebe ich die bekannte und schöne Strecke dahin. Die Waldbrandschäden vom letzten Jahr sind natürlich deutlich, aber auch nicht so extrem, wie befürchtet. Da sieht man mal wieder, wie selektiv die Medienberichterstattung ist. Mittags um 12 habe ich 90 km, ein für mich hervorragender Wert. Der Rückenwind hat nachgelassen. Irgendwann über Tag, das ist hier die Regel, dreht er und nachmittags kommt er aus Osten, das kann man immer wieder feststellen. Bei km 120 muß ich eine richtige Pause machen, habe ein Kreislauftief und bin erschöpft. Nach Korinth fahre ich gegen den Sturm. Als ich mich bei der Überquerung des Kanals umdrehe, sehe ich hinter mir eine gewaltige Gewitterfront. In Loutráki steige ich im ersten Hotel ab, es heißt nach seiner Besitzerin Barbara. Sie ist deutsch, beglückwünscht mich zu meinem Timing, denn es fängt an zu regnen und ist sehr kooperativ. Das Rad soll ich doch dorthin stellen, wo ich das beste Gefühl damit habe. Es landet folgerichtig in meinem Zimmer bzw. auf dem Balkon. Falle frierend und müde ins Bett, später trinke ich noch meine anderthalb Liter Saftschorle, wie jeden Abend.

Bilder Teil 3