Re: Italien Griechenland Sommer 2008

von: iassu

Re: Italien Griechenland Sommer 2008 - 20.09.08 13:41

Hier kommt die Fortsetzung: Teil 2, Venezia - Pescara.
In größer wieder hier. Bilder wieder unten.

Heute ist mal wieder so ein Beispiel für die nachteiligen Folgen meines unbekümmerten Indentaghineinlebens. Die Fähre zum Lido geht erst um zehn vor elf. Hätte mich gerne mehr beeilt, wenn ich dadurch eine frühere erwischt hätte. Die Existenz von frei fahrenden Autos auf dem Lido finde ich immer wieder unwirklich. Die Straße führt unspektakulär nach Süden. Die möglichen Ausblicke sind durchaus nicht so enorm, wie der Blick auf die Landkarte vermuten lassen könnte. Ist eben alles flach. Mit kleinen Fähren werden die Inselteile verbunden. Auf Pellegrina ist alles deutlich weniger von Venedig beeinflußt, als weiter nördlich, man kommt in eine andere Welt. Außer dem Hauptort ist es aber kaum attraktiv. Nach wieder kurzer Fahrt bin ich in Chioggia. Schon auf dem Boot fällt mit eine Mutter mit ihrem auffallend solide gekleideten, etwa 12jährigen Jungen auf.
Die Frage, ob ich jetzt am Nachmittag weiterfahren soll, oder nicht, wird mir dadurch beantwortet, daß es von hier ab nach Süden erstmal kaum noch Orte gibt, geschweige denn solche, die Unterkünfte versprechen. So bleibe ich im total überteuerten Hotel, immerhin sehr schön am Hafen gelegen. Die Stadt zeigt sich als wirklich enttäuschend, hätte hier mehr Interessantes erwartet. Immerhin drehen sie hier gerade einen Film - und der Junge vom Boot spielt die Hauptrolle. Immer wieder muß er von Bord gehen, bis es gefällt. Dann ist eine der Gassen am Kanal gesperrt, eine energische junge Politesse hält Wache. Laufe dann noch weiter und besuche mangels Attraktionen eben den großen Stadtfriedhof, interessiert, wie es hierzulande gehandhabt wird, die mächtigen Marmorwände mit den Urnennischen und die großen Familiengräber sind beeindruckend.
Der Bahnhof strahlt eine wildwestmäßige Verlassenheit und Trostlosigkeit aus.

Dem teilbewölkten Sonnenuntergang folgt ein strahlender und ganz stiller Sonnenaufgang, von leise flügelschlagenden Mövenschwärmen durchzogen: eine ganz besondere Stimmung. Es wird ein heißer Tag. Mein Kreislauf ist heute nicht besonders in Form, ich finde alles sehr anstrengend und bewege mich langsam und trinke viel. Die Straße führt schnurgeradeaus ohne wesentliche Ortschaften nach Süden weiter. Unterwegs mache ich einen kleinen Abstecher im Schatten eines in Reih und Glied angelegten Pappelwäldchens und genieße die Ruhe, die über dem mit ausgedehntem Bewässerungssystem versorgten landwirtschaftlichen Gebiet herrscht. Im den kleinen Kanälen herrscht das pralle Leben, sie sind blitzsauber, viele Vögel pflegen ihre Nachkommen. Ab dem Mittag kommt Gegenwind auf.
Die häufigen LKWs sind eine hilfreiche Sache, denn sie erzeugen einen kräftigen Sog nach vorne, je länger das Fahrzeug, desto besser für mich.
Im Laufe des Tages überquere ich drei große Flüsse: zuerst die Brenta, sie habe ich seit der Quelle verfolgt, dann die Adige, deutsch Etsch, auch an ihr bin ich lange gefahren und schließlich der Po, heuer mal wieder richtig viel Wasser führend und schön riesig breit. In Pomposa steht eine schöne alte Klosteranlage an der Straße. Die Kirche ziert ein prima erhaltener Freskenzyklus, etwas einfacher Stil. Eine Restauration davor gibt mir Gelegenheit, im Schatten zu sitzen und wieder viel zu trinken. Vorbeikommende italienische Rennradler stecken den Kopf unter den Brunnen. Steige mitten in Ravenna ab. Es waren heute 100 km, aber ich bin fertig, wie nach 150.

Südlich von Ravenna , im Anschluß an die berühmte Kirche in Classe, existiert ein wenige km langer Schikaneabschnitt: die normale 2spurige Straße ist für Radler gesperrt. Das ist nicht etwa einheitlich so. In 2002 war sie gesperrt, in 2005 nicht, heuer wieder doch. Man wird immerhin jetzt auf einem staubigen Schotterweg 45° abzweigend daran vorbeigeführt, um nach 3 km wieder rechtwinklig darauf zuzufahren, ab dort ist es wieder erlaubt. Bin einmal rigoros trotzdem gefahren, um den im Hotel vergessenen Perso zu holen, das war vor sechs Jahren. Heute lasse ich mich gemütlich auf die Umleitung ein. Die sonst halb schirmchenwinkend sichtbaren, halb versteckten Damen vom horizontalen Gewerbe fehlen diesmal. Weiter geht es mit ausgeschaltetem Ästhetiksinn durch die ganze "Sündenmeile", die ganze Aneinanderreihung von Hotels, Stränden und Sommerfrischen bis Gabbice. Ein Ort geht nahtlos in den anderen über. Die Bezeichnungen sind schon mal sehr abwechslungsreich: Rivabella, Bellariva, Miramare, Marebello.... Es ist ein endloses Zickzack, mal am Ufer, mal weiter drin. Die Namen der Hotels sind immerhin jedesmal erheiternd.
Über die Euganeischen Hügel ist es schön zu fahren und schließlich steige ich in Pesaro wieder ab. Heute war endlich mal nicht so feuchtes Waschküchenwetter, sondern trocken und heiß.
Etwas ruhiger geht es weiter die Küste entlang. Die überquerten Flüsse haben alle erstaunlich viel Wasser und werden von scheuen Silberreihern bewohnt. Die sind unbesorgt, solange sich der Verkehr bewegt. Sobald ich anhalte, fliegen sie aber von dannen. In Falconara gibt es eine ambitionierten Fahrradladen. Sie haben sehr viel Specialized, mehr MTB als RR, was für Italien schon bemerkenswert scheint. Ich schaue immer gern ins Schaufenster.

Ancona. Hier weiter zu fahren, ist schon ein komisches Gefühl. Bin so oft hier auf´s Schiff gegangen. Bleibe eine Nacht und mache gemütliche Spaziergänge. Das archäologische Museum hat nach langjähriger Renovierungspause wieder geöffnet, war da nie drin gewesen und schaue mir jetzt alles an. Mehr noch als die Exponate fasziniert mich allerdings der mit jedem weiteren Stockwerk zunehmend tollere Ausblick aus den geöffneten Fenstern. Eine frisch geputzte Art Quadriga auf dem Dach erstrahlt in leuchtendem Gold und lenkt die Blicke auf sich. Abends steige ich eilig nochmal auf den Kirchenhügel, erfreue mich am Sonnenuntergang und beobachte das Hafentreiben. Die Fähren aus dem Balkan sind rechte Seelenverkäufer und das Prozedere ist genau, wie vor Jahrzehnten bei den griechischen ein einziges Chaos.
Mit dem Zug geht es am nächsten Morgen bis Civitanova. Es herrscht Marktstimmung, d.h., die ganze Innenstadt ist mit Ständen zugestellt. Eine Art Warenhaus verteilt auf unzählige Einzelverkäufer. Wer es eilig hat, sollte sowas weiträumig umfahren.... Es geht an der Küste weiter mit manchmal schöner Landschaft. Dörfer auf steilen Hügeln, drunter das Meer. Cupra Marittima hat einen schönen Ortskern und eine schöne Uferpromenade, ich mache ein Foto von einem gelben Oleander.

Gegen Abend stirbt mein Tacho an Unterernährung. Es ist ein CM 8.3, das Flaggschiff mit digitaler Übertragung. Die Batterie hat jetzt genau zwei Wochen gehalten und das Teil verabschiedet sich einfach von jetzt auf gleich und nimmt alle Daten mit ins Nirwana. Schon das zweite neuere Modell der Firma, welches betriebsuntauglich ist. So ein Ärger. Ich lege eine neue Batterie ein. Welch ein Glück, daß ich abends immer alles aufschreibe. Aber die heutigen Daten sind futsch, die km werden geschätzt. Ich bin sauer. In Pescara mache ich wieder Station.-

Bilder zu Teil 2