Re: Wien - Nizza

von: oktopus

Re: Wien - Nizza - 11.09.22 11:01

3. September 2022 / Panice Soprana – Colle di Tenda – Ventimiglia:
WAHNSINN! Kann ich da nur sagen. Ein absolutes Highlight!

Am Vorabend hatte ich noch 4 verschiedene Wetter APPs nach der Wetterlage befragt. Alle zeigten einheitlich Gewitter, Regen bis Starkregen für den ganzen Tag für die Region des Colle di Tenda an. Super! So was brauch ich genau gar nicht. Aber die Wetterprognosen hatten schon einige Male unrecht, somit ignorierte ich sie einfach auch diesmal wieder. In der Früh schaute ich aus dem Fenster. Ah ja? Blauer Himmel. Das Thermometer auf meinem Navi zeigte 12 °C an. Perfekt!
Mein Frühstück war mager. Ein Fingerhut voll Kaffee, eine (!!!) Scheibe Brot und ein Croissant. Mineralwasser nahm ich mir aus dem Kühlschrank an der Bar. Einigermaßen satt fuhr ich los.

Mein Quartier war direkt an der alten Passstraße, also ging es gleich bergauf. Auffi auf den Berg. Die Ligurischen Alpen warteten auf mich. Die ersten Meter musste ich erst meinen Rhythmus finden. Aber bald kam ich richtig in Fahrt. Anfangs war ich immer wieder im Wald unterwegs, hatte aber auch einige offene Bereiche, in denen ich auf Panice Soprana runterschauen konnte. Der Ort wurde immer kleiner und lag immer tiefer unter mir. Der Himmel war kitschig blau, die Sonne schien.







Bei diesem verfallenen Haus wollte ich kurz absteigen, um es zu fotografieren. Ein Blick auf meine Höhe am Navi sagte mir aber: nein, da geht noch mehr, bevor du absteigst! Also fotografierte ich es beim Fahren.





Kehre für Kehre kletterte ich höher. Das Bergpanorama wurde immer imposanter, je höher ich kletterte. Mal hatte ich 8 bis 9 % Steigungsgrad, dann wiederum nur 5 bis 7 %. Die Kehren waren immer besonders angenehm, da sie flacher als die Geraden waren. Aber auch die Geraden hatten teilweise nur einen moderaten Steigungsgrad. Ich war vermutlich die einzige Radfahrerin unterwegs. Außer mir sah ich nur ein paar Autos, die ebenfalls hinauffuhren. Darunter ein Carabinieri-Auto. Ich befürchtete schon, dass sie mich abstoppen würden. Aber sie grüßten nur freundlich. UFFF.... Glück gehabt. Ich und die Carabinieri! Ein Thema für sich!







Beim Chalet Le Marmotte teilte sich die Straße und ich dachte zuerst, da ist schon die Passhöhe? Ich schaute auf meine Höhe am Navi. Ähm ... nein, mir fehlen noch Höhenmeter. Das kann's noch nicht sein. Der linke Ast kann nur die Ligurische Grenzkammstraße sein, während der rechte Ast auf den Tende raufgeht. Eine langgezogene Grade, eine Kurve nach rechts und noch einmal eine langgezogene Grade. Steigungsgrad 14 %. Ich musste mich doch noch ein bissl anstrengen für meinen Pass! Bei einer alten Ruine am Wegesrand kreuzte eine Kuh meinen Weg.









Und am Ende der langen Geraden war ich schließlich oben! Oben auf dem Colle di Tenda auf 1870 m Höhe! Ich suchte zuerst die Passtafel und fand sie nicht gleich auf Anhieb.







Ein Italiener, der an der Tafel stand, erklärte mir, ich solle doch die gesamte Ligurische Grenzkammstraße fahren. Die Ligurische Grenzkammstraße wäre ganz sicher eine eigene Tour wert. Sie würde mich sehr interessieren. Allerdings mit weniger Gepäck. Auf Schotter bergauf wie bergab ist eine derartige Tour mit so viel Gepäck nicht wirklich machbar.
Ich muss ehrlich sagen, ich war überwältigt, als ich da oben auf dem Colle di Tenda stand! Die Auffahrt war schon ein Erlebnis. Und der Blick von oben erst recht. Ein absolutes Highlight! Der Pass ist ein Juwel. Und die Gegend sowie das Panorama oben ein Traum.







Das Erste, was ich anpeilte, waren die beiden Forts in der Nähe, Fort Central und Fort Colle Alto. Ich ließ mein Rad samt Gepäck stehen und stapfte hinauf.

























Blick auf das Fort Marguerie:



Von hier aus hatte ich auch einen guten Blick auf die Südrampe der Passstraße mit ihren vielen Kehren! Wie man allerdings die Kehren aus dieser Perspektive sehen kann, ist mir ein Rätsel. Dieses Foto stammt aus dem Internet:

https://blogger.googleusercontent.com/im...0um%2018.48.png

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Vermutlich stammt es aus der Vogelperspektive. Meine Fotos zeigten nie alle Kehren auf einmal.





Nach meiner Besichtigungsrunde kehrte ich wieder zu meinem Rad zurück und fuhr die Südrampe hinunter. Sie ist nur zum Teil asphaltiert, ab Kehre 31 bis Kehre 46 (ich hätte insgesamt 47 Kehren gezählt) - ungefähr 400 Höhenmeter und 4 km - ist die Passstraße geschottert. Für den KFZ-Verkehr wurde die Südrampe vor kurzem freigegeben. Allerdings gibt es eine Ampelregelung. Und das ist auch gut so. So wie ich den Text auf dem Schild verstanden habe, dürfen ohnehin nur Einheimische, Personen, die dort beruflich zu tun haben, und Touristen, die mindestens einmal in der Gegend eine Übernachtung gebucht haben, die Südrampe runterfahren. Ob das wirklich so kontrolliert wird, weiß ich nicht.
Was für eine Abfahrt! Was für ein Erlebnis!





























Nach Kehre Nr. 31 ging der Schotter in Asphalt über. Teilweise war der Belag ganz frisch asphaltiert, teilweise wiederum alt und brüchig. Warum man nur abschnittweise neu asphaltiert hat, ist mir ein Rätsel. Aber ich muss nicht alles verstehen.















Bei den letzten Kehren konnte ich bereits die Baustelle des südlichen Tunnelportals sehen. Es wird kräftig gebaut! Wie lange noch, steht wohl in den Sternen. Meine Vermieterin in Panice Soprana meinte gestern, das dauert sicher noch bis 2025.



Kaum war ich an der Tunnelbaustelle vorbei, passierte ich die französische Grenze und fuhr die Roya entlang. Man sieht an allen Ecken und Enden die Verwüstungen der Unwetter vor 2 Jahren. Es ist teilweise unvorstellbar, mit welcher Gewalt die Wassermassen und die Geröllmassen gewütet haben müssen. Die ersten paar hundert Meter sahen völlig neu gebaut aus. Aber dann passierte ich eine Baustelle nach der anderen, eine Ampelregelung nach der anderen. Im oberen Royatal fuhr ich zweimal über rohe Baustellenbereiche. Und die Spuren der Zerstörungen reichten weit ins Royatal hinunter. Da kaum Autos unterwegs waren (im obersten Abschnitt kam mir kein einziges Auto entgegen), kam ich trotzdem zügig voran.































Erkennbar war aber auch, dass schon viel gemacht wurde. Neue Straßenabschnitte, neue Brücken, Behelfsbrücken. Das muss man auch dazu sagen. Und je weiter ich im Royatal hinunterfuhr, desto größer wurden die Abstände zwischen den Baustellen.
Ich fuhr auch nicht NUR durch Baustellen, sondern auch durch viele Ortschaften und Dörfer. Die Landschaft im Royatal ist richtig schön. Man fährt die Roya wie durch eine Schlucht entlang, die links und rechts von bewaldeten Felswänden gesäumt ist. Eine sehr schöne Landschaft!





















Und kaum hatte ich die französische Grenze überschritten, war ich auch schon wieder in Italien.

Örks .... Tunnel mit einer Länge von 2,34 km. Das ist schon ein bissl viel mit dem Rad. Ahh... Fahrradfahren verboten. Das auch noch. Eh klar. Ich machte eine Kehrtwendung und sah eine Umfahrungsstraße durch Airole, die wieder zurück auf die SS20 nach dem Tunnelausgang führte. Glaubte ich zumindest. Nach 1,5 km war die Straße gesperrt wegen einer Baustelle. Ging nicht. Ich studierte googlemaps, ich studierte mein Navi. Da war sonst nichts. Keine weitere Umfahrungsstraße. Links Felswand, rechts Felswand, in der Mitte die Roya und neben ihr die SS20 mit dem Tunnel. Also fuhr ich doch wieder rauf auf die Staatsstraße, Augen zu und rein in den Tunnel.





Wohl war mir nicht dabei, in den Tunnel hineinzufahren. Anfangs ging's. Es war nicht viel los auf der Straße bzw. im Tunnel, und die wenigen Autos, die mich überholten, konnten problemlos an mir vorbeifahren. Dann sah ich einen Wohnwagen im Rückspiegel. Er blieb hinter mir. Zu wenig Platz, um mich zu überholen. Zwei weitere Autos hinter dem Wohnwagen wurden ungeduldig, blendeten ihn an und hupten. Einer der beiden Ungeduldigen ließ seinen Motor aufheulen, fuhr auf die Gegenfahrbahn und überholte mit quietschenden Reifen. Dabei hupte er mich an. Jo eh ....
Kurz danach sah ich eine Ausweiche auf der rechten Seite und machte dem Wohnwagen und den nachfolgenden Autos Platz. Anschließend fuhr ich wieder zurück auf die rechte Fahrbahn. Ein weiteres Auto hinter mir hupte mich an und überholte mich nicht. Ich trat in die Pedale. Aber mehr als 35 km/h schaffte ich trotzdem nicht. Anblenden, hupen, jessas ..... Als der Tunnel endlich zu Ende war, war ich am Ende meiner Nerven.

Ich schaute mir den Abschnitt am Abend noch einmal an. Da war keine Möglichkeit! Außer umzukehren. Wenn die einzige Umfahrungsstraße gesperrt ist, hätte ich nur noch die Roya entlang schwimmen können.

Um 15 Uhr 45 hatte ich Blick aufs Meer! Ich hatte das Meer in Ventimiglia erreicht! Hier mündet auch die Roya ins Mittelmeer. Und um 15 Uhr 55 erreichte ich mein vorgebuchtes Hotel.





Diese Etappe war ein absolutes Highlight! Alpenüberquerung über einen richtig tollen Pass, Royatal und Wiedererreichen des Mittelmeers. Und das bei Kaiserwetter.

Gesamtstrecke 71,71 km
Zeit in Bewegung 4 h 25'
Gesamtzeit 7 h 34'
Temperatur in der Früh 12 °C, tagsüber bis zu 29 °C ...
Sonne mit ein paar kleinen Wölkchen, blauer Himmel

Summe aller Steigungen: 587 m


to be continued ...