Re: Wien - Nizza

von: oktopus

Re: Wien - Nizza - 11.09.22 10:57

2. September 2022 / Carmagnola – Panice Soprana:
Und somit absoluter Szenenwechsel. Es geht in die BERGE!

Mein Frühstück war wieder gut und ich konnte gestärkt losfahren. Der Wetterbericht sagte Gewitter und Regen voraus. Aber was interessiert mich der Wetterbericht. Der stimmt eh oft nicht. In der Nacht hatte es geschüttet, in der Früh war es stark bewölkt. Die Temperatur lag bei 17 °C. Die Temperatur stimmte, die hab ich selbst abgemessen. Als ich losfuhr, konnte ich sogar ein paar blaue Flecken am Himmel erkennen. Na bitte ...





Mein Quartier lag direkt an der SS20. Und das war auch meine Straße des Tages. Ich fuhr los auf der SS20 und blieb den ganzen Tag auf ihr.

Ein Relikt aus alter Zeit? Ob diese Kilometerangaben stimmen, werde ich morgen sehen. Heute konnte ich die Angaben nicht wirklich nachvollziehen. Distanz ab hier bis zum Beginn des Royatals? Das wäre bis zum südlichen Tunnelportal? Interessant war dieses verfallene Haus mitsamt der Tafel allemal.







Bis Cuneo merkte ich kaum etwas von einem Anstieg. Ich gewann ganz langsam an Höhe bei einem Steigungsgrad von 1 %. Die Wolken waren mal dunkelschwarz und zogen nach links wieder ab, dann hatte ich wieder hellere Wolken vor mir, dann eine neue dunkelschwarze Wolkenwand auf meiner rechten Seite. Ich hoffte auf eine Fahrt OHNE Regen und OHNE Gewitter. Wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt!





Kurz vor Vernante war mein Hunger schon so groß, dass ich nicht mehr die noch fehlenden Kilometer bis Vernante abwarten wollte, um zu Mittag zu essen. Wie gerufen sah ich auf meiner linken Seite ein Schokolade Outlet Center. Ob man da wohl essen kann? Ich machte einen Einkehrschwung und fragte nach. Es gab Schokolade, Schokolade mit Schokolade, dazu Schokolade, aaaaah aber auch Crêpe mit Schokolade und auch Schokoladeeis. Passt. Ich bestellte mir Crêpe, Eis und Kaffee, dazu einen Liter Mineralwasser. Mein Hunger war gestillt.









Nach meiner Pause begann es zu tröpfeln. Da wieder tiefschwarze Wolken über mir hingen, machte ich mich regendicht. Mir kam das aber so vor wie mit dem Regenschirm. Wenn man einen Regenschirm einsteckt, regnet es nicht. Es regnet nur, wenn man ihn nicht einsteckt. So hörte das Tröpfeln wieder auf und ich konnte meine Regensachen wieder wegpacken. Ich mag das eh nicht. Mit Regenhose fahren ist Horror pur. Regenjacke geht, die ist leicht und stört nicht.
In Vernante fiel mir auf, dass ich immer mehr Berge um mich herum sah, auch wenn sie teilweise in Wolken gehüllt waren. Die Landschaft veränderte sich.











Und nun ging es endlich los. Kaum war ich aus Limone Piemonte draußen, fuhr ich die ersten Kehren des Tages :-) Tornante 1 bis 8 reihten sich aneinander. Die Kehren waren so knapp hintereinander, dass man Höhe gewann, ohne sich viel anzustrengen. Der Steigungsgrad lag bei maximal 8 %. Ich mag gerne Anstiege mit vielen Kehren. Die Kehren motivieren viel mehr als die langen Graden. Außerdem sind die langen Geraden oft steiler als Abschnitte mit vielen Kehren. Ja, meine Alpenüberquerung kündigte sich an.

Bei der Abzweigung nach Limonetto beginnt die alte Passstraße zum Colle di Tenda, die anfangs parallel zur SS20 verläuft und bereits recht deutlich ansteigt. Ab hier ist die SS20 gesperrt, hier hat man auf der SS20 nur noch 1,6 km bis zum Tende-Tunnel, der seit einigen Jahren eine große Baustelle ist. Seit 2014 wird an einer zweiten Tunnelröhre gearbeitet. Fertigstellung war für 2020 geplant. Allerdings wurden alle Arbeiten durch Unwetter und Erdrutsche im Oktober 2020 zunichte gemacht.

Schwere Unwetter mit starken Wassermassen hinterließen am 2./3. Oktober 2020 am Ligurischen Grenzkamm und in den Französischen Seealpen schwere Schäden. Die Unwetter zogen eine Spur der Verwüstung, die Straße wurde mehrfach unterbrochen, Straßenzüge und Brücken wurden weggerissen. Auch die Tunnelbaustelle für die zweite Röhre war schwer betroffen. Die südliche Einfahrt in den Tunnel sowie die Zufahrt zum Tunnel brachen komplett weg. Das Royatal wurde bis Ventimiglia von riesigen Schlamm- und Geröllmengen durchzogen. Seither besteht bzw. bestand eine Aneinanderreihung von vielen Baustellen mit teilweise Blockabfertigung südlich des Colle di Tenda bis weit ins Royatal, um die Straßen wiederherzustellen und die Schäden zu beseitigen. Nach meinen aktuellen Informationen (Anfrage bei der Behörde, die für die Wartung der Ligurischen Grenzkammstraße verantwortlich ist und die Maut kassiert) ist seit Juli 2022 ein problemloses und ungehindertes Fahren mit dem Fahrrad auf der Südrampe des Colle di Tenda möglich und auch die Behinderungen im Royatal sind nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor einigen Monaten.
Ich lass mich morgen überraschen!



Ich schaute mir zuerst noch die Tunnel-Baustelle (an der Nordseite bei Panice Soprana) an, bevor ich mein Quartier direkt an der alten Passstraße aufsuchte.









Der letzte Abschnitt bis zu meinem Quartier war dann doch etwas steiler mit einem Steigungsgrad von bis zu 10 %. Mir fehlten ja noch ein paar Höhenmeter. Meine Unterkunft ist ein Bed & Breakfast und gleichzeitig ein Restaurant direkt in Panice Soprana, einem Skiort an der alten Passstraße zum Colle di Tenda. Ich erreichte sie um 16 Uhr 08.





Gesamtstrecke 92,43 km
Zeit in Bewegung 6 h 05'
Gesamtzeit 8 h 28'
Temperatur in der Früh 17 °C, tagsüber bis zu 26 °C
Starke Bewölkung den ganzen Tag, zu Mittag tröpfelte es ein bissl, hörte aber wieder auf.

Summe aller Steigungen: 1.189 m
 
to be continued ...