Re: Armenien und Georgien

von: EbsEls

Re: Armenien und Georgien - 17.02.17 19:23

Nun weiter mit Georgien ... Gerade dieses Forum hat großen Anteil an der Planung für unsere Tour. Eine Inspiration war z.B. diese Kurzbeschreibung für den Abschnitt in Swanetien . Nun meine Courage hat dann nicht für Alles gereicht, aber lest selbst.

Die Steppe hier blüht wieder. Ich habe hier auf dem Dschawacheti-Plateau fast die Höhe des Sevan-Sees (1900m) erreicht. Bis 1991 war das sogenanntes Grenzgebiet. Besucher von außerhalb benötigten eine Sondergenehmigung. Auch nach der Grenze siedeln hier noch immer Armenier (90 Prozent der Einwohner der Gegend gehören zur armenischen Volksgruppe). In Akhakalaki wird in den Geschäften neben georgischer Währung auch armenisches und russisches Geld angenommen. Ich konnte hier meine überzähligen Dram (Kurs 2016: 1 EUR = 528,33 AMD) in Georgische Lari (ISO-Code: GEL; Kurs 2016 1 EUR = 2,58512 GEL) umtauschen.


Dschawacheti-Plateau (1900m)

Alle loben uns Deutsche, dass wir von aller höchster Stelle den Genozid an den Armeniern endlich respektiert haben. Es ist eine bitterarme Ecke, ich sah noch Leute in Erdhütten leben. Trotzdem hat der Op’ oben an der Kante zur Vardzia-Schlucht, der seine Kühe betreute, nix mit den Kommunisten von früher am Hut. Er rechnete mir vor, dass er für das Fleisch seiner Kühe heute viel mehr erhält als früher. In unserem weiteren Schwätz erzählte er mir, dass „der Mann, der die Einheit von Deutschland gemacht hat“, Schewerdnadse, seit drei Jahren tot sei.



Die Abfahrt in die Schlucht war anspruchsvoll für Mensch&Maschine. Ich traue meinem Vorderreifen nicht mehr viel zu. Unten treffe ich meine Freunde wieder, man sieht, es fügt sich.



Im Wardsia-Tal befinden sich eine ganze Reihe von Klöstern und Einsiedeleien, meistens in den Fels als Höhlen geschlagen. Die Höhlenstadt wurde im 12. Jhd. als Grenzfestung gegen die Perser und Türken angelegt, sie ist die größte derartige Anlage.

28.6.2016 Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Georgien kann man nicht sehen

Es war gestern noch ein toller Abend, die Vardsia-Schlucht ist ein Hotspot für die westlichen Tramper. Damit der Tourist den gastlichen Ort auf dem Grund des Klosters als Campingplatz identifiziert, steht ein leeres Kuppelzelt auf der Wiese. Daneben erkannte ich sofort das Zelt meiner Freunde. Es gibt einen Ausschank von köstlichen roten Hauswein und man kann diverse Köstlichkeiten der georgischen Standardküche ordern, z.B. Khinkali, die großen Teigtaschen, gefüllt mit Fleisch, Käse oder (wem’s gefällt) auch süß. Khinkali werden von Hand gegessen. Dabei greift man zur Spitze der Teigtasche (georgisch kudi "Hut"), die kühler ist als der Inhalt. Man beißt etwas Teig ab und trinkt den Saft aus der Tasche, dann isst man den Rest. Weil die Spitze hart ist, wird sie nicht mitgegessen, sondern zur Seite gelegt. Am Ende der Mahlzeit kann gezählt werden, wie viele Teigtaschen jeder Esser geschafft hat (Wikipedia).
An der Tafel fanden sich zusammen: Zwei Rucksackreisende aus Estland, ein Mähre aus Brno, Balint aus Budapest mit seinem Mädel aus Amsterdam. Lingua franca war Englisch, ich verstand es, aber wenn man eine Englischlehrerin dabei hat, braucht man nicht soviel zu schwätzen.



Der Aufstieg früh zum Höhlenkloster war zu trocken, zu hoch und zu heilig, abgebrochen. Wardsia wurde im 12. Jahrhundert in eine vom Tal rund 500 Meter aufragende Felswand geschlagen. Die Baumeister nutzten Vor- und Rücksprünge für die Anlage tiefer Höhlen, die durch Tunnel, Treppen, Terrassen und Galerien miteinander verbunden sind. Für die Einwohner waren ursprünglich 3.000 Wohnungen auf bis zu sieben Stockwerken errichtet worden, die Platz für 50.000 Menschen boten. Jede Wohnung bestand aus drei Räumen. Es gab eine Schatzkammer, eine Kirche, eine Bibliothek, Bäckereien, Ställe und Badebassins. Wasser floss aus Keramikleitungen. Die Höhlenwohnungen wurden durch belüftete Stollengänge verbunden.
Nach einem Erdbeben im Jahre 1283 sind heute noch 750 Räume auf einer Fläche von etwa 900 Quadratmetern erhalten. Durch das Beben ist die vordere Wand abgerutscht ist. Damals muss es viel weniger Löcher in der Wand gegeben haben. In meinem Alter sehen viele Dinge von unten am Besten aus und solche Weisheiten kann man von diversen Info-Tafeln und Wikipedia erfahren.
Den Fluss Mtkvari (bei uns Kura) kennen wir bereits aus Tiblissi. Die 1364 km lange Kura ist der größte Fluss im Kaukasus. Es war ein lockeres, aber heißes Pedalieren hinunter nach Akhalziche durch eine wilde Schlucht, garniert mit diversen Burgen, mehr oder weniger erhalten.


Burg Khertvisi: Die Khertvisi Festung ist eine der ältesten Festungen in Georgien und war während des georgischen feudalen Zeit funktionsfähig. Die Festung wurde erstmals im 2. Jahrhundert v. Chr. errichtet. Die Kirche wurde in 985 gebaut und die gegenwärtigen Mauern im Jahre 1354. Wie die Legende sagt, wurde Khertvisi von Alexander dem Großen zerstört. In der 10. und 11. Jahrhunderte war es das Zentrum der Mskheti-Region.

Nun zu den unsichtbaren Sehenswürdigkeiten: Ich habe heute begonnen, die berühmte georgische Küche zu ergründen. Dazu nutze ich zwei Zugänge. Einmal die vielen kleinen Straßenkneipen, wo die Muttl kocht. Zum zweiten die etwas gehobeneren Restaurants, weil man da die Speisekarte übersetzt kriegt. Gerade hat sich die Muttl gefreut, dass ich eine Kharcho, eine georgische Rindfleischsuppe, bestellt habe. Als Beweis liegt ein Knochen zum Abknabbern in der würzigen Suppe. Danach habe ich mir Khachapuri Imereli bestellt, das ist ein leckeres heißes Käsegebäck zum weißen Hauswein. Vorhin in Azpindza konnte ich eine Speisekarte studieren (georg. - russ. - engl.), um folgende umwerfenden Köstlichkeiten probieren zu dürfen. Als kalte Vorspeise Auberginen gefüllt mit Walnuss-Creme, danach Champignons in heißer Butter in der Pfanne gegart (hat noch gesprudelt). Ich schmeckte nichts anderes, als den puren Pilz.

29.6.2016 Über den Goderdzi-Pass, in Adscharien

Wir mussten einsehen, das ist eben doch schon Asien und jede Route etwas rauer und schwerer als zum Beispiel auf dem Balkan. So haben meine Freunde einen Fahrer eines alten 3-sitzigen FORD Transit Lieferwagen in Akhalziche ausfindig gemacht, der uns für kleines Geld auf den Pass Goderdzi auf 2025 m Höhe hochrumpelte. Detlef hat die Ladung, unsere Räder vorbildlich gesichert. Ich saß hinten bei den Rädern sehr bequem auf einem Reifen. Mein Nachteil: Ich habe die großartige Burganlage in Akhalziche nicht gebührend genug fotografiert.


Unterwegs besuchten wir das Kloster Zarzma. Schon als bei Zufahrt das Kreuz der Kirche auftauchte, bekreuzigte sich unser Fahrer dreimal. Einen sehr heiligen Ort hat er uns da gezeigt.


Sommerdorf der adscharischen Hirten

Endlich erreichten wir den Pass, der sich als großes Sommerdorf der adjarischen Hirten herausstellte. Balint aus Budapest hatte uns auf dem Camping in der Wardsia-Schlucht auf das Restaurant Edelweiß oben auf dem Pass hingewiesen.


Restaurant "Edelweiß"

Die Mama Edelweiß hat uns dann in ihrer Küche in den Töpfen gezeigt, was sie uns kredenzen wird. Schaschlyk-Fleisch aus dem Tiegel, einen fleischreichen Eintopf und ihre adjarische Spezialität, eine Art “Ei rühert euch” aus Ei, reichlich Sahne und Käse. Alles ziemlich püriert und im heißen Tiegel serviert. Ich machte mir aus dieser Spezialität und dem würzigen Rindfleischeintopf einen Bigos, es war die Wucht.


Pass Goderdzi


Abfahrt vom Pass nach Khulo

Die Abfahrt stellte wieder eine große Herausforderung an Mensch und Material dar, ich musste zweimal vorn den Reifen flicken. Es ist wirklich beeindruckend, wieviel europäische Radler hier unterwegs sind.
Jetzt in Schuachevi habe ich eine Hühnersuppe Chikhirtma und ein scharfes Ojakhuri, Bratkartoffeln mit gebratenen Rindfleisch verdrückt. Diese Zeilen sind inspiriert vom zweiten Glas Tschatscha, dem Rakija der Georgier, hausgemacht.


Die Tschatscha-Maschine

Ursprünglich war Tschatscha ein Schwarzbrand für den Privatgebrauch. Noch heute ist er in dieser Form auf dem Lande weit verbreitet. Georgische Bauern verwenden neben Wein auch Feigen, Mandarinen, Apfelsinen oder Maulbeeren, wobei dieser Obstbrand in Georgien korrekt Araki genannt wird. Nach der Destillation hat Tschatscha einen Alkoholgehalt von 70 % vol. Er wird deshalb mit Quellwasser verdünnt. Schwarzgebrannter Tschatscha hat einen Alkoholgehalt von 45 bis 50 % vol., manchmal auch 60 % vol.

30.6.2016 Batumi

Das Tal des Flusses Acharistskali hat ein gewaltiges touristisches Potenzial. Hier gibt es jede Menge Abstecher in Seitentäler als adjarische Weinstraße. Immer wieder Wasserfälle und Schluchten.



Die Seitentäler führen hoch in die mittelgebirgigen Berge zu diversen Naturheiligtümern. Ich sah Fußballfeld große Wiesen mit diversen Knabenkräutern. Trotz des reichhaltigen Angebots an Tschatscha und Wein kann es dem durstigen Radler passieren, dass er keinen Alkohol erhält. Zu Sowjetzeiten waren 150000 (etwa 38 %) der damals 393000 Einwohner der autonomen Republik Adscharien Muslime, inzwischen ist der Anteil auf 30 % gefallen. Ich konnte in den Dörfern oberhalb von Khulo einige Moscheen entdecken. Unterbrochen wird das allerdings durch diverse türkische Großbaustellen für Staudämme und Tunnel.

Wer hatte schon einmal eine Thronbesteigung in der Halle des Bergkönigs? Ich, gerade eben. Ich zeige euch den Weg. Nachdem Du die schlimmste Boofe nach Maglavit mit Mu 1993 in Rumänien überstanden hast, nimmst Du einen starken adjarischen Kaffee im Tal des Flusses Acharistskali, damit Du sofort danach wach genug bist, um Deinen Vorderreifen wiederholt zu flicken können. Dann musst Du bei der Tschatscha-Maschine das Produkt kosten. Beachte - nur ein Glas! Die Einheimischen mögen Dich gerne mit mehreren Gaben unter der mächtigen Sonne kirre machen.



Rechter Hand findest Du einen tönenden Wasserfall, nehme dort von dem anderen Trunk der Einheimischen, dem erfrischenden weißen Wein. Das Wasser fällt über zwei Stufen von erkalteter Lava, schöne Sechskantsäulen und unten über Blasenlava. Dann pedalierst Du locker bis an das Schwarze Meer, ohne es in Angesicht nehmen zu können. Links ist dann ein hölzernes Portal mit verwirrenden WildWest-Figuren, trau Dich trotzdem! Drin gibt es wieder den erfrischenden Trunk. Dann folgst Du demn Zeichen “WC”. Wenn Du den Thron in der mächtigen Halle bestiegen hast, dann nutze Deine tiefste Stimme für das Lied der Wolgatreidler oder einen Song von Johnny Cash.


Ortseingang Boomtown Batumi

Jetzt bin ich in der Boomtown Batumi mit der großen Hoffnung auf eine kompetenten Fahrradladen, um mich mit neuem Reifen auszurüsten. Die blutrot ausgezeichneten Radwege in der Stadt machen mich optimistisch.
Die haben hier im Hafenviertel von Batumi einige beeindruckende neumodische Einrichtungen, einen vielspritzigen musikalischen Spritzbrunnen, der kann alle möglichen Pophits, wie die Carmina Burana.


Man beachte das güldene Riesenrad im Turm

Dann haben sie hier auch eine 10% Ausgabe des Burj Khalifa, in der Mitte soll es wohl mal ein Riesenrad mit ein paar Logen geben, beeindruckend. Ich gebe mich in den zahlreichen Strandrestaurants dem Tsinandali hin, das ist ein erfrischend würziger Weißer.

1.7.2016 … und sie haben es wieder versucht

Die Altstadt von Batumi sieht ganz wie Alt-Havanna aus. Zweistöckige Häuser in allen möglichen Erhaltungsgraden, mit Balkons entlang der ganzen Front, wo wohl besser aber immer nur eine Person stehen sollte. Ich bin auf der Suche nach einem Fahrradladen, um mir einen neuen Pneu für Vorne zu kaufen. Ich finde die Nadel nicht, die immer wieder einen Platten sticht. Dann kann ich den Küstenradweg mal probieren, und da stehen sie, die Appartmenthochhäuser.


Leerstand nach den Gründerjahren

Wie letztes Jahr in Melnik / Bulg. und in Plowdiw wollen sie mir wieder einen Alterssitz andrehen. “New horizons”, ein 30-Stöcker im Rohbau, wo nur das Erdgeschoss als Verkaufsbüro genutzt wird. Am Turmdrehkran schaukelt wohl schon seit Jahren die Gondel, die die Bauleute hochbringen soll. Knapp 19000$ kostet so ein Domizil am Rande der künftigen EU (wenn die Türken als Ersatz für den britischen Albion dazu geholt wurden). Übrigens behauptet Erdogan selbst, aus einer aus Batumi migrierten georgischen Familie aus Rize zu stammen.


Strandrestaurants an der "Pier of Batumi"

Man muss über Batumi staunen, es waren wohl richtige Gründerjahre, aber es hielt nicht lang … keines dieser beeindruckenden Gebäude erwirtschaftet irgendeine Form von Rendite … sie stehen leer. Selbst das goldene Riesenrad im Burj Batumi dreht sich nicht.


Frühstart am Busbahnhof

Am Nachmittag habe ich ein Ticket für 30 Lari nach Zugdidi gekauft, ich soll unbedingt morgen um 7 Uhr pünktlich am großen leeren Busbahnhof im Norden der Stadt sein.

Fortsetzung folgt in Swanetien ...