Re: Radreise Paris-Barcelona

von: Tom72

Re: Radreise Paris-Barcelona - 11.09.16 15:06

8. Tag, Le Puy-en-Velay – Pradelles

Vormittags sehe ich mich in der sehr sehenswerten Altstadt von Le Puy-en-Velay um. Auf einem der zentralen Plätze findet ein Markt statt, so dass ich die Gelegenheit nutze, um mir an einem Stand mit regionalen Fleischprodukten ein ziemlich großen Stück Schinken zu besorgen, das mir noch einige Tage lang als Proviant für das Picknick unterwegs dienen wird.



Wie ich erst jetzt erfahre, ist Le Puy-en-Velay eine bedeutende Station auf einer der mehreren durch Frankreich führenden Roten des Jakobswegs Richtung Spanien und Santiago de Compostela, was mich deswegen besonders interessiert, weil ich einige Jahre zuvor den spanischen Teil des Jakobswegs (Camino francés) von Pamplona nach Santiago mit dem Fahrrad bereist habe. Die durch Le Puy verlaufende Variante des Pilgerwegs wird sogar nach der Stadt als „Via Podiensis“ bezeichnet. Mir fallen deswegen in der Stadt und besonders im Bereich um die Kathedrale zahlreiche Jakobs-Pilger auf.



Gegen Mittag verlasse ich schließlich Le Puy



und gelange nach wenigen Kilometern wieder ans Ufer der Loire, die ich drei Tage zuvor verlassen habe.



Die hier noch junge Loire fließt in einem recht tiefen Tal; ich werde ihr heute noch ein Stück weiter stromaufwärts, d. h. südwärts, folgen. Ab dem Ort Brives-Charensac verläuft eine Voie verte, ein Radweg auf einer stillgelegten Bahntrasse, hoch oberhalb des Tals parallel zum Fluss.



Mit schönen Ausblicken ins Tal der Loire und einmal auch zurück nach Le Puy-en-Velay folge ich der landschaftlich reizvollen ehemaligen Bahnlinie, die durch mehrere recht lange, aber gut beleuchtete Tunnel führt.







Nach etwa 13 km endet die Voie verte im Ort Solignac-sur-Loire. Ich fahre weiter oberhalb des Loire-Tals über ein winziges Sträßchen (D 54) und durch winzige Dörfer (Le Brignon, Ussel) über eine hügelige, kaum besiedelte Hochebene. Hier weht mir ein derart starker Wind entgegen, dass ich teilweise auch in niedrigen Gängen kaum vorwärtskomme.



Schließlich rolle ich wieder hinunter ins Loire-Tal



und erreiche ein letztes Mal die Loire bei Arlempdes, malerisch im Tal des Flusses und nur ca. 30 km von seiner Quelle entfernt gelegen, überragt von einer Burgruine auf steilem Felsen.





Dann geht es wieder aufwärts aus dem Tal heraus auf die nach wie vor windige Hochebene. Autos sind hier so gut wie nicht unterwegs, außer mir wird die Straße nur von einer nicht ganz leicht zu überholenden Kuhherde genutzt.





Schließlich kann ich in der Ferne Richtung Süden den Stausee von Naussac sehen, an dem ich morgen vorbeikommen werde.



Für heute beende ich die Etappe im netten Ort Pradelles. In einem Bistro frage ich nach Unterkünften und habe Glück, denn es gibt im Ort eine Gîte d’étape (einfache Unterkunft für Wanderer), und die Madame vom Bistro ist für diese auch zuständig. Ich kann gleich bei ihr bezahlen, bekomme einen Schlüssel und eine Erklärung, wo ich hin muss. Ich finde die Unterkunft, sie liegt direkt im historischen Ortszentrum in einem malerischen alten Gebäude. Außer mir sind noch einige Gruppen von Fernwanderern dort einquartiert.



Als ich mich schließlich auf die Suche nach einem Restaurant fürs Abendessen mache, stelle ich fest, dass im ganzen Ort nur eines noch geöffnet hat, und dort sind dementsprechend alle Tische belegt. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es auch nicht mehr allzu lange geöffnet hat, so dass ich schon befürchte, heute mit leerem Magen in den Schlafsack zu müssen. Ich komme mit einer Gruppe von drei deutschen Motorradfahrern aus dem Rheinland ins Gespräch, die auch schon länger auf einen freien Tisch warten, also noch vor mir dran sind. Sie meinen, ich solle mich doch, wenn sie dran sind, mit an den Tisch setzten. Gesagt, getan. Für Gesprächsstoff ist gesorgt. Ich erzähle von meiner Tour, sie von der Ihren. Die drei haben von ihren Frauen „Urlaub“ bekommen und sind mit ihren Motorrädern nach Barcelona unterwegs, haben also das gleiche Ziel wie ich, sind aber bereits in Deutschland gestartet und wollen von Barcelona eine Fähre nach Genua nehmen und von dort über die Alpen zurück nach Deutschland.

9. Tag, Pradelles – Le Pont-de-Montvert

Nach dem Frühstück im hübschen Ortszentrum von Pradelles



rolle zunächst einige Kilometer bergab über die N 88 und erreiche Langogne am Ufer des Stausees von Naussac.





Kurz hinter Langogne biege ich von der Nationalstraße auf ein winziges Sträßchen fast völlig ohne Autoverkehr (D 71), das sich traumhaft über einen kleinen Höhenzug (Forêt de Mercoire) schlängelt. Die Gegend ist extrem dünn besiedelt, nur ab und zu gibt es kleine, ausgestorben wirkende Dörfer. Die Landschaft gehört zum Gévaudan, das bekannt ist für die mysteriösen Vorfälle im 18. Jahrhundert um eine menschenfressende Bestie, die nie aufgeklärt wurden. Fast kommt es mir tatsächlich vor, als hörte ich in der Ferne Wolfsgeheul…











Nachdem der höchste Punkt des Forêt de Mercoire mit knapp 1400 m erreicht ist, geht es wieder ein paar hundert Höhenmeter bergab, und ab dem kleinen Örtchen Belvezet geht es, wieder über ein kaum befahrenes Sträßchen (D 20), über das nächste kleine Gebirgsmassiv, die Montagne du Goulet, auf dessen Passhöhe, dem Sommet du Goulet, ich den bisher höchsten Punkt der Reise mit ca. 1480 m erreiche, was ich aber bereits heute auf dem Col de Finiels noch übertreffen werde.



Ich rolle hinunter nach Le Bleymard. Von hier geht es über den Mont Lozère, ein Bergmassiv, das bereits zu den Cevennen zählt und das ich über den 1541 m hohen Col de Finiels überqueren werde; auf der anderen Seite werde ich das Tal des Flusses Tarn erreichen, dessen Schlucht (Gorges du Tarn) einer der Höhepunkte der Tour sein wird. Aber in Le Bleymard fängt es erst einmal überraschend an zu regnen, so dass ich in einem Café warte, bis ich weiterfahren kann. Als der Regen aufhört, fahre ich auf einer schmalen Straße (D 20) weitgehend ohne Kfz-Verkehr hinauf zum Col de Finiels. Nicht besonders steil, nicht besonders anstrengend, aber je höher ich komme, desto mehr wird mir die Sicht auf die Landschaft durch die bei dem nun herrschenden regnerischen Wetter tief hängenden Wolken verwehrt.







Kurz vor der Passhöhe fängt es wieder an zu regnen, so dass ich Unterschlupf in einer halb eingestürzten, verlassenen Almhütte suche.



Als der Regen nachlässt, fahre ich weiter und erreiche die Passhöhe des Col de Finiels.





Jetzt beginnt es erneut zu regnen, und ich bin recht enttäuscht, dass ich diese Passquerung nicht bei schönerem Wetter erleben darf. Die eigentlich geplante kurze Wanderung vom Col de Finiels zum Gipfel des Mont Lozère, dem Sommet de Finiels (1699 m), fällt natürlich auch aus. Ich rolle zügig hinunter ins Tal, der Regen wird heftiger, ich bin zu faul, meine Regenklamotten aus dem Gepäck zu kramen, da ich ohnehin im Tal, in Le Pont-de-Montvert, meine heutige Etappe beenden werde, und habe wetterbedingt wenig Sinn für die landschaftliche Schönheit der Strecke, die man trotz des Regens erahnen kann (im oberen Abschnitt bizarre Felsgebilde). Durchnässt komme ich im wirklich hübschen Örtchen Le Pont-de-Montvert am Oberlauf des Tarn an (die berühmte Schlucht beginnt erst ein ganzes Stück weiter flussabwärts, trotzdem ist der Ort sehr malerisch im engen Tal des Tarn gelegen) und ziehe mir in der Toilette in einem Bistro, in dem ich mir auch ein Bierchen gönne, trockne Klamotten an und wärme mich etwas auf.



Der Regen hört nun endgültig auf. Es gibt im Ort ein Hotel und einen kommunalen Campingplatz. Ich entscheide mich für die Übernachtung für den Campingplatz, kehre aber zum Abendessen im Restaurant des sehr sympathischen, als Familienbetrieb geführten kleinen Hotels ein. Wie ich es in Frankreich in kleinen Hotels schon mehrfach erlebt habe, gibt es jeden Abend nur ein (natürlich täglich wechselndes) Menü, das wird dann aber auch wirklich liebevoll und lecker zubereitet. Heute gibt es als Vorspeise eine sehr leckere, deftige Kohlsuppe, als Hauptgericht irgendwas mit ordentlich Fleisch, dann eine Crème brûlée, und zum Abschluss konnte man sich nach Belieben von einer opulenten Käseplatte bedienen.

Beim Abendessen mache ich Bekanntschaft mit einer deutschen Radreisenden, die ebenfalls allein unterwegs ist. Sie ist heute, anders als ich, nicht vom Norden, sondern vom Osten, über den Col de la Croix de Berthel, hier angekommen, und hat ihre Tour in Deutschland begonnen. Leider deckt sich ihre weitere Routenplanung nicht mit meiner, sonst hätte man morgen ein Stück gemeinsam fahren können…

Ich bin später nochmal durch Le Pont-de-Montvert gekommen, im Rahmen einer Radreise durch Südfrankreich von Ost nach West, und habe im selben Hotel nicht nur zu Abend gegessen, sondern auch genächtigt, und wieder gab es als Vorspeise die leckere Kohlsuppe.

Fortsetzung folgt…