Re: Stichstraßen – schöne Täler in den Alpen

von: veloträumer

Re: Stichstraßen – schöne Täler in den Alpen - 13.01.17 16:53

Leider müsste ich wieder einige Täler dir streichen, weil ich dein Eingangsstatement nicht ausreichend gelesen habe. Einige meiner Stichtäler sind durchaus erst prominent zu nennen, wenn man den Talschluss als Höhepunkt bewertet. Ich bin da auch immer etwas hin- und hergerissen, letztlich sind aber die "Explosionseffekte" bei einem langweiligen Tal am aufleuchtenden Talschluss so Adrenalin-fördernd, dass ich die gesamte Talpassage leicht vergesse und ich nur noch tanze. Extremstes Beispiel (oben von mir noch nicht genannt) war vielleicht das Valtournenche vom Aostatal nach Breuil-Cervinia (Matterhorn). Ich würde es jederzeit bereuen, nur wegen des lange langweilig gestalteten Tales dort nicht rauf gefahren zu sein - es war eines meiner eindrücklichsten Radreisemomente.

Vielleicht hilft auch, etwas systematischer mit Atlas und Landkarten vorzugehen, wenn du Regionen suchst, wo es viele Stichtäler auf einem Fleck gibt. Die Alpen haben da eine spezifische Struktur. Das Piemoant kann man dabei nochmal unterteilen mit den Val d'Ossola, dass i.w.S. die gesamten o.a. Nebentäler (und weitere) einschließt, nach Osten in den Tessiner Alpen und nach Westen in den Walliser Alpen.

Die nächste Ebene umfast die Region Aostetal und Canavese bzw. rund um den Gran Paradiso. Die schlangenartig langen Täler Aoste und zum Nivolet haben ihrerseits zahlreiche, vor allem nach Norden gehende Stichtäler, zum Matterhorn ist eines davon, andere nannte ich bereits. Das Valsesia hat eine ähnlich Form, allerdings weniger Nebentäler und ist ein Zitter, weil Walliser Alpen, aber nicht mehr zum Val d'Ossola gehörend.

Es folgen nach Süden nun vor allem geradlinige Ost-West-Stichtäler, zunächst die Lanzentäler, von dennen ich die beiden o.a. beradelt habe - beide sollen auch die schönsten sein. Sie waren jednfalls wunderbar, wenngleich das Val di Viù auch so ein Warte-mal-Tal ist, ber dann! Gleich "zwei" Talschlüsse erlebt, weil es ein Zwischenplateau gibt. Es gibt noch einige wenige weitere Verzweigungen mit Stichen.

Die nächste Grenze markiert das Susatal, ein gewichtige Ost-West-Transitachse. Südlich davon nochmal ein Intermezzo verästelter Stichtäler, die sich nicht streng an das Ost-West-Schema halten. Sestriere wurde Druchgangsstrecke (mit Stichtälr weit oben), die anderen Täler enden aber. Typischerweise sind das die Waldensertäler (Okzitanien, die von Savoyern verfolgt wurden und teils nach Deutschland auswanderten, besonders nach Württembrg, dort politischen Schutz fanden). Nicht zuletzt wird das ein Thema meiner Sommergeschichte sein, die aber vielleicht in dieser Winterpause gar nicht mehr fertig wird.

Wieder streng Ost-West, graben sich die Okzitanischen Urtäler in die Cottischen Alpen bis zum Valle Stura, einige haben Durchfahrten nach Frankreich, andere nicht. Sie gehören zu den typischen Entsiedlungsgebieten der Alpen und haben viel urtümlichen Charme. Eher ein Zwitter ist dabei das Valle Po. Typisch sind hier die dazwischen liegenden Kammstraßen, alte Militätstraßen, die größtenteils MTB-fordernde Durchfahrten erlauben, aber auch von leidensfähigen Tourenradlern bewältigt werden können. Einige der Kammwege enden allerdings selbst für MTBer an Geröllhalden. Anderseits gibt es dazu einige asphaltierte Auffahrten oder gar Übergänge, die gleichwohl lohnenswert sind (z.B. ab Marmora eine solche Durchfahrt, aber auch ein Stich).

Mit den Seealpen wird das Bild der Stichstraßen unübersichtlicher und auch geringer - es gibt sie aber. Einige enden unerwartet wie etwa zum Rifugi Genova mitten drin, weil von der Elektrizitätsgesellschaft für den öffentlichen Verkehr per Schließtor am Tunnel gesperrt (Zufahr lizenziert dann nur für Mitarbeiter/Zuliefer des Rifugio). Da sich in Ligurien und frz. Seealpen auch wieder Kammstraßen finden, gibt es gleichwohl apshaltierte Straßen als Zufahrten, die also auch als Stich gefahren werden können. Die Schotterpisten weiter sind sehr unterschiedlich in der Qualität und können schon mal das Ende für den Tourenradler bedeuten, selbst wenn leidensfähig. Nebst Tendepass gibt es südlich davon einige interssante, eher kleinere Seitenäler, die nicht weiterführen. Manche gewinnen aber an Dramatik erst, wenn man die Asphaltgrenze verlässt oder gar den Wanderschuh durch den Nationalpark der Seealpen anlegt, wie etwa das Val Casterino samt Nebentäler.

Eine Häufung von Stichstraßen in den frz. Westalpen ist selten, man muss also genauer hinschauen. Einen Anhaltspunkt liefern Wintersportorte wie Tignes, Les 2 Alpes, Alpe d'Huez, Courchevel und weitere nahe anbei. Die Tour de France nimmt solche Ziele gerne unter die Räder, also auch dort Anregungen. Diese Strecken sind i.d.R. weniger Talauffahrten als panoramareichte Hangstrecken. Während woanders ein hübscher Talschluss jubelt, warten hier oben oft Betonklötze oder Holzkasernen für den homo skikokus. Ganz die Schönheit der Berge können sie aber auch nicht vereiteln. Gefahren bin ich davon aber bisher nur Alpe d'Huez, das zwar mit dem Col de Sarenne eine Durchfahrt erlaubt, aber zu einem anderen Pass oberhalb des Ortes auch als erweiterter TdF-Stich gefahren werden kann. Zur anderen Seite in der Nähe liegt der Geheimtipp Col du Sabot, ein Berg, der für die TdF der Frauen einmal asphaltiert wurde - wartet noch auf meiner Wunschliste.

Ein ganze Parade von Stichtäler eröffnet das obere Rhonetal zwischen Martigny und Brig, genannt bishr hier nur der Sanetsch als ewiger Geheimtipp mit der Gondel. Tatsächlich gibt es hier weit berühmtere Stichtäler, nicht ohne Luxus, wie Leukerbad, Zermatt und Sass Fee (und viele mehr). Typisch sind auch einfache Eingangstäler, die sich in zwei weitere, gleichwertige Stichtäler verzwiegen, so auch Zermat/Sass Fe. Das Visp-Tal (Zermatt) ist allerdins auch so ein Wartetal - wann kommt er denn, der berühmte Berg? Die Sensation ist ähnlich zur Südanfahrt, nur etwas "kommerzieller". Es würde mich nicht wundern, wenn zumindest die nach Süden führende Stichtäler dort alle ähnlich gestrickt sind. Teils kommt dem Radler zugute, dass es autofreie Orte gibt und ein Teil des finalen Anstieges weitgehend autofrei gefahren werden kann.

Weil der Alpenhauptkamm in der Alpenmitte eine Ost-West-Schiene ist, kann man auch weitere Nord-Süd-Stichtäler abzweigend erwarten. Dazu noch 2-3 hervorragende Beispiele. Vom Tauernradweg bzw. Salzachtal (und auch etwas verlängert nach Osten) gehen zahlreiche Stiche ab, wie etwa Kaprun, auch das vom CAAR bekannte Gasteiner Tal oder Großarl (noch einige andere, Rauris hatte ich mal geplant). Leider kenn ich hier keine einzigen Stich, abgesehen zuunterst mit der Liechtensteinklamm bei St. Johann im Großarl-Tal.

Mehr oder weniger anknüpfend die Großglocknerstraße, oben schon benannt mit den Stichen um die Haupthöhe. Weiter unten im Möll-Tal sorgen aber weitere Stiche nach Norden wie Großsee, Weißsee, Oscheniksee für mit die härtesten Anstiege der Alpen. Die standen zwar auf meiner Reise vorletzten Sommer auf dem Plan, konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht fahren (Wetter, fehlende Infrastruktur). Gefahren (auch dokumentiert) ist sie hier im Forum der ungarische Kletterfahrer in der englischen Sektion (Name entfallen). Diese Talachse kann man noch erweitern Richtung Katschberg mit dem Lieser-Tal, wo es ebenfalls nebst Maltatal noch einige Geheimtipptäler geringerer Länge gibt, die ich aber auch nicht ausgefahren bin. Anschluss nach Süden mit den gleichwohl recht vielen Stichen der Nockberge.

Bleibt noch ein markantes Tal mit Stichnebentälern, das Vinschgau bzw. obere Etschtal bis etwa Meran. Einige der Täler sind o.a., sicherlich noch zu notieren das Schnalstal, vielleicht das bekannteste dort. Hier plane ich selber schon seit Jahren vergeblich ein Stichstraßen-Special - allein mir fehlt die Zeit.