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#843420 - 09.07.12 18:06 Jakobsweg mal wieder
Fricka
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Dauer:1 Monat, 9 Tage
Zeitraum:6.5.2012 bis 13.6.2012
Entfernung:2800 Kilometer
Bereiste Länder:deDeutschland
frFrankreich
esSpanien

1. Tag

Ein Sonntag, schon eher Mitte als Anfang Mai. Ursprünglich wollten wir mal im April los. Aber es kam immer wieder etwas dazwischen. Gar nicht so einfach, sich für einen solchen Langzeiturlaub freizuschaufeln. Aber endlich haben wir es geschafft. Naja, mittags kommen wir los.

Die Räder haben wir gerade erst gebraucht gekauft. Sie sind zehn Jahre alt. Den Kettenverschleiß habe ich gemessen. Das muss noch reichen. Ansonsten sind die Räder ganz in Ordnung. Wir haben nicht viel dran geändert. Einen veralteten Nabendynamo ausgetauscht. Einen Lenker. Meine guten Vorsätze, vorab zu trainieren, ein paar Pfunde zu verlieren, das Fahrrad ordentlich auszuprobieren – ging alles unter, in der vielen Arbeit, die noch anfiel. Na gut, dann findet das eben unterwegs statt. Geht auch.

Wir starten in Mainz Castel, das, wie jeder weiß, zu Wiesbaden gehört, also rechtsrheinisch liegt. Zunächst einmal geht es den Rhein-Radweg entlang. Weil Sonntag ist und dazu schönes Wetter, ist alles, was laufen kann draußen unterwegs, so dass wir nur langsam vorankommen. Macht nichts. An die neuen Räder mit der schweren Beladung müssen wir uns erst gewöhnen. Wir haben Zelt und alles, was man sonst so braucht, dabei. Kochen werden wir unterwegs auch selbst.

Das schöne Wetter ist nur eine kurze Phase. Die letzten Wochen war es gleichbleibend schlecht und das soll laut Wetterbericht auch so bleiben, so dass es keinen Sinn macht, die Abreise zu verschieben. Es ist nicht besonders warm. Dafür regnet es ununterbrochen. Auch jetzt drohen dunkle Gewitterfronten am Himmel. Wir fahren zunächst mal kurzärmlig, wenn auch langhosig. Und sind optimistisch, während wir um die zahlreichen Pfützen kurven.

Die Räder rollen, wie sie sollen. Das ist doch schon mal was. Aber kaum haben wir Wiesbaden hinter uns, macht das Wetter ernst. Wir können uns gerade noch unter das Dach einer Tankstelle flüchten, als ein heftiges Gewitter losbricht. Wir setzen uns dort auf eine Bank und packen unsere belegten Brote aus.

Nach dem Gewitter nieselt es ausdauernd. Mal mehr mal weniger. Wir ziehen unsere Regenjacken über und fahren weiter. Immerhin haben die Sonntagsausflügler jetzt ihre Unternehmungen abgebrochen und der Radweg gehört uns. Zügig radeln wir bis zur Fähre in Rüdesheim. Auf der Fähre werden wir zum ersten Mal auf unsere Muscheln angesprochen. Man hält uns eine Standpauke. Mit Sicherheit hätten wir keinerlei religiöse Motivation. Insofern sei unser Unternehmen eine Unverschämtheit. Da wir keine Lust haben, unsere religiöse Motivation mit einer wildfremden Frau auszudiskutieren, lassen wir das mal so stehen. Die Überfahrt ist sowieso bald vorbei. Wir fahren durch Bingen und biegen in den Naheradweg ein. Immer noch auf sehr vertrautem Terrain. Den Nahe-Radweg kennen wir gut. Und von Bingen bis Bad Kreuznach gefällt er uns nicht besonders. Der Dauerregen macht das nicht gerade besser.

Bis Bad Münster am Stein kommen wir zügig voran. Hier könnten wir auf den dortigen Campingplatz gehen. Wir beschließen aber, noch weiterzufahren. So wird es schon langsam dunkel, als wir am Campingplatz in Monzingen auflaufen. Dort gibt es Holzhütten, die kaum mehr kosten als die Zeltübernachtung. In Anbetracht des Dauerregens und der triefenden Landschaft erscheint uns das ziemlich verlockend. Wir finden dort zwar ein Dach zum Unterstellen, aber niemand, der uns weiterhelfen könnte. Theoretisch, laut Anschlag, wäre noch geöffnet. Praktisch ist aber niemand da. Eine Telefonnummer zum Anrufen. Es geht aber niemand ran. Irgendwann doch, derjenige kommt zu uns und wir können in eine Holzhütte einchecken. Draußen prasselt der Regen. Unsere Räder stehen auf der Veranda.
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#843863 - 10.07.12 17:08 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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2. Tag

Wir frühstücken erst einmal gemütlich unter dem Vordach der Hütte. Das Wetter hat sich seit dem Vortag nicht wirklich verbessert. Es nieselt weiterhin. Dazu ist es deutlich kälter geworden. Da wir nicht viel packen müssen, brechen wir früh auf. Wir wollen über den Nahe-Hunsrück-Mosel-Weg nach Trittenheim. Das sind deutlich zu viele Kilometer.

Bis Fischbach, wo der NHM das Nahetal verlässt, ist es nicht mehr weit. Allerdings haben wir dort Schwierigkeiten, den Einstieg zu finden. Anstelle des in der Karte eingezeichneten Abzweigs finden wir eine große Baustelle, so dass wir uns durchfragen müssen. Dann nehmen wir die Steigung in Angriff. Zunächst einmal geht es nach Herrstein. Das schaffen wir mühelos und sehen uns erst einmal den hübschen Fachwerkort an. Wir kehren in einem Cafe ein und schieben unsere Räder durch die Kopfsteinpflasterstraßen.

Bei einem genaueren Kartenstudium stellen wir fest, dass der Radweg jedes Besucherbergwerk und auch einen Freizeitpark mitnimmt. Da wir weder Zeit noch Lust zu diesen Besichtigungen haben und sowieso irgendwie abkürzen müssen, können wir leicht ein paar Kilometer abkürzen. Ansonsten führt der Weg um den Idarwald herum, den man immer seitlich liegen sieht. Wir überlegen, ihn einfach zu überqueren, die anderen Radfahrer im Cafe halten das allerdings für völlig unmachbar. In Anbetracht unseres schlechten Trainingszustands lassen wir es bleiben und folgen weiter dem Radweg.

Landschaftlich ist es sehr schön. Die Straßen und Wege sind nicht besonders stark befahren. Alles blüht und grünt. Wir fahren beständig auf und ab und sammeln so sicher mehr Höhenmeter, als für uns die Überquerung des Idarwalds bedeutet hätte. Die Orte, die man durchquert, sind alle ganz reizend. Die Kirchen leider alle verschlossen. Heute gibt es also keinen Pilgerstempel.

Wir erreichen das Ende des Idarwalds und haben ihn nun zur Linken liegen. Der Verkehr läuft hier über eine Bundesstraße, die stark befahren ist. Der Radweg führt durch Dörfer und über Schotter- und Waldwege. Wegen des vielen Regens sind die sehr schlecht befahrbar. Teilweise versinkt man im Lehm und Schlamm. Außerdem schlägt der Weg weite Haken. Die Zeit läuft uns davon.

Während wir langsam zweifeln, ob wir denn wohl noch ankommen werden, geht es erst einmal heftig aufwärts nach Hunolstein. Oben gibt es ein nettes Dörfchen, dass vollständig verlassen daliegt und eine gute Aussicht über das tief eingeschnittene Tal des Dhron auf Haag, wie der auf der Höhe von Hunolstein. Na bravo. Da sollen wir jetzt runter und drüben gleich wieder rauf. Damit hat sich das Ziel Trittenheim wohl erledigt. Das schaffen wir nicht mehr.

Wir müssen wieder fragen, um die richtige Ausfahrt zu finden. An zwei Stellen geht es steil nach unten. Ohne Wegweiser oder stimmige Auskunft, dass das auch die richtige Richtung ist, machen wir so was ungern. Der Weg abwärts ins Dhron-Tal ist steil und ziemlich mit Löchern übersät, trotzdem sind wir natürlich schnell unten. Überraschenderweise gibt es vor der Brücke, die über den Fluß führt und von der man schon den steilen Weg nach oben sieht, eine Abzweigung den Fluß entlang. Und da das Ziel des Radwegs Neumagen-Dhron ist, kann das nicht falsch sein. Wir beschließen, Haag auszulassen und bleiben am Fluß. Der fließt ganz mächtig und hat offensichtlich Hochwasser. Der Weg ist stark ausgewaschen und ziemlich schlecht zu befahren. Wir überqueren ihn mit Hilfe einer halb zerstörten Brücke und müssen schließlich die Räder noch über eine Brücke wuchten, die so schmal ist, dass wir das gerade mal so schaffen. Auf beiden Ufern gibt es Stufen. Als wir langsam schon zweifeln, ob wir jemals ans Ende dieser Wildnis kommen, wird es zivilisierter. Der Weg ist befestigt. Daneben liegen Pferdekoppeln. Ein Hof kommt in Sicht. Und wir erreichen Gräfendhron und damit die Straße.

Nun geht es erfreulicherweise rasant abwärts. Wir bleiben auf dieser Straße bis Papiermühle, wo diverse Radler in einem Biergarten sitzen und uns interessiert nachgucken, als wir zügig den Abzweig nach Trittenheim nehmen. Es fängt schon an zu dämmern. Straße und Tal sind eng und ziehen sich in die Länge. Es geht kontinuierlich aufwärts und man kann nicht so recht erkennen, wo man denn nun das Moseltal erreichen wird. Aber schließlich sehen wir vor uns den Zummethof und tief darunter die Mosel.

Da müssen wir nun natürlich einkehren. Wir gehen erst einmal essen, während es dunkel wird. Also rufen wir unten beim Campingplatz an, dass wir später kommen. Schließlich fahren wir dank der neuen Beleuchtung problemlos und zügig nach unten. Am Campingplatz werden wir nett empfangen wie immer und bauen unser Zelt auf. Es ist feucht, aber auf dem ordentlichen Rasen hier macht das nichts. Wir genießen die makellosen Sanitäranlagen und gehen schlafen. Die erste Nacht im Zelt auf dieser Reise.
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#844337 - 11.07.12 20:33 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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3. Tag

Zur Abwechslung scheint mal die Sonne. Allerdings packen wir unser Zelt trotzdem klatschnass zusammen. Das hält es aus und wir wollen nicht so lange warten. Den Mosel-Radweg kennen wir auch schon. Wir überqueren den Fluss und radeln gemächlich Richtung Trier, ein bisschen müde von der Hunsrück-Tour. Die „Bergetappen“ durch die Weinberge lassen wir also aus und bleiben unten am Fluss. Überall wird fleißig das Heu gewendet. Es riecht nach Sommer. Viele Radfahrer und Wanderer sind unterwegs.

Hinter Longuich wechseln wir am „Alten Fährturm“ an das andere Ufer. Eine hübsche Ecke, die uns auch beim letzten Vorbeiradeln schon gefiel. Danach geht es auf Trier zu. Der Weg verlässt den Fluss und schlägt Haken um Verkehrsbauwerke. Wir verlieren ihn und fahren in die Richtung, in die die Mosel wohl fließen muss. Irgendwie überwinden wir auch die Verkehrsschneisen und kommen nach Pfalzel.

Vor den Toren legen wir ein Picknick mit Blick auf die Mosel ein. Die Sonne glitzert im Wasser. Anschließend touren wir durch die netten Gassen. Die Kirche ist gut verschlossen wie beim letzten Besuch. Irgendwann werden wir es schaffen, sie uns anzusehen.

Weiter geht es den Fluss entlang nach Trier, schließlich über eine der Brücken ins Zentrum. Wir stellen unsere Räder in der Fahrradgarage an der Porta Nigra ein. Trier quillt über. Wegen der Heilig-Rock-Wallfahrt. Es macht keinen Sinn, sich mit den Rädern einen Weg durch die Menge zu bahnen. Am Dom holen wir uns in der Information einen Pilgerstempel und stellen uns anschließend für den Heilig-Rock an. Wir müssen nicht, wie angedroht, stundenlang warten. Eher minutenlang. Dann stehen wir vor der Vitrine.

Anschließend machen wir einen Bummel durch die Kaufhäuser, um noch verschiedene Einkäufe zu erledigen. Wir finden alles, was wir brauchen und gehen eine Kleinigkeit essen. Was wegen völliger Überfüllung des Stadtzentrums schwierig wird. Übernachten wollen wir hier also nicht. Der Campingplatz gefällt uns sowieso nicht. Zu teuer. Zu laut. Zu voll. Also brechen wir irgendwann wieder auf.

Zunächst nach St. Matthias. Hier werden wir mehrfach auf unsere Pilgermuscheln angesprochen. Wir bekommen noch einen Stempel. Und dazu Buttons geschenkt, die wir unbedingt mitnehmen sollen. Anschließend sehen wir uns die Kirche an.

Bis Konz ist es jetzt nicht mehr weit. Und da es hier nicht nur einen Campingplatz gibt, sondern auch einen Discounter, kaufen wir uns ein nettes Abendessen zusammen und probieren unsere neuen Campingsessel aus. Leider wird die Nacht ziemlich laut. Nicht nur wegen der Straße daneben. Zusätzlich grenzt noch eine Eisenbahnbrücke an, auf der ununterbrochen und laut quietschend allerhand Güterzüge durch die Dunkelheit rollen.
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#844492 - 12.07.12 11:13 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
radlsonny
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Beiträge: 190
In Antwort auf: Fricka
2. Tag


Bis Fischbach, wo der NHM das Nahetal verlässt, ist es nicht mehr weit.


aaah, das berühmte Fischbach! schmunzel
leider mussste unsre diesjährige Herrentour Bonn-Fischbach-Bonn wegen Krankheit des gebürtigen Fischbachers ausfallen.
Schön geschrieben! bin gespannt wie's weitergeht und ob Eure religiöse Motivation amtlich beglaubigt wurde zwinker
Gruß radlsonny
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#844640 - 12.07.12 16:43 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: radlsonny]
Fricka
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Beiträge: 2595
4. und 5. Tag

Für heute ist mal wieder Regenwetter angesagt und so werden wir auch vom prasselnden Regen geweckt. Wir packen also wieder ein klatschnasses Zelt ein, ziehen Regenjacken über, legen für stärkere Schauer die Ponchos bereit. Drüben am anderen Ufer blicken wir jetzt auf Luxemburg. Es regnet ausdauernd und es geht auf die deutsch/französische Grenze zu. Wir möchten uns gern vorher noch von unseren deutschen Pfandflaschen trennen, halten also entsprechend Ausschau. Der Weg führt allerdings eingeklemmt zwischen Autostraße, Bahn und Mosel südwärts.

In Nennig beschließen wir einen Kurzausflug nach Luxemburg und überqueren die Mosel. Der Regen strömt kräftig, so dass wir uns in Remich in ein Cafe flüchten, vor dem bereits diverse Reiseräder geparkt sind. Dort bildet sich eine nette Runde, die ihre Regenausstattung vergleicht und diskutiert. Nach einer ganzen Weile beschließen wir weiterzufahren, da der Regen offensichtlich in absehbarer Zeit nicht nachlassen wird und kehren über die Brücke nach Nennig zurück.

Nach Perl und damit bis zur französischen Grenze ist es jetzt nicht mehr weit. In Perl biegen wir in Richtung Ort ab, um endlich einen Supermarkt zu finden. Das klappt auch. Wir leeren die Pfandflaschen und geben sie ab. Dann rollen wir wieder hinunter an die Mosel und überqueren die Grenze.

In Sierck les Bains kaufen wir französische Mineralwasserflaschen. Die müssen wir nun nicht mehr hüten. Darauf ist kein Pfand. Der Ort gefiel uns beim letzten Besuch schon gut und da hier sogar das Wetter langsam besser wird, also der Regen aufhört, picknicken wir am Mosel-Ufer. Kurz darauf überqueren wir die Mosel und fahren unterhalb von Contz les Bains vorbei durch grüne Wiesen am Flussufer entlang. Ab hier fährt man gefühlt „stundenlang“ auf das Kernkraftwerk Cattenom zu. Dieser interessante Effekt wird dadurch erzeugt, dass die Mosel kräftig mäandert, so dass man aus allen Richtungen drauf zu kommt und immer wieder dran vorbeizufahren scheint. Da es mächtig im Gelände steht, ist das sehr auffällig. Drum herum ist eine Freizeitlandschaft entstanden. Die Franzosen haben da offensichtlich keine Berührungsängste.

Nachdem wir endlich nicht mehr auf das Kraftwerk zu fahren, sind wir so gut wie in Thionville angekommen. Wir fahren ein bisschen im Ort herum, beschließen aber, hier nirgends einzukehren, sondern weiter in Richtung Metz zu fahren. Es geht kerzengerade auf gut asphaltiertem Radweg einen Kanal entlang. Rundum ist es grün, aber man sieht auf der Karte, wie nah die Autobahn, Hauptverkehrsachsen und Gewerbegebiete sind. Regelmäßig unterqueren wir Brücken. Wir überholen viele Radfahrer und begegnen auch vielen. Das Wetter ist jetzt gut. Sogar die Sonne kommt heraus. Wir kommen schnell voran.

Knapp vor Metz – wir sehen schon Ikea – hört der Weg unvermittelt auf. An einem Schild mit der Aufschrift „Fin du Chemin de la Moselle“. Das ist buchstäblich zu verstehen. Wir müssen über eine Wiese und über allerhand Schotter schieben, um auf der Straße anzukommen. Letztes Jahr sind wir das in umgekehrter Richtung gefahren. Da ist der Einstieg von der Straße aus ausgeschildert. Die Stelle liegt aber zurück. Und zurück fahren wir nie. Das wäre noch schöner.

Durch das Gewerbegebiet kommen wir schnell nach Metz und überqueren dort die Mosel, wie der Mosel-Radweg es laut Bikeline vorsieht, auf einer stark befahrenen Brücke. Bis zum Campingplatz, der innenstadtnah am Ufer liegt, ist es nun nicht mehr weit. Nachdem wir unser Zelt aufgebaut haben, fahren wir noch einmal durch die Altstadt und trinken auf dem belebten Hauptplatz ein Bier. Laut Reiseführer kann man hier schön sitzen und günstig essen. Unsere zwei Bier (0,25) kosten uns 12 €. Das bleibt auf dieser tour rekordverdächtig.

Den nächsten Tag verbringen wir in Metz. Wir möchten das Centre Pompidou besichtigen. Das hat sehr ungünstige Öffnungszeiten, so dass wir schon mehrfach verpassten, es mal von innen zu sehen. Diesmal wollen wir das erzwingen. Zunächst einmal waschen wir unsere Wäsche und sehen ihr beim Trocknen zu. Was sehr schnell geht, in der nun strahlenden Sonne. Dann geht es in die Stadt. Wir sehen uns noch einmal in aller Ausführlichkeit die Kathedrale an und holen uns einen Pilgerstempel. Es gefällt uns dort. Wir bleiben eine ganze Weile sitzen und genießen es, heute mal keine Etappe vor uns zu haben.

Im Centre Pompidou lassen wir uns ebenso Zeit und sehen uns die drei dort angebotenen Ausstellungen an. Und natürlich das spektakuläre Gebäude selbst. Endlich mal von innen. Bei einer Cola im zugehörigen Cafe treffen wir die nächsten Pilger. Sie gehen zu Fuß. Jedes Jahr ein Stückchen. Nach einer ausführlichen Radtour um die Metzer Sehenswürdigkeiten kaufen wir ein und fahren zurück zum Zelt. Wir kochen in Ruhe, essen zu Abend und genießen den Blick auf Fluss und Sonnenuntergang. Wir sind hier heute Exoten. Es gibt keine weiteren Radler.
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#844655 - 12.07.12 18:15 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
kettenraucher
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 1385
Es ist sehr schön, diese Erzählung zu lesen. Wenn Du aber in diesem Tempo weitermachst grins ….. ich rede da aus Erfahrung peinlich
Aber lass Dich bloß nicht hetzen, immerhin seid ihr auf einem Pilgerweg, also einer Reise der Muse und Kontemplation. Ich bin jetzt auf viele weitere Episoden eingestellt und freue mich sehr auf jede einzelne Etappe, die noch folgen wird. bravo
Allen gute Fahrt und schöne Reise.
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#844682 - 12.07.12 19:52 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
Moderator
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Beiträge: 6765
In Antwort auf: Fricka

In Sierck les Bains kaufen wir französische Mineralwasserflaschen. .................. Ab hier fährt man gefühlt „stundenlang“ auf das Kernkraftwerk Cattenom zu.

na dann spendier ich mal ein aktuelles Photo oberhalb von Sierck les Bains mit Blick auf Cattenom schmunzel

Bin gespannt, wie es weiter geht, denn ich habe mich auf der letzten Tour doch tatsächlich in Frankreich verliebt und peile dieses wunderbare Land fürs nächste Jahr wieder an.

Gruß
Jürgen
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
Reisen +
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Off-topic #844685 - 12.07.12 20:08 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Axurit
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 1360
In Antwort auf: Fricka
In Perl biegen wir in Richtung Ort ab, um endlich einen Supermarkt zu finden. Das klappt auch. Wir leeren die Pfandflaschen und geben sie ab.


Da habt ihr ja nochmal Glück gehabt. Wäre schade gewesen, wenn ihr die Pilgerfahrt wegen Geldmangel hättet abbrechen müssen

Gruß
Rainer
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Off-topic #844699 - 12.07.12 20:37 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Axurit]
Fricka
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abwesend abwesend
Beiträge: 2595
In Antwort auf: Axurit

Da habt ihr ja nochmal Glück gehabt. Wäre schade gewesen, wenn ihr die Pilgerfahrt wegen Geldmangel hättet abbrechen müssen


Das nicht. Aber wir werfen nie etwas weg, für das man noch Geld bekommen würde. Da sind wir eigen. Nachkriegsgeneration halt. Letztes Jahr haben wir drei pet-Flaschen leer durch Österreich und Tschechien transportiert. Kurz vor Dresden waren sie auf einmal verschwunden. Also irgendwie vom Rad gerutscht oder entwendet. Solche Aktionen wollte ich dringend vermeiden. Was auch geklappt hat.
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#844965 - 13.07.12 19:13 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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6. Tag

Gut ausgeschlafen und trocken beginnen wir den nächsten Reisetag. Heute wollen wir den uns schon bekannten Moselradweg verlassen und in unbekannte Regionen aufbrechen. Endlich.

Südlich von Metz fährt man stadtauswärts einen idyllischen Kanal entlang. Den kennen wir schon. Auf einer Seite verläuft der Fußweg, auf der anderen der Radweg. Mit diversen Schildern sich bei Androhung strenger Strafen dran zu halten. Der Fußweg ist eben, gut ausgebaut und befestigt. Der Radweg nichts davon. Das ist einfach ein Pfad durch die Büsche. Über Baumwurzeln geht es auf und ab. Unbefestigt und jetzt nach den diversen Regenfällen voller Pfützen und völlig ausgewaschen. Dabei so schmal, dass sich die Räder kaum begegnen können. Unter mehreren Brücken hindurch wird es so schmal, dass man nicht mehr neben dem Rad schieben kann, sondern es hinter sich herziehen muss. Diesmal waren zusätzlich noch sämtliche Fußgänger auf der Radwegseite unterwegs. Wir beschließen also irgendwann entnervt, den völlig verlassenen Fußweg zu benutzen. Es scheint auch niemand wirklich was dagegen zu haben. Ansonsten ist es hier wirklich schön. Zumal bei so gutem Wetter, wie wir heute haben.

In Jouy aux Arches kehren wir auf die Straße zurück und fahren unter dem römischen Aquädukt durch. Nun geht es die wenig befahrene Landstraße entlang nach Pont á Mousson. Wir radeln fröhlich auf und ab und freuen uns, dass das nun schon viel besser geht als am Anfang. Die Prämonstratenser-Abtei dort schenken wir uns. Die haben wir uns schon im letzten Jahr angeguckt. Wir kehren lieber beim großen M ein. Da gibt es Internet gratis. Das hatten wir im letzten Jahr schon genutzt. Es ist inzwischen so heiß geworden, dass man schon gerne im Schatten sitzt. Anschließend geht es weiter die Straße entlang, meist entfernt von der Mosel.

Von Custines nach Pompey überqueren wir den Fluss, da wir nicht weiter an der Meurthe entlang nach Nancy wollen, sondern am Moselufer nach Toul. Der Mosel-Radweg folgt hier der Meurthe. Wir fahren jetzt nach IGN-Karte, da es keine Ausschilderung mehr gibt. Das geht im Prinzip sehr gut, nur sieht man nicht immer, auf was für Steigungen man sich da einlässt. Die Straße führt oben am Berg entlang, nicht unten am Ufer. Erst ein paar Dörfer weiter finden wir einen Abzweig in Richtung Mosel, der wir dann folgen. Nun auch wieder auf einem Weg durch die Idylle. Eine Weile geht das gut. Bis wir den Schildern „Boucles de La Moselle“ folgen und weit vom Fluß abkommen. Wir fahren einen großen Bogen. Und geraten in ein aufziehendes heftiges Gewitter.

Unser Ziel ist der Campingplatz in Villey le Sec bei Toul. Der sorgt für eine unerwartet heftige Bergankunft. Zwar liegt er unten an der Mosel, aber da wir aus der falschen Richtung kommen, müssen wir mehrere Steigungen überwinden bis wir wieder ganz nach unten fahren. Der Platz ist unerwartet schön. Wir sehen direkt auf den Fluß. Und haben eine überdachte Tisch-Bank-Kombination ganz für uns allein. Auch sonst ist der Platz nett ausgestattet. Wir sitzen also noch ein Weilchen unter dem Dach.
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#845145 - 14.07.12 14:12 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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7. Tag

Die Mosel entlang machen wir uns auf den Weg nach Toul. Das ist nicht weit. Über eine große Brücke geht es in den Ort. Rundherum gibt es Festungswälle. Wir kurven ein Weilchen herum, bis wir an die Kathedrale kommen. Leider ist sie verschlossen. In der Touri-Information nebendran bekommen wir einen Pilgerstempel (das ist in Frankreich die übliche Anlaufstelle dafür) und man erklärt uns, dass gerade eine Orgel-Tonaufnahme stattfinde, also keine Hoffnung bestünde, irgendwann doch noch eine Besichtigungsmöglichkeit zu finden.

Wir beschließen also, weiterzufahren. Dazu verlassen wir das Moseltal, um über ein paar Hügel die Meuse zu erreichen. Allzuviele Höhenmeter sind dazu nicht zu überwinden. Zwischen beiden Flüssen gibt es einen Kanal mit vielen Schleusen, um die Wasserscheide zu überwinden. Daran entlang gibt es einen nett zu befahrenden Radweg, den wir am Ortsausgang auch schnell finden. An den Schleusen geht es jeweils etwas bergauf, aber nicht allzu viel. Wir kommen gut voran.

Später nähern wir uns einem Hügelkamm und – siehe da – der Kanal verschwindet in einem Tunnel. Natürlich ohne einen Radweg dabei. Wir versuchen, über einen Feldweg den Hügel zu überqueren. Aber der Weg verläuft sich zwischen den Hügeln und an der Autobahn. Wir müssen also zurück in den letzten Ort. Dort erklimmen wir den Hügel an der steilsten Stelle, bis wir auf seinem Kamm auf eine Straße stoßen, die auf der anderen Seite wieder nach unten führt. Dort treffen wir auf den Kanal, der ab hier aber nicht mehr in unsere Richtung führt.

Bis Domremy la Pucelle folgen wir nun der Meuse. Es geht eine Straße entlang. Ein bisschen hügelauf- und –abwärts. Im Ganzen aber problemlos zu befahren. Dort angekommen, picknicken wir im Vorgarten von Jeanne d’Arcs Geburtshaus. Das kennen wir schon. Also sparen wir uns den Eintritt für die Besichtigung. Wir besuchen lieber die kleine romanische Kirche daneben und die große Basilika oben am Berg, wo eine Jubiläumsfeier vorbereitet wird. Man stellt gerade jede Menge Stühle auf. Eine Kindergruppe probt ein Theaterstück. Es ist ungemütlich.

Im Ort gibt es einen Campingplatz. Wir wollen aber weiter bis Thonnance les Moulins. Ab Domremy werden die Campingmöglichkeiten noch knapper. Da passt die Einteilung besser, wenn wir noch weiterfahren. Dazu geht es zurück nach Greux, wo wir das Meuse-Tal in Richtung Westen verlassen. Wir folgen einem schmalen Tal. Es geht zunächst sanft aufwärts. Das Abendlicht verschönt die Landschaft zusätzlich. Am Talboden kringelt sich ein Bach. Die grünen Wiesen sind mit bunten Blüten übersät. Wir sind ganz allein. Kein Auto kommt uns entgegen. Wir passieren ein kleines, völlig verlassen daliegendes Dörfchen.

Am Talende wird die Straße steiler. Der nächste Ort heißt Vaudeville le Haut und das ist wörtlich zu verstehen. Wir sehen ihn lange bevor wir ihn erreichen, oben auf der Hügelkuppe liegen. Das letzte Stück müssen wir schieben. Nicht schlimm, wenn die „Passhöhe“ schon sichtbar vor einem liegt. 130 Höhenmeter haben wir damit bewältigt, von der Meuse aus. Das ist natürlich erst der Anfang. Zunächst weiter durch Wiesen, dann durch den Wald geht es noch einmal 30 m aufwärts. Die Straße ist zwar völlig unbefahren, aber gut ausgeschildert. Die Orte haben hier etwa 7 km Abstand. Der nächste liegt natürlich unten an einem Fluss. Wir rauschen entspannt abwärts, ahnen aber natürlich schon, dass wir alles, was wir abwärts fahren, auch wieder hinauf müssen. Wir wissen das noch nicht, aber das wird eines der Grundmuster dieser Tour.

Anscheinend liegen die Dörfer hier häufig an einem Bach. Von einem zum anderen liegt dann jeweils eine Höhe dazwischen. Von oben hat man einen weiten Blick. Von unten türmen sich die nächsten Hügel teilweise beängstigend. Die Durchquerung der Dörfer ist manchmal etwas verzwickt, da niemand auf den Straßen ist, den man fragen könnte. Und das schmale Sträßchen verliert sich regelmäßig in den Dorfgassen. So fahren wir etliche Extrarunden durch verträumte Dörfer. Was natürlich kein Schaden ist. Jedes besteht aus idyllischen Winkeln, mindestens einer alten Kirche und vielen alten Häusern. Ab und zu hört man einen Hund bellen. Dank IGN-Karte finden wir irgendwann die richtige Ausfahrt.

Langsam wird es dämmerig und wir merken die vielen Steigungen zunehmend in den Beinen. Die Strecke zieht sich. Wir zählen die noch zu fahrenden Kilometer rückwärts. In Soulaincourt verlassen wir den Jakobsweg und biegen nach Süden ab. Wir tun das gern. Er macht sich gerade mal wieder an einen heftigen Anstieg über eine Hügelkette. Wir folgen nun, deutlich zügiger, einem Bachtal abwärts bis an die Thonnance. Hier liegt Thonnance les Moulins zwischen diversen Mühlen. Und hinter dem Ort, in der Forge Ste Marie ein großer Campingplatz, den man so abgelegen gar nicht erwarten würde.

Es ist schon dunkel, als neben uns ein erleuchteter fahnengeschmückter Eingang erscheint. Zwischen historischen Gebäuden ein großer Platz mit allem, was dazu gehört. Sogar einem Hallenbad, das gerade schließt. Er wird von Holländern betrieben, beherbergt viele Wohnmobile und Wohnwagen. Man sieht uns an, als wären wir vom Mond geplumpst, nimmt uns aber auf, obwohl wir nicht reserviert haben. Wir bauen erleichtert unser Zelt auf, gehen duschen und essen im angeschlossenen Restaurant. Glücklicherweise – morgen ist Sonntag und wir haben seit Ewigkeiten keinen Laden mehr passiert – gibt es auch einen Laden, der uns morgen früh mit allem versorgen wird, was wir brauchen.
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#845533 - 15.07.12 21:25 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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8. Tag

Heute müssen wir wieder, um den nächsten Campingplatz zu erreichen, 100 km zurücklegen. Mit unaufhörlichen Steigungen. Wir fahren also vorsichtshalber mal relativ früh los. Morgens ist das Wetter gar nicht schlecht, aber wir stehen in einer absoluten Schattenecke, so dass es sich nicht lohnt, auf ein Abrocknen des Zelts zu warten.

Wir müssen nicht zurück, um den Hügelzug von gestern abend nun zu überqueren. Wir folgen der Thonnance bis Noncourt sur le Rongeant und umfahren ihn dabei bequem. Die Straße führt uns weiter am Flüsschen entlang nach Joinville an der Marne, die wir in der Ortsmitte überqueren. Joinville liegt sonntäglich ruhig da. Diverse Radlergruppen sind unterwegs. Wie in Frankreich in der deutlichen Mehrheit meist Rennradler. Sie grüßen jeweils freundlich und bieten auch häufig Orientierungshilfe in den Ortschaften an. Dazu gibt es offene Läden und Bäckereien, so dass wir uns frisches Brot und Obst für ein Picknick besorgen.

Ein Stück noch die Marne aufwärts, dann geht es wieder bergauf aus dem Tal heraus in die Hügel. Wir benutzen sehr sehr schmale Sträßchen, die allein für uns angelegt zu sein scheinen. Autoverkehr gibt es praktisch gar nicht. Es geht weiter fröhlich auf und ab, wobei die Orte jetzt auch gerne auf den Hügelkämmen liegen. Wir müssen dann natürlich da auch rauf. Schließlich verlaufen Straßen von Ort zu Ort und eher nicht kraftschonend durch die Täler. Der Wald wird weniger. Es geht eher durch Wiesen und Felder. Die Rapsfelder reichen bis zum Horizont und ziehen sich über die Hügelwellen. Auf den Kämmen reihen sich die Windräder auf. Haben wir sie erreicht, wissen wir, dass wir mal wieder abwärts sausen dürfen. Und natürlich gleich wieder nach oben. Man sieht jetzt die Straße häufig weit voraus, so dass man sich über den weiteren Verlauf kaum Illusionen macht.

Die Hügel werden niedriger und stehen weiter auseinander. Die Steigungen bleiben aber knackig. Es macht keinen großen Unterschied, ob sie 300 oder 400 m hoch sind. Oder vielleicht nur 200 m. Das Auf und Ab bleibt sich gleich. Die Straße führt kerzengeradeaus drüber. Ohne vielleicht mal einen Haken zu schlagen, um die Steigung zu entspannen, wie das anständige Straßen in den Bergen tun. In den Hügeln scheint das den Straßenbauern zu aufwändig zu sein.

Schon von weitem sieht man das Lothringen-Kreuz in Colombey les deux Eglises. Verstärkt dadurch, dass hier in der sonst ziemlich gleichförmigen Hügellandschaft ein paar markante Kuppen stehen. Vor dem Ort wellt sich die Landschaft noch einmal besonders anstrengend. Und im Ort selbst treffen wir – auf den Tourismus. Irgendwie eigenartig nach soviel verlassener Landschaft. Die Busse reihen sich aneinander. Menschengruppen laufen herum. Wir kennen den Ort schon, setzen uns also bei schöner Aussicht zum Picknick und beantworten die üblichen Fragen. „Seit ihr mit dem Fahrrad wirklich von Deutschland bis hier hergekommen?“ Und natürlich „Wo wollt ihr denn hin?“

Hinter dem Ort endet Lothringen und wir erreichen die Champagne. Zunächst gibt es aber erst einmal eine lange tolle Abfahrt ins Tal. Die haben wir uns verdient nach den vielen Steigungen. Colombey liegt wirklich sehr „oben“. Das wird bei uns langsam zum geflügelten Wort. „Wo sind wir?“. „Keine Ahnung. Aber ganz oben.“

Jetzt geht es erst einmal lange und rasant abwärts auf guter Straße durch den Wald bis wir ein Tal erreichen, dem wir ein Weilchen folgen bis es links ab nach Clairvaux geht, das wir kurz darauf erreichen. Hier müssen wir einen Stop einlegen. Egal, wie viele Kilometer noch vor uns liegen. Wir waren schon einmal am Kloster. Es hat eine große kulturhistorische Bedeutung, wurde aber von Napoleon in ein Gefängnis verwandelt und ist das bis heute. Bei unserem letzten Besuch wurden wir deshalb gleich weitergeschickt.

Jetzt gibt es einen Ticket-Schalter. Da müssen wir doch gleich mal hin. Das Kloster ist zwar als Gefängnis immer noch in Gebrauch. Aber es gibt jetzt Führungen. Fotoapparate und Handys bitte im Auto einschließen. Schon das erste Problem. Aufbewahren wollen sie das für uns auch nicht. Schließlich dürfen wir unsere Lenkertaschen mitnehmen und schwören, nichts daraus drinnen zu lassen und keinerlei Fotos zu machen.

Was wir jetzt zu sehen bekommen, fällt weniger unter das, was man unter einem Kloster versteht. Die Anlage selber war vor der Umwandlung stark barockisiert worden. Davon wird jetzt einiges restauriert. Da gibt es große Säle, die sicher mal ganz prächtig waren, in die man dann Zwischendecken eingezogen hat, um Zellen einzubauen. Aus den Fenstern ragen Ofenrohre. Der Kreuzgang ist komplett vergittert. Während wir noch denken „schade“, laufen wir die Treppen nach oben und finden eine Art Gefängnismuseum. Auch als Gefängnis hat Clairvaux wohl mal eine erhebliche Bedeutung gehabt. Victor Hugo holte sich hier die Anregungen zu den Miserables. Da gibt es allerhand Geschichten zu erzählen. Und auch viel zu sehen. Das genauer zu beschreiben, würde hier den Rahmen sprengen….

Es dauert also erheblich länger als gedacht, bis wir uns wieder auf den Weg machen. Es geht am Kloster entlang hoch in den Wald. Und hoch. Und hoch. Und hoch. Hier fahren auch Autos. Wenn wir auch noch keine Weinberge sehen, so unterscheiden sich doch die Dörfer hier in der Champagne stark von denen in Lothringen. Während die romantisch, historisch, ärmlich aussahen, ist jetzt hier alles sehr herausgeputzt. Man riecht den Wohlstand förmlich. Überall wird zur Champagnerprobe eingeladen. Weingüter und Weinhändler reihen sich aneinander. Die Windräder sind aus der Landschaft verschwunden. Und schließlich erreichen wir auch die Weinberge als wir in das Seine-Tal abfahren. Wir überqueren die Seine in Gye sur Seine und verlassen das Tal sofort wieder. Die Seine ist hier noch ganz schmal.

Nun ist es bis Les Riceys, wo es einen Campingplatz gibt, nicht mehr weit. Die Steigungen sind machbar. Es dämmert. Wir erreichen den Ort. Wie der Name schon sagt, ist es eine Anzahl von Teilorten. Wo ist der Platz? Die Wegweiser beziehen sich nur auf Hotels. Wir fahren mal ein Stück in einen Ortsteil rein. Keine Hinweisschilder. Das hatten wir noch nie. Gibt es vielleicht doch keinen Platz. Zu allem Überfluss hat der übliche Nieselregen auch schon längst wieder eingesetzt. Ein Zimmer? So spät hat die Touri-Info geschlossen. Die Hotels sehen sehr teuer aus. Überhaupt der ganze Ort. Was tun?

Ich halte einen entgegenkommenden Geländewagen an. Das ist doch schon mal was. Menschen. Die treffen wir auf unserer Reise selten diesmal. Jedenfalls brechen die Insassen bei meiner Frage nicht in Gelächter aus, sondern setzen zu einer Wegbeschreibung an. Einer sehr langen und umständlichen. Ich gucke wohl etwas ratlos und frage, ob es irgendwann auf diesem komplizierten Weg mal Hinweisschilder gäbe. Nein. Man schlägt vor, uns hinzubringen. Es sei kompliziert. Das Auto rauscht vor uns durch den Ort. Wir strampeln hinterher und halten vor der Mairie. Man müsse sich beim Bürgermeister anmelden. Der Hausmeister kümmere sich dann um einen Platz und Wasser. Es sei sonst niemand da. Wie im Moment Bürger- und Hausmeister. Er führt uns auf eine Wiese mitten im Ort von einem Bach umflossen, die vielleicht früher mal ein Campingplatz war. Es gibt sogar völlig zertrümmerte Sanitäranlagen und natürlich kein Wasser. Gar nichts. Aber da der Bach die Wiese auf drei Seiten begrenzt und Hochwasser führt, ist mit Besuch nicht zu rechnen. Und eine urwaldähnliche Eingrünung sorgt für Sichtschutz. Wir sind müde, bauen unser Zelt auf, essen im Regen und gehen schlafen. Das Wasser rauscht.
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#845758 - 16.07.12 15:33 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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9. Tag

Etwas gerädert brechen wir auf. So eine Dusche hat doch irgendwie was. Als wir den Ort verlassen, finden wir sowohl Campingschilder zu unserem „Platz“ als auch einen Supermarkt, wo wir uns erst einmal eindecken und ein üppiges Frühstück auf einer Bank in der Grünanlage abhalten. Danach sind wir wieder fit.

Es geht nach wie vor auf und ab durch die Hügel. Die sind jetzt nicht mehr kurz- sondern eher langwellig. Trotzdem kommt man sich vor wie auf hoher See. Das bringt zwar immer mal tolle Fernblicke und rasante Abfahrten. Aber es ist sehr anstrengend. Weswegen wir heute weniger Kilometer fahren wollen. Die Champagne wollen wir in Richtung Burgund verlassen. Burgund hat uns schon immer gut gefallen. Da freuen wir uns schon.

Durch die langwelligeren Hügel sind die Steigungen hier länger. Je weiter der Tag voranschreitet, desto häufiger schiebe ich, weil es mir zuviel wird. Jetzt folgen wir auch nicht mehr sklavisch dem Jakobsweg, sondern gucken öfter mal, ob man nicht irgendwie abkürzen oder eine Steigung vermeiden kann. Unverhofft kommt dabei oft. Der nächste größere Ort ist Tonnerre (hoffentlich ist da nomen nicht omen) am Canal de Bourgogne. Also im Tal. Wir beschließen, schon vorab zum Kanal abzufahren. Dabei nutzen wir „zufällig“ eine wunderschöne Strecke bergab durch die Hügel an einem verfallenen Zisterzienserkloster vorbei.

Im Tal treffen wir auf den Kanal, der wie erhofft, einen begleitenden Schotterweg hat, auf dem wir bequem nach Tonnerre radeln. Na gut, der Schotter ist ziemlich schlecht zu befahren. Aber es ist idyllisch. Und es gibt keine Steigungen. Dort, wo die Brücke in Richtung Stadt liegt, sehen wir den Campingplatz. Wir beschließen, weiter nach Auxerre zu fahren. Es ist noch recht früh.

In der Stadt besuchen wir zunächst die Quelle, die dort seit römischer Zeit gefasst ist. Ein sehr hübscher Ort. Wir sitzen eine Weile auf einer Bank und kochen uns aus dem Quellwasser einen Kaffee. Anschließend schieben wir unsere Räder hoch zur Kathedrale. Die Straße ist extrem steil. Der Bürgersteig ist eine Treppe. Von oben hat man einen schönen Ausblick über die Dächer der Stadt auf die umliegende Landschaft. Wir sehen uns die Kathedrale an und fragen nach einem Pilgerstempel. Wieder heißt es, wir sollten uns an die Touri-Info wenden. Da die definitiv ganz unten liegt, unterlassen wir das.

Bisher haben wir Nebenstraßen benutzt, die mit dem Jakobsweg teils identisch waren, bzw. ihm nahe, während der unbefestigte Fußweg mal mehr mal weniger entfernt parallel lief. Der Weg, soweit er nicht die Straße entlang führte, sah eher nicht so aus, als sei er mit unseren Trekkingrädern befahrbar. Speziell nicht bei Dauer-Regenwetter. Hier in Tonnerre führt er zunächst an der Quelle entlang, dann hoch über Treppen zur Kathedrale und von dort aus weiter hoch in die Hügel, zunächst mal asphaltiert. Wir beschließen, ihm mal versuchsweise direkt zu folgen. Ausgeschildert ist er mit rot-weißem Balken. Ein GR halt. Wir haben den gelben Outdoorführer Jakobsweg, Trier-Vezelay dabei und folgen jetzt seiner Beschreibung.

Zunächst einmal geht es heftig aufwärts. Auf Asphalt. Später unbefestigt aber befahrbar weiter. Natürlich ist es jetzt noch einsamer als vorher auf den Nebenstraßen. Die rot-weißen Markierungen sind manchmal schlecht zu finden und Anweisungen wie „am nächsten Haus rechts abbiegen“ meist nicht so ganz eindeutig. Aber es klappt. Wir kommen an der angekündigten Wildschwein-Koppel (die werden hier gezüchtet) vorbei und folgen weiter dem Weg bis wir eine Straße erreichen, der wir dann Richtung Auxerre folgen. Ein netter Exkurs, aber doch sehr zeitaufwändig. Wir beschließen, das öfter mal zu machen, wenn es sich anbietet.

Jetzt fahren wir eine TGV-Strecke entlang, auf der ununterbrochen die schnellen Züge entlangrauschen. Die Steigungen sind heftig und reihen sich quasi ununterbrochen aneinander. Auxerre liegt an der Yonne. Bis dahin gibt es diverse Hügel zu überqueren. Die Hügelkämme liegen sehr dicht. Wir sammeln kräftig Höhenmeter. So kommen wir nach Chablis. Hier treffen wir auf eine sehr stark befahrene Durchgangsstraße. Ein Seitenstreifen ist selten oder nur sehr schmal vorhanden. Die Steigungen werden zum Himmelfahrtskommando. Im niedrigen Gang aufwärts auf Tuchfühlung mit den LKWs.

Nach kurzer Zeit beschließen wir, lieber seitwärts auszubiegen und einen Haken zu schlagen. Das ist natürlich nicht nur weiter. Die Durchgangsstraße benutzt das Tal. Seitwärts geht es steil bergauf durch die Weinberge. Die Leute am Wegesrand, die wir fragen, ob wir oben über den Hügel auch Richtung Auxerre weiterkämen, bezweifeln das. Tatsächlich landen wir in einem Gewirr von Wirtschaftswegen, die nicht wirklich schachbrettmäßig verlaufen und von denen etliche einfach irgendwo enden. Wir sehen zwar einen Weg, der uns geeignet erscheint, aber der verläuft auf der anderen Seite eines tief eingeschnittenen Tals. Sowas fällt bei uns unter „überflüssige Steigungen“ und muss vermieden werden. Es gibt genug unvermeidliche.

Jedenfalls schaffen wir es, einen Ort auf einem antennengeschmückten Hügel zu erreichen, der laut Karte direkt vor der Autobahn um Auxerre liegt. Wir gehen davon aus, dass es danach runter in den Ort geht. Pustekuchen. Dahinter liegen noch mehrere Hügel. Es ist schon spät genug. Etwas lustlos mühen wir uns über die Anhöhen. Schließlich sehen wir das Yonne-Tal und Auxerre dort liegen. Ein großer Ort. Und überhaupt nicht eben. Jedenfalls geht es erst einmal bergab und über die Yonne. Von der Brücke aus haben wir einen tollen Ausblick auf die Altstadt und den Sonnenuntergang. Und finden hier Wegweiser in Richtung Campingplatz. Der liegt ordentlich außerhalb in einem Sport- und Freizeitgebiet, hat aber erfreulicherweise offen. Wir werden freundlich empfangen und können unser Zelt aufbauen und duschen gehen. Feierabend. Wie schön. Das Duschwasser ist zwar eiskalt. Und die Außentemperaturen auch. Aber kaltes Wasser ist schon mal deutlich besser als gar keins.
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#845787 - 16.07.12 17:20 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
lufi47
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Hallo,

ich lese Deine Berichte wirklich gerne. Einzig wäre es möglich die Kilometer pro Tag vielleicht mit zu erwähnen ? Und vielleicht auch mal ein Photo ?. Keine Kritik nur ein Verbesserungsvorschlag. Sonst schreibst Du sehr packend. Den spanischen Teil bin ich selbst schon gefahren, der französische Teil liegt demnächst an.
Danke

Gruß
Lutz
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#845796 - 16.07.12 18:07 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: lufi47]
Fricka
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Keine Fotos. Das ist Familiengesetz. Tut mir leid.

Die Kilometer kann ich einfügen, so weit ich sie mir aufgeschrieben habe.
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#845806 - 16.07.12 18:41 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
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Ich hab mal hier geschaut. Seid Ihr so gefahren? fernwege.de
Hier gibt es auch alle Tracks zum Download.
Schade, dass ihr so eiserne Familiengesetze habt traurig
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
Reisen +
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#845813 - 16.07.12 19:08 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Juergen]
Fricka
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Ja, genau so. Ich habe auch deren Kartenmaterial bestellt und benutzt. Das passt zu den gelben Outdoor-Führern. Die hatten wir auch mit. Mit Google-Maps habe ich eine Straßenalternative dazu gebastelt. Wegen schlechten Wetters waren die Fußgänger-Wege in Frankreich nur selten befahrbar.

Unser Familiengesetz dient dem Schutz der Kinder. Und da müssen die Eltern mit gutem Beispiel voran.
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#845865 - 16.07.12 21:41 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
der tourist
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In Antwort auf: Fricka

Unser Familiengesetz dient dem Schutz der Kinder. Und da müssen die Eltern mit gutem Beispiel voran.

Ist Landschaft auch "familiengeschützt"?

Sigi
Nic squis was maneth!
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#845917 - 17.07.12 08:33 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: der tourist]
Fricka
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Es ist einfach nur die Regel. Stärker differenziert wird das nicht. Weshalb ich bisher keine Reiseberichte im Internet geschrieben habe. Dies ist mein erster Versuch.
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#846074 - 17.07.12 19:44 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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10. Tag

Wir beginnen den Tag mit einer Reifenpanne, die wir bemerken, als wir vom Platz fahren wollen. Also Kommando rückwärts. Merkwürdigerweise ist es ein Vorderrad. Wir flicken den Schlauch und pumpen ihn so lala auf. Mal gucken, wo wir Luft bekommen. An den Tankstellen scheint das hier nicht so üblich zu sein und wenn, dann gebührenpflichtig. Wir sehen uns erst einmal die Stadt an. Die Altstadt ist groß und malerisch. Es gibt Läden jeder Art und viel Fachwerk. Länger verweilen wir an und in der Kathedrale. Es gibt eine interessante Krypta und Darstellungen von Christus zu Pferde. Wir bummeln noch ein bisschen herum, lassen uns bei einer Autowerkstatt den Reifendruck an allen vier Reifen kontrollieren und auffüllen.

Weiter geht es die Yonne aufwärts, bzw. an einem Seitenkanal. Daneben gibt es einen perfekt ausgebauten Radweg. Hier ist es so schön, dass wir gleich erst einmal eine Rast in der Sonne einlegen. Das Wasser fällt über eine Staustufe. Kanus sind unterwegs. Dazu Radler und Wanderer. U.a. etliche Pilger mit Muschel am Rucksack, die stramm dahinmarschieren.

Während wir das entspannte Radeln und die schöne Umgebung genießen, zieht schon wieder eine Gewitterfront auf. In Vincelles ist es soweit. Es regnet, als würde jemand Eimer über uns ausschütten. Wir retten uns beherzt in ein „Restaurant“. Zusammen mit noch einigen Radfahrern. Während wir alle noch unsere nassen Sachen über die Stühle drapieren und interessiert aus dem Fenster gucken, wie es da wohl weitergeht mit dem Wetter, bemerken wir, dass wir in einer merkwürdig surrealen Umgebung gelandet sind. Wahrscheinlich unverändert, unrenoviert und ungeputzt seit mindestens 100 Jahren. Wir entschließen uns synchron, lieber nichts zu essen und bestellen Tee. Das wärmt.

Als der Regen aufhört, fahren wir weiter. Leider können wir diesem komfortablen Weg nur bis Cravant folgen. Ab hier ist uns der weitere Weg unklar. Wir müssen die Yonne in Richtung Vezelay verlassen. Zunächst geht es noch einen ähnlichen Kanal entlang. Aber irgendwann landen wir in einer Sackgasse. Laut Karte haben wir die Wahl zwischen stark befahrener Autostraße und dem Jakobsweg. Unbefestigt über den klatschnassen Lehm in den Hügeln. Praktisch geht es überhaupt nicht weiter. Zunächst müssen wir mit einem Sprung unter die nächste Brücke, weil ein heftiges Gewitter losbricht. Blitz und Donner sind so heftig und so nah, dass ich es trotz der „Überdachung“ mit der Angst bekomme. Dann erwischt uns eine Böe, die in dem Durchgang unter der Brücke eine Art Düsenwirkung entwickelt. Einen Augenblick habe ich den Eindruck, dass wir gleich gemeinsam mit beiden Rädern darunter herausgeblasen werden. Einiges, was nicht angebunden war, fischen wir aus dem Kanal. Trotz Brücke sind wir jetzt ziemlich durchnässt und frieren.

Wir haben jetzt die Wahl. Weiter an dem Fluss entlang, an dem der Kanal endet, das sieht nach Karte stimmig aus. Geht aber nicht. Der Weg ist nicht befahrbar und nur ein kurzes Stück beschiebbar. Also zurück. Über die Brücke. Und zurück nach Cravant – wollen wir nicht. Einen ähnlichen Uferweg am Fluss wie auf der anderen Seite gibt es. In die falsche Richtung. Und noch einen Abzweig in die Hügel, der vor einer Bahnlinie endet. Sowas hatten wir auch noch nicht.

Also vorwärts: wir müssen zurück. In Accolay nehmen wir den einzigen Abzweig. Der unbefestigte Weg scheint uns in eine falsche Richtung zu führen. Aber Überraschung: wir treffen auf eine rot-weiße Markierung und kurz darauf auf einen richtigen, echten Jakobsweg-Wegweiser. Das ist er, der richtige Weg. Die Durchgangsstraße ist auf der anderen Flussseite und damit für uns im Moment sowieso nicht erreichbar. Wir folgen im Regen dem Weg. Allerdings nicht weit. Der Lehm ist völlig aufgeweicht, klebt an den Reifen und füllt den Abstand zwischen Schutzblechen und Reifen aus bis sich die Räder nicht mehr drehen. Besonders nachhaltig bei meinem Rad. Wir kratzen die Brocken heraus. Neuer Versuch. Nach wenigen Metern blockieren die Räder wieder. Beim anderen Rad schleift es zwar mit der Zeit, aber es kommt noch irgendwie voran. Es nützt alles nichts. Wir müssen da durch. Am besten auch nicht nur schiebend und schleifend. Es ist noch ein ganzes Stück bis Vezelay. Ich gebe buchstäblich mein Letztes. Schiebend, kratzend, schleifend, zerrend, im kleinsten Gang mit voller Kraft fahrend. Die Strecke zieht sich endlos. Wir nehmen die erste Brücke in Richtung Durchgangsstraße. Weder Autoverkehr noch Steigungen noch Tunnels stören mich jetzt noch. Leider kommen wir auch zu spät zur Höhle von Arcy. Und es regnet immer stärker. So richtig toll ist der Weg nicht. Ich fahre mit letzter Kraft.

Irgendwann kommt Vezelay in Sicht. Es liegt malerisch oben auf seinem Felsplateau. Das sieht toll aus. Aber arbeitsintensiv. Die Campingplätze liegen unten. Im Lehmmatsch. Nicht besonders verlockend. Wir beschließen uns ein Zimmer zu suchen. Koste es, was es wolle. Aber natürlich nicht „wo auch immer“. Wenn schon denn schon. Also die Straße nach Vezelay hoch. Wir kurbeln uns tapfer hoch bis hinter einer Kurve der Ort beginnt. Hier steht die Pilgerherberge der Fraternite de Jerousalem. Davor steht ein deutscher Pilgerkollege, der meint, wir könnten da übernachten, wenn wir uns bis 20 Uhr im Büro der Fraternite an der Kathedrale melden. Das sind noch fünf Minuten. Wir quälen uns aufwärts, legen einen sensationellen Schlussspurt hin.

Wir werden freundlich empfangen, registriert, bekommen den Türcode und die Zimmernummern, einen Stempel in den Pilgerpass und werden gefragt, ob wir am nächsten Morgen nach der Laudes einen Pilgersegen möchten. Wir sollen uns gleich entscheiden. *grübel* um 7 Uhr? He, wir sind todmüde. Na gut. Um 8 Uhr muss die Pilgerherberge sowieso verlassen sein. Unsere Räder schleppen wir in den Flur, wo die anderen auch schon stehen. Es sind überwiegend Radfahrer da. Dazu ein paar Wanderer. In einem Schlafsaal schlafen die Frauen, in einem die Männer. Alle sitzen in der Küche um einen großen Tisch. Wir essen und quatschen. Es ist sehr nett.
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#846213 - 18.07.12 11:27 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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11. Tag

Wir stehen früh auf, um rechtzeitig in der Kirche zu sein. Durch den schlafenden Ort sprinten wir aufwärts in Richtung Kathedrale. Das Frühgebet ist sehr eindrucksvoll. Mönche und Nonnen stehen vor dem Altar. Das Frühgebet besteht aus gregorianischen Gesängen. Hinter den Fenstern geht die Sonne auf und taucht alles in ein märchenhaftes Licht. Vögel fliegen durch die Gewölbe und zwitschern. Schließlich werden wir zwischen die Mönche und Nonnen gebeten, erhalten unseren Segen, einen herzlichen Händedruck, viele gute Wünsche und ein kleines Buch.

Anschließend geht es „heim“ zum Frühstück. Während nun alle abreisen, sehe ich wohl ziemlich erschöpft aus. Mir geht es nicht gut. Als mir schwarz vor den Augen wird, beschließe ich, mich noch ein paar Minuten hinzulegen und wache am späten Nachmittag wieder auf. Das war wohl nichts mit der Abreise.

Wir machen einen Spaziergang durch den Ort, sehen uns noch einmal in Ruhe die Kathedrale an, besuchen die Abendmesse und sitzen anschließend auf einer Bank hinter der Kathedrale, um die Aussicht auf die Umgebung zu genießen. Sieht in Reiserichtung ziemlich bergig aus.


12. Tag

Gut erholt besuchen wir am nächsten Morgen noch einmal das Frühgebet, frühstücken und machen uns, nun auch bei besserem Wetter, wieder auf den Weg. Es ist Himmelfahrt. In allen Kirchen haben sich die Gemeinden versammelt. Drumherum gibt es Gartenfeste. Alles hat sich herausgeputzt. Und mit unseren endlich ausgeruhten Beinen geht es zügig die Berge hinauf. Ein Wunder, was so ein Ruhetag ausmacht.

Vom Abenteuer Lehmweg habe ich erst einmal genug. Wir folgen also der mäßig befahrenen parallelen Straße. Die Berge sind jetzt klarer definiert. Es geht nicht mehr in kurzer Folge über viele Hügel, sondern lange bergauf über einen Höhenzug und dann wieder hinab ins Tal. Dabei gibt es viele Aussichtspunkte. In der Ferne stehen Schlösser in Weinbergen oder am Waldrand. Tatsächlich schlägt die Straße jetzt auch manchmal Haken, um die Steigung zu entschärfen, statt geradeaus nach oben zu führen. Das fährt sich dann gleich deutlich besser. In Corbigny angekommen, haben wir schon 30 km hinter uns, ohne nennenswert Kräfte gelassen zu haben. Hier finden wir ein paar offene Geschäfte, so dass wir uns mit dem Nötigen eindecken können. Nachmittags haben die Läden offensichtlich wegen des Feiertags geschlossen.

Wir überqueren also hinter Corbigny den Nivernais und klettern gleich wieder aufwärts. Wir möchten heute bis Nevers an der Loire. Also folgen wir tapfer weiter der Straße über Steigung auf Steigung. In Premery erreichen wir die Nievre. Ab hier können wir einer Hauptstrecke folgen oder wieder Haken auf einer schmalen schlagen. Das versuchen wir erst einmal. Es geht auf einem schmalen Weg gleich erst einmal heftig den Berg rauf. Das Tal bleibt hinter uns zurück, obwohl es uns direkt nach Nevers geführt hätte. Aussicht gibt es keine. Es geht stumpf durch den Wald aufwärts. Weiter und weiter. Wir sind brummig. Nachdem wir einen Berg erst überklettert und dann gefühlt auch noch umrundet haben, kommen wir in das Tal zurück.

Jetzt wird es idyllisch. Es geht knapp über dem Talboden durch eine grüne Wildnis, während unten der Fluss in diversen Armen herumschlängelt. Das genießen wir. Aber als der Weg das Tal mal wieder verlassen will, kehren wir auf die Hauptstrecke zurück. Hier geht es zur Abwechslung auch mal durch Orte. Wegen des Feiertags ist wenig Verkehr.

Nevers ist größer als gedacht. Wir fahren eine ganze Weile durch unwirtliche Vororte bis wir endlich an der Loire landen. Der Campingplatz liegt auf der anderen Seite des Flusses. Neben der historischen Brücke. Wir zelten hier „in der ersten Reihe“. Direkt am Wasser mit schöner Aussicht. Zwischen diversen Zelten mit Fahrrädern daneben. Bewohnt überwiegend von Niederländern. Allerdings sind alle auf dem Loire-Radweg unterwegs. Gute Idee. Das machen wir bestimmt auch irgendwann mal.

Aber jetzt machen wir uns erst einmal zu Fuß auf den Weg in die Stadt, da wir noch irgendwo essen wollen. Allerdings hat alles geschlossen außer dem Laden mit dem großen M. Danach ist uns nicht. Wir laufen also einmal durch die Altstadt und kehren dann zu unserem Zelt zurück. Dort ist es zu kalt zum Draußen-Sitzen, so dass wir bald schlafen gehen.
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#846583 - 19.07.12 10:44 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
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Hallo Fricka,
ich lese deine Geschichte sehr gerne und freue mich auf die nächsten Etappen, bei denen ihr hoffentlich besseres Wetter, weniger Schlamm und ein paar Ruhetage mehr haben werdet. Denn innerhalb von 10 Tagen gefühlte 900km bei diesen Bedingungen zu fahren, wäre mir unmöglich.

Danke und herzliche Grüße
Jürgen
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
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Off-topic #846585 - 19.07.12 10:49 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Juergen]
Fricka
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Wir hofften das auch. Bis zuletzt.

Hoppla, wollte gerade die Tageskilometer nachtragen. Answcheinend geht das nicht?

Geändert von Fricka (19.07.12 10:54)
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#846586 - 19.07.12 10:52 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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13. Tag

Stadtbesichtigung Nevers. Wir sehen uns die Altstadt noch mal bei Tageslicht an, besuchen die Kathedrale, die nicht so wirklich ein Glanzlicht darstellt. Bernadette Soubirous hat geschlossen, als wir an ihren "Espace" dort ankommen. Und St. Etienne, die romanische Vorzeige-Kathedrale suchen wir erst einmal vergeblich bis wir sie in einer Art Hinterhof finden. Die Suche hat sich gelohnt. Wir haben entschieden eine Vorliebe für die Romanik. Und hier ist noch viel davon zu finden, da man sich offensichtlich dafür entschieden hat, in der Gotik eine neue Kathedrale zu bauen und die bisherige einfach stehen ließ. Besonders ergiebig zum Bummeln ist die Altstadt nicht. Wir machen uns schließlich auf die Fahrt. Überqueren noch einmal die Loire und fahren weiter nach Süden. Zunächst einmal geht es endlos bergauf durch die Vororte. Der Jakobsweg auf dem Bürgersteig. Wir daneben auf der Fahrbahn.

Eine weitere sinnvolle Wegführung ist nicht so ganz klar. Der Jakobsweg schlägt einen weiten Bogen. Die Straße folgt erst einmal der Autobahn, ist aber nicht so ganz leicht zu finden, ohne auf Abwege zu geraten. Dabei gibt es allerdings heftige Steigungen mal wieder. Während die Autobahn gemütlich im Tal bleibt. Da die Strecke zudem völlig öde ist, haben wir schon vor Magny Cours keine Lust mehr und beschließen, abzubiegen. In Richtung Mars sur Allier, wo es eine romanische Dorfkirche gibt. Das Allier-Tal ist völlig eben, sehr grün und durch diverse Nebenstraßen erschlossen. Die Ortsdurchquerungen werden gerade zu breiten Prachtstraßen ausgebaut. Mit Bürgersteigen, Straßenbäumen, Parkstreifen und was man noch so gebrauchen kann.

Die romanische Kirche ist wunderschön. Wir machen im Kirchgarten eine Pause und bewundern das Bauwerk ausführlich von innen und außen. Wir können uns kaum trennen. Der weitere Weg führt uns nach St. Pierre le Moutier. Es ist bereits Abend, obwohl wir noch keine allzu lange Strecke hinter uns gebracht haben. Aber müde sind wir auch. Der Ort ist nicht völlig unbelebt. Als wir keine Hinweisschilder auf den hier laut Internet vorhandenen Campingplatz finden, können wir also fragen. Der Gemüsehändler weist uns den Weg, sagt aber, der Platz sei noch geschlossen. Darauf können wir jetzt mangels Alternativen leider keine Rücksicht nehmen. Wir machen es uns auf dem Platz gemütlich. Da es nicht einmal regnet und wir auch keine lange Tour hinter uns haben, fällt es uns diesmal leicht, auf eine Dusche zu verzichten. Es ist ruhig in der Nacht. Spaziergänger, die ihren Hund ausführen, kommen mal vorbei und wundern sich. Ansonsten schlafen wir ungestört.
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#847290 - 22.07.12 13:46 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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14. Tag

Zurück durch den Ort suchen wir den Abzweig zur Allier-Brücke und verlassen Burgund in Richtung Auvergne. Wieder haben wir die Wahl zwischen Hauptstrecke und Nebenstraßen durch die Hügel. Wir versuchen mal das eine, mal das andere. Je nachdem, was reizvoller aussieht. Häufig kommt man auf den Hauptstrecken flotter voran. Bei gar nicht mal so viel Verkehr. Manchmal auch nicht, weil dort die Steigungen häufig stärker sind. Und die Dörfchen an der Nebenstrecke sind natürlich auch idyllischer. Es ist ein warmer Tag zur Abwechslung mal. Die Sonne scheint. Wir „wellen“ auf und ab. In den Dörfern überholen wir immer mal zu Fuß gehende Pilger. Heute besonders viele, die sich stark humpelnd vorwärts bewegen.

In Charenton erreichen wir den Cher, dem wir nach St. Amand-Montrond folgen. An der Ortseinfahrt fahren wir an einem Aldi vorbei. Aber auch dort gibt es keine Gummibärchen. Die Franzosen essen so was anscheinend nicht. Der Ort ist hübsch. Wir fahren aber, da wir ihn schon kennen, weiter in die Abtei Noirlac. Die kennen wir zwar auch schon, aber sie ist wirklich besonders schön, so dass wir uns dort längere Zeit aufhalten.

Zurück in St. Amand-Montrond passiert uns mal wieder das, was wir gar nicht schätzen. Wir verpassen irgendwie die richtige Ausfahrt und fahren einen weiten Umweg. Das liegt daran, dass es hier mal einen Radweg gibt, der uns an der falschen Stelle über die Autobahn führt und bis wir das merken, ist es schon zu spät umzukehren. Wir haben inzwischen auch keine IGN-Karten mehr, sondern benutzen einen Autoatlas. Da ist so was schnell passiert.

In Le Chatelet treffen wir wieder auf die eigentlich vorgesehene Strecke. Von hier aus sind es noch 12 km bis Chateaumeillant, wo es einen Campingplatz gibt. Egal, wie weit man fährt, die letzten 10 km sind immer besonders anstrengend. Zumal wenn wie hier nichts besonderes zu sehen ist, es gefühlt immer nur bergauf geht und uns auch mal wieder ein konstanter Wind entgegenbläst. Nach Chateaumeillant geht es jedenfalls schön abwärts. In der Ortsmitte sitzen viele Menschen in netten Straßencafes, aber wir müssen nun stramm wieder nach oben und dann wieder abwärts (was einen abendlichen Besuch im Ort sinnlos erscheinen lässt), wo sich überraschenderweise ein ziemlich großer See befindet, an dem der Platz liegt.

Wir checken hier ein. Es ist nett. Die Duschen geben reichlich heißes Wasser von sich. Der Stellplatz ist groß und mit dem erwünschten kurz geschorenen Gras bewachsen. Und vorne am Eingang versammelt sich eine Fangemeinde um einen Flachbildschirm, um ein sehr, sehr wichtiges Spiel der Fußball-WM anzusehen. Es ist also für alles gesorgt. Allerdings fängt es in der Nacht an, stark zu regnen.
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#847691 - 23.07.12 18:44 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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15. Tag

Am nächsten Morgen schüttet es immer noch. Wir bleiben zunächst mal liegen und warten, ob das Geprassel nicht vielleicht mal weniger wird. Leider nein. Irgendwann angele ich meinen Regen-Poncho, gehe zum Waschhaus und anschließend in die Rezeption und frage, ob es vielleicht einen Baguette-Service gibt. Wie eigentlich praktisch überall. Hier natürlich nicht. Dann müssen wir wohl ohne Frühstück los.

In dem Moment verlassen zwei bekannte Gestalten die Holzhütte daneben. Das ist die offizielle Pilgerherberge – mit insgesamt vier Betten. Zwei der Insassen kennen wir aus Vezelay. Er ist schon in Regenzeug gehüllt und schiebt sein Fahrrad raus – Baguette holen. Natürlich bekommen wir eins mitgebracht. Perfekt. Und bis wir gefrühstückt und gepackt haben, hört auch der Regen auf. Es wird zwar immer mal wieder regnen über Tag, aber so eine Regenpause zum Packen hat was.

Zur Abwechslung nehmen wir mal die Straße, um zügig voranzukommen, da es in dieser Ecke nicht so besonders spannend zu sein scheint. Der Jakobsweg schlägt hier weiträumige Mäander und nimmt jeden Hügel mit. Bis La Chatre kommen wir so zügig voran, haben aber dort die Nase voll von dem Gebrumm der Lkws und den ständigen Steigungen bei der fast ohne Kurven geradeausführenden Straße, die wir dadurch als ziemlich kraftraubend empfinden. Außerdem möchten wir mal wieder etwas ansehen und nicht nur Straßen entlang radeln. Gesagt, getan. Wir biegen ab und nehmen ein paar große Bögen mit.

Am Ende des ersten liegt Schloss Sarzay. Wenn man schon mit dem Fahrrad bis an die Loire fährt, müssen auch Schlösser geboten werden. Auf dem Foto im Outdoor-Führer sieht es sehr interessant aus. Also nichts wie hin. Zunächst einmal ist die schmale verkehrsarme Straße mal wieder eine nette Abwechslung, auch wenn es – natürlich – gleich mal ordentlich bergauf geht. Aber immerhin in idyllischer Umgebung. Wir passieren einsame Häuser. Einen schmalen Fluss über den eine Bogenbrücke führt. Noch eine Anhöhe hoch und da steht Schloss Sarzay. Die Großform stimmt. Aber es sieht reichlich vergammelt aus und steht auch nicht frei, sondern auf einem Hof, der von allerlei Scheunen umgeben ist. Eine Touristengruppe ist gerade in Autos vorgefahren. Sie klingeln zwecks Führung. Ein Schild schlägt das vor. Es kommt aber niemand. Wir gucken in die Scheunen. Der Schlossherr hat offensichtlich zwischenzeitlich auf Schrotthändler umgeschult. Die Scheunen sind mit unglaublichen Mengen an Schrott jeder Art angefüllt. Wir fahren weiter.

Nächstes Highlight ist ein Zisterzienserkloster. Der Weg wird schmaler und ist streckenweise unbefestigt, so dass wir im wiedereinsetzenden Regen um die Pfützen kurven. Das Kloster sieht ganz nett aus, ist aber verriegelt und verrammelt. Der Regen wird stärker. Aus dem Grün erscheinen drei französische Pilger. Wir quatschen ein bisschen und machen uns wieder auf den Weg. Das nächste Ziel ist Neuvy St. Sepulchre. Weit ist es nicht mehr.

Der Ort ist bekannt für seine Templerkirche in Ortsmitte. Ein Zentralbau. Wir umrunden sie einmal, um den Eingang zu finden. Von innen ist sie sehr eindrucksvoll. Ein bisschen hilflos möbliert. Bei so einem Bau gibt es immer Schwierigkeiten bei der Frage, wo der Altar hin soll. Aber wir freuen uns, dass sie offen ist. Die Athmosphäre im halbdunklen Inneren ist geheimnisvoll.

Direkt daneben ist der Abzweig von der Hauptstrecke. Hier soll es eine Pilgerherberge geben. Wäre das nicht was für uns? Es regnet immer noch stark. Wir finden die Adresse. Aber hier ist nichts. Also weiter. Es geht im Regen einen Bach entlang. Idyllisch, aber ziemlich viel Wasser für unseren Geschmack. Durch die tiefhängenden Regenwolken sieht es fast so aus, als würde es schon dämmern. Dabei ist es dafür noch deutlich zu früh. Wir fühlen uns, als wären wir völlig allein auf der Welt. Die Dörfer sehen mal wieder völlig unbewohnt aus. Kein Mensch zu sehen. Keine Lichter. Wir umrunden Cluis mit seinen zwei Burgen. Die sehen äußerst romantisch aus. Aber wegen des schlechten Wetters und der fortschreitenden Zeit haben wir keine Lust, sie uns näher anzusehen. Weiter.

In der Ferne sehen wir ein Aquädukt. Da der Reiseführer keins erwähnt, ist es wahrscheinlich eher ein Viadukt, also irgendeine Talbrücke. Die Steigungen ziehen an. Die Hügel türmen sich höher auf. Die Täler werden enger. Unser Ziel ist Eguzon. Das liegt an einem Stausee. War also zu erwarten, dass wir da auf Berge treffen. Es geht immer heftiger auf und ab. Wir sind jetzt auch langsam müde. Und ziemlich nass.

In Eguzon gibt es mehrere Campingplätze. Wir diskutieren schon mal, welcher davon denn wohl am ehesten warmes Wasser zu bieten hat. Dummerweise nähern wir uns Ort und Staudamm von unten. Der Staudamm türmt sich vor uns auf. Der Ort ist noch nicht zu sehen. Wir überqueren den Fluss, der aus Richtung des Staudamms kommt. Dann geht es rund. Eine Kehre über uns. Wir keuchen rauf. Es wird immer steiler. Noch eine Kehre. Wenn man durch den Nebel nach oben guckt, sieht man hoch über uns die Autos weitere Kehren passieren. Auch das noch. Uns bleibt tatsächlich nichts erspart. Einen Großteil der Steigung schiebe ich. Es reicht einfach. Außerdem muss der Ort dort oben irgendwo sein.

Tatsächlich kommt er irgendwann in Sicht. Wir nehmen gleich den ersten Campingplatz. Vorne steht eine Scheune. Auf einem weitläufigen Platz stehen ein paar Wohnmobile. Und auf einer Wiese eine unübersehbare Masse kleiner Zelte mit Fahrrädern daneben. Es handelt sich um die Jahreshauptversammlung eines niederländischen Fahrradclubs. Das Protokoll hängt nachher an der Clotür. Der Platz ist unter niederländischer Führung. Das Betreiber-Ehepaar empfängt uns freundlich. Wir bestellen erst einmal ein Bier. Es sieht gemütlich aus in der Kneipe. Eine Menschenmenge hat sich dort an Bierzeltgarnituren niedergelassen und kocht. Draußen hätte das nicht viel Sinn.

Wir fragen, ob es vielleicht irgendeine Hütte zu mieten gibt. Unser Zelt ist zwar schwimmfähig, aber es reicht irgendwie. Man bietet uns für 20 € einen Wohnwagen an und wir akzeptieren gerne. Endlich im Trockenen. Wir können in einer Art Aufenthaltsraum unsere Sachen zum Trocknen ausbreiten. Es gibt Wi-Fi. Nach einer heißen Dusche wollen wir nur noch schlafen.
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#847890 - 24.07.12 11:12 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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16. Tag

Die ganze Nacht über hat der Regen auf den Wohnwagen geprasselt. Am Morgen ist er eher noch stärker geworden. Der Fahrrad-Club packt und reist ab. Wir beschließen zu verlängern. Wir wollen einfach mal einen Tag faulenzen. Und der Regen ist so stark, dass wir wenig Sinn darin sehen, irgendeine nennenswerte Strecke zurückzulegen. Wir packen unser nasses Zelt aus und legen es auch noch im Aufenthaltsraum zum Trocknen aus. Es sind nun außer uns kaum noch Menschen auf dem Platz, so dass nur noch die Winter-Sanitäranlagen geöffnet werden. Was für ein Luxus. Alles blitzsauber, liebevoll gestaltet und – geheizt. Es besteht eine gewisse Nahrungsmittelknappheit, da es im Ort irgendwie keine Einkaufsmöglichkeit gibt. Wir sind trotzdem zufrieden.


17. Tag

Weiter geht’s. Dank Superkompensation sind unsere Beine mal wieder richtig unternehmungslustig und freuen sich auf die nächsten Steigungen. Es regnet nicht mehr. Und ortsauswärts finden wir auch noch einen großen Supermarkt. Der Jakobsweg will jetzt gleich mal runter an den See, um sofort wieder nach oben zu kommen. Da die Wolken tief hängen und sowieso keine nennenswerte Aussicht ermöglichen, lassen wir den Abstecher aus. So fahren wir zunächst auf der Durchgangsstraße abwärts, bis wir an den Abzweig des Sträßchens kommen, das uns nach La Souterraine bringen wird.

Sofort wird es wieder unglaublich ländlich. Aber man merkt, dass der Jakobsweg voranschreitet und sich langsam füllt. Es gibt jetzt durchgängig eine Ausschilderung. Und man überholt immer mal Pilger zu Fuß und trifft auch zunehmend welche auf Fahrrädern. Gleichzeitig taucht auch die notwendige Infrastruktur auf. Fast jeder Ort hat jetzt ein Refuge zum Übernachten. Und am Wegesrand gibt es Bars, in denen Pilger einkehren können. Man sieht bemuschelte Rucksäcke an den Stühlen lehnen und bepackte Fahrräder parken.

So kommen wir nach La Souterraine. Schon ein interessanter Name für eine Stadt. Die Unterirdische. Irgendwie unterirdisch sieht es auch aus. Die Stadt besteht aus diversen Kreiseln, vergammelnden Vororten, einem überdimensionierten Bahnhof, und einer Innenstadt, die im wesentlichen aus einer Baugrube besteht. In der Mitte die Kathedrale, deren berühmte Krypta, die jeder Jakobspilger unbedingt aufsuchen muss, der Stadt den Namen gegeben hat. In der Kirche riecht es muffig. Auf einem Tisch liegt ein Pilger-Gästebuch, wo man sich in diversen Spalten bemüht, die Pilger irgendwie zwecks Statistik in Schubladen zu ordnen. Die berühmte Krypta ist verschlossen.

Wir haben wieder mal Schwierigkeiten, die richtige Straße zwecks Ausfahrt aus der Stadt zu finden. Das kommt von dem Nebenstrecken-Konzept. Je unbefahrener die Straße, desto unscheinbarer oder unvorhandener die Beschilderung. Irgendwann müssen wir uns auch Gedanken machen, wo wir übernachten wollen. Weit und breit ist kein Campingplatz zu haben. Also eine Pilgerherberge? Ständig sind wir an welchen vorbeigekommen. Aber wenn man eine sucht….. In St. Priest en Feuille und Chamborand finden wir sie nicht. Wir suchen aber auch nicht besonders intensiv. In Benevent l’Abbaye wird es klappen. Ein verschlafener Ort mit einer großen Kirche. Es ist kurz vor Ladenschluss. Laut Führer muss man in der Apotheke nach dem Refuge Pelerins fragen. Die Apothekerin lacht. Ja, es gibt eins. Aber nicht das, das im Führer steht. Und sie ist auch nicht zuständig. Es gibt ein Refuge municipal. Mit vier Betten. Heute schon belegt von zwölf Pilgern. Wir könnten sechs km in den Nachbarort fahren und dort fragen. Oder Mme Irgendwie fragen. Die nimmt manchmal Pilger auf. Oder was auch immer. Irgendwo auf Verdacht in die Gegend fahren, liegt uns nicht so. Wir fahren weiter.

Um den nächsten Ort zu erreichen, müssen wir bei bereits einbrechender Dunkelheit die höchste Stelle der Via Lemovicensis überqueren. Also an die Arbeit. Wir treten kräftig in die Pedale und sind schneller oben als gedacht. Solche Steigungen können uns inzwischen nicht mehr schrecken. Oben gibt es eine schöne Aussicht. Vor allem auf eine imposante Bergwelt. Sehr ermutigend. Wir fahren ab nach Chatelus le Marcheix. Dort müssen wir übernachten. Es ist praktisch dunkel und nach dem Ort warten die nächsten Bergketten.

Das ist auch kein Problem. In dem Ort gibt es eine Auberge du Peuple (was immer das sein soll), einen Campingplatz und ein Hotel. Groß ist er nicht. Das erleichtert die Suche. Man sieht keinen Menschen und kein Licht. Als erstes fahren wir an der Auberge vorbei: ferme. Alles dunkel. An der Kreuzung steht das Hotel. Mit Brettern vernagelt. Der Campingplatz ist ausgeschildert und liegt auf einer Kuppe. Sehr schön, aber geschlossen. Das kennen wir schon. Wir suchen uns ein nettes Eckchen neben einer Tisch-Bank-Kombination und lassen uns nieder. Eingekauft haben wir. Auch relativ viel Wasser dabei. Es wird eine sehr ruhige Nacht. Ohne irgendein Geräusch.
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#848337 - 25.07.12 15:53 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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18. Tag

Gut erholt frühstücken wir bei herrlicher Aussicht mutterseelenallein auf unserer Hügelkuppe. Vorbei an einer einsamen Tankstelle verlassen wir den Ort und überholen kurz darauf zwei Pilgerinnen, die munter ihre Wanderstöcke schwingen. Sie haben es also auch irgendwie geschafft, in diesem Ort zu übernachten.

Die Straße ist völlig autofrei, gut zu befahren und führt durch eine eindrucksvolle bergige Landschaft, in der sich immer wieder schöne Ausblicke finden. Ab und zu geht es durch ein kleines Dorf. Und es gibt so viele romanische Kirchen, dass wir gar nicht alle ansehen können. Viele sind auch abgeschlossen. Wir rasten gerne an den Kirchen. Dort gibt es meistens Bänke in hübscher Umgebung. Bei Bedarf auch Schatten. Wenn, wie heute, die Sonne mal rauskommt. Neben diesen angenehmen Aspekten ist die Strecke vor allem eins: anstrengend.

Als zwischen den Hügeln die Kirchturmspitze von St. Leonard de Noblat auftaucht, können wir uns deshalb gut vorstellen, dass es schön wäre, mal etwas ebenere Verhältnisse anzutreffen. Der Ort liegt an der Vienne, wie auch Limoges. Da könnte man doch dem Fluss folgen und relativ eben dort hinkommen. Aber nein, das wäre zu einfach. Erstens führt keine Straße dran entlang. Was kein Wunder ist, da der Fluss einen großen Bogen schlägt. Die Straße, die am ehesten in die Richtung führt, ist die Hauptverkehrsstraße. Sowas wird nach unserer Erfahrung um so unangenehmer, je mehr man sich größeren Städten nähert.

In den Ort hinein bekommen wir schon mal eine Kostprobe. Es geht fleißig berauf. Wohin auch sonst. Die Straße ist eng. Und LKW auf LKW rauscht an uns vorbei. Das wird so heftig, dass wir seitlich abbiegen. Was sich als gute Idee erweist. Wir landen direkt in der Altstadt, die sehr mittelalterlich wirkt. Das ist schön anzusehen. Und das kann man von einer netten Bar aus. Natürlich besuchen wir auch die Stiftskirche in ihrer romanischen Pracht. Hier befindet sich das Grab des heiligen Leonhard. An der Wand hängen seine Ketten. Das wirkt zusammen mit dem strengen Schimmel-Geruch etwas morbide. Finster ist es auch.

Am Ortsausgang überquert die Durchgangsstraße die Vienne auf einer Bogenbrücke aus dem 13. Jahrhundert. Diese Brücken begeistern uns immer wieder. Vor der Brücke gibt es einen Abzweig an den flott dahinsprudelnden Fluss. Das Ufer mit Bänken garniert. Da müssen wir doch gleich mal eine Pause einlegen. Bald hinter der Brücke biegen wir nach links aus dem Tal aus. Es geht steil nach oben. Schön ist es hier. Ein Bach stürzt nach unten Richtung Vienne. Malerische Gehöfte liegen im Grünen. Und bald sind wir auch hoch genug, um immer wieder eine schöne Aussicht zu genießen. Die Wegweiser werden sparsam, so dass wir nicht mehr so wirklich wissen, wo wir sind. Jedenfalls geht es immer höher.

Bis wir schließlich in das nächste Tal abfahren und dort eine Straße finden, die uns nach Limoges bringen soll und die, laut Wanderführer weniger befahren ist, als die, von der wir wegen zu starken Verkehrs abgebogen sind. Das ist natürlich relativ. Je mehr wir auf Limoges zu kommen, desto mehr Autos und vor allem auch LKWs füllen die Straße. Für uns bleibt nicht viel Platz. Besonders schwierig wird das, wenn es stark bergauf geht und dabei der Seitenstreifen direkt an den Abgrund grenzt und immer schmaler wird.

Wir biegen mehrmal ab, werden aber immer wieder auf die Durchgangsstraße zurückgeführt. Das Gelände ist sehr uneben. Seitenstraßen führen in irgendein Wohngebiet oder auf einen Hof und enden dort. Uns bleibt nur die Straße. Wie immer bei solchen Stadteinfahrten geht es lange durch Vororte und vor allem auch Gewerbegebiete. Schließlich überqueren wir die Vienne und sind damit in der Innenstadt angekommen. Erstmalig habe ich hier das dumme Gefühl, dass der motorisierte Verkehr beschlossen hat, uns zu übersehen und damit zu überrollen. An einer Ampel kann ich gerade noch auf den Bürgersteig flüchten. Das ist mir zuviel. Wir schieben weiter und biegen bei nächster Gelegenheit ab in eine ruhigere Seitenstraße.

Wir besichtigen die Kathedrale und die umliegenden Parks und Gärten mit ihrer Aussicht über die Vienne unten im Tal. Schieben durch ein sehr übersichtliches Areal idyllischer Altstadt und laufen dann erst einmal bei der Touri-Info auf. An die Hilfsbereitschaft dieser netten Leute haben wir uns schon gewöhnt. Sie sind zwar unterschiedlich ausgestattet, aber in so einer Stadt natürlich maximal. Es gibt komfortable Toiletten. Wi-Fi. Eine Sesselecke, um mal gemütlich mit Internetzugang auszuruhen. Und eine gute Stadtkarte, wo man uns den Weg zum Campingplatz (relativ weit außerhalb) einzeichnet. Eine Oase im Großstadtgetümmel sozusagen.

Die Innenstadt selber spricht uns nicht besonders an. Groß. Dreckig. Viel Verkehr. Baustelle an Baustelle. Schwierige Orientierung wegen eines komplizierten Geflechts an Einbahnstraßen und Sackgassen. Wobei man nicht denken muss, dass man mit dem Rad da schon irgendwie durchkommt. Das verhindern diverse Treppen.

Nach Besichtigung machen wir uns auf den Weg zum Campingplatz. Es geht kontinuierlich bergauf. Die Straße ist eng. Der Verkehr stark. Der Platz liegt an einem See. Hinter einem gigantischen Einkaufszentrum. Er ist gepflegt und gut unterhalten, dabei schwach belegt. Wir haben viel Platz. Vom Badesee haben wir nichts. Es ist viel zu kalt für solche Unternehmungen.
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#848639 - 26.07.12 14:47 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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19. Tag

Für die Weiterfahrt müssen wir Limoges einmal von Nord nach Süd durchqueren. Dank Stadtplan finden wir diesmal auf Anhieb die richtige Ausfahrt. Bis Aixe sur Vienne geht es abwärts. Dort überqueren wir die Vienne zum letzten mal und biegen auf eine Nebenstrecke ein, die aus dem Tal heraussteigt. Natürlich erst, nachdem wir noch einmal gemütlich am Flussufer gerastet haben. Das wird langsam zur Gewohnheit.

Über Lavignac und Flavignac geht es nach Les Cars. Die Landschaft ist hier unspektakulär. Mal wieder die Variante „grüne Wellen“, an der man sich verausgaben darf. Die Dörfchen werden auch zur Gewohnheit. Im „Groben“ geht es jetzt auf Perigueux, also das Perigord zu. Das ist eine schöne Gegend. Da sind wir dafür. Vor uns baut sich jetzt ein sehr imposanter Berg auf. Oben drauf stehen jede Menge Antennen. Wir taufen ihn den CIA-Berg. Der Jakobsweg biegt davor nach Westen aus, um diesen Berg zu umfahren. Wir überlegen. Geradeaus wäre es wesentlich kürzer. Schaffen wir das, einfach drüber zu fahren? Nach Chalus zieht uns irgendwie nichts. Also los. Der Weg führt auf den Berg zu. In ein Tal. Wir sind gespannt auf die Steigung – und nun geht es nur noch bergab. Das ist mal wieder so eine „Variante“, die sich als unerwartet schön erweist. Es geht durch ein sehr schönes Tal kontinuierlich abwärts. Dabei ändert sich nun die Vegetation. Wir offensichtlich in Frankreichs Süden angekommen. Sogar der Geruch ist nun anders.

Bei La Coquille treffen wir wieder auf die N21. Und da wir gerade mal Lust auf Kilometer-Schrubben haben, biegen wir auf die breit ausgebaute Straße ein und treten kräftig in die Pedale. Zeitgleich senkt sich die Landschaft. Es geht anscheinend nur noch bergab. Die N21 hat hier einen überbreiten Seitenstreifen. Wir fühlen uns wie auf einer Fahrrad-Autobahn. Die Landschaft rast nur so vorbei.

Abends landen wir auf einem Campingplatz bei Sarliac. Er liegt gut versteckt. Von der N21 hört man hier nichts. Wir zelten in einer Flussschlaufe des Isle. Über der grünen Wiese hängt Nebel. Wobei es recht warm ist, so dass uns der schöne Pool ganz recht kommt.
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#848961 - 27.07.12 12:50 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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20. Tag

Bis Perigueux ist es jetzt nicht mehr weit. Wir bleiben auf der N21 und zweigen dann auf einen Radweg in die Stadt ab. Das ist natürlich Luxus. Schnell sind wir in der Innenstadt und laufen ein wenig durch die Gassen. Anschließend besichtigen wir die Kathedrale. Ein merkwürdiger Bau. Man hat in Zeiten des Historismus das Dach abgebaut, so dass die Kuppeln über den Kirchenschiffen jetzt den oberen Abschluss bilden, was der Kathedrale ein merkwürdig byzantinisches Aussehen gibt. Die Kirchen werden im Moment gerade alle großzügig mit Blumen geschmückt. Bald ist Pfingsten.

Wir verlassen Perigueux am Isle entlang. Da gibt es einen ausgeschilderten Flussradweg, was wir natürlich genießen. Auch wenn die Jakobsweg-Schilder in eine andere Richtung zeigen. Wie immer lässt er keinen Hügel und vor allem keine Kirche, kein Kloster aus. Wir dagegen schon. Wir fahren solange am Fluss entlang, wie das geht. Als der Weg aufhört und wir kurz anhalten, um zu gucken, wie es weitergeht, werden wir von Mückenschwärmen geradezu aufgefressen. Also nichts wie weg in Richtung Straße.

Wir passieren viele hübsche Orte. In St. Astier sehen wir uns die Kirche an und der Herstellung des dortigen Blumenschmuckes zu. Hier gibt es außerdem nette Gassen und einen Markt. Anschließend halten wir noch beim Discounter. Wie schon öfter kommt jemand auf mich zu und schenkt mir Blumen. Wenn die Leute unsere Muscheln sehen, fragen sie nach dem Woher. Das Wohin ist ihnen klar. „Kann ich etwas für Sie tun?“ „Beten Sie für mich, wenn Sie dort sind.“ Die Franzosen haben augenscheinlich einen starken Bezug zum Jakobsweg. Das sind sehr nette Begegnungen. Im Moment brauchen wir aber definitiv keine Unterstützung. Da es recht warm ist, kehren wir im nächsten Ort in eine schattige Bar ein, in der schon ein deutscher Pilger sitzt. Er ist erst in Perigueux losgelaufen und hat noch nicht viel zu berichten. So bummeln wir durch die Örtchen. Schließlich überqueren wir den Fluss in Richtung Mussidan und treffen dort auf einen sehr schönen Markt. Wir parken unsere Räder und lassen uns von der Menschenmenge zwischen den Ständen durchschieben, auf denen Spezialitäten jeder Art angeboten werden. Man kann sich kaum entscheiden, was man mal probieren möchte.

Und schon geht es wieder aufwärts. Über die Berge in Richtung Dordogne-Tal. Wir haben im Internet einen Campingplatz kurz vor der Talabfahrt gefunden. Die sind hier rar. Die meisten, die es gibt, öffnen erst am 1. Juli. Wenn es denn überhaupt welche gibt. Mal wieder sind wir auf einer Nebenstraße bergauf unterwegs. Aber hier gibt es eine Besonderheit. Überall auf der Straße liegen überfahrene Schlangen. Dick. 1,50 m lang. Plattgefahren. Bis zu diesem Moment haben wir unterwegs weder tote noch lebendige Schlangen getroffen. Aber das gibt nun irgendwie zu denken. Suchen wir vielleicht doch zu leichtfertig das grüne Gestrüpp am Wegesrand auf, wenn uns mal danach ist? Ab jetzt gucke ich sehr genau, wohin ich trete.

Auch diese Strecke zieht sich. Wir könnten mal ankommen. Am eigentlichen Abzweig von der Straße (aus dem wir am nächsten Morgen wieder in die Straße einbiegen) steht kein Schild (mehr). An der nächsten Kreuzung geht es bereits nach Monfaucon ab. Wir sind zu weit. Wir fahren mal in die Richtung und fragen einen Mann, der in seinem Garten arbeitet, nach dem Weg. Er empfiehlt uns durch den Ort bis zur Kirche zu fahren und dort rechts ab. Dann so ca. 7 km geradeaus. Da wäre der Platz. Das Schild am Abzweig an der Kirche hätte jemand umgefahren. Da stünde also (auch) keins mehr. Ein gut versteckter Platz. Das ist bestimmt umsatzfördernd.

Der Weg ist sehr schlecht. Asphalt nur noch in Resten. Schotter, große Löcher und steil bergab. Wir fragen uns, ob wir da wohl richtig sind. Aber genau auf den Punkt stehen wir vor einer großen Einfahrt, geschmückt mit diversen Fahnen. Die Anlage ist groß und fast völlig verlassen. Die Bungalows stehen leer. Ein einziges Zelt wird gerade aufgebaut. In Rezeption und Restaurant ist niemand. Wir bewundern einen großen See, mückenumschwirrt natürlich, ein großes Schwimmbecken (Pool kann man dazu schon nicht mehr sagen) und eine Badelandschaft mit diversen Großrutschen. Alles ohne Wasser.

Den mürrischen Betreiber klopfen wir aus seinem Wohnhaus. Er sagt uns, es sei zwar offen, aber wenn keiner käme, lohne sich das nicht. Ob wir wirklich bleiben wollen? Ja, doch. Wohin denn sonst. Wir sollen unser Zelt aufbauen, wo wir wollen. Die Anmeldung könnte man doch morgen machen. Es sei denn, wir wollen vormittags weiter. Doch, das wollen wir. Brummig kassiert er einen ungeheuer hohen Betrag. Wegen der Badewelt. Dann brauchen wir ihn nicht mehr. Im Grunde ist für alles gesorgt. Wenn auch im Waschhaus offensichtlich nach der Winterpause noch nicht sauber gemacht wurde. Wir stellen uns vor, wie er dort sitzt und sich wundert, dass keiner mehr kommt, weil es keine Zufahrtsschilder mehr gibt, deren Reparatur aber leider völlig über seine Kräfte geht.
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#849308 - 28.07.12 14:32 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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21. Tag

Der Morgen begrüßt uns mal wieder mit einem Platten. Wieder vorne. Und wieder erst bei Abfahrt bemerkt. Aber dann geht es weiter. Hier hält uns nun definitiv nichts. Auf der „richtigen“ Strecke kommt man auf besserem Weg zur Straße zurück, ein kurzes Stück noch bergauf und dann eine lange rasante Abfahrt durch den frischen Morgen runter an die Dordogne. Wir erreichen sie in Le Fleix, wo wir gleich erst einmal in der dortigen Auto-Reparaturwerkstatt ums Reifenaufpumpen bitten. Kein Problem. Auch hier ist man sehr hilfsbereit. Am Fluss entlang nach Ste Foy et Ponchapt ist es nicht weit. Und hier geht es schon wieder über den Fluss und aus dem Tal heraus. Wir statten den Flüssen auf dieser Tour in der Regel nur Kurzbesuche ab. Die meisten werden schlicht nur überquert. Im Ort sehen wir uns kurz die Kirche an und lesen in unserem Führer, dass man hier bei Bedarf im Obdachlosenasyl übernachten kann. Gut, dass es noch zu früh für die Quartierssuche ist.

Sofort wird es wieder ländlich. Sehr ländlich. Immer ländlicher. Ich habe die Route vorher zusammengesucht und eine Art Roadbook dazu geschrieben, dass im wesentlichen die Orte, die Richtungsänderungen und die Bezeichnungen der Straßen enthält. Das ist sehr verlässlich. Solange wir uns nach den Straßennummern richten, sind wir völlig auf dem richtigen Weg. Manchmal kann man das kaum glauben, so einsam ist es. Dabei sind die Orte genauso verlassen wie seit Lothringen meistens. Es gibt also kaum Möglichkeiten mal jemand zu fragen.

In St. Ferme halten wir an dem dortigen ehemaligen Kloster. Es ist riesig. Und auch menschenleer. Gegenüber ist das Refuge Pelerins. Man sieht Rucksäcke an der Wand lehnen. Dort ist tatsächlich jemand. Auf dem Weg haben wir niemanden überholt.

Weiter geht es nach La Reole. Der Ort ist gar nicht klein. Er liegt an der Garonne, über die eine hübsche Brücke führt. Über dem Ort liegt ein riesiges Kloster. Als wir auf dem zentralen Platz ankommen, beginnt gerade eine Volkstanzaufführung. Alle Männer haben Baskenmützen auf. Wir sind im Baskenland angekommen. Eine Kapelle spielt. Wir setzen uns dazu und sehen uns das an. Die Sonne scheint. So könnte es bleiben.

Aber wir möchten jetzt erst einmal auf den Campingplatz an der Garonne. Überraschung: Er ist geschlossen. Nun könnten wir uns natürlich da niederlassen, wie wir das schon öfter gemacht haben. Aber der Platz ist eine Wiese ohne Baum und Strauch. Von der Stadt her komplett einsehbar. Und auf dieser Seite ist ein Gewerbegebiet in dem merkwürdige Gestalten unterwegs sind. Das spricht uns nicht an. Also weiter. Der nächste Platz ist in Bazas. Dort gibt es sogar zwei.

Jetzt müssen wir uns natürlich beeilen. Bis Bazas ist es noch weit. Wir haben also keine Zeit mehr für Stopps. Das ist schade, weil es unterwegs nette Dörfer gibt. Überall wird gefeiert. Da könnte man sich gut mal anschließen. Aber mal so richtig Gasgeben macht auch Spaß. Wir erreichen Bazas also mit dem letzten Licht. Wir fahren durch den Ort. Kein Hinweis auf einen Campingplatz. Wo sollen sie sein? Wir folgen der Internet-Beschreibung. Es geht, natürlich bergauf, aus dem Ort heraus. Und als wir das ganze schon für einen Scherz halten, zeigt auch endlich ein Wegweiser in einen Abzweig und nach einem kurzen Stück Piste kommen wir in einer Art Freizeitpark an. Der übrigens beide Plätze ist. Wenn man das so sagen kann. Jedenfalls stehen beide Namen dran.

Wir melden uns an. Bauen unser Zelt auf und gehen in die angeschlossene Kneipe. Sowas ist doch mal eine nette Abwechslung. Der Platz hat nicht nur allerhand Kinderspielplätze, Minigolf usw., sondern auch einen überdeckten, geheizten Pool, einen Außenpool und einen See. Wir beschließen spontan bei gutem Wetter mal einen Ruhetag einzulegen und bei der Gelegenheit unsere Wäsche zu waschen. Morgen ist Pfingsten….
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#849579 - 29.07.12 15:56 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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22. Tag

Die Sonne scheint. Es ist Pfingsten. Wir hängen die frisch gewaschene Wäsche in die Sonne und machen uns auf den Weg in den Ort, um einkaufen zu gehen. Auf dem Kirchplatz hat sich eine regelrechte Menschenmenge versammelt. Wir fahren erst einmal vorbei, auf der Suche nach Einkaufsmöglichkeiten. In dem hübschen Ortskern finden sich Läden jeder Art. Von diversen Spezialitätenläden bis zum Lebensmittelgeschäft. Wir beschließen, mal etwas aufwändiger zu kochen, da wir heute genug Zeit und kein Transportproblem haben.

Dann schließen wir uns den Menschen auf dem Kirchplatz an. In der Kirche geht der Pfingstgottesdienst gerade dem Ende zu. Wir kommen genau rechtzeitig zum Pilgersegen. Dazu reihen sich insgesamt 16 Pilger auf. Die anderen alle in voller Montur. Danach geht es vor die Tür. Vorweg marschiert ein Musikzug mit Querflöten und Trommeln. Die Musikanten in den baskischen Trachten, die wir schon in La Reole erlebt haben. Vor der Tür stehen kleine Jungs auf Stelzen Spalier. Auf sehr hohen Stelzen. Da sie Schaffellwesten tragen, vermute ich mal, dass das irgendeine Hirtentradition ist.

Wir sehen uns die archäologischen Ausgrabungen hinter der Kirche an, finden dort einen hübschen Garten mit Bänken und schöner Aussicht, wo wir einen kleinen Frühschoppen einlegen. Nun ist auch die Kirche zu besichtigen. Der Pfarrer übt inzwischen mal mit den werdenden Kommunionskindern. Die Kirche ist interessant. Wir haben allerdings inzwischen so viele gesehen, dass sie in der Erinnerung nur noch schwer auseinander zu halten sind.

Zurück auf dem Campingplatz packen wir unsere Badesachen aus und gehen in Richtung Pool. Unter der Überdachung ist es so heiß, dass es kaum auszuhalten ist. Das Wasser ist dazu auf Badewasser-Temperatur aufgeheizt. Man fühlt sich also eher wie in einer Sauna. Das Wasser draußen ist dagegen eiskalt.

Nach einer Mittagspause gehen wir noch einmal baden. Inzwischen hat man das Dach weggefahren und nun ist das Baden das reinste Vergnügen, das wir genießen, bis es Zeit ist bei Sonnenuntergang ein Glas Rotwein zu trinken.


23. Tag

Auf der Karte liegt Bazas direkt an der Grenze zwischen Bergland und Tiefebene. Praktisch ist von oben von hier von der Ebene noch nichts zu sehen. Wir gehen aber trotzdem davon aus, dass es heute tendentiell eher bergab bzw. eben zugehen wird. So klein der Ort ist, hier kreuzen sich zwei Hauptverkehrsstraßen und eine Autobahn schlängelt sich auch noch vorbei. Wir brauchen also die übliche Vollrunde, bis wir die richtige Ausfahrt finden. Immerhin finden wir dabei auch noch eine Ansammlung großer Supermärkte, die es nach Beschreibung der Camping-Rezeption nicht gibt. Heute haben sie geschlossen. Gestern war Sonntag, da war vormittags geöffnet. Heute am Pfingstmontag nicht. Da finde mal einer durch. Glücklicherweise sind wir versorgt, so dass uns das nichts ausmacht.

Kurz darauf geht es bergab und weiter durch eine völlig ebene Landschaft. Wir entschließen uns, die Hauptstrecke zu nehmen. Die Straße ist wunderbar ausgebaut. Der glatte Asphalt wirkt fast wie Rückenwind, den wir zusätzlich noch haben. Der Seitenstreifen ist breit und sauber. Es gibt kaum Verkehr, vielleicht feiertagsbedingt. Die Orte liegen bis zu 30 km auseinander. Die Straße geht schnurgeradeaus. Links und rechts ist Wald. Die größten Mücken, die wir bisher getroffen haben, surren in dichten Wolken herum und stürzen sich auf uns, sobald wir anhalten. Diese Rahmenbedingungen verleihen uns regelrecht Flügel. Wir legen die Strecke bis Mont de Marsan in Rekordzeit zurück.

Wir fahren meist mit mehr oder weniger großem Abstand. Jeder in seinem Tempo. Dabei achten wir normalerweise drauf, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren. Heute wird der Abstand weit. Man kann weit voraus sehen, da es keine Kurven gibt. Aber aus der Ferne sind die Radfahrer natürlich nicht mehr eindeutig zu identifizieren. Und so gebe ich mir große Mühe, einen Radfahrer einzuholen, der mir, als ich ihm näherkomme, völlig fremd ist. Meinen Mann habe ich längst irgendwo überholt, wo er ein Foto machte, ohne ihn zu sehen.

Spannend. Wir haben für solche Fälle normalerweise Handys dabei. Meins mag aber kein Roaming. Ist jetzt also nutzlos. Ich beschließe, erst einmal bis in den Ort zu fahren und dort vor der Kathedrale zu warten. In der Hoffnung, dass er da auch auftauchen wird. Er denkt, ich sei hinter ihm und wartet am Ortseingang. Als ich nicht komme, vermutet er eine Panne und kehrt um. Ich stelle fest, dass es keine Kathedrale gibt. Auch kein irgendwie definiertes Ortszentrum. Hm. Ich frage in der Touri-Info, ob ich mal zu Hause anrufen darf. Kein Problem. Obwohl man für das Auslandsgespräch erst ein anderes Telefon holen muss. Geld will man auch keines dafür. Meine Tochter schickt meinem Mann eine SMS. Kurz darauf treffen wir uns vor der Touri-Info.

Wir könnten hier übernachten. Es ist aber noch relativ früh und wir sind fit. Bis Saint Jean Pied de Port sind es, wenn man unsere übliche Reisegeschwindigkeit beachtet, noch 2,5 Tage. Wie stark uns das Pyrenäenvorland ausbremsen wird, ist schwer zu kalkulieren. Also auf nach St. Sever. Wir nehmen die Autobahn. Na gut, an sich ist es keine. Man darf hier fahren. Sieht aber aus wie eine Autobahn und fühlt sich für uns auch so an. Der Seitenstreifen ist komfortabel, die vorgeschlagenen Haken zur Autobahnvermeidung sehen umständlich und steigungsreich aus. Wir versuchen das mal. Die Abfahrten sind relativ dicht. Die Strecke verlassen, können wir also bei Nichtgefallen problemlos.

Der Verkehr erweist sich als moderat, was wohl am Feiertag liegt. Die Steigungen sind gut fahrbar. Wir kommen zügig nach St. Sever. Auch da könnten wir übernachten. Wir überlegen und fahren erst einmal in den Ort. Der Campingplatz liegt vor dem Ort unten am Fluss. Der Ort oben auf einer Hügelkette. Wir arbeiten uns da rauf, finden oben einen netten mittelalterlichen Ortskern und sehen uns erst einmal die Kirche an, um dann in der Bar gegenüber einzukehren. Das Pilger-Refuge ist gleich um die Ecke. Die Pilger bevölkern die Bar. Wir quatschen ein bisschen und sitzen bequem.

Schließlich entschließen wir uns aber doch, noch bis Haguetmau weiterzufahren. Für die Übernachtung in St. Sever müssten wir wieder nach unten und am nächsten Morgen wieder rauf. Das ist gegen unser Prinzip. Wir fahren auch nicht wieder runter zur „Autobahn“, sondern nehmen den Weg durch die Hügel über Audignon und Horsarrieu. Als wir die Ausfahrt suchen, stellen wir fest, dass St. Sever größer ist als gedacht. Aber wir finden das richtige Sträßchen und fahren im Abendlicht in die Hügel. Außer uns ist hier praktisch niemand unterwegs. In Audignon sehen wir uns die romanische Kirche an, die allerdings schon geschlossen ist. Aber von außen ist sie auch sehr schön.

Wir biegen auf eine noch schmalere Straße ein und müssen nun noch ganz schön arbeiten für die fortgeschrittene Zeit. Es geht endlos bergauf bis in den nächsten Ort. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis Haguetmau. Vor dem Ort stoßen wir auf ein CP-Schild, das uns auf die Umgehungsstraße schickt. Wir umrunden den Ort, finden aber kein weiteres. Wir fragen uns schließlich durch und stehen irgendwann vor dem Eingang des Platzes. „Ferme“ steht dran. Der Platz liegt, ähnlich wie in Auxerre, in einem großen Sport- und Freizeitzentrum. In einem kleinen Häuschen neben der geschlossenen Rezeption ist Licht. Wir klopfen. Abweisen lassen, wollen wir uns nicht mehr. Es ist längst dunkel und zu spät, noch weiterzufahren. Wir sind gerne bereit, auf dem „geschlossenen“ Platz zu übernachten, möchten das aber nicht ohne Einverständnis des Mannes tun, der offensichtlich so eine Art Platzwart ist. Er schlägt uns vor, im Pilger-Refuge des Ortes unterzukommen. Gibt aber zu, dass da jetzt niemand mehr ist. Er telefoniert mit dem Bürgermeister. Nach langem Hin und Her bekommen wir die bürgermeisterliche Genehmigung, zu bleiben. Bürgermeister sind in Frankreich ganz offensichtlich für alles und jedes zuständig. Das haben wir schon öfter erlebt.

Der Platz ist sehr gepflegt. Wir werden auf eine von Hecken umgebene Grasfläche geführt. Ein eigenes Waschhaus steht drauf. Der nette Mann schaltet uns Wasser und Strom ein, probiert noch aus, ob das Duschwasser auch warm genug und alles sauber ist. Schraubt an der Küchenspüle eine neue Glühbirne ein und bringt Clopapier. Alles perfekt. Am nächsten Tag sollen wir uns im Hallenbad anmelden. Wir danken und machen es uns gemütlich.
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Off-topic #849637 - 29.07.12 21:12 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
olafs-traveltip
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Dein Bericht ist wirklich toll zu lesen!

Schade, dass es keine Foto und eine Karte gibt...

Gruß


Olaf
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Off-topic #849702 - 30.07.12 08:23 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: olafs-traveltip]
Fricka
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Danke für die Blumen. Ich fürchte manchmal, dass das keiner liest....
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Off-topic #849704 - 30.07.12 08:37 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Deul
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Ganz bestimmt nicht. ich lese gespannt mit.

Detlef
Cycling is an addiction, it can drive you quite insane. It can rule your life as truly as strong whiskey and cocaine.Forumstreffen Edersee 2014
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Off-topic #849709 - 30.07.12 08:54 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Deul]
Radreisender
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Unterwegs in Vereinigte Staaten von Amerika

In Antwort auf: Deul
Ganz bestimmt nicht. ich lese gespannt mit.

Detlef


Wir wollen auch deinen Text mit unseren positiven Kommentaren nicht zerstückeln schmunzel

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung dafür

Thomas
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#849762 - 30.07.12 13:06 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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24. Tag

Während wir gerade frühstücken, erscheint ein LKW mit Arbeitern drauf, die nun mähen und die Hecken schneiden möchten. Eine Weile arbeiten sie kommentarlos um uns herum, aber schließlich kommt einer auf uns zu und fordert uns auf, sofort zu erklären, was wir da tun. Etwas reflexhaft antworte ich mit „Wonach sieht’s denn aus?“ Gut, das war nicht nett. Als wir erklären, dass der Bürgermeister uns unser Tun genehmigt hat und wir auch gleich in Richtung Hallenbad aufbrechen werden, um die entsprechende Gebühr zu entrichten, sind sie beruhigt.

Im Hallenbad amüsiert man sich heftig über uns. Wir müssen 5 € bezahlen. Wir folgen jetzt weiter der ehemaligen Fast-Autobahn, die schmaler und schmaler wird. Steigungsmäßig geht es zur Sache. Immer noch fahren wir über Hügel – nicht über Berge. Aber Kette auf Kette muss überquert werden. Und die Straße nimmt dazu den kürzesten Weg. Ist man oben, geht es gleich wieder abwärts bis fast auf Meereshöhe. Wir gewinnen insgesamt nicht wirklich an Höhe.

Die Steigungen sind anstrengend. Jetzt an einem Werktag sind viele LKWs unterwegs. Einmal quäle ich mich aufwärts, während mein Mann schon oben ist und von oben heftig winkt. Ich sehe mich um. Direkt hinter mir kommt ein Convoi exceptionelle mit Überbreite. Das Teil reicht vom Mittelstreifen genau bis an den Abgrund. Da passe ich nicht vorbei. Im Gegenverkehr ist keine Lücke. Und ich fahre mit ca.. 5 km/h. Ich lege mich mächtig ins Zeug und springe gerade noch bevor der riesige LKW endgültig anhalten muss in eine Einfahrt. So reizvoll die Landschaft auch ist, so was ist anstrengend.

So sind wir froh, als wir in Orthez ankommen. Ein nettes Dörfchen. Das auch schon ganz anders aussieht als die bisherigen. Irgendwie nach Pyrenäen. Es gibt eine Fußgängerzone mit Cafes und einen großen Markt, wo wir einkaufen, was wir in der Mittagspause essen möchten. Orthez liegt an der Gave de Pau, einem Flüsschen, das auch schon sehr nach Pyrenäen aussieht. Von der Farbe her und auch weil es so heftig über die Felsblöcke schäumt. Über die Gave führt eine Bogenbrücke mit einem Turm in der Mitte. Wir suchen uns ein Picknickplätzchen unten am Fluss mit Blick auf die Brücke.

Am diesseitigen Ufer führt die Bahnlinie entlang. Ein beschrankter Bahnübergang führt direkt auf die Brücke. Das sieht etwas eigenartig aus, weshalb dieses Stück Brücke auf den Reiseführer-Fotos nicht mit abgebildet wird.

Wir verlassen Orthez mit einem gewissen Bedauern, überlegen aber, ob wir nicht heute noch bis SJPdP fahren sollten. Wir sind ein bisschen kribbelig und würden gerne den Pyrenäen-Pass hinter uns bringen. Die Hauptstrecke macht jetzt einen weiten Umweg, während wir von den Autoabgasen sowieso die Nase voll haben. Wir bleiben also nahe am Jakobsweg und biegen auf eine Nebenstrecke ab. Eine Hügelkette nach der anderen türmt sich vor uns auf. Man fährt hier nicht auf die Pyrenäen zu, indem man in einem Tal aufwärts fährt. Die Flüsse kommen uns nicht entgegen, sondern fließen parallel zur Fahrtrichtung. Wie immer…..

Auf der Karte sind einige Aussichtspunkte eingezeichnet. Tatsächlich sieht man hier direkt auf den Pyrenäenhauptkamm. Da türmt sich was auf. Oben liegt Schnee. Tatsächlich werden wir sie sicher an einer weniger spektakulären, schneefreien Stelle überqueren. Aber der Ausblick von hier aus ist imposant. In einem kleinen Dorf müssen wir mal wieder einen Vorderreifen flicken. Es ist heiß. Wir suchen uns eine schattige Stelle, sitzen auf einem Stein und stellen fest, dass wir ganz schön verschwitzt und ausgepumpt sind. Nachdem wir in einer Stunde genau 10 km zurückgelegt haben. Das ist so eine Art Negativrekord. Wie wird es wohl weitergehen?

Aber jetzt fängt die Straße an, sich der Landschaft anzupassen. Führt auch mal in einer Schlaufe nach oben, um die Steigung bequemer zu halten. Und eine Weile oben entlang, bis wir nach Sauveterre de Bearn hinunterfahren. Sauveterre liegt an der Gave d’Oloron. Wir kommen voran. Oben über dem Ort liegen Reste einer Burg und eine sehr interessante Kirche. Hier treffen wir ein niederländisches Ehepaar, die mit einem auffälligen Gepäckwagen zu Fuß unterwegs sind. Die anderen Pilger, von denen etliche den Ort bevölkern, sind alle schon im Refuge eingecheckt und sitzen in der Bar. Vor SJPdP gibt es keinen CP mehr. Das ist noch so weit, dass wir wohl im Dunkeln ankommen werden. Und es fängt mal wieder an zu tröpfeln.

Ab hier hat uns die Ex-Fast-Autobahn wieder. Sie ist noch schmaler geworden und nicht mehr so wirklich besonders befahren. 16 km sind es noch bis SJPdP. Die Steigungen werden weniger. Die Straße folgt jetzt einem Tal. Mit Einbruch der Dunkelheit kommen wir an. In einer anderen Welt. Soviele Pilger haben wir noch in keinem Ort gesehen. Sie besetzen jeden freien Stuhl in den vielen, vielen Bars. Die Häuser, in denen keine Bars sind, sind Pilger-Unterkünfte oder beherbergen Läden mit Pilgerbedarf.

Wir suchen ein Weilchen den CP. Kann doch keiner ahnen, dass der direkt innerhalb der Stadtmauer liegt. Da sieht man ihn erst, wenn man davor steht. Aber das macht ihn sehr gemütlich. Die Ausstattung ist zwar sehr bescheiden, aber es ist nett. Neben den üblichen Wohnmobilen und Wohnwagen stehen etliche Zelte mit Fahrrädern daneben. Das sieht nach einem ergiebigen Austausch aus.

Nach Zeltaufbau und Dusche machen wir uns noch einmal auf den Weg in die Stadt. Wir haben Hunger. Außerdem sind die historischen Bauten nett angestrahlt. Das sieht alles sehr einladend aus. Ganz bis nach oben in die Burg treibt es uns nicht mehr. Wir suchen eher unten am Fluss nach einem netten Restaurant. Die haben aber anscheinend zum größten Teil schon geschlossen. Wir landen in einer kleinen Pizzeria. Neben äußerst günstigen Preisen dürfen wir hier auch die Dorfjugend kennenlernen. Wir unterhalten uns ziemlich spannend. Und lernen ein neues Phänomen kennen. Einheimische, die sich als Pilger verkleiden, mit allem was dazu gehört. Dann kann man leichter Pilger anquatschen und/oder anbetteln oder irgendwohin schleppen, wo man Prozente kriegt. Interessant.
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#849962 - 30.07.12 20:47 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
kettenraucher
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Zitat:
Ich fürchte manchmal, dass das keiner liest....


Diese Befürchtung ist unbegründet. Wir lesen gespannt mit und freuen uns sehr über Deinen Reisebericht. Ich find´s jedenfalls klasse.
Allen gute Fahrt und schöne Reise.
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#850084 - 31.07.12 08:29 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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25. Tag

Als wir ausgeschlafen haben, sind die Pilger schon alle abmarschiert und abgeradelt. Wir hatten am Abend noch mit einigen gesprochen. Das Problem beim Jakobsweg ist aber, dass einem niemand entgegenkommt. Über die weiterführende Strecke gibt es also nur Gerüchte. Die gingen hier eindeutig in Richtung „bitterkalt, Schnee, Tote, die es nicht geschafft haben“. Das können wir uns nicht so ganz vorstellen. So hoch ist der Pass nun auch wieder nicht. Wir glauben jedenfalls auch bei gemütlicher Abreise im Laufe des Tages irgendwie die 28 km bis zur Passhöhe bewältigen zu können. Zur Sicherheit kramen wir mal die Pullover raus und bringen sie bei den stets griffbereiten Regensachen unter.

Wir wandern noch mal durch den Ort, holen uns im Pilgerbüro Stempel, besuchen eine Pilger-Boutique, kaufen im örtlichen Supermarkt ein und besuchen das danebenliegende Sport-/Outdoorgeschäft, um unsere Sammlung an Fahrradflickzeug wieder aufzufüllen. Ort und Berge waren zunächst mal in dichten Nebel gehüllt. Mittags haben sie sich gelichtet und wir steigen auf unsere Räder und nehmen den Aufstieg in Angriff.

Zunächst mal geht es relativ gemütlich los. Man fährt einem Bach entgegen, der hier die Grenze zwischen Frankreich und Spanien bildet. Über eine Brücke besuchen wir schon mal ein spanisches Einkaufszentrum, fahren wieder nach Frankreich zurück und verlassen es im nächsten Ort wieder. In Valcarlos kaufen wir uns spanische Chorizo für ein Picknick unterwegs.

Dann geht es hoch und immer höher. Pässe kannte ich bisher so, dass sich nach einigen Vorbergen die Kehren über einem auftürmen und man abzählen kann, wie weit es noch bis zur oben sichtbaren Passhöhe ist. Am Ibaneta-Pass ist das nicht so. Man fährt durch Wald. Das ist nicht unpraktisch, weil man immer Schatten hat, aber man sieht nicht viel. Irgendwann gibt es auch Kehren, aber die liegen weit auseinander, so dass man auch hier nicht überblickt, was noch vor einem liegt. Die Aussicht ist überhaupt relativ eingeschränkt. Zusätzlich gibt es sehr abweichende Vorschläge, wie weit es denn nun bis zur Passhöhe ist. So weiß man nicht einmal, wie viele Kilometer man noch bewältigen muss. Jedenfalls war es für mich durchaus grenzwertig. Einfach schon durch die schiere Länge der relativ gleichmäßigen Steigung. Da gibt es keine flacheren Einschübe zum Atemholen oder Ausruhen. Es geht immer nur stramm aufwärts.

Und auf einmal fährt man um eine Kurve und ist oben. Wir machen das übliche Gipfelfoto und statten der gut verschlossenen Kapelle einen Besuch ab. Daneben ist ein Parkplatz von dem aus man endlich eine eindrucksvolle Aussicht in die Berge genießen kann. Und von der Seite kommen die Fußpilger anmarschiert.

Wir rollen gemächlich bergab nach Roncesvalles, das wir sehr bald erreichen. Wir haben die Schilderung von HP Kerkeling gelesen, der sich hier gleich mit Schaudern abwandte und die Flucht antrat. Dazu steht in allen unseren Führern, dass man dort keine Radfahrer aufnimmt. Wir haben also hier keine Übernachtung eingeplant. Dazu ist es noch viel zu früh. Aber wir wollen uns Herberge und Kloster natürlich ansehen. Viele Touristen wollen das auch. Es gibt eine getrennte Wegführung für Pilger und Touristen. Damit die sich nicht gegenseitig belästigen. Wir schieben unsere Räder vor die Herberge. Refugio heißt das ab jetzt. Eine Niederländerin empfängt uns herzlich. Wir sollen gleich mal unsere Räder in die extra dafür vorgesehene Scheune schieben und uns im Büro für die Übernachtung einschreiben. Alles ist extrem aufwändig ausgebaut. Sieht durchaus verlockend aus, aber sechs km weiter gibt es einen Campingplatz. Da fahren wir noch hin und werden sicher ruhiger schlafen als in so einem Massenlager. Wir fragen nach. 7 Mio € sind in das Gebäude seit K.s Besuch gesteckt worden. Nun ist alles top. Ach so. Es sind etliche Radfahrer bereits angekommen. Wir tauschen uns ein wenig über das Woher aus. Das Wohin steht nicht in Frage.

Wir sehen uns noch ein bisschen um und rollen dann weiter hangabwärts. Der Pass ist ziemlich asymmetrisch. Auf der spanischen Seite geht es wesentlich weniger bergab. Wir bleiben auf ca. 800 m, während wir am Morgen von nur 160 m gestartet waren. Im ersten Dorfladen füllen wir unsere Vorräte auf, da wir über den Pass nicht viel mitgenommen haben und versuchen, uns in Spanien zu orientieren. Die Autos überholen uns genauso rücksichtsvoll wie in Frankreich. Wir werden freundlich gegrüßt. Jetzt wünscht man sich auch endlich ununterbrochen „Buen Camino“. Der Campingplatz liegt freundlicherweise genau dort, wo er eingezeichnet ist. Er hat geöffnet, ist stärker frequentiert als die bisherigen, fast doppelt so teuer und schlicht aber ordentlich ausgestattet. Unsere Nachbarn kennen wir schon von der Passhöhe. Zufrieden mit uns machen wir uns einen netten Abend.
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#850533 - 01.08.12 14:16 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
GertrudS
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Hallo Radpilger,

der Bericht ist sehr schön und lebendig geschrieben. Da bekommt man Lust, diese Reise auch mal zu machen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Gruß Gertrud
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#851466 - 04.08.12 19:17 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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26. Tag

Für die spanische Strecke haben wir drei Routenvorschläge. Bikeline, Bruckmanns Radführer und das Jakobsweg-Radreisebuch von Kay Wewior. Bikeline empfiehlt nur im äußersten Notfall unbefestigte Wege und meidet jede auch nur annähernd verkehrsreiche Straße. Das führt dazu, dass die Bikeline-Route häufig in großer Entfernung vom eigentlichen Jakobsweg unterwegs ist, so dass man eigentlich wenig Jakobsweg-Feeling erlebt. Das Radreisebuch schlägt vor, meistens den Jakobsweg zu nehmen und nur wenn der gar nicht befahrbar ist auf Straßen auszuweichen. Der Bruckmann-Führer liegt irgendwo dazwischen. Die gleiche Strecke wird dann manchmal in einem Führer als kaum noch zu meistern und im anderen als „entspannt zu radeln“ eingeschätzt. Zwischen diesen Empfehlungen gilt es nun „unseren“ Weg zu finden. Im Bikeline-Führer ist der Jakobsweg blau eingezeichnet. Im realen Leben mit gelber Farbe geradezu ausgemalt.

Da es Brot auf unserem Platz in Burguete erst ab 11 Uhr gibt, müssen wir uns ohne Frühstück auf den Weg machen. Bald werden wir uns daran gewöhnt haben. Auf dieser ersten Etappe wickelt sich der Fußweg um die Straße, führt mal links ein Stück im Gelände daher, mal rechts, mal die Straße entlang. Meistens hat man ihn im Blick. Heute morgen ist er stark bewandert. Pilger an Pilger bewegt sich dort entlang. Der Weg ist dabei so schmal und so uneben, dass wir keine Veranlassung sehen, uns da einzureihen, sondern die gut ausgebaute, wenig befahrene Straße entlang fahren. Straße und Weg entlang gibt es in kurzen Abständen Rastplätze, Bars, Schnellimbisse, Cola-Automaten, Obststände. Wo eine Nachfrage ist, wird sie anscheinend auch befriedigt. Und an diesen Stellen rasten stets viele Pilger, mit denen man leicht ins Gespräch kommt.

Zunächst einmal geht es über den Puerto de Mesquiriz. 922 m hoch. Dazu müssen wir nicht mehr sehr viel Steigung bewältigen, aber danach geht es tiefer runter, so dass der danach kommende Puerto de Erro mit seiner Höhe von 801 m mehr Aufstieg erfordert. Beide Pässe sind jedenfalls nach dem Ibaneta ein Klacks. Die Landschaft ist schön. Ein bisschen wie in der Schweiz. Auch was die Orte betrifft. Eine nette, erholende Fahrt mit immer neuen schönen Aussichten. Nach der Abfahrt vom Pass machen wir einen kurzen Abstecher nach Zubiri.

Die Straße folgt jetzt dem Rio Arga, so dass wir zwar ständig auf hohe Berge sehen, aber im Tal dazwischen bleiben. Eine nette Abwechslung. Mehrmals sehen wir von weitem Radler mit Ortlieb-Taschen, die aber jeweils in Richtung Fußweg abbiegen. Einmal versuchen wir das auch. Die anderen haben aber MTBs. Für unsere Trekkingräder ist der sehr schmale Weg hier nicht geeignet, so dass wir bei der nächsten Möglichkeit wieder auf die Straße zurückkehren. Wir könnten dem Weg folgen, aber hier keinen Fußgänger überholen.

Auf der Straße überholen uns fleißig spanische Radsportgruppen in einheitlichen Trikots auf Rennrädern. Dabei wenden sie sich uns jeweils zu und rufen ein freundliches Wort, das klingt wie „quaak“. Was meinen sie bloß?

Schließlich findet die idyllische Tour schlagartig ein Ende, als wir in Huarte ankommen. Die Straße mündet in einen höllisch befahrenen Kreisel. Alle Straßen, die davon wegführen, sehen wie Autobahnen aus. Wir hätten uns rechtzeitig vorher auf den Fußweg einfädeln müssen. Das haben wir aber noch nicht gelernt. Immerhin gibt es an dem Kreisel einen Aldi. Das ist schon mal gut. Alle Läden unterwegs hatten geschlossen. Die Zeitfenster für Einkäufe sind denkbar knapp. Die Läden öffnen spät, schließen bald darauf zur Mittagspause und öffnen erst danach wieder. So ca. um 17 Uhr. Da müssen wir uns noch umstellen.

Da wir den Fußweg nun nicht mehr finden, fahren wir auf einer autobahnähnlichen Straße Richtung Centro Ciudad. Wir fragen an einer Tankstelle, ob sich nicht auch ein anderer Weg fände, aber nein, man schickt uns auf die Schnellstraße zurück. Glücklicherweise zweigt von der kurz drauf ein Radweg in Richtung Stadtmitte ab. Wir haben zwar den Eindruck, dass wir immer bergauf die Stadt erst einmal umrunden, um dann von oben wieder zur Stadtmitte runterzufahren. Aber das täuscht bestimmt. Wir kommen irgendwann durch einen Park auf die Kathedrale von Pamplona zu und treffen erst einmal auf die Stierkampfarena. Eine Spanierin im Dirndl bittet uns rein zum Oktoberfest von Paulaner. So kriegen wir wenigstens die Stierkampfarena ohne Stierkampf zu sehen. Zu den nervenzerfetzenden Klängen einer jodelnden spanischen Kapelle.

Durch die wunderschöne Altstadt mit interessanten Fassaden, vielen Bars, jeder Menge Hemingway-Feeling und vielem Schönen mehr kommen wir durch die Estafeta (wo im Juli der Stierlauf stattfindet) auf die Kathedrale zu. Wir parken unsere Räder davor und sehen sie uns an. Wir müssen Eintritt bezahlen. Ein interessantes Gefühl, wenn man als Pilger an eine Kirche kommt und gleich mal abkassiert wird. Immerhin bekommen Pilger Rabatt. Die Kathedrale ist dann auch wunderschön und der zweigeschossige Kreuzgang mit diversen Ausstellungen ist im Preis enthalten. Wir entschuldigen das jetzt also mal und verbringen eine längere Zeit hier.

Wir möchten diese Nacht in der Stadt verbringen und nicht wieder raus auf den Campingplatz. Wer weiß, ob wir durch das Gewirr der vierspurigen Straßen dort hinfinden würden. Also gehen wir zur Touri-Info, um nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu gucken. Man empfiehlt uns das Refugio neben der Kathedrale. Na gut, dann probieren wir das jetzt mal aus. Wir sehen wohl inzwischen so aus, als käme ein anderes Zimmer nicht mehr in Frage.

Das Refugio befindet sich in einer ehemaligen Kirche. Man hat eine Zwischendecke und eine Mittelwand eingezogen, die den großen Raum etwas aufteilen. Links und rechts, oben und unten stehen lange Reihen von durchnummerierten Doppelstockbetten. Im Eingang gibt es Fahrradständer, hinten eine Art Waschküche und an mehreren Ecken Waschräume, die ziemlich überflutet aussehen. Auf den meisten Betten liegen schon Rucksäcke mit oder ohne Besitzer. Die anderen Betten füllen sich zügig. Um 22.30 Uhr sollen wir zurück sein. Dann wird die Eingangstür abgeschlossen.

Inzwischen ist es 18 Uhr und wir machen uns auf den Weg in die Altstadt. Lag sie vor einer Stunde noch verlassen da, ist sie jetzt von einem unglaublichen Gedränge erfüllt. Anscheinend ist es Pflicht für alle Einwohner, hier abends zu erscheinen. An den Gassen liegt Bar an Bar. Alle völlig überfüllt. Draußen davor ballen sich die Gäste. An den Tresen wird gedrängelt, um an einen Vino Tinto und ein paar Pintxos zu kommen. Das sieht alles sehr lecker aus, aber wir können anscheinend nicht genug drängeln und vor allem nicht laut genug schreien, um mal an die Reihe zu kommen. Es gibt auch Restauranttische, aber die sind alle besetzt oder reserviert.

Wir beschränken uns also erst einmal auf das Herumbummeln und Zusehen. Das ist spannend genug. Wir kommen auch mal ohne Abendessen aus. In einem Laden kaufen wir uns eine Flasche Rotwein. Die vielen Menschen werden immer fröhlicher, je weiter der Abend fortschreitet. Sie schreien immer lauter. Später fliegen die leeren Flaschen. Das ist leicht gewöhnungsbedürftig. Viele sitzen jetzt auf dem Pflaster. An vielen Ecken wird Musik gemacht. Als wir um 22.15 Uhr Richtung Refugio aufbrechen, ist die Party draußen noch in vollem Gange.

Drinnen ist es mindestens 15 Grad wärmer als draußen und Atemluft Mangelware. Es gibt nur wenige Fenster hoch oben. Die sind offen. Die Außentür wird pünktlich geschlossen. Kurz darauf geht das Licht aus und bald darauf kehrt Ruhe ein. Abgesehen von heftigem vielstimmigen Schnarchen und andauerndem Geniese, Gehüstel und Geschniefe. Schwierige Nachtruhe, aber gut, wir sind müde genug. Es kommt uns so vor, als wären wir gerade eingeschlafen, als um 4 Uhr die ersten Handys ihre Besitzer wachklingeln. Die stehen unverzüglich auf, wühlen raschelnd in ihren Rucksäcken und marschieren irgendwann energisch ab. Ein Vorgang, der sich so lange wiederholt, bis keiner mehr da ist. Um acht Uhr müssen alle raus sein. Wir gehören zu den letzten. Es gibt eigentlich keinen Grund für so einen frühen Aufbruch. Von Mittagshitze ist nicht die Rede. Und die 20 km, die da so im Schnitt gewandert werden, könnte man auch tagsüber unterbringen.
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#851545 - 05.08.12 09:37 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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27. Tag

Um 8 Uhr liegt Pamplona immer noch in tiefem Schlaf. Mit den Wanderern zusammen folgen wir der Jakobsweg-Kennzeichnung in Richtung Zezur Nagusia. Die vielen Wanderstöcke klackern über den Boden. Abfälle jeder Art liegen herum. Dummerweise auch ein regelrechter Glasscherben-Teppich. Das Flaschenwerfen ist keine radsportfreundliche Beschäftigung. Kurz bevor wir die Stadt verlassen, finden wir ein geöffnetes Cafe.

Nun scheiden sich die Geister. Der Jakobsweg führt geradeaus weiter. Alle drei Fahrradführer empfehlen nach rechts abzubiegen und dann unterschiedliche Wege einzuschlagen. Wir sind heute eigensinnig und wollen über Campanas nach Eunate fahren. Egal, was die anderen vorhaben. Während also alle Radfahrer abbiegen, folgen wir noch ein Stück den Wanderern bis wir nach links ausbiegen. Es folgt uns eine spanische Radsportgruppe. Die kennen wir aus dem Refugio. Sie standen morgens mit Koffern vor der Tür und warteten auf ihr Begleitfahrzeug. Nun sind sie auf Rennrädern ohne Gepäck unterwegs und natürlich viel schneller als wir. Eine Weile später holen wir sie an einem Kreisel ein. Sie sehen sehr ratlos aus. Sie haben keine Karte dabei und wollten offensichtlich dem Radweg über den Puerto de Perdon folgen, nicht unserer Kultur-Strecke. Nachdem sie sich unsere Karte angesehen haben, telefonieren sie mit ihrem Fahrer und werden angewiesen, wie wir nach Eunate zu fahren.

So richtig haben sie unserer Wegbeschreibung wohl nicht geglaubt. Jedenfalls befragen sie ausführlich jeden Menschen am Wegesrand. Und kehren in jeder Bar ein. So holen wir immer wieder auf und legen die Strecke im Prinzip gemeinsam zurück. Es sind nette Kerle, die uns bei jedem Treffen freudig begrüßen. So stellt sich heraus, dass das „Quaaak“ als Gruß die zweite Hälfte vom „Hola!“ ist.

Bis Campanas fahren wir über eine schmale Asphaltstraße bergauf und bergab durch eine landschaftlich genutzte Gegend, immer mit Blick auf den Perdon. Campanas liegt vor einem Bergmassiv, an dem die Autobahn entlangführt, davor eine Hauptverkehrsstraße, der wir laut Beschreibung ein paar Kilometer folgen sollen. Und um die überhaupt zu erreichen, müssen wir erst mal eine Bahnhauptstrecke überqueren. Danach wird die Beschreibung speziell. Wir sollen an einem bestimmten Kilometerstein rechts in einen Feldweg abbiegen, unter der Bahn durch und über verschiedene weitere Feldwege bis wir wieder an eine Straße kommen. Das ist wohl ein bisschen veraltet. Es gibt eine maximal ausgebaute Straße, auf der bereits Santa Maria de Eunate ausgeschildert ist, unser Ziel.

Die Straße verläuft meist bergab, so dass wir im Nu an der Kirche ankommen. Die romanische Kirche ist achteckig und besonders schön, weshalb wir sie auf jeden Fall sehen wollten. In den meisten Jakobsweg-Reiseberichten steht man vor geschlossener Tür, weshalb ich vorsichtshalber im Internet nach Öffnungszeiten gesucht hatte, so dass wir passend dort ankommen. Noch ist sie geschlossen, aber auf dem Parkplatz steht bereits der Bus einer deutschen Reisegruppe, die neben der Kirche sitzt und diverse Pilger haben sich auch bereits im anschließenden Garten niedergelassen. Alles wartet entspannt. Neben der Kirche steht eine kleine Pilgerherberge.

Tatsächlich erscheint irgendwann jemand mit einem Schlüssel. Wir dürfen alle Eintritt bezahlen. Wir warten noch, bis der Bus wieder abgereist ist. Das sind doch etwas zu viele Menschen für so eine kleine Kirche. Erwartungsgemäß ist sie von innen so schön wie von außen. Das Warten hat sich also gelohnt. Die Busgruppe war von Puente la Reina hierher gewandert und wurde hier vom Bus abgeholt.

An Obanos vorbei fahren wir nun nach Puente la Reina. Das ist nicht mehr weit. Der Ort hat, wie viele hier, eine lange durchgehende Hauptstraße. Wir kehren hier irgendwo ein und trinken einen Kaffee. Es ist längst Mittagszeit. Während des Kaffeetrinkens sehen wir der örtlichen Müllabfuhr zu. Es sind dabei ausschließlich Frauen am Werk. Und die haben nicht so ein Warmduscher-Müllauto wie bei uns. Die am Rand stehenden Müllsäcke werden in einen LKW gewuchtet.

Die berühmte Bogenbrücke überquert man beim Verlassen des Ortes. Sie ist so schön wie erwartet. Wir bewundern sie ausführlich. Drüben lernen wir jetzt eine neue Jakobsweg-Variante kennen. Am Kreisel geht es nur noch auf die Autobahn. Als wir uns schon wundern, sehen wir noch einen seitlichen Abzweig. Es geht auf die N1110. Da die Autobahn gebührenfrei ist und direkt nebenher führt, fahren hier nur Räder. Der Fußweg ist wie bisher meistens in Sichtweite und immer mal wieder auch mit der Straße identisch. Idylle ist allerdings anders. Es fährt sich ziemlich öde. Die Steigungen tun ihr Übriges, da der Weg immer wieder hoch über der Autobahn herumführt. Die Landschaft ist hügelig braun. Schon ein starker Kontrast zur bisherigen Strecke.

Wir nutzen also jede Möglichkeit, durch eines der Dörfer in der Nähe zu fahren. Endlich ist es auch mal warm. Sogar sehr warm. Mit uns sind hier noch mehrere Radler-Paare unterwegs. Man fährt so ein bisschen von Schatten zu Schatten. Schließlich mündet auch der Fußweg in diese Straße. Sofort gibt es mehr Cola-Automaten, was praktisch ist, da unser Wasser zur Neige geht. Und man fährt wieder an erschöpften Wanderern vorbei, die alle mühsam irgendeinem Ziel entgegenhumpeln. Viele sitzen an den Bushaltestellen oder telefonieren ein Taxi herbei. Typischer Nachmittagsbetrieb am Jakobsweg.

Als wir in Estella ankommen, beschließen wir also, den dortigen Campingplatz zu nutzen. Er liegt überraschend weit vor der Stadt. Um dort hinzukommen, muss man an einer Art Fabrik vorbei. Es stinkt heftig. Die asiatischen Pilger tragen einen Mundschutz. Wir müssen da so durch. Als wir schon umdrehen wollen, kommen wir an den Platz. Hier herrscht überraschenderweise Campingnormalität. Und der Pool ist geöffnet. Das nutzen wir gleich, was auch gut so ist, denn eine Stunde später schließt er, um während unserer Zeit dort nie wieder zu öffnen. Der Platz wird hauptsächlich von Dauercampern genutzt. Aber ein paar Tagestouristen sind auch da.

Frisch gebadet fahren wir in die Stadt, um sie uns in Ruhe anzusehen und irgendwo essen zu gehen. Erstaunlicherweise geht es hier zu wie in Pamplona, nur in überschaubarerem Rahmen. Aber sonst das gleiche Muster. Menschenauflauf, Schreien, Feiern, Flaschen werfen. Ein aufkommendes Gewitter treibt uns zurück zum Zelt. Wir hatten nicht allzu viel abgespannt. Das machen wir jetzt ordentlich. Es blitzt, donnert und weht eine ganze Weile.
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#851613 - 05.08.12 13:31 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
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so langsam bekomme ich immer mehr Lust euren Pfaden zu folgen schmunzel
Hab mir eben "Die Kinder von Torremolinos" aus dem Regal gefischt. Das wäre in Verbindung mit Santiago, der Algarve und Pamplona sicher eine Kombination, die mich sehr, sehr reizt.

Danke für Euren schönen Bericht
Jürgen,
der sich gerade fragt, ob man den Jakobsweg nicht mal rückwärts fahren sollte. Sozusagen mit den Pilgern von Angesicht zu Angesicht. Dann fällt es auch leichter sich Informationen über die Wegstrecke zu besorgen
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#851626 - 05.08.12 13:51 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Juergen]
Fricka
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Wir trafen ein Ehepaar, die das jedes Jahr machen. Erst hin - und dann wieder zurück. Dann hat man viel Rückenwind. Aber die Auffahrt zum Cruz de Ferro von der anderen Seite stelle ich mir sehr anstrengend vor....
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#851827 - 06.08.12 13:01 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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28. Tag

Morgens machen wir noch einmal eine Runde durch den interessanten Ort und sehen uns die Kirchen von innen an. Gestern waren sie schon geschlossen. Aus dem Ort heraus geht es steil bergauf. Oben werden wir mit einer unglaublichen Supermarkt-Häufung belohnt. Praktisch. Bis Irache ist es jetzt nur noch ein Katzensprung. Das Kloster ist zwar geschlossen, aber die Weinquelle sprudelt. Wir bleiben ein Weilchen. Ständig kommen Pilger vorbeigewandert. Ihr Bedarf an Rotwein am frühen Morgen ist unterschiedlich. Als nächstes kommt eine komplette Busfüllung anmarschiert, da räumen wir lieber das Feld.

Oben vor dem Kloster gibt es einen Picknickplatz. Da frühstücken wir. Die weitere Strecke ist zunächst mal wieder so eine Autobahnbegleitstrecke wie gestern. So richtig begeistert uns das immer noch nicht. Heute sind wir zudem völlig allein unterwegs auf der Straße und auch der Jakobsweg ist nicht besonders belebt. Er ist immer noch schmal, steil und von Treppen durchsetzt. Also nichts für uns. Es gibt diverse Steigungen, aber unsere Beine sind inzwischen so fest, dass wir relativ mühelos darüber segeln. Wir verbessern dabei ständig unsere Technik, indem wir immer mal probieren, wie man am besten bergab Schwung holt und in welcher Weise man dann, ohne ihn zu verlieren, zurückschaltet. Langsam klappt das ziemlich optimal.

Um etwas Abwechslung zu haben, fahren wir auch heute in jedes Dorf, wobei wir schließlich in Los Arcos auf einem hübschen Dorfplatz landen, wo wir in einer der Bars einkehren, um etwas zu essen. Natürlich nur eine Kleinigkeit. Wir wollen noch weiter. Um uns herum sitzen nur Pilger, die sich bereits zur Übernachtung entschlossen haben. Das sieht man regelmäßig an den sauberen Sachen und den Badelatschen an den Füßen. Die sind schon geduscht und werden jetzt den Nachmittag beim Vino Tinto verbringen. Zuerst einmal wird ein Pilger-Menü verzehrt. Dabei weiß man nicht so richtig, ob man besser unter einem Sonnenschirm sitzt oder nicht. Das Wetter ist heute sehr wechselhaft. Mal prallt die Sonne regelrecht herunter, mal kommt ein kalter Windstoß und es fängt an zu tröpfeln.

Wir fahren weiter über Sansol nach Torres del Rio. Wir möchten die kleine Templerkirche dort besichtigen. Es hängt ein Zettel mit Öffnungszeiten dran. Um 16 Uhr wird geöffnet. Das ist einer halben Stunde. Wir trinken einen Kaffee in der Bar nebenan. Auch hier sitzen Pilger. Um 16 Uhr kommt niemand. Wir warten eine halbe Stunde und fragen dann in der Bar nach. Vielleicht um 17 Uhr ist die Auskunft. Daraus wird aber auch nichts. Falls man außerhalb der Öffnungszeiten hinein möchte, soll man eine Nummer anrufen, die dort hängt. Wir haben kein Handy dabei und können kein Spanisch. Schließlich gehen wir in eine weitere Bar, die wie die erste zugleich Refugio ist, um jemanden zu finden, der das mal macht. Nun klappt es. Nach einer weiteren halben Stunde dürfen wir in die Kirche. Diverse Leute aus dem Refugio kommen mit. Und wie aus dem Nichts erscheinen auch mehrere Touri-Autos. Das Warten hat sich jedenfalls definitiv gelohnt. Wir sind begeistert.

Nach der Besichtigung kehren wir noch einmal auf eine Cola in der freundlichen Herberge ein. Wir überlegen, hier auch zu bleiben, da es im Grunde sehr nett aussieht, entscheiden uns dann aber doch für die Weiterfahrt nach Logrono, um dort zu zelten. Im Grunde schlafen wir am liebsten im Zelt. Außerdem ist die Auswahl an Plätzen nicht groß. Wenn wir da so eine Etappe stark verkürzen, kommen wir aus dem Takt. Außerdem fühlen wir uns noch zu fit, um schon den Tag zu beenden. Also weiter.

Die Strecke, die jetzt kommt, bezeichnet Bikeline als kaum noch zu fahren und empfiehlt einen weiten, steigungsärmeren Umweg. Der Bruckmann-Führer schreibt mal wieder von entspanntem Radeln. Also gehen wir es an. Die Hügel haben angezogen, was die Landschaft sehenswerter macht. Der Jakobsweg ist eng an der Straße, wie wir es mögen. Es geht kräftig aufwärts über eine Bergkette. Wir treten motiviert in die Pedale und sind bald oben. Pünktlich dazu zieht eine gewaltige Gewitterfront auf. Das mag ich nun nicht so gerne. Im Gewitter auf dem Berggipfel – nein. Also weiter. Heftige Böen leiten einen starken Sturm ein. Das Gewitter droht erst einmal nur. Der Wind kommt meistens von hinten und verleiht uns Flügel. Aber ab und zu auch mal von der Seite. Das ist grenzwertig. Hier können wir aber nicht bleiben. Nun geht es abwärts. Das Tempo verstärkt sich weiter. Wir sausen auf Viana zu. Sollen wir gleich dran vorbei nach Logrono? Natürlich nicht. Gewitter hin – Gewitter her, erst einmal sehen wir uns Viana an. Das wird lustig. In den Gassen, wo sich die Leute schon zur fröhlichen Abend-Party versammelt haben, fliegen Stühle und Tische umher. Es geht recht heftig zu.

Von Viana aus ist Logrono unten in der Ebene am Ebro schon sichtbar. Die Straße führt schnurgerade dort hin. Parallel dazu der Jakobsweg. Wir beeilen uns. Das Wetter wird immer heftiger. Leichter Regen hat eingesetzt. Auf dem Jakobsweg ist auch noch ein Grüppchen Wanderer unterwegs. Mit wehenden Regenponchos kämpfen sie sich vorwärts. Logrono ist gar nicht so klein. Wir kommen also wieder auf heftige Verkehrsbauwerke zu und wie so meist wird aus unserer Straße eine Autobahn. Inzwischen haben wir gelernt, in solchen Momenten auf den Jakobsweg zu wechseln. Wo Fußgänger überleben können, können das meist auch Radfahrer. Schnell noch ein Blick in den Führer: „an der Papierfabrik auf den Fußweg wechseln“. Ist das eine Papierfabrik vor uns? Keine Ahnung. Nehmen wir es mal an.

Und tatsächlich, ein gut ausgebauter Asphaltweg führt verkehrsfrei nach Logrono. Wir tunneln uns unter den Autobahnen und Schnellstraßen durch. Wir kommen durch eine Art Mischung aus Kleingartensiedlung und Müllkippe und halten wie vorgeschrieben am Haus der alten Dame, die hier immer schon Pilgerpässe stempelt und Getränke verkauft. Inzwischen macht das ihre Tochter. Hier bricht nun endlich der erwartete Wolkenbruch über uns herein. Wir drücken uns zuerst an die Hauswand, werden dann in eine Art Scheune gebeten.

Als es nur noch leise regnet, machen wir uns wieder auf den Weg. Nun ist es nicht mehr weit. Es geht abwärts nach Logrono. Vor dem Ebro biegen wir nach rechts ab und folgen ihm bis auf den Campingplatz. Der ist konkurrenzlos teuer. Und gegen jede Gewohnheit kostet Wifi noch extra. In Spanien ist das sonst an jeder Straßenecke kostenlos zu haben. Um noch mal in die Stadt zu fahren, ist es zu spät. Im Regen sind wir dazu sowieso nicht motiviert genug. Wir bekommen einen Stellplatz zu gewiesen, der genau so groß ist, dass wir unser Zelt gerade aufbauen können. Die Räder müssen schon auf dem Weg stehen. Erst einmal sammeln wir den Müll, der drauf liegt ein, das hatten wir auch noch nicht. Auf dem Areal wächst kein Grashalm.

Da es wieder stark regnet, kochen und essen wir in der „Gemeinschaftsküche“. Eine Überdachung ohne Licht mit zwei defekten E-Herden. Ein wenig trostlos. Vorsichtig ausgedrückt.
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#852014 - 07.08.12 08:28 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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29. Tag

Die Nacht war ungemütlich. Neben dem Platz liegt eine Bar am Ebro, in der natürlich gefeiert wurde. Und der Zuweg ging direkt an unserem Zelt vorbei. Wir packen das klatschnasse, völlig verdreckte Zelt in einen Müllsack und hoffen für den Abend auf eine gemütliche Wiese in der Sonne. Mal sehen.

Den Ebro entlang fahren wir durch eine Grünanlage bis zur Brücke in die Altstadt. Es ist 9 Uhr. In Logrono ist gestern wohl heftig gefeiert worden. So viele Scherben hatten wir bisher denn doch noch nicht auf unserem Weg. Über diesen Bodenbelag suchen sich Pilger zu Fuß und auf Rädern ihren Weg aus der Stadt. Ansonsten rührt sich noch nichts. Wir machen eine kurze Stadtrundfahrt und sehen uns die Kirchen an. Die Stadt spricht uns nicht besonders an. Das kann am Schlafmangel liegen.

Karten und Führer sind jetzt der Meinung, dass man, da es keine Straße neben der Autobahn mehr gibt, entweder den Jakobsweg nutzen muss, was Bikeline für unmöglich hält oder einen weiten Umweg fahren. Wir glauben mal Bikeline, zumal die darin vorgeschlagene Alternative am Ebro entlang führt, wo es uns ganz gut gefällt. In El Cortijo ist dann allerdings vorgesehen, Radwege zu nutzen, die es hier in jeder Form im Gelände gibt. Die sind nicht wirklich ausgeschildert und wir verbringen viel Zeit damit, uns durchzufragen. Von den vielen Möglichkeiten fahren wir einen Schotterweg entlang, der in ziemlich schlechtem Zustand ist und eine Bahnlinie entlang auch nicht wirklich reizvoll. Genauso wenig wie die Straße, auf die es uns anschließend verschlägt. Wir beschließen, auf die Bikeline-Vorschläge künftig zu verzichten und uns mehr am Jakobsweg zu orientieren.

In Navarrete schüttet es mal wieder ordentlich. Wir machen einen kurzen Stop unter einem Vordach und fahren dann weiter. Jetzt bleiben wir zwischen den Wanderern auf dem Jakobsweg und finden ihn ziemlich gut befahrbar. Außerdem ist es nett zwischen all den Leuten. Heute im Regen tragen alle bunte Ponchos mit spitzen Kapuzen und einer Ausbuchtung auf dem Rücken für den Rucksack. Das sieht lustig aus. Dazu die urzeitlichen klobigen Wanderstöcke. Muscheln überall. So haben wir uns den Jakobsweg vorgestellt.

Der Weg nimmt nicht ganz den im Bikeline eingezeichneten Verlauf. Und im wesentlichen folgen wir auch der Autobahn. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid. An einer Autobahnbaustelle durchqueren wir eine riesige Pfütze, die so groß ist, dass man sie nicht umfahren kann. Sie ist auch überraschend tief und rutschig. Nachdem wir erst noch denken, da sei ein Wassertank ausgelaufen, merken wir bald, dass hier wohl ein heftiger Schauer niedergegangen ist. Jedenfalls hat er Weg und Felder in eine rote Lehmgrube verwandelt. Unsere Räder kleben sich schnell mal wieder fest. Ich erreiche das rettende Ufer – eine Querstraße – indem ich das Vorderrad hochhebe und das blockierende Hinterrad hinter mir her schleife. So muss ich mehrere 100 m zurücklegen. Interessant auch der Effekt an den knöcheltief im Morast versinkenden Füßen.

Wir glauben jetzt also mal unseren Reiseführern, dass der Weg hinter Najera für Räder unbefahrbar ist. Der Ort liegt an einem Fluß vor einer Felswand. Sicher besser, die zu umfahren. Wir suchen lange nach dem Kloster, das aber geschlossen hat, als wir es finden. Die Stadt ist touristisch offenbar häufig angefahren. In solchen Ballungen fühlen wir uns inzwischen nicht mehr wohl. Wir nehmen die vorgeschlagene Straßen-Ausfahrt. Im Grunde führt die direkt auf die neue Autobahn, die in unseren Karten noch gar nicht eingezeichnet ist. Wieder mal ohne Begleitstraße. Wir sollen auf Hormilla zufahren, vor dem Ort links abbiegen, die Hauptstrecke überqueren und über einen Feldweg nach Azofra.

Wir versuchen das, aber das Überqueren einer Autobahn ist schwierig. Wir irren über verschiedene Feldwege bis wir eine Unterführung finden. Bis Azofra kommen wir nun leicht. Und dort biegen wir in den Jakobsweg ein. Das erweist sich als gute Entscheidung. Wir kommen zwar nur langsam vorwärts, aber die Wegführung ist deutlich attraktiver als die der Straßen. Und man ist überall in netter Gesellschaft. Neben den Wanderern sind hier auch viele Radfahrer unterwegs. Es gibt hübsche Rastplätze. Kein Vergleich mit den Landstraßen. Die meisten Radfahrer sind allerdings mit MTBs und wenig bis keinem Gepäck unterwegs.

Ganz ohne Treppengeschleppe geht die Tour nicht ab. Aber die Landschaft ist hier wunderschön. Bergauf wird es häufig zu steil zum Fahren, da schieben wir zwischen den Wanderern. Einige Gefällestrecken schiebe ich auch, wenn es sehr steil ist und ich das Gefühl habe, mein Rad im losen Schotter nicht mehr im Griff zu haben. Wir beschließen bald, diesen Weg jetzt öfter zu benutzen. So kommen wir bis Ciruena. Es wird Abend. Wir nehmen von dort aus die Straße, die direkt nach Santo Domingo de la Calzada führt und sehen dort nach einem Refugio, da es keinen Campingplatz gibt.

Im Zisterzienserinnen-Kloster ist schon alles belegt. Ein Stück weiter ist das Gemeinde-Refugio, in dem auch die Kirchen-Hühner wohnen, da checken wir ein. Im Erdgeschoss gibt es wieder einen Fahrrad-Abstellraum, wo schon diverse Räder stehen. Auch sonst ist alles da, was man so brauchen könnte. Das Zimmer enthält „nur“ zwölf Betten. Mal sehen wie das wird. Erst einmal machen wir einen Spaziergang durch den Ort, treffen alte Bekannte, lernen andere kennen. Sich mit Radfahrern auszutauschen, ist natürlich immer wieder besonders interessant. Erstmalig essen wir heute ein Pilgermenü. Das wollten wir immer schon mal ausprobieren und tun das umso lieber in netter Runde. Es ist gut. Es ist viel. Wir haben uns eigentlich angewöhnt, mit sehr viel weniger auszukommen. Ein halbes würde mir auch reichen. Nachdem wir noch einen Wein getrunken haben, gehen wir zum Refugio zurück und finden die Tür abgeschlossen. Das war für 22 Uhr angekündigt. (Während man es mit dem Öffnen nicht so genau nimmt, wird häufig sehr, sehr pünktlich geschlossen. Eine Viertelstunde vor der angeschlagenen Zeit ist normal. Die Spanier nennen das "poco tarde". Ein bißchen spät.)Wir machen einen Uhrenvergleich. Die Uhren meinen, dass es so zwischen zwei vor Zehn und zwei nach Zehn ist. Draußen wollen wir nicht schlafen. Wir klopfen und rufen, bis man uns öffnet.
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#852363 - 08.08.12 08:56 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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30. Tag

Die Nacht ist etwas ruhiger als in Pamplona. Offensichtlich haben sich alle akklimatisiert. Das Hüsteln und Niesen ist verschwunden. Aber der Klingel- und Knisterterror ab 4 Uhr ist derselbe. Zudem fällt uns auf, dass Laken und Kopfkissenbezüge nicht mehr ab- sondern nur noch glattgezogen werden. Verdächtig. Wir beschließen, doch lieber mehr nach Campingplätzen zu suchen. Offenbar brauchen wir lange Erholungszeiten zwischen den Refugio-Nächten. Die Läden und Cafes sind um 8 Uhr noch geschlossen. Alle müssen frühstücksfrei auf Tour. Wir folgen weiter dem Camino. Bikeline schlägt einen großen Bogen. Näher dran wäre die stark befahrene N120. Da ist auch uns zuviel Verkehr. Das ist kein Spaß mehr. Aber zwischen den Fußgängern gefällt es uns. Das ist gut machbar und sehr nett. In einem Dorf kochen wir auf dem Rastplatz eine Runde Kaffee für alle. Es gibt etliche Fußgänger, die uns immer wieder über den Weg laufen. So ganz mit rechten Dingen kann das nicht immer zugehen. Aber von mir aus….

In Belorado finden wir endlich einen offenen Laden und decken uns mal wieder ein. Ich habe mich längst dran gewöhnt, dass nicht immer Mineralwasser zu haben ist. Morgens fülle ich die beiden Flaschen, die ich am Rad habe mit Leitungswasser auf, da man nie weiß, wann man wieder anderes kaufen kann. Die Wanderer sind überwiegend mit Halb-Liter-Flaschen unterwegs, die sie bei jeder Möglichkeit auffüllen. Nach Trinkwasser sieht das nicht immer aus, was da irgendwo herauströpfelt.

Nun geht es auf die Montes de Oca zu. Auf dem Fußweg scheint das schwierig zu sein. Wenn es in die Berge geht, ist der meist zu steil und zu ausgewaschen. Zudem wird er schmal. Alle Radführer empfehlen, eine Straßenetappe einzulegen. Wir biegen also in Tosantos ab. Hoch müssen wir natürlich trotzdem, nur verteilen sich die Steigungen auf eine längere Strecke und die Straße ist besser befahrbar. Von der N120 wird ebenfalls abgeraten. Es geht durch einsame kahle Hügel nach oben. Weit nach oben. Aber wir fahren das jetzt klaglos und flott. Das Frankreich-Training zahlt sich aus. Es ist völlig einsam. Kein Dorf, kein Straßenverkehr. Dafür ein weiter Blick über das Land. An der ersten Passhöhe machen wir einen Stop, trinken Wasser und frühstücken. Die Vögel zwitschern. Da kommen acht Rennradfahrer angejagt und bremsen neben uns, um sich zu sammeln. Niederländer auf Pauschalreise. Die fahren mit Bus und Fahrradanhänger und picken sich die schönsten Strecken raus. In diesem Fall sind es 28. Als wir weiterfahren, fehlen immer noch etliche. Einige sehen schwer geschafft aus.

Bis Villalomez geht es abwärts und anschließend bis Villalmondar den Rio Oca entlang, also ein Stück eben weiter. Dort biegen wir in ein Tal ein, dass uns noch einmal sehr viel höher bringt, bis es oben gewohnt hügelig, nur nun auf einer höheren Ebene weitergeht. Irgendwann kommen wir „oben“ an und es wird fast völlig eben. Wir haben die Hochebene erreicht, auf der wir nun über Burgos bis Leon weiterfahren werden. Zunächst einmal kommen wir nach St. Juan de Ortega, wo wir den Fußweg kreuzen. Entsprechend belebt ist es hier. Wir treffen die üblichen, die wir überall treffen. Ein Bus hat ein großes Büfett für seine Insassen, diesmal eine deutsche Gruppe, aufgebaut. Es wimmelt regelrecht. Wir statten der Kirche einen Besuch ab, beschließen aber, hier nicht zu übernachten, sondern weiter nach Burgos zu fahren, um den dortigen Campingplatz zu benutzen.

Ein ziemlich direkter Weg wäre die N120, vom Fußweg wird immer noch wegen weiterer Bergstrecken abgeraten, Bikeline schlägt mal wieder die übliche große Rundreise fern des Jakobswegs vor. Wir möchten jetzt eigentlich gerne zügig nach Burgos, da der Tag dem Ende zugeht und beschließen, uns die N120 und eventuelle Seitenstreifen mal anzusehen. Das risikofreudige Radreisebuch schreibt, dass wir einfach den alternativ-Pilgerweg an der Seite benutzen sollen. Mal gucken, ob da einer ist.

Die N120 liegt relativ weit oben. Unsere Nebenstraße läuft drauf zu. In dem Moment sausen die 28 Rennrad-Niederländer an uns vorbei und machen sich auf den Weg, dem Bikeline-Routenvorschlag zu folgen. Wir nähern uns vorsichtig der N120 und entdecken auf der anderen Seite tatsächlich einen Schotterweg, der dem Jakobsweg gleicht wie ein Ei dem anderen. Es sind sogar die gleichen Markierungssteine mit dem Muschel-Zeichen dran. Nur alles etwas vergammelt und zugewachsen. Trotzdem. Da kann man fahren, ohne unter einem LKW zu enden und spart viele Kilometer Umweg. In den Orten setzt dieser Weg regelmäßig aus. Da muss man auf die Straße, was jedes Mal nervt. Und der Weg ist mal links, mal rechts der Straße, also nicht immer einfach zu fahren. Aber kurze Zeit später wird es besser. Der Weg wird breiter und ist gut ausgebaut bis er sich sogar von der Straße trennt und zu einem separaten Radweg Richtung Burgos wird.

Der Campingplatz liegt vor Burgos am anderen Ufer des Arlanzon. Das Radreisebuch liefert eine Wegbeschreibung, die sicher irgendwann mal gestimmt hat, aber diese Randbereiche verändern sich offensichtlich sehr schnell. Wir kreuzen jedenfalls zwei Autobahnen, überqueren die N120 und biegen Richtung Arlanzon ab. Irgendwo finden wir eine Brücke. Und nach einigen Fragerunden kommen wir auf den großen, gut ausgebauten Campingplatz, wo uns auch wieder sofort alte Bekannte entgegen kommen. Hier stehen diverse Radlerzelte. Wir packen unseren nassen Zeltkram aus und stellen erst einmal das Überzelt in die Sonne. Der Platz hat einen Laden, der uns ein üppiges Abendessen und sogar Frühstück beschert. Nette Nachbarn, sonniges Wetter, angenehme Duschen.

Wenn bloß das heftige Schneetreiben nicht wäre. Den Arlanzon entlang stehen Pappeln. Und die haben sich entschlossen, ihre Pollen fliegen zu lassen. Der Rasen ist weiß. Das Zelt ist weiß. Alles ist weiß. An den feuchten Stellen bildet sich eine Beschichtung, die tagelang haftet. Essen und Trinken ist nicht so die reine Freude.
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#852725 - 09.08.12 10:17 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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30. Tag

Wegen eher noch verstärktem Pollen-Niedergang beschließen wir, zusammenzupacken, uns heute Burgos anzugucken und nachmittags weiterzufahren. Den Arlanzon entlang haben wir die Innenstadt schnell erreicht und sind gleich begeistert. Schnell stellen wir fest, dass hier mit einer Kurzbesichtigung nicht viel zu wollen ist. Es gibt einfach zuviel zu sehen. Wir beginnen mit der Kathedrale, bezahlen brav den Pilger-Eintritt und verbringen dort gleich mehrere Stunden in den verschiedenen Schiffen, Kapellen, Kreuzgängen usw. Irgendwann reicht es uns, obwohl wir immer noch nicht den Eindruck haben, alles gesehen zu haben. Auch von außen ist sie sehr imposant, so dass wir sie einmal umrunden, wobei wir auf weitere hübsche Plätze treffen. In einem Straßencafe vor der Kathedrale treffen wir Bekannte, die gerade eingetroffen sind und machen uns wie sie mit dem Gedanken an eine Quartiersuche vertraut. Die Touri-Info ist nicht wirklich hilfreich. Sie verteilt Listen. Wir sollen die Unterkünfte abtelefonieren oder ablaufen. Beides ist nicht sehr verlockend. Das Gemeinde-Refugio ist gigantisch. Das schreckt uns ab. So richtig Lust auf Refugio haben wir sowieso nicht.

Hotels sind erschreckend teuer. Die Privatzimmer liegen weit außerhalb. Wir beschließen, es mal bei den Emaus-Pilgern zu versuchen. Ein kleines Refugio mit laut Führer strenger Gesichtskontrolle bei der Aufnahme und verpflichtendem Abendgebet. Es liegt jenseits des Arlanzon aber nicht allzu weit außerhalb. Nach einigem Suchen finden wir die Adresse, aber keinen Eingang. Ein Pfarrer vor der Tür winkt uns ein. Wir müssen ein paar Fragen beantworten und werden zugelassen. Das Refugio ist nagelneu und ein Traum. Liebevoll ausgestaltet. Blitzsauber. Wir bekommen ein Zimmer für uns und werden gebeten, um 19 Uhr in der Kapelle zu sein. Nach der Messe werde man gemeinsam das Abendessen zubereiten.

Wir fahren zurück in die Innenstadt und sehen uns die anderen Sehenswürdigkeiten an. Wir sind begeistert von dieser Stadt. Alles ist wunderschön. Um 19 Uhr sind wir zurück und gehen in die Kapelle. Alle sechs Pilger sind anwesend, werden von der spanischen Gemeinde freudig begrüßt und im Anschluss an die Messe gesegnet. Das kennen wir jetzt schon. Hier war es aber zweifelsohne nach Vezelay am persönlichsten. Wir essen gemeinsam und unterhalten uns intensiv, bis es Zeit ist, schlafen zu gehen. Wir schlafen wortwörtlich wie in Abrahams Schoß und reisen am nächsten Morgen nach einem gemeinsamen Frühstück ab.


31. Tag

Stadtauswärts folgen wir nun gleich dem Jakobsweg, was sich als relativ angenehm erweist. Nach Verlassen der Stadt und Kreuzen der Autobahn geht es hinter Tardajos die Meseta aufwärts. Der Pilgerstrom hat sich ausgedünnt. Viele benutzen anscheinend auf diesen Strecken den Bus. Es sind aber immer noch reichlich Menschen unterwegs, um für ausreichende Geselligkeit zu sorgen. Es geht gleich einmal reichlich nach oben bis wir auf einer leicht welligen wogenden grünen Ebene landen, die mit bunten Blumen übersät ist. Meseta im Frühsommer. Ein herrlicher Anblick.

Ein Weilchen bleiben wir oben. Hier überholen wir eine Gruppe, die sich als eine mexikanische Schulklasse erweist. Das wirkt schon etwas speziell. Ihr Lehrer und ihr Bus erwarten sie im nächsten Ort. Abwärts nach Hornillos geht es sehr steil in einer ausgewaschenen Schotterrinne. Während ich vorsichtig hinunterrutsche, werde ich von einer MTB-Truppe überholt, die förmlich über mich hinweg fliegt. Im Ort unterhalten wir uns und sie erzählen, dass sie keinen Zentimeter vom Fußweg abweichen. Und wenn sie in den Bergen kilometerweit die Räder tragen müssen. Das ist wahrer Sportsgeist, aber bei den Fußgängern nicht sehr beliebt, da die offensichtlich teilweise um ihr Leben fürchten und eine solche rein sportliche Motivation bei den meisten auch nicht so wirklich gut ankommt.

Hornillos ist ein reizendes Örtchen. Eine gerade Gasse führt hindurch. Daran herrscht fröhliches Pilgerleben. Überall wird gerastet, eingekauft, eingekehrt und was man in einem Ort halt so machen kann. Auf der anderen Seite geht es wieder hinaus und gleich wieder steil nach oben auf den nächsten Meseta-Abschnitt. Hier geht es eine längere Strecke oben über die Hochebene. Unterwegs liegt San Bol, ein ehemaliges Kloster und heutiges Refugio. Wir folgen dem Wegweiser bis zur Herberge, die in einer Einkerbung in der Hochebene liegt. Daneben fließt ein Bach und es gibt sogar ein kleines Wäldchen. Wir rasten hier auf der Terrasse und treffen auf eine deutsche Gruppe, die Pläne macht, wie die Spanier denn endlich mal das Radfahren auf dem Camino verbieten könnten oder wenigstens getrennte Spuren einführen.

Hontanas ist Hornillos recht ähnlich, eher noch tiefer in das Tal geduckt und noch enger. Wir schieben gemütlich durch und sehen uns ausführlich um. Am Ende des Ortes treffen wir auf eine Straße, in die wir nach links einbiegen, um gemütlich der Straße bergab zum Convento San Anton zu folgen. Gemeinsam mit dem Fußweg. Der Convento ist eine Ruine, in der sich ein Refugio findet. Wir folgen weiter Straße und Jakobsweg nach Castrogeriz. Der langgestreckte Ort mit seinem Castillo oben drüber besteht praktisch nur aus Ruinen. Irgendwie erschreckend. Man erklärt uns, wir kämen jetzt in die Tierra del Campo. Eine Gegend, die einst eine vielfältige Agrarstruktur hatte. Aber dann kam die EU mit Flurbereinigung und Monokulturen. Einige wurden ziemlich reich und alle anderen arm. Und deshalb verfallen jetzt eben die Dörfer, weil dort niemand mehr sein Auskommen findet.

Im Anschluss führt der Fußweg steil und felsig einen Hang hoch. Wir folgen der Empfehlung, lieber die Straße zu nehmen, die einen ebeneren Weg einschlägt. Das Radeln durch die Monokulturen ist ziemlich eintönig. Wir fahren an einem Ort mit dem schönen Namen Matajudios vorbei. Eigentlich heißt das „Judentöter“. So wie Jakobus häufig als Matamoros (Maurentöter) dargestellt wird. Uns wird aber erklärt, in diesem Fall heiße das Judenhügel. Was so bleiben darf. Bis zur Puente de Itero folgen wir der Straße, die uns mit eindeutig langweiligen Ausblicken und vielen nervigen Steigungen erfreut. An der romanischen Bogenbrücke biegen wir ab zum romanischen Refugio und folgen anschließend lieber wieder dem Fußweg. Man kommt zwar langsamer voran, aber es macht einfach mehr Spaß.

Als wir Itero de la Vega in Richtung Boadilla del Camino verlassen, kommt Wind auf. Kräftiger Wind. Natürlich von vorne. Die schotterigen Steigungen werden sofort deutlich mühsamer. Wir lassen uns davon nicht beirren, zumal wir hinter Boadilla auf den Canal de Castillo treffen und an seinem Ufer weiterfahren, also eben. Am Kanal entlang erreichen wir Fromista, das Ziel der meisten Radler, die wir heute trafen, allerdings nicht unseres, da ohne Campingplatz.

Wir überqueren den Kanal ziemlich halsbrecherisch über eine der zahlreichen, offensichtlich nicht mehr betriebenen Schleusen. Zwar hätten wir theoretisch noch etwas weiterfahren und eine normale Brücke benutzen können, aber Umwegen sind wir im Gegenwind wenig aufgeschlossen. Der Ort wirkt nicht besonders reizvoll, aber in der Mitte steht mit S. Martin eine besonders schöne romanische Kirche, die tatsächlich auch geöffnet hat. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen, obwohl der Tag schon weit fortgeschritten ist und wir noch etliche Kilometer vor uns haben.

Der Fußweg läuft ab jetzt direkt neben der Straße, so dass wir auf den Asphalt wechseln. Es bleibt mühsam genug, noch bis Carrion de los Condes weiter durchzuhalten. Relativ spät kommen wir dort an und freuen uns, eine Beschilderung zum Campingplatz am Flussufer vorzufinden. Der Platz wirkt ein wenig – eigenartig. Heruntergekommene Sanitärgebäude. Kaum Besucher. Aber immerhin wird der Rasen fleißig gesprengt. Im strömenden Regen wirkt auch das – eigenartig. Wir treffen hier auf insgesamt sechs radelnde niederländische Camper. Das ist nett. Wir besichtigen natürlich gleich gegenseitig die Fahrräder und tauschen uns auch sonst aus. Teils wollen sie morgen nach Leon, teils nach Mansilla de las Mulas. Alle gehen früh schlafen, so dass es rundum schon still ist, während wir uns noch etwas zu essen produzieren.
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#852967 - 10.08.12 00:00 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
elfee
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Ich freue mich über jede Fortsetzung eures Reiseberichtes und schwelge in Erinnerungen...
2004 war ich mit dem Rad dort ebenfalls unterwegs, allerdings "nur" ab Logroño. Später ging ich dann noch einige Etappen zu Fuß, aber nur bis León. Danach wurde es mir zu voll auf dem Weg...
Castrojeriz habe ich allerdings als netten Ort mit nicht so vielen Ruinen in Erinnerung. Sollte sich das in den letzten Jahren geändert haben? Schade!
Gruß von Ulla

...die ein Leben ohne Radl für möglich, aber sinnlos hält...
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#853800 - 12.08.12 19:10 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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32. Tag

Wie üblich gucken wir uns jetzt erst einmal den Ort an. Faszinierend sind die hier in dieser Gegend zahlreichen Storchennester. An den Kirchen ist oft an jeder Ecke eins und dazu noch mehrere auf dem Turm oder dem abgetreppten Giebel. Alle sind bewohnt und man kann zusehen, wie die Jungtiere gefüttert werden. Viel mehr Faszinierendes finden wir hier nicht. Auch der gerade stattfindende Markt wirkt in erster Linie ärmlich.

Sobald wir den Ort verlassen, kommen wir am Kloster San Zoilo vorbei. Natürlich müssen wir auch hier die Gebäude von innen und außen besehen. Am Kreuzgang ist ein Hotel integriert. Sobald wir in die freie Landschaft kommen, steht uns ein heftiger Wind entgegen. Das fühlt sich an, als radle man auf eine Windmaschine zu. Jeder Meter will erkämpft sein. Um das nicht noch weiter zu erschweren, bleiben wir auf der N120, die hier wenig befahren ist. Kilometer um Kilometer ist absolute Schwerarbeit. Sowas haben wir noch nicht erlebt. Wir treffen unterwegs Bekannte. Wir sehen nach dem Wetterbericht. Morgen soll es noch schlimmer werden. Da müssen wir durch. Besser heute noch so weit kommen, wie irgendwie zu schaffen. Wer weiß, was morgen ist.

Kurz vor Sahagun machen wir einen Abstecher zur Ermita Virgen del Puente. Sie ist wohl schon länger Refugio und wird nun renoviert, ist also geschlossen. Davor gibt es einen großen Picknickplatz. Wir suchen uns ein annähernd windgeschütztes Plätzchen und legen eine kleine Atempause ein. Alles, was man auf den steinernen Tisch legt, wird sofort heruntergeweht, wenn man es nicht festhält. Die Fahrräder wollen auch nicht stehen bleiben. Um uns herum biegt der Sturm die Pappeln fast zu Boden. Alles Mögliche prasselt von oben herunter.

Eigentlich kein Wetter, um sich im Freien aufzuhalten. Wir geben für heute auf. Hat keinen Zweck. Sahagun ist schon zu sehen. Da fahren wir hin, um dort zu übernachten. Da die Ermita am Fußweg liegt, fahren wir darauf weiter in die Stadt. Er verläuft irgendwie durch die Außenbezirke. Um in die Stadt zu kommen, müssen wir eine breite Bahnlinie überqueren. Wir finden ein Schild in Richtung Campingplatz und folgen ihm erfolglos. Es gibt kein weiteres. Wir fahren ein paar Mal durch die reichlich vergammelte Stadt. Fragen herum. Man zeigt in alle möglichen Richtungen.

Endlich gibt uns jemand den richtigen Tipp. Der Platz ist riesig und komplett von Dauercampern belegt. Dazwischen gibt es einige wenige verbliebene Rasenflächen. Unsere Niederländer sind komplett bereits anwesend und noch andere dazu. Wie schön. Alle haben aufgegeben, heute noch weiter zu kommen. Der Platz liegt windgeschützt. Die Sonne scheint. Kaum zu glauben, wie es anderswo aussieht. Wir waschen Wäsche und spannen Leinen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
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#854032 - 13.08.12 08:59 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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33. Tag

Unsere Platznachbarn wollen heute bis Puente de Orbigo. Wir machen erst einmal nicht viele Pläne. Interessanterweise ist es heute praktisch windstill. Die angesagte Sturmverschärfung hat nicht stattgefunden. Gut, dass wir uns gestern nicht weiter gequält haben. An der Ortsausfahrt ist die Orientierung ein bisschen verzwickt, da ein Stück Straße fehlt. Warum auch immer. Jedenfalls kann man noch einmal auf einer Nebenstraße bis Mansilla de las Mulas fahren, bevor man sich auf den Großstadtverkehr Leons einlassen muss. Dort trifft man auf die N601, die – stark befahren – nach Leon führt.

Wir kennen das schon. Stadtein- und –ausfahrten sind so eine Sache. Eine sinnvolle Wegführung für Radfahrer ist hier meist nicht bedacht und so kämpft man sich irgendwie durch. Die N601 erweist sich als wirklich extrem befahren. Wir versuchen, so lange das irgendwie geht, Nebenstraßen zu benutzen. Und sei es schiebend. Schließlich gibt es aber keine Alternative mehr. Gut, dass wir inzwischen an solche Situation gewöhnt sind. Vorne blinken schon große Warnlampen vor einem Kreisel, von dem es in die Stadt geht.

Unsere drei Radführer beschreiben die Situation unterschiedlich. Alle drei sind allerdings der Meinung, dass man hier dem Fußweg nicht folgen kann. Die Wanderer müssen zu Fuß die Autobahn überqueren und dabei Absperrungen überqueren, die Radfahrern nicht möglich sind. Begriffe wie „Zumutung, lebensgefährlich usw.“ überbieten sich gegenseitig. Bikeline empfiehlt, auf dem Seitenstreifen der Autobahn zu bleiben, die nächste Abfahrt zu nehmen und dann die Brücke auf die andere Seite zu nehmen. Das klingt am unaufgeregtesten. Und das scheint die neueste Version zu sein. Also gut und los. Die Autobahn ist nicht als solche ausgewiesen. Es gibt kein Fahrradverbot. Aber mächtig viel Verkehr, der dort mit Hochgeschwindigkeit entlang braust. Wir brausen mit. Begünstigt dadurch, dass es ordentlich bergab geht. Vor uns fährt mit ca. 100 m Abstand ein spanischer Radfahrer, den wir schon öfter getroffen haben und der meistens wusste, wo es lang geht. So im Brausen sehen wir, wie die Wanderer fröhlich über eine schicke Brücke marschieren, die wir sicher auch hätten nehmen können, wenn wir denn von ihr gewusst hätten. Oder dort vorbeigekommen wären, wo sie ansetzt. (Man hätte am Kreisel Richtung Golpejar abbiegen müssen (wo auch der Campingplatz ist). Schade irgendwie.

Jedenfalls kommen wir bis an die Ausfahrt, fahren über die Brücke und treffen auf der anderen Autobahnseite die Fußgänger wieder. Wir folgen den gelben Pfeilen bis in die Altstadt. Nicht ohne unterwegs noch einen großen Supermarkt heimzusuchen. Sowas hat man auf dem Lande nicht. In der Altstadt angekommen, brauchen wir mehrere Anläufe, um auf den Platz vor der Kathedrale zu kommen. Die schließt gerade und wird erst um 16 Uhr wieder öffnen. Genug Zeit also, die anderen Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Vor der Kathedrale treffen wir etliche unserer niederländischen Campingplatz-Genossen, die sich überwiegend entscheiden, auf die Kathedralen-Besichtigung zu verzichten und weiterzufahren. Wir möchten das nicht.

Die Altstadt ist sehr schön, wenn jetzt auch beinahe wie ausgestorben. Wir laufen herum und finden auf Anhieb den Gaudi-Bau. Und irgendwann auch San Isidro, wo es überraschenderweise keine Siesta gibt. Sowohl Kirche wie auch Museum haben geöffnet. Der etwas morbide Charme dieses Ensembles lockt uns bis in die verstecktesten Ecken.

Nun hat auch die Kathedrale geöffnet. Ganz soviel wie in Burgos findet sich hier nicht. Dafür ist die Beleuchtung durch die vielen bunten Fenster sehr schön. Da wir noch einige Kilometer vor uns haben, machen wir uns bald wieder auf den Weg. Da dass am einfachsten ist, folgen wir den dicken gelben Pfeilen, wovon unsere Führer abraten, da man so konstant falsch rum durch die Einbahnstraßen muss. Das stört uns nicht mehr besonders. Wir sind zunehmend abgehärtet. Ein Umkehren in Richtung Golpejar erwägen wir nicht einmal. Viel zu kompliziert. So kommen wir bald auf einen großen Platz, an dem das Kloster San Marcos mit enthaltenem Parador liegt, bewundern die Fassade und fahren weiter.

Die Vororte haben es auch in dieser Richtung in sich. Vorgeschlagene Umfahrungen kommen jetzt nicht mehr in Frage, wenn wir noch bis Villadangos del Paramo auf den nächsten Campingplatz kommen wollen. Die direkte Strecke, an der auch der Weg für die Fußgänger entlangführt, ist hart. Erst einmal geht es durch ein endloses Gewerbegebiet an stark befahrener Straße steil nach oben. Im Grunde gibt es über La Virgen del Campo und Valverde de la Virgen keinerlei Lücke in Bebauung und dichtem Verkehr. Zwischen den Orten gibt es immerhin einen befahrbaren Seitenstreifen. In den Orten fällt er weg oder ist überfüllter Parkstreifen, so dass man auf die Fahrbahn muss, während der Durchgangsverkehr die Ortsdurchfahrt ignoriert und mit voller Geschwindigkeit durchbrettert. Den Lärm, die Autoabgase und den Staub kann sich vermutlich jeder vorstellen.

In Villadangos gefällt uns der Campingplatz nicht. Er sieht unter den Pappeln am Rand der Durchgangsstraße wenig einladend aus. Wir könnten doch…..bis Puente de Orbigo durchfahren und dort auch die anderen wieder treffen. Das wäre nett. Theoretisch wäre das auch nicht mehr weit gewesen. Wenn wir uns nicht bei unserem Versuch, der schrecklichen Straße wenigstens ab und zu mal auszuweichen, nicht verfahren hätten, was einen ziemlichen Umweg zur Folge hat.

Aber irgendwann stehen wir vor der unglaublich langen und bogenreichen Brücke. Und entsprechend lange schieben wir drüber, weil das Pflaster zwar historisch, aber kaum befahrbar ist. Der Platz ist schnell gefunden und schon bauen wir neben den anderen unser Zelt auf. Auch hier sind die meisten Plätze von Dauercampern belegt. Da Wochenende ist, sind sie alle anwesend und planen, wenn man so die Vorbereitungen sieht, eine größere Feier. Davon kriegen wir aber nicht mehr viel mit. Viel zu müde…..
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#854364 - 14.08.12 08:49 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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Heute wollen wir nicht weit fahren. Morgens gibt es also keinen Grund zur Eile, was auch mal ganz nett ist. Ziel ist Rabanal. Allerdings soll es bis dahin ziemlich anstrengend werden, da der Ort fast oben auf dem Monte Irago liegt. Der und der Cebreiro sind die letzten größeren Hindernisse, die wir auf dem Weg nach Santiago noch überwinden müssen.

Von Puente Orbigo aus geht es zunächst mal nach Astorga. Direkt dahin führt die N120. Die kennen wir schon von gestern. Dazu haben wir keine Lust. Obwohl die Autobahn direkt parallel führt, ist sie uns zu stark befahren. Was daran liegt, dass die Autobahn gebührenpflichtig ist. Bikeline schlägt eine Alternative vor. Bei dem Versuch, sie zu finden, landen wir auf dem Jakobsweg und sind bald in Villares de Orbigo. Hier wechseln wir auf eine Straße, die nach Santibanez de Valdeiglesias führt. Und von hier aus müssen wir doch auf die N120. An der von da ab ein Radweg entlang führen soll. Wir überqueren also fleißig die Hügel, die die Alternative so mit sich bringt und freuen uns an der Ruhe dort. Auf die N120 zu kommen uns Radfahrer entgegen. Das ist relativ ungewöhnlich hier. Aber gut, vielleicht haben sie sich verfahren.

Der Radweg ist die alte Straße, die neben der neuen entlangführt. Das ist recht erfreulich. Man ist weg vom Autoverkehr und fährt trotzdem recht bequem auf Asphalt. Da stört es nicht besonders, dass es einige lange Steigungen hoch geht. Das kommt nicht so ganz unerwartet, da wir die Ebene verlassen. Bei San Justo de la Vega verlassen wir die N120, um auf Astorga zuzufahren. Der Ort liegt sozusagen auf dem Berg gegenüber. Zunächst mal geht es steil nach unten und dann wieder hoch in den Ort. Wir folgen mal wieder dem Fußweg und kommen zu einem sehr malerischen Bauwerk. Eine grün gestrichene Stahl-Fachwerk-Konstruktion führt über die Bahnlinie. Fleißig sieht man Fußgänger und Radfahrer erst nach oben und dann wieder nach unten wuseln. Dazu muss man eine fünfstöckige Rampe benutzen.

Oben im Ort gehen wir zuerst in die Kathedrale und anschließend in den Gaudi-Bau, der ein Pilger-Museum enthält. Die Museums-Exponate übersehen wir. Die Innenräume sind einfach fantastisch. An der Kathedrale wurde 500 Jahre lang gebaut. Der daraus entstandene Misch-Stil überzeugt uns nicht besonders. Es nieselt leise vor sich hin und ist kalt. Trotzdem versuchen wir ein Straßencafe, bleiben dort aber nicht lange sitzen.

Wir verlassen Astorga laut Führer „über die Autobahn“. In diesem Fall heißt das tatsächlich, dass wir über eine Brücke fahren. Das würden wir inzwischen gar nicht mehr vermuten. In Murias de Rechivaldo bewundern wir die Storchennester. Anschließend machen wir den vorgeschlagenen Abstecher in das Museumsdorf Castrillo. Über einen großen Parkplatz geht es eine Pflasterstraße aufwärts durch das Dorf. Die Häuser aus Naturstein sind perfekt hergerichtet und alles ist völlig menschenleer. Wir vermuten, dass das an der Siesta liegt. Bestimmt verbergen sich hinter den vielen geschlossenen Toren und Türen die erforderlichen Andenkenläden, um die Bedürfnisse all der Besucher, die hier theoretisch parken könnten, zu decken. So wirkt es sehr hübsch und irgendwie eigenartig.

Weiter geht es aufwärts. Der Jakobsweg immer neben der Straße im Gebüsch. Ab und zu sind hier auch Pilger zu sehen. Und sogar Radfahrer, die sich über den Schotter quälen. Wir fahren bequem auf der Straße. Es geht zweifelsohne aufwärts, aber nicht besonders. Jedenfalls ist es nicht besonders anstrengend. Und bald kommt auch Rabanal in Sicht. Einen Campingplatz gibt es hier nicht, genauso wenig wie auf der drauf folgenden Strecke. Zum Cruz de Ferro möchten wir lieber erst morgen Vormittag, wenn auch die anderen Pilger dort unterwegs sind. Eine Campingmöglichkeit soll es an einem der zahlreichen Hostels geben. So auf dem Präsentierteller möchten wir uns allerdings nicht so gerne niederlassen.

Wir überlegen, im Refugio des Klosters zu übernachten. Einer Zweigstelle des Klosters in St. Ottilien in Bayern. Die zugehörige Kirche möchten wir auch gerne sehen. Und natürlich an der Abendmesse teilnehmen. Wegen der gregorianischen Gesänge, die dort gepflegt werden. Das Refugio sieht nett aus. Wir werden gleich abgefangen und sollen einchecken. Zögern aber. Auf die Frage, was wir denn nun eigentlich wollen, erklären wir, gerne im Garten zelten zu wollen. Kein Problem. Wir bauen in dem sehr großen und gemütlichen Garten unser Zelt auf. Das ist schon mal geregelt. Im Dorfladen besorgen wir uns etwas zu essen.

In der Gemeinschaftsküche tagen allerdings nur geschlossene Gesellschaften, so dass aus den versprochenen spirituellen Erlebnissen nichts wird, weshalb wir in eine Bar wechseln, in der man auch Fußball gucken kann. Der Abendgottesdienst ist recht stimmungsvoll. Anschließend suchen wir noch den Klosterladen auf. „Man spricht deutsch“. Das ist mal ganz nett.

Wegen der Höhe ist es nachts frisch. Aber dafür haben wir die passenden Schlafsäcke dabei. Es wird eine sehr erholsame Nacht.
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#854682 - 15.08.12 09:10 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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Über Nacht hat es geregnet. Morgens regnet es auch. Dazu hängt dichter Nebel über dem Ort. Wir müssen einen Rekord aufstellen im Blitz-Zeltabbauen, da das Refugio wie üblich bis 8 Uhr verlassen werden muss. Bis dahin gibt es sogar noch für alle Frühstück. Nicht schlecht bei einem Übernachtungspreis von 5 € pro Person. In Nieselregen und Nebel machen wir uns an den weiteren Aufstieg. Als wir das Dorf verlassen, empfängt uns heftiger böiger Wind.

Bis zum Cruz de Ferro ist es nicht mehr weit. Bis Foncebadon mit der von Paulo Coelho in die Welt gesetzten Legende von den wilden angriffslustigen Hunden kommen wir schnell voran. Verlassen ist das Dorf nicht mehr wirklich. Etliche Häuser sind wieder instandgesetzt und auch belebt. Hinter dem Dorf zieht die Steigung an. Aber während wir gerade überlegen, ob wir das Cruz de Ferro im Nebel nicht vielleicht übersehen werden, kommen wir drauf zu. Es steht direkt neben der Straße. Gegenüber vom großen Parkplatz. Es herrscht ein emsiges Treiben. Es werden Gruppenfotos gemacht, Gegenstände niedergelegt, Bänder, Fahnen und Zettel am Kreuz befestigt. Auf dem Parkplatz warten diverse Kleinbusse voller Rucksäcke auf Pilger, die gepäckfrei nach oben wollten. Einige steigen auch aus Taxis. Eine amerikanische Gruppe feiert eine Messe bei der die Emotionen offensichtlich aufkochen. Alles das in einem geradezu surrealen Ambiente. Der Wind treibt Wolkenfetzen über die Straße.

Die Straße ist wenig befahren und schlecht. Es liegt, wie angekündigt, Rollsplit drauf. Wenn man das so nennen möchte. Mir kommt es eher wie eine Sandauflage vor. So richtig toll fährt sich das jedenfalls nicht. Aber erst einmal geht es noch nicht bergab, sondern oben auf dem Berg entlang. Der Ginster blüht. Dazu eine Art lila Heide. Und noch eine rote Pflanze. Eine richtige Farb-Explosion im Nebel, der sich jetzt auch etwas lichtet. Rundum sieht man auf andere „bunte Berge“. Und auf die unentbehrlichen Windräder natürlich. Wir kriegen gar nicht genug davon.

Nicht weit vom Cruz de Ferro liegt Manjarin. Ein ziemlich verfallener Ort. Vorsichtig ausgedrückt. Es gibt nur noch Ruinen, von denen eine notdürftig instandgesetzt ist, in der der letzte Tempelritter lebt und ein Refugio nebst Cafe betreibt. Davor sind diverse bunte Wegweiser in alle Welt mit Entfernungsangaben angenagelt. Im Vergleich mit ihren Auftritten in diversen Filmen sind sie ziemlich verblichen. Hütten und Freiflächen so vollgestapelt mit allem und jedem, dass man meinen könnte, dass auch der Tempelritter, der gerade in voller Montur eine Rede an sein Volk hält, als wir vorbeikommen, eigentlich Schrotthändler ist.

Die Fußgänger, eingewickelt in ihre Regenponchos laufen dicht neben der Straße her. Und nun geht es auch abwärts. 1000 m geht es nach unten ins Tal. Obwohl die Straße ziemlich steil ist, dauert das ein Weilchen und wir haben jede Menge Aussicht über das Tal vor uns, in dem wir die Kühltürme eines Kraftwerks und das Häusermeer von Ponferrada sehen. Nicht sehr einladend. Das erste Dorf auf dem Weg nach unten ist das malerische El Acebo. Man umfährt eine Kurve und ist mitten in der Dorfstraße, die dicht an dicht bebaut ist. Im ersten Stock haben die Häuser Holzbalkone, die über die Straße ragen. Es ist nicht so, dass wir nicht bremsen könnten, aber es sieht uns zu touristisch für einen Stop aus. Das Dorf ist merkwürdig überfüllt.

Wir durchfahren Riego und kommen bald nach Molinaseca. Hier gefällt es uns. Vor dem Ort am Fluss stehen Bänke, wo wir uns von der etwas anstrengenden Abfahrt ausruhen und die warmen Sachen ausziehen. Hier scheint die Sonne. Reife Kirschen hängen an den Bäumen. Und der Fluss strudelt fröhlich dahin. Über die historische Brücke geht es in den hübschen Ort. Die Fronleichnamsprozession ist gerade durchgezogen und hat einen Blumenteppich hinterlassen, auf dem es sich angenehm rollt. Die Menschen sind in Sonntagskleidern unterwegs. Es ist nicht wirklich Fronleichnam. Aber an dem Tag selbst wurde gar nicht gefeiert. Anscheinend tut man das überall an anderen Tagen, so dass wir es mehrfach erleben.

Da wir am nächsten Tag auf den Cebreiro wollen, können wir hier nicht lange bleiben. Wir wollen in Cacabelos übernachten, wo es nach Meinung unseres niederländischen Bekanntenkreises einen Campingplatz geben soll. Nach Ponferrada ist es erst einmal nicht weit und uns missfällt diese Stadt auf Anhieb. Zu groß. Zu unübersichtlich. Zu viele gesichtslose Neubauten. Zuviel Verkehr. Da reißt die Templerburg nichts raus. Wir sehen zu, dass wir weiterkommen. Eine gefühlte Ewigkeit fahren wir durch Vorstadt und Gewerbegebiete.

Hier ist das Bierzo. Laut Reiseführer eine Gartenlandschaft. Wir haben den dummen Eindruck, dass etwaige Gärten längst von der großen Stadt überwuchert worden sind. Schöner wird es auch nicht, als wir die Stadt verlassen. In Cacabelos erklärt man uns, der Campingplatz habe schon vor Jahren geschlossen. Wir beschließen also, nach Villafranca del Bierzo weiterzufahren. Das liegt sozusagen direkt am Aufstieg zum Cebreiro.

Der Weg dahin wird anstrengend. Wir überqueren eine Anhöhe nach der anderen. Der freundliche Hospitalero aus Cacabelos hatte uns gesagt, man könne den CP sowieso nicht mit dem Fahrrad erreichen. Dazu müsse man von Villafranca aus über die Autobahn fahren. Im Radreisebuch steht eine Anfahrtsbeschreibung. „An der Burg links“ lässt größere Steigungen vermuten, aber diesmal liegt die Burg unten. Wir folgen der Beschreibung und kommen problemlos nach Vilela, wo wir auf Camping-Schilder stoßen.

Der Platz existiert. Sein Betreiber wirkt aber nicht sehr motiviert. Außer uns ist noch ein niederländisches Paar dort. Viel mehr Leute könnte man auch nicht unterbringen. Der Platz ist groß, aber das Gras steht mannshoch. Nur drei Stellplätze sind gemäht. Wasserhähne und Elektrokästen sind zerstört. Das Sanitärgebäude ist riesig und auch durchaus in Ordnung, wirkt nur seltsam unbenutzt und völlig eingestaubt. Auf den Waschbecken werden Elektrogeräte demontiert. Was da gemäht wurde, ist an Ort und Stelle liegen geblieben. Wir bauen unser Zelt sozusagen im Heu auf. Die Nacht ist jedenfalls ruhig.
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#854998 - 16.08.12 08:34 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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Als wir um 9.30 abreisen wollen, ist das Tor immer noch verschlossen. Niemand ist zu sehen. Schließlich gelingt es uns, es irgendwie aufzufummeln. In Vilela gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten und wir haben keinerlei Vorräte mehr. Deshalb gehen wir in Villafranca erst einmal frühstücken. Nachdem wir uns davon überzeugt haben, dass die Santiagokirche heue genauso geschlossen ist wie gestern. Der Ort ist voller aufbrechender Pilger. Rucksäcke werden in Kleinbusse verladen. Viele gehen hier ohne Gepäck. Die Cafes sind gefüllt. Der kleine überteuerte Laden ist brechend voll. (Etwas weiter durch den Ort gibt es die üblichen Supermärkte.) Vor dem Fahrradladen wird geschraubt. Und wer alles erledigt hat, marschiert oder radelt los. Der Wetterbericht ist positiv. „Morgens noch ein bisschen Regen, dann Sonne und steigende Temperaturen“, alle sind gut drauf.

Von Villafranca aus geht es ein Flusstal hoch. Zunächst mit relativ moderater Steigung. HP Kerkeling erlitt hier Todesangst, direkt neben der N VI, „auf Tuchfühlung mit den LKWs“. Seitdem hat man die Stelle entschärft. Der ununterbrochene Pilgerzug marschiert in einer Art Raubtiergang. Links die Leitplanke, rechts eine mehr als hüfthohe Betonmauer. Dazwischen üben sich Radfahrer in dem, was wir inzwischen „Pilgerslalom“ nennen. Wir fahren auf der Straße. So gut wie allein. Vielleicht sind Autos und LKWs auf der Autobahn unterwegs, die ebenfalls durch das enge Tal verläuft. Meist auf Brücken über uns. Hier hat die EU-Strukturförderung offensichtlich gnadenlos zugeschlagen. Weiter oben sind es sogar bis zu vier Straßen, die in mehreren Etagen übereinander aufwärts führen.

Der Fußweg biegt regelmäßig in die Dörfer aus. Wir machen das auch. Dort gibt es alles, was das Pilgerherz begehrt. In Trabadelo treibt uns ein Wolkenbruch in einen Laden, der endlich ein Preisniveau hat, das es uns erlaubt, uns mit Proviant einzudecken. Die ersten Taxis werden herbeitelefoniert. Wegen schlechten Wetters. Ab Vega de Valcarce soll die Steigung anziehen. Allerdings gibt es hier erst einmal ein Autobahnkreuz, eine riesige Tankstelle, ein großes Hotel – und einen Campingplatz, von dem wir nichts wussten. Landschaft pur sozusagen. In Ruitelan treibt uns der nächste Wolkenbruch in eine Bar. Noch sind wir nur mäßig durchnässt.

Kurz hinter dem Ort biegt der Fußweg aus. Wir bleiben auf der Straße. Nun steigt sie stärker an, ist aber weiterhin bequem zu fahren. Das kleinste Kettenblatt wird nicht gebraucht. Wir kommen zügig voran. Hoch über uns Autobahn und N VI. Da müssen wir auch noch hin. Während wir immer noch entspannt radeln, sehen wir, dass wir erheblich an Höhe gewinnen. Es nieselt durchgängig und regnet ab und zu stärker. Es gibt aber keine Unterstellmöglichkeiten mehr. Wir beschließen, jetzt durchzufahren, da wir ohnehin nass sind.

Es ist nicht mehr allzu weit bis Pedrafita do Cebreiro, die Autobahn liegt bereits unter uns, als wir auf zwei „unserer“ Niederländer treffen. Sie sitzen auf der Leitplanke und frühstücken. Dem schließen wir uns an und fahren anschließend gemeinsam weiter. Vor Pedrafita verschwindet die Autobahn in einem Tunnel. Der nicht sehr attraktive Ort steht oben drauf. Wir biegen hier ab, um die letzten 4 km zum Cebreiro raufzufahren. Die Autobahn führt geradeaus weiter.

Nach kurzer Zeit sieht man die Passhöhe liegen. Hier gibt es keine Kehren. Wir machen ein gemeinsames Gipfelfoto und biegen dann in den Ort. Schon wieder ein „Museumsdorf“. Alle Gebäude sind aus Naturstein und teilweise strohgedeckt. Etliche sind rund. Wir sind anscheinend in Hobbithausen angekommen. Es gibt alle Arten von Herbergen, Bars und Restaurants. Dazu diverse Andenkenläden. Vor dem Ort parken Busse und entlassen ganze Völkerscharen in den kleinen Ort, in dem viele, viele Pilger bereits herumsitzen, die hier übernachten wollen. Davon, dass das Wetter besser werden soll, ist jetzt nicht mehr die Rede. Eher im Gegenteil.

Wir besuchen die kleine Kirche und machen uns nach einem heißen Tee wieder auf den Weg. Die Niederländer sind schon längst weiter. Es ist nur noch vier Grad warm und regnet stark. Zeit, nach unten zu fahren, wo es hoffentlich wärmer ist. Ich habe längst T-Shirt, Pullover, Fleece- und Regenjacke übereinander gezogen, Handschuhe an und Mütze auf. Ganz zu schweigen von langen Hosenbeinen. Alles ist aber inzwischen durchnässt. Teils von innen, teils von außen. Ich friere geradezu jämmerlich.

Wie gestern, geht es auch hier nicht sofort wieder nach unten, sondern noch über zwei weitere Pässe, die jeweils einen wärmenden Aufstieg mit sich bringen. Jeder ist mit einem Pilgerdenkmal verziert. Einmal kehren wir noch auf einen Tee ein, um ein bisschen im Trockenen zu sein. Hier sitzen viele Pilger, die nun erst morgen absteigen wollen. Der Fußweg führt jetzt wieder neben der Straße her.

Endlich sind wir sozusagen „über den Berg“ und beginnen die Abfahrt. Die Straße ist hier deutlich besser zu fahren als die am Monte Irago. Wir brausen geradezu dahin. Das ist auch gut so. In den Füßen habe ich inzwischen kein Gefühl mehr. Die Hände sind steifgefroren. Auf einmal beginnt es zu hageln. Gut, dass wir Helm tragen. Und dass eine Bushaltestelle am Straßenrand auftaucht, in die wir uns flüchten können. Da kommen ganz schöne Trümmer von oben.

Erleichtert erreichen wir Triacastela „unten“. Jetzt wollen wir noch bis Samos, wo es eine „Campinggelegenheit“ geben soll. Was immer darunter zu verstehen ist. Bis Samos hügelt es wieder ein wenig, geht aber tendentiell bergab, so dass wir bis dorthin nicht lange brauchen. Am Ortseingang treffen wir auf das riesige Kloster, das den Ort dominiert. Ein hübsches Motiv: die Klostertankstelle. Weniger hübsch das Refugio im Kloster. Nach einem Blick durch die Tür nehmen wir uns spontan gegenüber ein Hotelzimmer. Keine Lust auf Regencamping. Wir nehmen eine heiße Dusche, hängen die nassen Klamotten zum Trocknen auf und gehen Essen.
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#855005 - 16.08.12 08:55 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
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ich liebe Euren Reisebericht verliebt
jeden Morgen eine solche Frühstückslektüre und der Tag ist gerettet. Ihr könnt wunderbar die skurrilsten Situationen beschreiben, da braucht es keine Photos mehr. Klasse!
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
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#855015 - 16.08.12 09:26 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Deul
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Anscheinend ist auf dem O Cebreiro immer so ein Sauwetter. Bei uns war es ganz genau so. Das nächst mal kommen die Sealskinz mit.

Detlef
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Geändert von Deul (16.08.12 09:27)
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#855019 - 16.08.12 09:42 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Deul]
Fricka
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Wir waren eine Woche später mit dem Auto dort. Da schien die Sonne und es war ungefähr 25 Grad warm. Das machte es übrigens nicht schöner. Das Dorf sah dann irgendwie zu neu aus. Und die Touristen füllten die Gassen bis zum Anschlag.

Generell hatte der Wetterbericht dort überhaupt keine Treffsicherheit. Der stimmte definitiv nie. Wir hatten ein Tablet dabei. Guckten also beim Losfahren meist drauf. Sogar für denselben Tag war kein Verlass drauf. Geschweige denn für die folgenden.

Dort oben eingekehrt in einer Herberge, in der es eiskalt war und klatschnass, guckten wir mit den dortigen Insassen drauf. "Wie wird das Wetter morgen?" "So wie heute. Gut."

Genauso auch diese Windvorhersagen. Komplett blödsinnig.

Vielleicht ist das Wetter unverlässlich wegen der Nähe zum Atlantik, von wo irgendwelche Fronten schnell hereinziehen oder eben doch nicht.
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#855032 - 16.08.12 10:15 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
lufi47
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Hallo,

danke für die Berichte. Toll!
Ich glaube Ihr seid in einer wechselhaften Zeit gefahren. Wir waren im August da und hatten einen einzigen halben!! Tag Nieselregen und das in Santiago. Dafür waren wir von innen naß und gefroren haben wir auch nie........hätten wir aber gerne auch mal .

Gruß
Lutz
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#855043 - 16.08.12 10:33 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: lufi47]
Fricka
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Im Prinzip war das Wetter in Ordnung. Ich finde das besser, als täglich 35 - 40 Grad zu haben.
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#855049 - 16.08.12 10:51 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
lufi47
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Wir hatten immer zwischen 25-40 °C, aber trockene Hitze. Das war besser auszuhalten als 28C° bei uns. Nur in Santiago war es unangenehm schwül.
Ich würde immer wieder im August fahren.

Gruß
Lutz
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#855053 - 16.08.12 10:58 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: lufi47]
Fricka
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Ich mag den Frühsommer wegen der Blüte. Außerdem wollten wir Südfrankreich durchquert haben, bevor es dort allzuheiß wurde.
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#855168 - 16.08.12 17:17 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: lufi47]
Rennrädle
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Hallo,

wir starten in 2 Wochen ab Pamplona.

Was ich deutlich herauslese ist wohl die Tatsache, dass die Suche nach der Route eine ziemliche Nervensache ist.

Hat jemand eine geeignete Route zufällig mit gespeichert und würde ihn zur Verfügung stellen?

Ich habe im Gpsies z.b. diese route gefunden. Von demjenigen "Verfasser" gibt es die restliche Teilstrecken auch.

Viele Grüße

Rennrädle

Geändert von Rennrädle (16.08.12 17:18)
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#855170 - 16.08.12 17:24 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Rennrädle]
Deul
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Schau mal im wiki, da gibts was.

Detlef
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#855177 - 16.08.12 17:49 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Deul]
Fricka
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Was ich dich schon fragen wollte: Ist das die Bikeline-Route? Da fehlen gegenüber der vom Radreisebuch 2000 Höhenmeter. Kann das sein?

Das Wichtigste ist, in Leon den richtigen Abzweig zu nehmen.
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#855178 - 16.08.12 17:53 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Deul
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Das wird ne Mischung sein, wir sind damals komplett ne straßenalternative gefahren, die wurde wohl gemichst mit einer die hauptsächlich auf dem Pilgerpfand.

Unsere Quelle war der führer von christina Brugger und Alexandra Fritschi.

In Leon hab ich mich auf das GPS verlassen und bin einfach nach Navi gefahren.

Gruß
Detlef
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#855183 - 16.08.12 18:19 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Deul]
Fricka
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Dann vermute ich mal, dass du auf Leon zu auch die Autobahn genommen hast. Das ist die einzige Alternative zur Fußgängerbrücke.

Wir hatten nichts Navi-mäßiges dabei. Auch keine Karte. Wir sind nach den Bikeline-Karten gefahren. Unter Berücksichtigung der alternativen Vorschläge der beiden anderen Bücher, die aber keine (Radreisebuch) oder unübersichtliche (Bruckmanns) Karten enthielten. Das ging im Grunde.

Inwieweit man den "echten" Jakobsweg benutzen kann, ist natürlich nicht nur geschmacks- sondern auch witterungsabhängig.

Trotzdem sind es auffallend wenig Höhenmeter.
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#855191 - 16.08.12 19:07 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Deul]
Rennrädle
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vielleicht eine Anfängerfrage:

wie kann ich eine kmz-Datei für ein Garmin fähige Datei machen?

Rennrädle
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#855211 - 16.08.12 20:23 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Deul
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Nee Autobahn war nicht bei, ich hab einfach uf ein Stück witer draußne gezeigt, und dann einfach routen lassen.

Detlef
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#855212 - 16.08.12 20:24 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Rennrädle]
Deul
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einfach in basecamp importieren und dann sollte es gehen.

Detlef
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#855321 - 17.08.12 08:53 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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37. Tag

Eigentlich möchten wir jetzt in Santiago ankommen. Von weiteren Highlights ist nicht so recht die Rede. Die speziellen Herausforderungen haben wir bewältigt. Es sind noch knapp 150 km, also zwei Tage. Passende Campingplätze sind nicht mehr in Aussicht. In Sarria wäre noch einer, aber das ist nur einen Ort weiter. Also mal sehen. Der Bruckmann-Führer bezeichnet das, was nun noch kommt, als „entspanntes Ausrollen über Galiziens grüne Hügel“. Wir stellen allerdings bald fest, dass diese Hügel so in etwa Harzformat haben und sehr, sehr zahlreich sind. Zudem geht es meist durch den Wald, so dass von Landschaft und Aussicht wenig die Rede ist. Und ein großer Teil der Strecke, wird auf einer stark befahrenen Straße zurückgelegt. Der Jakobsweg ist größtenteils hier für unsere Räder nicht befahrbar. Zu schmal. Zu steil. Zu steinig. Und zu bevölkert. Auf dem letzten Stück sind ganze Heerscharen von Pilgern unterwegs. Überwiegend Spanier.

Eine Bergkette nach der anderen baut sich vor uns auf und will überklettert werden. Die Straße führt meist im Bogen drüber. Zunächst ist sie noch relativ wenig befahren. Es gibt auch einen Seitenstreifen. Und an den Steigungen wird es dreispurig. Das ist machbar, ohne dass es allzu eng wird.

Sarria erweist sich allerdings nicht mehr als hübsches Örtchen, wie wir sie bisher hatten. Eher Ponferrada in klein. Plattenbauten. Verkehr. Und viele Geschäfte. Nachdem wir im ersten Supermarkt gleich eingekauft haben, weil wir bisher selten an welchen vorbeigekommen sind, passieren wir einen nach dem anderen. Eine lange gerade Straße durchquert den Ort. Am Ende überqueren wir eine große Kreuzung bevor es wieder steil nach oben geht. Bis wir an den Stausee von Portomarin abfahren, bleibt die Landschaft unverändert. Ab und zu treffen wir die Niederländer, mit denen wir immer mal wieder zusammen gezeltet haben. Alle wollen jetzt ankommen. Langsam aber sicher reicht es. Durchhalteparolen werden ausgegeben.

Der Stausee liegt ganz nett da. Wir überqueren mehrere Brücken, wollen aber weiter. Portomarin sieht in erster Linie schon mal vergammelt aus. Wir lassen es liegen und machen uns an die nächste Steigung. Irgendwie fühlt sich das heute so an, als ginge es ausschließlich bergauf. Ab Portomarin ist das definitiv der Fall. Ab und zu geht es durch ein Gewerbegebiet. Die Straße ist von Autos nun fast unbefahren. Daneben führt der Fußweg durch die Büsche. Er ist hier ausgesprochen ungepflegt. Das Gras wuchert hoch. Oder es ist gerade gemäht aber das Mähgut liegt noch drauf.

Fünf MTBs werden auf die Straße getragen. Sie haben sich im Gras verfangen. Ihre Fahrer versuchen, die langen Halme aus Schaltung und Speichen zu ziehen. Die Wanderer lachen sich tot und fotografieren sie dabei. Die Sportradler zwischen den Fußgängern sind nicht besonders beliebt. Ein Rad hat es erwischt. Es hat einen bösen Achter im Hinterrad. Kein Problem, der Besenwagen erscheint. Die Fahrradwerkstätten fahren mit Vans und Fahrradträgern beständig Patrouille.

Mit uns mühen sich viele, viele Radfahrer die Dauer-Steigung hinauf. Alle ohne Gepäck. Dazu werden die unterschiedlichsten Techniken benutzt. Die Männer schieben ihre Frauen hoch. Väter ihre Töchter. Das sieht ziemlich anstrengend aus. Unser eigenes Geheimrezept lautet: Zurückschalten und geduldig treten. Sehr geduldig heute. Hier wird man auch weder mit schönen Ausblicken belohnt, noch gibt es nette Bars am Wegesrand. An einer einzigen kommen wir vorbei. Keiner fährt oder läuft dran vorbei ohne Einzukehren.

An einer Kreuzung verlieren wir die Straße. Eigentlich hätten wir nur geradeaus fahren müssen, aber es gab kein geradeaus. Wir übersehen einen schmalen Abzweig und sind Sekunden später erheblich tiefer auf einer ganz anderen Straße. Wir beschließen, nicht umzukehren, sondern Feldwege quer über die Hügel zu benutzen, um auf den Jakobsweg zurückzukehren. Sofort landen wir in einer landwirtschaftlichen Idylle. Richtig schade, dass wir dank der Hilfe der Anwohner sehr bald wieder auf der richtigen Strecke sind.

Die ist nun ein winziges Sträßchen geworden, das durch winzige Dörfchen verläuft. Eine echte Verbesserung. Die Steigung ist auch verschwunden. Wir kommen an eine Säule neben einem Rastplatz. Der Ort wird mit „Pilgerfriedhof“ bezeichnet. Unheimlich. Die Säule ist mit Totenköpfen verziert. Der ideale Ort für ein gemütliches Picknick. Es sieht eher wie eine Gerichtssäule aus. Also diese Dinger, die auch als Pranger und Galgen benutzt wurden.

Wir durchfahren Ligonde und erreichen Einaxe. Nun sind wir endgültig im ländlichen Spanien angekommen. Wir kehren erst einmal in die einzige Bar ein, die urgemütlich ist. Ein Bier führt zum nächsten. Hier sitzen bereits jede Menge alte und neue Bekannte. Der Regen hört auf. Die Sonne kommt durch. Warum weiterfahren?

Gegenüber gibt es eine Pension mit zwei Zimmern. Die sind schon vergeben. Und ein Refugio. Darin ist noch Platz. Es ist modern, neu und sauber. Trotzdem würden wir lieber draußen schlafen. Wegen der frischen Luft. Wegen der Ruhe. Und wegen der angedrohten Bettwanzen. Wir fragen, ob wir unser Zelt aufbauen dürfen. Und falls ja, wo. Egal. Wir sollten die normale Übernachtungsgebühr bezahlen. Dann können wir zelten und im Refugio duschen. Toiletten sind sowieso nie ein Problem. Es gibt überall welche. Und man muss nicht „Gast“ sein, um sie zu nutzen.

Das einzige Stück Rasen ohne Kuhfladen ist der Dorfplatz. Da stellen wir unser Zelt hin. Nebenan weiden die Kühe bis sie neben unserem Zelt getränkt werden und ins Dorf laufen. Ein Pilger mit Esel pflockt das Tier neben uns an, um auch im Refugio zu übernachten. Sehr malerisch das alles. Komplettiert noch durch einen Hund in Stiefeln mit Rucksack und eigenem Pilgerpass. Nichts fehlt mehr.
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#855346 - 17.08.12 10:28 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Deul
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Wir fanden damals das "gemütliche Ausrollen" als das härteste Stück auf dem Camino.

Detlef
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#855363 - 17.08.12 11:08 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
lufi47
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Wir sind nach bikeline gefahren und die Strecke hatte auch Nichts von gemütlichem Ausrollen. Aber für uns war es nicht die schwerste Etappe, da fand ich die Steigung aus Pamplona heraus und später zum Eisenkreuz hoch deutlich anstrengender.
Aber Platz 3 hat die Strecke sicher.

Gruß
Lutz
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#855369 - 17.08.12 11:20 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: lufi47]
Fricka
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Ich kann das so eindeutig gar nicht sagen. Am schwersten fiel mir die Tour durch den Hunsrück. Weil da von Kondition noch nicht die Rede war.

Aber das letzte Stück war absolut heftig. Es ist relativ schwer, einen Sinn darin zu sehen, auf so einem Seitenstreifen Steigung um Steigung abzuackern. Außerdem wurde der Regen immer stärker. Weshalb wir auch drauf verzichtet haben, nach Finisterre weiterzuradeln. Es regnete am Ende praktisch ganztags ausdauernd. Und auch zwischen Santiago und Finisterre änderte sich an der Strecke nichts.

Wir haben das dann mit dem Auto erledigt. Das hatte was nach der langen Tour.

Ab Pamplona hat Bikeline eine merkwürdige Wegführung. Da sind wir nicht gefahren. Einfach nur so irgendwelche Straßen lang - das finde ich ziemlich demotivierend.

Geändert von Fricka (17.08.12 11:24)
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#855387 - 17.08.12 12:34 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Rennrädle]
Frank-a-D
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Es gibt eine (zwei?) Michelin-Karte für den Jacobsweg.
Gruß
Frank
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#855467 - 17.08.12 17:32 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Frank-a-D]
Rennrädle
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ich habe mir die 3 ganz normalen Michelin Straßenkarten besorgt und darin die Bikeline Route mit Leuchtstift eingemalt.

Mit den Michelinkarten habe wir in Frankreich/Bretagne ganz gute Erfahrungen gemacht. Diese wird auf jeden Fall mitkommen.

Vielleicht male ich die vom Kay Weyror auch noch hinein.

Gruß Rennrädle
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#855469 - 17.08.12 17:40 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Rennrädle]
Fricka
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Keine schlechte Idee. Dann kannst du je nach Wetter, Lust und Laune entscheiden, welche du nehmen willst. Der Bruckmann nutzt ein Zwischending.

Die Bikeline-Strecken sind teilweise ziemlich langweilig, weil weit entfernt vom Jakobsweg. Auf anderen Strecken sind alle drei Varianten gemeinsam unterwegs. Es hing bei uns auch von der Tagesform ab und wie weit wir an dem Tag noch wollten/mussten. Bei knapper Zeit waren wir Umwegen nicht so aufgeschlossen und eher bereit, mal mehr Verkehr in Kauf zu nehmen, was oft die Alternative ist.

Was die Benutzung des Fußwegs betrifft, kannst du dich im Großen und Ganzen auf den Wewior verlassen. Wenn der meint, dass der für Räder fahrbar ist, ist er das auch. Und falls nicht, nimmt man den nächsten Abzweig zur Straße. Weit ist das nie. Man kann also ruhig probieren, ob man das mag. Die Fußweg-Führung ist die landschaftlich schönste. Außerdem hat man nur dort das Jakobsweg-Feeling durch die Gemeinschaft mit all den Pilgern.

Bis einem das Schotter-Gerumpel zuviel wird. Oder der Betrieb. Oder die Straße wirklich direkt neben dran ist.
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#855604 - 18.08.12 08:31 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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38. Tag

Am Morgen klingelt der Bäckerwagen neben uns. Das ist ein Leben. Nun gibt es auch noch ein Frühstück. Der Esel hat sich über Nacht losgerissen und ist verschwunden. Sein Besitzer (na gut, das sind Leihesel, die kann man mieten) macht sich auf die Suche. Wir können uns von diesem Ort kaum trennen. Heute wollen wir bis Santiago. Also los. Das, was wir gestern nicht mehr gefahren sind, kommt heute dazu. Ein kurzes Stück geht es noch auf dem schmalen Sträßchen weiter. Dann stoßen wir an einem Cafe auf die Hauptstrecke Lugo-Santiago. „Hier endet der idyllische Teil des Camino.“ Kann man im Reiseführer lesen.

Ab jetzt geht es wieder auf dem Seitenstreifen die Straße entlang. Die Radfahrer asphaltiert. Daneben der Schotter für die Fußgänger. Auf und ab im Nieselregen durch die bewaldeten Hügel Galiziens. Das wird jetzt zur Pflichtübung. Die Orte passen sich an. Sie sind unendlich öde und hässlich. Plattenbau an Plattenbau. Und nebenan der starke Autoverkehr mit all seinem Lärm und Dreck. Palas de Rei, Arzua, Ort um Ort, Kilometer um Kilometer geht es voran.

Noch eine lange Steigung hinauf zum Flughafen, am Kreisel abbiegen und da steht er, der Grenzstein. Santiago. Alle stehen Schlange, um sich daneben zu fotografieren. Der Flughafen scheint nicht sehr belebt. Während wir an ihm entlangfahren, startet gerade mal ein Flugzeug. Wir fahren bis zum Terminal, um uns anzugucken, wie es da in Richtung Fahrradversand aussieht. Wir erfragen Preise und sehen ankommenden Radfahrern zu. Zerlegt wird hier nicht. Alle bringen ihre Räder in Kartons, so dass der Verpackungsservice Däumchen dreht.

Es regnet jetzt stärker. Unsere Führer raten davon ab, den Fußweg über Monte Gozo zu nehmen. Wir bleiben auf der Straße. Es geht noch über mehrere Hügel. Santiago ist sehr uneben. Wir müssen uns noch einmal heftig verausgaben, um zur Altstadt zu kommen. Einmal falsch abbiegen, kostet viele, viele Höhenmeter. Aber schließlich biegen wir auf den Platz vor der Kathedrale ein. Geschafft. Da steht sie. Der Parador nebendran. Wir lassen uns zwischen den vielen anderen Pilgern nieder, die hier liegen und sitzen. Wir trinken die mitgebrachte Flasche Sekt. Da sind wir nicht die einzigen. Das ist schon ein irres Gefühl. Heute und in den nächsten Tagen treffen wir noch einmal alle Leute, mit denen wir unterwegs Teilstrecken gemeinsam zurückgelegt haben. Sogar die, die mit uns zusammen aus Vezelay aufgebrochen sind. Das hat was von einem schlechten Film, wo zum Happy End alle Mitwirkenden noch einmal auftauchen.

Wir holen uns im Pilgerbüro die schwer verdiente Compostela ab, indem wir unsere Pilgerpässe vorlegen. Jeder hat inzwischen zwei, weil einer nicht gereicht hat. Danach holen wir uns in der Touri-Info einen Stadtplan und lassen uns zeigen, wo der Campingplatz ist. Einige Bekannte sind schon dorthin aufgebrochen. Ansonsten scheint Santiago ausgebucht zu sein. Viele suchen heftig nach einer Unterkunft. Nach einem Bummel durch die Altstadt fahren wir auf den Campingplatz, entdecken dort einen großen Pool, bauen unser Zelt auf und beginnen uns von Pilgern in Touris zu verwandeln.
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#855633 - 18.08.12 10:07 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Juergen
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bravo bravo bravo
schreibt bitte noch etwas über die restlichen Tage und wie ihr die Rückfahrt erlebt habt.

Danke
Jürgen
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
Reisen +
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#855809 - 19.08.12 08:57 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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39. Tag

Wir schlafen gründlich aus und erreichen gerade noch um 12 Uhr die Innenstadt, um am täglichen Pilgergottesdienst teilzunehmen. Die Kathedrale ist bis in den letzten Winkel voller Menschen. Wir treffen wieder viele Bekannte. In den Seitenschiffen hängen Großbildschirme, um die Messe zu übertragen. Die Rucksäcke stapeln sich. Die meisten Pilger sehen so aus, als wären sie im Moment angekommen. Wahrscheinlich sind sie das auch. Es herrscht eine ausgelassene freudige Stimmung.

An einen Sitzplatz ist gar nicht zu denken. Wir schaffen es aber, einen Stehplatz zu finden, der einen Blick auf den Altar erlaubt. Über dem Altar sieht man die goldene Statue des Jakobus. Da es zum Pilgern gehört, ihn zu umarmen, sieht man in kurzem Takt die sich von hinten durchstreckenden Arme der Leute, die sich endlich dorthin durchgewartet haben.

Höhepunkt des Gottesdiensts ist das Schwenken des Botafumeiro. Eines riesigen Weihrauchkübels. Er schwingt durch die Seitenschiffe 30 m hoch. Sechs Mönche hängen unten dran und halten ihn in Bewegung. Alles fotografiert. Am besten sieht man das übrigens vom Querschiff aus. Guckt man aus dem Hauptschiff, sieht man ihn nur vorbeisausen. Die Begeisterung der Menschen hat jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Sie sind kaum noch zu bremsen. Aber um das doch noch hinzukriegen, gibt es eine Nonne am Mikrofon, die laut Silencio ruft und die Freude niederzischt. So verlassen alle geordnet die Kathedrale.

Wir durch das Nordportal. Dort treffen wir auf ein hochgehaltenes Schild, auf dem „Deutsche Gesprächsrunde“ oder so ähnlich steht. Ein pastorales Projekt des Bistums Stuttgart-Rottenburg. Wir gehen mit und landen in einem Stuhlkreis, wo das übliche Gespräch über das „woher, wo lang und warum“ geführt wird. Das ist immer wieder interessant.

Speziell auch gruppendynamisch. Wir treffen diesmal u.a. auf drei Teilnehmer einer Vierer-Fahrrad-Männer-Gruppe. Der erste berichtet, er habe auf dieser Fahrt gelernt, seine eigene Meinung und seine eigenen Interessen zurückzustellen. Es gehe auch, wenn man einfach mal mitmacht und sich selber zurücknimmt. Der zweite erzählt, dass man andere keineswegs so nehmen müsse, wie sie sind, sondern ihnen auch deutlich die Meinung sagen müsse. Ohne Rücksicht auf Verluste. Der Bericht des dritten entspricht dem ersten. Und der Vierte? Ist zwar in Santiago. Guckt seine Reisegenossen aber nicht einmal mehr mit dem Hintern an. Die Tour können wir uns lebhaft vorstellen.

Wir werden noch zu einem „spirituellen Rundgang“ und einem deutschen Gottesdienst eingeladen, bevor es uns wieder auf Touri-Pfade verschlägt.

Auch sonst gibt es viel zu sehen. Schön auch die belebten Altstadtgassen. Santiago swingt. Überall fröhliche Menschen und Musik an allen Ecken. Wir klappern die Fahrrad-Transporteure und Kartonläden ab. Langsam sinkt der Preis.

Aber im Grunde ist dies unser Santiago-Tag. Wir gehen gemütlich essen. Sitzen in Cafes. Amüsieren uns in den Andenkenläden. Heimflug und Leihwagen haben wir vor ein paar Tagen schon im Internet gebucht. Der Autoverleih war telefonisch der Meinung, unsere Räder könnten dort so lange stehen bleiben.

Es regnet weiter wie aus Eimern. So bin ich froh, nicht mit dem Fahrrad nach Finisterre zu müssen. Durch die grünen Hügel Galiciens. Über unglaublich viele Höhenmeter. Es tut gut, sich mal auszuruhen.
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#856097 - 20.08.12 09:01 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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40. Tag

Wir fahren mit den Rädern zum Flughafen, um unseren Leihwagen abzuholen. Es regnet wie aus Eimern. Die Verleihstation ist in einer der diversen Tiefgaragen des Terminals. Wir finden die richtige Einfahrt nicht und müssen schließlich mit dem Fahrstuhl fahren. Abgehetzt und tropfend kommen wir beim Verleiher an. Leider können wir unsere Räder dort nicht abstellen, wie man es uns eigentlich zugesagt hatte. Der Flughafen bietet dazu eine Möglichkeit an. Es würde uns 20 € pro Tag kosten. Da wir 10 Tage unterwegs sein wollen, ist uns das deutlich zu teuer. Also laden wir die Räder in das Auto und fahren zurück zum Campingplatz. Kein Problem, dort dürfen sie bleiben. Sie werden in einer Art Garage eingeschlossen.

Wir brechen mit dem Auto nach Finisterre auf. Es ist eine Art Unterwasserfahrt. Wir genießen das. Wir haben die Heizung aufgedreht und unsere nassen Sachen zum Trocknen auf dem Rücksitz ausgebreitet. Cap Finisterre ist im Grunde unspektakulär. Da haben wir am Atlantik schon ganz andere gesehen. Obwohl die Felsen nicht besonders aus dem Wasser ragen, kann man das Wasser von oben in Regen und Nebel kaum sehen. Es bläst ein Wind, der einen beinahe von den Füßen weht. Am Cap steht ein Metallkreuz, über dem verkohlte Ausstattungsreste hängen. Es steht zwar ein Verbotsschild bezüglich solcher Aktionen daneben, an das sich aber wohl keiner hält. Die Fläche um das Kreuz gleicht einer Müllhalde. So bleiben wir nicht lange.

Die Umgebung ist schön. Wir übernachten in einem Hotelzimmer mit Blick über Terrasse und Strand, suchen am nächsten Morgen Jakobsmuscheln und fahren weiter die Küste entlang, besuchen La Coruna. Besuchen Einkaufszentren, die uns deutsche Landeier staunen lassen und kehren über Lugo zum Jakobsweg zurück. In Lugo erleben wir eine faszinierende Fronleichnamsprozession. Mal wieder. Der Jakobsweg fasziniert uns immer noch. Wir besuchen noch einmal Cruz de Ferro und Cebreiro. Verbringen eine Nacht auf dem Campingplatz in Golpejar bei Leon. Und fast noch einmal eine auf dem in Villafranca. Wir können uns gerade noch bremsen, als mal wieder ein Wolkenbruch einsetzt und flüchten in ein Hotel in Trabadelo.

Von Leon aus fahren wir nordwärts und verlieben uns in die Picos. Dort besuchen wir S. Toribio und Covadonga. Besonders gut gefällt es uns in Riano. Nun haben wir auch Super-Wetter. Das allerdings nicht bis an die Küste reicht. Wir besuchen Bilbao und Santander, verbringen einen Tag an der Küste, wo es zu kalt zum Baden ist, kehren in die Picos zurück. Nun schlägt das Wetter um. Von einem Tag auf den anderen gibt es eine Affenhitze.

In Santiago machen wir noch die Kathedralen-Dachführung.

Nun finden wir auch noch die üblichen Supermärkte. Und statten dem neuen Kulturzentrum von Peter Eisenman einen Besuch ab. Sehr eindrucksvoll und völlig abgedreht.

Letztendlich haben wir in einem Fahrradladen für 5 € das Stück zwei Fahrradkartons gekauft und die Räder auf dem Campingplatz zerlegt und verpackt. Dank Leihwagen hatten wir mit dem Transport zum Flughafen kein Problem. Und dort auch keins. RyanAir schob die Räder lässig auf das Band und in Hahn kamen sie zwischen den anderen Gepäckstücken auf dem Förderband wieder zum Vorschein. Zuletzt wurde es ungemütlich. Die Kartons auf dem Rollwagen passten nicht durch die Türen. Und es entstand ein heftiger Ansturm auf den Bus. Wären wir nicht trotzdem sehr schnell gewesen, hätten wir die Räder dort sicher nicht in den Gepäckraum bekommen. Um die letzten Sitzplätze wurde sich beinahe geprügelt. Von der Bushaltestelle haben wir uns abholen lassen. Keine Lust mehr, dort die Räder wieder zusammenzuschrauben.
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#856149 - 20.08.12 11:53 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
radlsonny
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Vielen Dank für Deinen schönen Bericht!

Normalerweise mag ich diese langen, ausführlichen Berichte eigentlich gar nicht so gern, aber ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer mal bei dir reingeschaut.
Alles Gute, Gottes Segen und gutes Wetter!

(ich will Regen!!!!) schmunzel
Gruß radlsonny
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#856478 - 21.08.12 12:03 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
Fricka
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Noch ein bißchen Allgemeines?

Gefahren sind wir mit 2x Koga Miyata Randonneur, in Herren- und Damenversion. 10 Jahre alt. Gebraucht gekauft. Vorher 4000 km gelaufen. Dran gemacht haben wir nicht viel. Ein Vorderrad ausgetauscht wegen urzeitlichem Nabendynamo.

Unterwegs hatten wir fünf Platte. Alle vorne. Sonst nichts.

Nach 2900 km zusätzlich sind jetzt Kette und Cassette abgenutzt. Und die Bremsbeläge.

Die Aufhängeschiene einer Vaude-Radtasche ist gebrochen (Vaude hat das inzwischen repariert.) Das Hilleberg-Zelt hat sich klaglos bewährt. Der Benzinkocher hat fleißig gekocht. Die Camping-Ausrüstung scheint inzwischen erprobt.

Es gab keine Stürze. Keine Verletzungen. Keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die Fitness ist gewaltig gestiegen. Die Berge zu Hause sind deutlich kleiner geworden.
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#861252 - 06.09.12 21:10 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
gatzek
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Hallo Fricka,
ein schöner Reisebericht, detailreich und interessant zu lesen. Schade, dass Euch der Regen über die letzten 200 km so zugesetzt hat, vielleicht hätte es Euch dann in Galizien noch besser gefallen. Speziell zwischen Sarria und Santiago ist der Wanderweg auf langen Abschnitten ein wunderschönes Naturerlebnis. Überwucherte Hohlwege, scheinbar seit Jahrzehnten verlassene Siedlungen , Kastanien- und Eukalyptuswälder und und und...
Danke für die schönen Lesestunden, Gatzek.
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#861340 - 07.09.12 08:24 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: gatzek]
Fricka
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Ja, vielleicht. Aber er ist so überlaufen (zumindest im Juni war das so)und war in so ausgewaschen, dass man mit dem Fahrrad auf die Straße angewiesen ist. Und auf die trifft das eher nicht zu.
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#1301718 - 10.09.17 19:47 Re: Jakobsweg mal wieder [Re: Fricka]
textsalat
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Auch jetzt - Jahre später, ich weiß - noch einmal Dankeschön für den tollen Reisebericht, den ich gerade erst bei der 'Wohin nächstes Jahr' Recherche entdeckt habe. Er ist so lebhaft und trotz des wechselhaften Wetters mit leisem trockenem Humor geschrieben, dass ich große Lust verspüre, die in meinem Kopf entstandenen Bilder mit der Wirklichkeit selbst mal abzugleichen :-) Bin halt so gar nicht religiös im 'traditionellen' Sinne (und wäre deshalb bei den Emmaus-Brüden vielleicht nicht untergekommen), aber dennoch ist Reise-Radfahren, eine Strecke zurücklegen für mich nicht nur Sport, sondern auch 'innere Einkehr'... oder wie immer man es nennen mag... Vielleicht denken wir über den Jakobsweg mal nach für 2018...
Danke, LG Anna
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